Trost spenden von Peter Denker

Trösten ohne zu vertrösten

Bisweilen kommt es vor, dass ein Mensch, der uns lieb ist, unter schwerem Kummer leidet. Unsicherheit macht sich breit, wie man ihm nun begegnen kann. Viele weichen dem aus. Aber es lohnt sich, doch auf ihn zu zu gehen.

Kontakt aufnehmen

Den Bekümmerten anzusprechen erschweren Hürden auf beiden Seiten: Der eine mag sich nicht schwach zeigen und möchte alles mit sich ausmachen. Der andere fühlt sich hilflos und hat Scheu, mit dem von Kummer Geplagten umzugehen. Wem einem der Leidende lieb und wichtig ist, wird man gewiss zu der einfachen Aussage fähig sein: "Ich spüre, dass du dich traurig und beschwert fühlst." Das verringert die Hürde, so dass der anschließende Wunsch "Lass mich doch daran Anteil nehmen" schon gern erfüllt wird. Wenn das noch nicht gelingt, indem die Antwort lautet "Nicht jetzt!" oder "Mir kann sowieso niemand helfen", ist Geduld nötig: "Du brauchst Zeit und jemanden, der mit dir fühlt und dem du dich anvertrauen kannst. Wann darf ich es nochmal versuchen?" - Oder es mag helfen, zur Wahl zu stellen, wo man sich trifft oder was man gemeinsam tun könnte. Der Grat zwischen Anteilnahme und Aufdringlichkeit ist schmal. Aber Ton, Blick und Geste der Einladung zum gemeinsamen Gespräch sollten gewinnend sein - und gewinnen.

Vertröstungen vermeiden

Es mag zutreffen, dass es dem Bekümmerten lange Zeit recht gut ging, nur jetzt nicht oder nicht mehr. Es mag auch sein, dass es ihm immer noch viel besser geht als anderen, die noch ärgeres zu leiden haben. Und es mag auch der Anlass des Kummers so beschaffen sein, dass man ihm eine gute Seite abgewinnen könnte. Auch mag absehbar sein, dass mit der Zeit der Kummer nachlassen wird. Aber all das sind Vertröstungen, die dem in seinem Kummer gefangenen Menschen das Herz nicht öffnen oder erleichtern. Sie mögen noch so logisch sein, noch so wahr: Kummer ist keine Verstandesregung, sondern eben ein seelisches Leid, das im Gefühl angesiedelt ist, und das sich vom Verstand nicht regieren lässt. Darum können Vertröstungen keinen Trost spenden. Sie sind gut gemeint – aber nicht gut.

Mitgefühl zeigen

Wer Kummer hat, leidet. Wer leidet, braucht Mitgefühl. Und das ist mehr als oberflächliches Mitleid, das sich in bedauernden Floskeln äußert. Der Wunsch "Erzähl mir doch, wie alles so gekommen ist" baut dem Bekümmerten eine Brücke. Eine Entgegnung wie "Das sehe ich aber ganz anders" ist nicht hilfreich, so begründet sie auch sein mag. Stattdessen signalisiert die Einschätzung "Und darunter hast Du sehr gelitten und noch zu leiden, nicht wahr?" wirkliches Mitgefühl. Da geht dem Leidenden das Herz auf, er fühlt sich verstanden und mag sich weiter dazu äußern. "Magst du mir mehr darüber erzählen?" lädt dazu ein. Die Nachfrage "War das also so, ..." lässt Anteilnahme spüren, während eine Forderung wie etwa "Das musst du viel positiver sehen!" als Zurechtweisung empfunden wird und als Beweggrund dafür, sich über den Kummer als solchen hinaus auch noch unverstanden zu fühlen. Damit würde der Gesprächskontakt beschädigt. "Ich fühle wie du" hingegen ist die wundervollste Medizin für die Seele, die meint, niemand leide so wie gerade sie.

Empathie üben

Die Augen, der Gesichtsausdruck und Gesten sagen oft mehr als Worte. Sie müssen zu dem Gesagten passen, um authentisch zu wirken. Das gelingt jedem ganz von selbst, der ungezwungen das äußern mag, was er wirklich empfindet. Recht einfach ist es, Mitgefühl für das Erlittene und den dadurch ausgelösten Kummer zu äußern. Behutsamkeit ist aber dahingehend nötig, dem Leidenden nichts zuzumuten, was er jetzt nicht annehmen kann. Seine Reaktionen in Mimik, Gestik, Körpersprache und Worten genau zu beobachten, ist darum ganz wichtig, um den Zugang zu seinen Gefühlen nicht zu verlieren. Besonders empfehlenswert ist es, sich vorzustellen, wie das, was man gerade sagen möchte, auf den Angesprochenen wirken wird. Das bedarf einiger übung und besonderer Feinfühligkeit. Gelingt es aber, mit solch vorausschauender Einfühlsamkeit behutsamer zu formulieren oder sogar etwas gar nicht zu äußern, werden neuerliche Verletzungen des Empfindsamen vermieden, und die Kommunikation reißt nicht ab.

Zeichen senden und empfangen

Behutsamkeit ist vor allem angebracht, wenn man das Mitgefühl mit Zeichen ausdrücken möchte. Angebracht ist sich vorzustellen, dass der Bekümmerte sich überall wund und dünnhäutig fühlt. Eine Berührung kann ihm unerträglich vorkommen, darum suchen zuerst die Augen den Kontakt. Gemeinsam Weinen kann verbinden. Eine liebevolle Geste wie beispielsweise der leicht um die Schultern gelegte Arm sagt mehr als Worte, ebenso ein Händedruck mit Augenkontakt oder eine Berührung des Oberarms mit der Hand. Solche Gesten können wundervoll Trost spenden.

Unterstützung geben

Helfer meinen es gut, bisweilen zu gut. Aktionismus aber lehnt der Bekümmerte womöglich als bedrängend ab. Statt gutgemeinter, aber unwillkommener Ratschläge mag es besser sein zu bekennen: "Dazu fällt mir selbst nichts mehr ein." Verständnis und Mitgefühl ist die beste und angemessenste Soforthilfe. Und das Versprechen, sich gern mehr Zeit für ihn zu nehmen, wenn er es möchte, ist ein gutes Geschenk. "Du kannst dich auf mich verlassen" lässt ihn spüren, dass er nicht verlassen ist. "Ich denke an dich und bleibe dir mit meinen Gedanken ganz nah" ist ein wundervolles Versprechen, dessen Einlösung sogar sehr viel Kraft Kosten kann, wenn es nicht nur so dahingesagt ist. Und aus guten Gedanken erwachsen dem damit Beschenkten die Kräfte, die der Schenkende darein gibt.

Hoffnung nähren

"Was glaubst du, könnte dir helfen, dich etwas wohler zu fühlen?" oder "Was geht denn jetzt trotzdem?" sind Fragen, die den Blick des Bekümmerten selbst auf die Zukunft lenken. Das Angebot "Womit kann ich dir dabei vielleicht irgendwie helfen?" ist den Versuch wert, auch wenn es zunächst vielleicht zurückgewiesen wird. Wenn es aber gelingt, den Betrübten Perspektiven erkennen zu lassen, die er teilen mag, ist ganz viel gewonnen.

Guter Trost führt aus dem Jetzt in die Zukunft, aus der rückblickend das Leid womöglich als sinnvoll angeschaut werden kann, weil es die Menschen verändert hat, die es ertragen mussten.


LINK:
[1] Essay Schulfrust - Wenn das Schulkind weinend oder zornig heimkommt: www.publicationes.de/bildung/schultipps/66-schulfrust.html -


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