Auf dem Weg nach Emmaus

Dem Auferstandenen begegnen

Wo genau sich zugetragen hat, wovon der Evangelist Lukas (Lk 24, 13-35) [A] als einziger berichtet, weiß man nicht genau. Aber es war „am dritten Tag“, also Ostersonntag, und zwar vermutlich am Nachmittag.

Der Bericht nach Lukas

Zwei Anhänger Jesu waren zu Fuß unterwegs zu einem nahe bei Jerusalem gelegenen Dorf namens Emmaus. Während sie ihre Gedanken über die Geschehnisse der vergangenen Tage austauschten, kam ein Mann hinzu und begleitete sie. Er ließ sich von ihnen erzählen, was sich zugetragen hatte, von der Kreuzigung, der Grablegung und dem leeren Grab. Der vermeintliche Fremde hatte anscheinend keine Kenntnis von den Ereignissen in Jerusalem, die sie so sehr betrübt, enttäuscht und verunsichert haben. Der seinerseits äußerte sich verwundert über die kleingläubigen Wanderer, die offenbar die prophezeite Heilsbotschaft der Sendung des Messias nicht begriffen hätten. Daraufhin verdeutlichte er den beiden durch Auslegung der Schrift von Moses und den Propheten, dass "der Messias all das erleiden musste, um in seine Herrlichkeit zu gelangen".

Als sie gegen Abend gemeinsam in Emmaus ankamen, drängten die beiden ihren Begleiter, mit ihnen zu Abend zu essen: „Herr bleibe bei uns; denn es will Abend werden, und der Tag hat sich geneigt“ (Lk 24, 19).

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"Christus in Emmaus" von Carel van Savoy (um 1650)
- Bildquelle siehe unten in Hinweis [B]) -

Bei Tisch "nahm er das Brot, sprach den Lobpreis und gab es ihnen". Da erst "gingen ihnen die Augen auf" und sie erkannten ihren Begleiter als den auferstandenen Jesus Christus. Im gleichen Augenblick entschwand er ihren Blicken. Da wurden ihnen bewusst, was sie auf dem Weg erlebt hatten und warum die Worte ihre Herzen so berührt hatten.

Eilends brachen die beiden daraufhin nach Jerusalem auf, um den übrigen Jüngern zu erzählen, wie sie den Herrn beim Brotbrechen erkannt hatten. Von den übrigen Jüngern erfuhren sie, dass der Herr wirklich auferstanden und inzwischen auch dem Simon Petrus erschienen sei.

Historische und geografische Grundlagen

Lukas nennt einen der beiden Anhänger Jesu beim Namen, nämlich Kleopas. Der frühe Kirchenhistoriker Hegesipp hält diesen für einen Bruder des Joseph aus Nazareth, also einen Onkel von Jesus. Vom Zielort "Emmaus" heißt es bei Lukas (Lk 24,13), es sei ein 60 Stadien (ca. 11,5 km) - also gut zwei Stunden Fußwegs - von Jerusalem entferntes Dorf. Manche Bibelforscher halten 60 Stadien für einen Übertragungsfehler; denn 160 Stadien (30 km) westlich gibt es eine Stadt mit diesem Namen (Emmaus Nikopolis), zu der man zu Fuß aber nur mit Mühe an einem Tage von Jerusalem aus hin und zurück gelangen kann. Schon damals war dieser Ort eine Stadt, aber kein Dorf. So hält z.B. Martin Hengel (in Hengel / Schwemer "Jesus und das Judentum", Tübingen 2007) es für wahrscheinlicher, dass Lukas mit Emmaus nicht diese Stadt meint, sondern ein näher gelegenes Dorf, dessen genaue Lage unbekannt ist.

Auch wenn die geographische und zeitliche Zuordnung der Begegnungen mit dem Auferstandenen nicht mehr zweifelsfrei geklärt werden könne, hält Hengel die Berichte in ihrem Kern für zutreffend. Wer allerdings für evident hält, dass ein [C] geistiger („verklärter“) Leib im Unterschied zum physischen Körper den Einschränkungen von Raum und Zeit gar nicht unterworfen ist, dem gelten akribische Untersuchungen von örtlichen und zeitlichen Angaben zu Begegnungen mit dem Auferstandenen ohnehin als unwesentlich

Die erzählte Begegnung ist Verkündigung

Der Evangelist und Arzt Lukas war auch ein ausgezeichneter Menschenkenner: Dass sich zwei Wanderer darüber unterhalten, was sie zutiefst bewegt hat, ist ja ganz natürlich. Einen hinzukommenden Dritten, der sich an diesem Gespräch beteiligt und es eigentümlich bereichert, empfinden sie als angenehmen Begleiter, den sie gern auch zu Tisch einladen. Durch den intensiven Gedankenaustausch über das sie so ausschließlich bewegende Thema "waren ihre Augen gehalten", so dass sie sich nicht fragten, wer ihr Begleiter sei und woher er sein Wissen habe.

Der Blickwinkel von Menschen, die es mit einem Problem zu tun haben, ist umso eingeschränkter, je dichter sie in ihr Problem verstrickt sind. Dass die beiden Wanderer vor lauter Kummer den Tröster nicht erkennen, ist also verständlich und macht sie menschlich-sympathisch. Eben deswegen wird sich ihnen der Auferstandene wohl zugesellt haben. Er nähert sich nicht Großmäulern, sondern Verzweifelten, die vor Tränen blind sind. Von diesen lässt er sich gern einladen, setzt sich mit ihnen zu Tisch, segnet ihre Speise und gibt sich ihnen zu erkennen. Welch ein Trost für alle leidtragende Menschen, die sich hilflos vorkommen!

Problemlösungen werden Menschen ja oftmals erst dann zuteil, wenn sie von der Anspannung losgelassen haben. So führt der Entschluss zum Abendessen einzukehren dazu, dass die beiden erkennen konnten, wem sie begegnet waren.

Die Segensworte bei diesem Abendmahl erlebten die beiden Wanderer als Offenbarung und als Geschenk. Die Situation erinnert unwillkürlich an das letzte Abendmahl im Coenaculum an [4] Gründonnerstag. Darin besteht eine beglückend tröstliche Erfahrung für diese beiden - und eine hoffnungsvolle Botschaft für die Christen: Jesus Christus kann man bei jedem Abendmahl begegnen!

Die unbändige Freude, welche die Emmaus-Jünger über die lebendige Gegenwart ihres Herrn empfunden haben, lässt sie nicht länger in Emmaus verweilen, sondern nach Jerusalem eilen, um den dortigen Jüngern mitzuteilen: "Der Herr ist wahrhaft auferstanden". Ebensolche Freude vermag der Empfang des Abendmahls den Gläubigen zu schenken. Alles, worüber sich die Wanderer kummerschwer den Kopf zerbrochen hatten, erscheint nun in neuem Licht: Was zuvor noch als schlimmste Katastrophe gegolten hat, erweist sich nun als not-wendiges Heilsgeschehen. So kann auch der gläubige Christ, der die Erfahrung der Christusbegegnung im Abendmahl verinnerlicht, einen neuen, freien Blick auf Bedrängnisse und Sorgen gewinnen und Christus für diese Befreiung danken. Starker Glaube eröffnet Gläubigen neue Perspektiven und motiviert sie, sich zu einem neuen Ziele auf den Weg zu machen.


Hinweise

[A] Benedikt Schwank analysiert in einem lesenswerten [1] Aufsatz "Bei verschlossenen Türen" weitere Erscheinungen des Auferstandenen nach dem Johannes-Evangelium (Joh 20, 19.26). - Zurück zu [A] -

[B] Das Ölbild auf Leinwand des holländischen Malers Carel von Savoy (1600 - 1665) befindet sich im Eigentum und in der Ausstellung des Hessischen Landesmuseums Darmstadt, das die Veröffentlichung des vom Autor 2016 aufgenommenen Fotos in diesem Kontext freundlich erlaubt hat. - Zurück zu [B] -

[C] Andreas Hardt hat einen [3] Aufsatz über den „verklärten Leib“ in den Bibelkommentaren des Vereins "Verbreitung Christlichen Glaubens e.V." (VCG) publiziert. - Zurück zu [C]



LINKS

[1] extern Erscheinungen des Auferstandenen nach Johannes:
http://beitraege.erzabtei-beuron.de/download/verschlossen.pdf - zurück zu Hinweis [A]
[2] extern Hessisches Landesmuseum Darmstadt:
www.hlmd.de - zurück zu Hinweis [B]
[3] extern Der Begriff "verklärter Leib":
https://www.bibelkommentare.de/index.php?page=qa&answer_id=633 - zurück zu Hinweis [C] -
[4] Essay Gründonnerstag:
www.publicationes.de/wissen/christliche-oekumene/94-gruendonnerstag.html - zurück zu [4]


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