Die Eltern des Amokläufers von Winnenden von Peter Denker

Über ihr Leid und mögliche Lehren daraus

Winnenden, Baden-Württemberg, Deutschland, die Welt war entsetzt und wie gelähmt über das grauenvolle Geschehen am 12. März 2009 in dem kleinen Ort nahe Stuttgart. Am Elternhaus des Amokschützen Tim K. in Leutenbach blieben danach die Rollläden vor den Fenstern heruntergelassen, die Eltern waren verreist. Was mag in ihnen vorgegangen sein?

Nichts ist mehr wie es war

Nicht nur in der Albertville-Realschule in Winnenden herrschen blankes Entsetzen und tiefe Trauer. Den Eltern des jugendlichen Täters geht es nicht besser. Der Vater hat die Tatwaffe und Munition nicht sicher genug verwahrt, ist dadurch mitschuldig an der grauenvollen Tat seines Sohnes geworden. Ihr Haus haben sie fluchtartig verlassen, denn die Journalisten haben es belagert und Nachbarn und Neugierige zeigen mit Fingern darauf. Das Haus ist zum Pranger geworden, seine Bewohner sind schon verurteilt. Und sie sind nicht nur damit gestraft, sie haben ja auch ihren Sohn verloren. Sie spüren wie die Eltern der Opfer, was das bedeutet. Und sie werden sich vermutlich mit gegenseitigen Vorwürfen und Selbstbezichtigungen martern. Niemand möchte sich in ihrer Lage befinden.

Folgenschwere Fehleinschätzung

Was hat der Vater sich nur dabei gedacht, eine seiner vielen Waffen nicht zu verschließen? Vielleicht wollte er sich mit der Pistole im Schlafzimmer nur sicherer fühlen? Vielleicht stellte er sich vor, Einbrechern in sein schönes Haus mit der Waffe entgegentreten zu können, um die eigene Familie und seinen Besitz zu schützen? Man darf vermuten, dass er es für abwegig und ausgeschlossen gehalten hat, sein Sohn könnte die Pistole dort wegnehmen, um sie gegen andere zu richten: Sein Sohn - nein, niemals! Aber er war, wie es heißt, doch längere Zeit in psychiatrischer Behandlung wegen Depressionen, war also psychisch labil. Die Eltern könnten ihn für geheilt gehalten haben, zumal er sich auch ihnen gegenüber genauso unauffällig verhalten hat wie in der Schule. "Auffällig unauffällig" nennt man ihn inzwischen. Wo fängt das an? Macht es nicht auch die Liebe der Eltern zu ihrem Kind extrem schwer, Unauffälligkeit als auffällig zu erkennen? Das geht doch wohl erst rückblickend und im Lichte der grauenhaften Folgen.

Gute äußere Lebensbedingungen sind nicht alles

Der beruflich erfolgreiche Familienvater hat es augenscheinlich zu Wohlstand gebracht, der auch seinem Sohn zu Gute kommen sollte. Sein Hobby wollte er mit ihm teilen, weil man am besten dafür begeistern kann, wovon man begeistert ist. Freiheit sollte der Sohn in seinem Zimmer haben, sich wohl fühlen. Alles Mögliche wurde getan, um ihn zu fördern, es ihm recht und angenehm zu machen. "Ist schon gut so", wird es Tim gegenüber sehr oft geheißen haben, womöglich auch aus therapeutischer Fürsorge. "Wir haben alles für ihn getan und es hat ihm doch an nichts gefehlt", mögen die Eltern sagen. Fassungslos mussten sie nun erkennen, dass ihr Bemühen nicht ausgereicht hat, der Wahnsinnstat die Möglichkeit zu nehmen. "Was haben wir denn falsch gemacht?" "Wir haben ihn doch lieb gehabt." "Er war doch unser Ein und Alles." So werden die Eltern wohl denken. Woran haben sie es vielleicht fehlen lassen?

Ausweglosigkeit

Tims Eltern werden sich vorwerfen, wer von ihnen was alles falsch gemacht hat. Sie werden fürchten, den Eltern der Opfer und ihren Nachbarn unter die Augen zu treten. Sie werden fühlen, versagt zu haben und mitschuldig geworden zu sein. Sie werden sich verzweifelt vorgestellt haben, ihren Sohn in aller Heimlichkeit bestatten zu müssen. Sie werden ihm aber ein richtiges Grab gewünscht haben und mochten nicht fürchten, dass es verunglimpft wird. Sie fürchteten, ihr Zuhause ganz verlassen zu müssen und womöglich eine neue Identität anzunehmen, weil sich Nachbarschaft und öffentlichkeit als so unbarmherzig erwiesen haben. Sie werden den Prozess fürchten, der nichts heilen kann und sie nur in noch tieferes Leid stürzen wird. Sie werden sich womöglich sogar fragen, ob es für sie nicht einfacher wäre, nun eine der verbliebenen Waffen gegen sich zu richten. Es gehört nicht viel Phantasie dazu sich vorzustellen, dass es Menschen gibt, die das angemessen fänden. Eine hoffnungslos ausweglose Situation?

Flucht ist keine Lösung

Verzweiflung ist ein schlechter Ratgeber. Das Leben ist ein Geschenk und kein Wegwerfartikel. Und eine Katastrophe enthält die Aufforderung, sie zu meistern. Optimismus heißt nicht etwa zu glauben, alles werde gut, sondern immer zu fragen, was trotzdem geht: Den Eltern und Angehörigen der Opfer würde eine Botschaft der eigenen Betroffenheit bestimmt gut tun. Mitgefühl könnten die Eltern des Täters so authentisch äußern wie kaum sonst jemand. Das ist schwer, verlangt Demut und Größe, auch die Stärke, mit äußerungen verständlicher Ablehnung fertig zu werden. Das offene Eingeständnis des Versagens und der Hilflosigkeit ist aber die glaubwürdigste Möglichkeit, damit umzugehen und Achtung zurückzugewinnen. Gerade Menschen, deren Schicksal sie trostbedürftig macht, können durch bewussten Umgang mit ihrem Leid die Fähigkeit erlangen, anderen vom Unglück betroffenen sehr autentisch [1] Trost zu spenden.
Solange die Eltern nur ihren Anwalt sprechen und Drohungen formulieren ließen, wurden sie dieser Erwartung leider nicht gerecht.

Schwere Fragen

"Wo warst Du, Gott?" klagten Plakate in Winnenden. Niemand kann darauf eine Antwort geben. Eine andere Frage ist schwer genug zu beantworten, jedenfalls solange uns Tränen den Blick trüben: Hatte die Tragödie womöglich einen Sinn? Wir stellen dieselbe Frage nach der Sintflut, dem Tsunami, dem Flugzeugabsturz wie nach dem Amoklauf. Nur eine Antwort scheint mir - mit allem Respekt vor dem unsäglichen Leid der Hinterbliebenen und Betroffenen - denkbar: Jede Katastrophe ist eine Botschaft an die Menschheit, daraus zu lernen. Gerade weil es so schwer fällt, wird es hoffentlich umso wirksamer sein.

Lehren aus dem Versagen

Es genügt nicht, dass Eltern ihre Kinder zur Schule schicken und daheim nach Gutdünken mit ihnen umgehen. Mehr als je zuvor benötigt unsere Gesellschaft eine Elternschule, und zwar mit Verbindlichkeit der Teilnahme! Auf vielen [2] Elternabenden in Klassen mit besonders verhaltensauffälligen Schülern haben Klassenlehrer die Eltern selbst als Kern des Problems erkennen können. Machtlos zusehen zu müssen, wie elterliche Unerfahrenheit und deren Egoismus die schulische Erziehungsarbeit konterkarieren, das tut weh. Durch mehr Psychologen an den Schulen werden allenfalls Symptome kuriert. Eine systematische Elternschule würde die Zeitkrankheit unserer Konsumgesellschaft an der Wurzel packen und vielleicht heilen können. Innenminister Wolfgang Schäuble hat Recht: Nicht mehr Vorschriften, sondern mehr Erziehung ist zu fordern.


Hinweis

Die Autorin Petra Thorbrietz hat die Thematik dieses Essays in einem eigenen Artikel in FOCUS-SCHULE aufgegriffen und ist darin der Frage "Sind die Eltern von Amokläufern schuldig?" aspektreich nachgegangen. In Ihrem Artikel beleuchtet sie die Tragödien von Winnenden und Erfurt, indem sie dazu auch die Kriminologin Britta Bannenberg, die Eltern von Tim K., den Vater eines Opfers von Winnenden Hardy Schober und den Familienpsychologen Wolfgang Bergmann neben dem Autor des vorliegenden Essays zu Wort kommen lässt.


LINKS:
[1] Essay Trost spenden: www.publicationes.de/wissen/psychologie/65-trost-spenden.html - zurück zu [1] -
[2] Essay Elternabende mitgestalten: www.publicationes.de/bildung/schultipps/71-elternabend.html - zurück zu [2] -
[3] extern Sind die Eltern von Amokläufern schuldig? - zurück zu [3] -


© Copyright 2009 by PUBLICATIONES - details: www.publicationes.de/allgemeines/copyright.html