Lesen und Vorlesen

Wie Lesen zum Erlebnis wird

Sie kennen das:
Jemand trägt vor - und es ist eine Zumutung.
Er kann es nicht. -
Oder:
Sie sollen einen Text vorlesen - und Sie scheuen sich davor.
Sie stimmen zu:
Lesen und Vorlesen wollen gelernt sein!
Hier erfahren Sie, wie man es lernen kann.

Text verinnerlichen

Lesen bedeutet, einem geschriebenen Text
Vorstellungen und Empfindungen in Art innerer Bilder zuzuordnen.
Vorlesen bedeutet, so erzeugte innere Bilder
Zuhörern mit den Worten des Textes zu vermitteln.

Innere Bilder entstehen im Leser und Zuhörer am deutlichsten,
wenn der Text in [A] kurze Sinnabschnitte gegliedert und vorgetragen wird.
Jeder Sinnabschnitt beschreibt eine Figur,
einen Gedanken oder einen Vorgang.
Einen Text zum Vorlesen in kurze Sinnabschnitte untergliedert aufzuschreiben
- wie im Layout dieses Essays beispielartig demonstriert -,
unterstützt dessen Verständnis und Wiedergabe.
Der Sinn des Textes wird dem Leser und dem Vortragenden deutlicher.
Deshalb nennt der Autor diese Layout-Form [B] 'sinngemäßen Umbruch'.

In jedem Text bilden die Interpunktionszeichen
(Komma, Semikolon, Punkt, Doppelpunkt und Gedankenstrich)
vorgegebene Sinnabschnittsbegrenzungen.
Sie markieren also Sprechpausen.
Um die Verständlichkeit auch bei langen Satzgebilden zu wahren,
sind Pausen im Redefluss an Interpunktionszeichen nötig.
Sie begrenzen Abschnitte auf in sich sinnvolle 3-Sekunden-Fenster.
Im vorliegenden Text sind Sprechpausen durch Zeilenumbrüche sichtbar gemacht.
Zur Anzeige dieses Layouts im Browser darf die Textgröße nicht zu hoch
und das Fenster nicht zu schmal gewählt werden.

Das Lesen besteht demnach aus einer Verbindung von Analyse,
das ist das Erkennen der Sinnabschnitte und deren Deutung,
und einer Synthese,
das ist die Verbindung des Textsinns mit lebendigen inneren Bildern.
Dabei entwickelt sich Empathie - das ist Einfühlen -
in die Figuren, Vorgänge, Stimmungen und Empfindungen.

Text vortragen

Im Vorlesen wird dem Lesen ein weiteres Element
- nämlich das Element der Darstellung - hinzu gegeben,
um die eigene, empathische Verbindung mit dem Text
den Zuhörern authentisch vermitteln zu können.
Damit dies überzeugend gelingen kann,
ist die sichere Kenntnis des Texts unerlässlich.
Also: Erst lesen, dann vorlesen!

Der Vortragende bedient sich
der Stimmführung, Mimik, Gestik und Körpersprache derart,
dass die inneren Bilder, die er in sich erzeugt hat,
vom Zuhörer als echt und sinnfällig miterlebt werden können.

Das Textverstehen braucht Zeit,
damit innere Bilder entstehen können.
Auch dazu verhelfen Pausen.
Pausen machen den Text verständlich.
Also: Eile nicht, sondern verweile!
Denn jedes Bild braucht seine Zeit.
Wer schnell spricht, kommt nicht gut an.

Die Vorstellung, in einem großen Raum zu sprechen,
hilft, langsam, artikuliert, betont und laut genug zu reden.
So kann der Zuhörer Gedanken und Gefühle aufnehmen.

Rapport herstellen

Der Zuhörer kann in Worte gefasste Bilder nur erleben,
wenn er dem Vortragenden gern zuhören mag.
Dazu bedarf es der Herstellung von [C] Rapport
zwischen dem Vortragenden und seinen Zuhörern,
einer Einladung zum Zuhören gleichsam,
die sich an das Gemüt der Zuhörer richtet.
Sie könnte beispielsweise lauten:
"Ich möchte Ihnen mit meinem Vortrag etwas sehr Kostbares schenken.
Dieses Geschenk können Sie aber nur empfangen,
solange Sie mir Ihre Aufmerksamkeit schenken.
Das Gelingen dieses Gebens und Nehmens wünsche ich uns."

Rapport aufrecht erhalten

Um die Beziehung zum Hörer aufrecht zu erhalten,
achte der Vortragende auf die Stimmung im Auditorium:
Wenn Müdigkeit aufkommt oder Aufmerksamkeit schwindet,
wenn der Blickkontakt verloren geht,
dann erreichen Gedanken und Bilder die Zuhörer nicht mehr.
Die wortlosen Botschaften der Zuhörer
verlangen Aufmerksamkeit und angemessene Reaktion:
Würde der Vortragende Enttäuschung äußern
oder gar sein Publikum schelten,
dann hätte er es sogleich verloren.
Besser stellt man Aufmerksamkeit mit Humor und lächelnd wieder her.

Ein langer Text muss sich notfalls abkürzen lassen.
Statt alles vorzulesen,
kann eine Passage mit eigenen Worten
zusammenfassend lebendig erzählt werden.
Der Schluss sollte aber wortgetreu angefügt werden.
Dazu verhilft, denkbare Auslassungen im Text
durch passende Zeichen und Anmerkungen zuvor kenntlich zu machen.

Text erlebbar machen

Der Vortragende muss sich seiner Aufgabe
als Vermittler zwischen Text und Zuhörern bewusst sein.
Beim intensiven Lesen praktiziert man erweitertes Wahrnehmen,
also einen das eigene [1] Bewusstsein prägenden Vorgang.
Durch seine empathische und authentische Verbindung
mit dem Text einerseits und mit den Zuhörer andererseits,
vermittelt der Vortragende die in sich erzeugten inneren Bilder seinen Zuhörern.
Die können sie ihrerseits mitempfinden
und auf sich und in sich lebendig wirken lassen.

So können das Lesen, das Vorlesen und das Zuhören
zu einem gemeinsamen und intimen Texterleben werden.




Anmerkungen:

[A] Sinnabschnitte:
Der Hirnforscher Ernst Pöppel hat in seinem Buch
[2] "Grenzen des Bewusstseins" u.a. erklärt,
dass Menschen weltweit Ereignisse nur als zusammengehörig erfassen,
wenn deren zeitlichen Ausdehnung höchstens etwa 3 Sekunden dauert.
Diese Tatsache nutzen Poeten aller Sprachen unbewusst schon,
solange es Gedichte überhaupt gibt.
- zurück zu [A] -

[B] Sinngemäßer Umbruch:
So nennt der Autor ein Textlayout,
das die in [A] beschriebene Einsicht auf Prosatexte anwendet.
Der Impuls dazu ergab sich bei dem Bemühen,
einen schwierigen Text für Schüler so aufzubereiten,
dass sie ihn sinnerschließend lesen und vorlesen konnten,
also aus unterrichtspraktischer Erfahrung.
In seinem Buch [3] "Schule des Bewusstseins" hat der Autor
dieses lesefreundliche Layout durchgängig angewendet. -
zurück zu [B] -

[C] Rapport:
Dieses Wort meint das Herstellen und Aufrechterhalten einer Verbindung
zwischen dem Vortragenden und seinem Publikum.
Das verlangt, nicht über die Köpfe hinweg
und nicht aufs Manuskript fixiert zu reden,
sondern die Menschen anzuschauen,
ihre Stimmung wahrzunehmen und darauf gut zu reagieren.
So soll Langeweile vermieden, dem Abschalten vorgebeugt
und statt dessen interessierte Aufmerksamkeit gewonnen werden.
"Rapport" - eine gute Verbindung - ist hergestellt,
wenn man sich wie bei einem Gespräch anschaut,
und dabei mitdenkt und mitfühlt -
und das dem Gegenüber auch mit Worten oder Gesten spiegelt.
- zurück zu [C] -



LINKS:

[1] Essay "Bewusstsein schulen":
www.publicationes.de/bildung/kompetenzentwicklung/53-bewusstsein-schulen.html -
zurück zu [1] -
[2] Pöppel, Ernst: "Grenzen des Bewusstseins" - Über Wirklichkeit und Welterfahrung:
DVA (Deutsche Verlagsanstalt), Stuttgart 2. Aufl. 1988, ISBN 978-3-424-02735-8 -
zurück zu [2] -
[3] Denker, Peter: "Schule des Bewusstseins" - Ein pädagogisches Lesebuch:
Verlag BoD (Books on Demand), Norderstedt 2012, ISBN 978-3-8482-1739-7,
Leitgedanken:
www.publicationes.de/allgemeines/35-nachrichten1/158-buchankuendigung.html#Leitgedanken -
zurück zu [3] -


© Copyright 2009-2018 by PUBLICATIONES - details :
www.publicationes.de/allgemeines/copyright.html -



Cookies erleichtern die Bereitstellung unserer Dienste. Mit der Nutzung unserer Dienste erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies verwenden.
Ok