Kritik nutzen von Peter Denker

Von der Kunst, mit innerer Überlegenheit einen tragfähigen Konsens zu erreichen

Ärger äußern

Die Sache ist ärgerlich. Menschliche Unzulänglichkeit, Nachlässigkeit, Inkompetenz, Dummheit oder Egoismus ist schnell als Ursache der üblen Entscheidung, Handlung oder Unterlassung ausgemacht. Den Verursacher zu schelten gäbe es gute Gründe. Viele gute Gründe, wohlformulierbar und scharf. Schon die Vorstellung, dem Betreffenden mal richtig die Meinung zu sagen, erzeugt das Gefühl von Größe und verdienter Selbstzufriedenheit. Man darf ja nicht einfach schweigen. Also los. Engagiert, ernsthaft, entschieden, unmissverständlich …! - Und wie reagiert der so Gescholtene? Ferner: Welche Gemütszustände spielen dabei eine Rolle? Und schließlich: Mit welcher Bewusstseinshaltung kann man damit am besten umgehen?

Abwehr durch Flucht

Flucht ist nicht nur Weglaufen. Flucht ist auch die Beteuerung "Das war ich nicht" oder "Das bin ich nicht schuld". Flucht ist auch zu behaupten "Die Umstände haben mich gezwungen" oder "Es gab keine Alternative". Jemandem abrupt den Rücken kehren, ihn wortlos stehen lassen und davon gehen, das ist schon eine Art Flucht, die mit einem Quantum Aggressivität verbunden ist, indem der so Stehengelassene sich bloßgestellt sieht. - Fluchtverhalten kann Kritiker nicht besänftigen, es wird im Gegenteil zu einem weiteren Anlass für die Kritik. Flüchtlinge sind angreifbar.

Abwehr durch Erstarrung

Beim Anblick eines furchterregenden Tieres, in mörderischem Kugelhagel, bei lähmendem Erschrecken, bei verzweifelter Hilflosigkeit signalisiert das limbische System dem, der sich wehrlos ausgeliefert fühlt, sich tot zu stellen: Regungslos, stumm, ohne auch nur mit der Wimper zu zucken. Es kann diese Strategie in der Tat das Überleben sichern, nicht weniger, aber auch nicht mehr. Wer in einem Streit in Schweigsamkeit verfällt, verhält sich ähnlich. Das Gegenüber findet keinen Zugang mehr. Im günstigsten Fall endet der Angriff. Im schlimmsten Fall endet die Beziehung. Schweigen kann tödlich sein, der Anfang von Trennung, Scheidung, Depression, Suizid. Schweigen kann auch als eine subtile Form von Angriff interpretiert werden, zumal wenn Mimik, Gestik und Körpersprache Verachtung ausdrücken. Auch der in Erstarrung Verfallene ist angreifbar.

Abwehr durch Angriff

Angriff ist nicht nur, wenn Fäuste oder Waffen zum Einsatz kommen. Angriff ist auch die nachdrückliche Zurückweisung der Kritik mit despektierlichen Bewertungen wie z.B. ahnungslos, bösartig oder unprofessionell. Dazu zählt auch die beleidigende Herabwürdigung des Kritikers wie z.B. "Das ist doch albernes Gewäsch", "Das kannst du gar nicht beurteilen" oder "Komm du erstmal in meine Lage". Schlimmer noch sind Einschüchterungen und Drohungen wie z.B. "Deine Anschuldigungen werden üble Folgen für dich haben". - Auch das Angriffsverhalten ist keine überzeugende Verteidigungsstrategie gegenüber Kritikern, sondern liefert wie das Fluchtverhalten nur einen zusätzlichen und schwerwiegenden Kritikpunkt. Angreifer machen sich angreifbar.

Offenheit

Um Kritiker zu besänftigen, ist es am besten, sie ernst zu nehmen. Wie aber kann man Kritiker ernst nehmen, die man aus guten Gründen oder aus deutlichem Empfinden heraus ablehnt? Das Problem hat zwei Seiten: Die Gegenstandsebene, um die es in der Kritik geht, und die Beziehungsebene zwischen dem Kritiker und dem Kritisierten. Sich beide Ebenen bewusst zu machen ist nötig, um einem Konflikt vorzubeugen und um mit der Person und mit der Sache angemessen umzugehen. Um die emotionale Sperre der ablehnenden Haltung als Kritisierter zu überwinden, ist es gut, eine Verhaltensweise anzuwenden, die "Variation der Sichtweise" heißt: In seinem eigenen Bewusstsein kann der Kritisierte drei mentale Positionen einnehmen, nämlich seine eigene, die des Kritikers und die eines Dritten, der die beiden von außen beobachtet. Das will geübt sein und bedingt, dass man zunächst die Bereitschaft zu diesem Diskurs in sich entstehen lässt und die Gemütslage analysiert, welche ursächlich dafür ist, das man sich gegen die Kritik und den Kritiker innerlich sperrt. Wer Offenheit praktiziert, ist zwar verletzlicher, aber weniger angreifbar.

Die innere Blockade überwinden

Tritt einem der Kritiker empört, herausfordernd oder aggressiv gegenüber, hat man es schwer mit ihm und mit sich selbst. Die Absicht, ihn zu besänftigen, gelingt selten durch Spiegelung seines Verhaltens oder Vorhaltungen. Eine weitaus bessere Methode zielt darauf, durch Selbststeuerung die Betroffenheit zu reduzieren und mit dem Gefühl eigener Überlegenheit sein Wohlbefinden zurückzugewinnen. Dazu ist es zunächst einmal nötig, die aktuelle emotionale Betroffenheit durch "Setzen eines Unterbrechers" in den Griff zu bekommen. Wer trainiert hat, beispielsweise bei Einschüchterungsversuchen, Verärgerung oder Zorn einen Unterbrecher setzen zu können, gewinnt nicht nur die nötige Zeit für eine überlegte Reaktion, sondern kann in dieser Phase sogar den als Gegner empfundenen Kritiker verunsichern: Wortlos sieben Sekunden indifferent lächeln leistet beides. Wem das nicht liegt, der kann durch eine Äußerung wie z.B. "Ich brauche einen Moment, um mich auf diese Situation einzustellen" die Zeit gewinnen, die nötig ist, seine Mandelkern-gesteuerte spontane Abwehr durch eine vom Neo-Cortex kontrollierte Haltung zu ersetzen. Dabei lautlos bis Sieben zu zählen reicht aus, um dem Mandelkern-Impuls für spontanes Verhalten die Dominanz zu nehmen. Probieren Sie es aus! Die Wirkung ist verblüffend.

Rückfragen und spiegeln

"Was genau ist denn der Grund für deine Kritik?" gibt dem Kritiker Gelegenheit, sein Anliegen sachlich zu reflektieren und vorzutragen. Ihm sogleich Gegenargumente zu nennen, wäre unklug; denn damit fühlt er sich unverstanden oder abgelehnt. Um ihm das Gefühl zu geben, dass man ihn ernst nimmt, ist nicht nur aufmerksames Zuhören geboten, sondern von Zeit zu Zeit auch die Rückfrage, ob man ihn richtig verstanden hat, indem man dessen Äußerungen mit eigenen Worten wiedergibt, also spiegelt. Diese Gesprächsform heißt "aktives Zuhören". Sie will geübt sein. Dabei ist unerlässlich, dass der fragende und rückspiegelnde Gesprächsteilnehmer seine Fragen und Aussagen frei von Gängelung oder Abwertung, sondern mit ungekünsteltem Interesse, mit Blickkontakt und dem Gesprächspartner zugewandt äußert. Und wer das beherrscht, verfügt über ein Werkzeug, das sich zur Konfliktvermeidung und Konfliktbewältigung hervorragend eignet.

Freude über Fehler

Weniges macht soviel Spaß wie die Entdeckung eines Fehlers, den ein anderer gemacht hat, weniges aber soviel Verdruss wie die Entdeckung eines Fehlers, den man selbst gemacht hat. Dem Perfektionisten und dem Eitlen ist nichts so unangenehm wie die Erkenntnis der eigenen Unvollkommenheit. Wer schämt sich schon gern? Wem fällt es nicht schwer, sich zu entschuldigen? Dabei ist Fehlermachen zutiefst menschlich. Und der Umgang damit ist keine leichte, aber eine lohnende Übung. Hier nur soviel: Wenn Kritik sich in der Vorhaltung von Fehlern äußert, gebe man neben dem Bedauern auch zu erkennen, dass man die Chance nutzen möchte, ‹1› aus den Fehlern zu lernen. Wird das nicht nur dahergesagt, sondern in konstruktiven Gedanken oder Handlungen erkennbar, nimmt man dem Kritiker den Wind aus den Segeln und wandelt Verachtung in Akzeptanz.

Motive und Ziele klären

Der Kritisierte sollte sich auch dafür interessiert zeigen, was genau der Kritiker erreichen möchte. Schließlich kann er fragen, wie er sich das Erreichen seiner Ziele konkret vorstellt, welche Bedingungen beispielsweise erfüllt sein müssten, damit sein Ziel verwirklicht werden kann. Das alles mit der Methode aktiven Zuhörens behandelt, lässt den Kritiker spüren, dass er ernst genommen wird. Und der Kritisierte bekommt eine Vorstellung davon, was der Kritiker mit seiner Kritik wichtiges für sich bezweckt. Die Frage "Was ist an dieser Angelegenheit für Sie persönlich so bedeutsam?" kann das klären helfen. Wird eine Vielzahl von Gesichtspunkten, Argumenten oder Zielen vorgebracht, ist es hilfreich, sich Stichworte zu notieren, nachdem man das Gegenüber um Verständnis dafür und um Zustimmung dazu gebeten hat. Es darf nicht der Eindruck eines Verhörs entstehen. Zur Wahrung der Symmetrie sollten ihm ebenso Papier und Schreibzeug angeboten werden. Mit diesem Vorgehen wird die Voraussetzung dafür geschaffen, dass der Kritisierte für den Kritiker so viel Verständnis aufbringt, dass er sich in dessen Rolle einfühlen und seine Sichtweise erkennen und achten kann. Das im Dialog gewonnene Bild sollte so deutlich sein, dass es dem Gegenüber auch später möglich ist, diese Perspektive einnehmen und beschreiben zu können, ohne sie sogleich mit Bewertungen zu befrachten.

Selbstkontrolle

Welche Ziele ihm selbst wichtig sind, sollte der Kritisierte wohl überlegt haben und begründen können. Das fällt intelligenten Menschen weniger schwer als zu ergründen, was sie eigentlich an dem Kritiker und seiner Kritik so sehr stört. Oft ist es schon der herausfordernde oder herablassende Ton, die Mimik, Gestik und Körpersprache, die Dominanz auszudrücken versuchen. Das ist häufig beiden zunächst gar nicht bewusst. Stellt man es fest, wären ein entsprechende Vorhaltung und die Aufforderung, das bleiben zu lassen, wenig hilfreich. Hingegen kann das Angebot, Platz zu nehmen, die imponierende Pose vielleicht auflösen. Sich von dem wahrgenommenen Verhalten nicht beeindrucken zu lassen, sondern es zu übergehen und das Gespräch freundlich und ohne Aggression zu führen, ist die beste Methode, weil sie aus innerer Überlegenheit heraus deeskalierend wirkt. Die Oberhand behält nicht, wer sich aufbläht. Überlegenheit zeigt sich nicht nur in intelligenter Argumentation, sondern auch in der Fähigkeit, sachlich, ruhig und zugewandt zu verhandeln. Selbst wenn man sich damit einmal nicht durchsetzt, ist solches Verhalten doch wenigstens unangreifbar.

Eigene Fremdkontrolle

Diese Überschrift klingt nach einer "contradictio in adjectu", also in sich widersprüchlich. Sie will ausdrücken, dass man sich selbst und dem Geprächspartner gegenüber sehr wohl die Perspektive eines beobachtenden Dritten einnehmen kann. Der Versuch, sich mental in dessen Rolle zu versetzen und das Gesprächsgeschehen aus solchem Blickwinkel anzuschauen und sich selbst bewusst zu machen, lohnt sich in vielen Situationen, die man als "verfahren" erlebt. "Wie gehen wir hier eigentlich mit einander um?" könnte die Frage lauten, die eine solche Außensicht einleitet. Wer in solcher Betrachtungsweise geübt ist, kann daraus Erkenntnisse und Folgerungen ziehen, die dem Gespräch neue Impulse oder eine neue Richtung geben. Fraglos hat der, dem das gelingt, davon Vorteile für die Position, um die er für Verständnis und Zustimmung wirbt.

Stimmungen beeinflussen

Für die Kommunikation ist die Gesprächsatmosphäre von ausschlaggebender Bedeutung. Darauf haben schon Äußerlichkeiten großen Einfluss, z.B. die Position der Gesprächspartner. Symmetrie ist wichtig; entweder stehen alle oder es nehmen alle Platz - und auf gleicher Ebene! Beim Sitzen um einen Tisch begünstigt das Gegenübersitzen eine eher konfrontative Stimmung, das Überecksitzen mindert sie. Das Nebeneinandersitzen hingegen ist mangels Blickkontakt weder praktisch noch wegen eventuell als bedrängend zu empfindender Nähe angebracht. Ein bisschen Tischschmuck wie ein kleiner Blumenstrauß oder z.B. ein Halbedelstein oder bei intimeren Gesprächen ein Kerzenlicht erzeugen Wohlbefinden. Dazu kann auch das Angebot eines alkoholfreien Getränks oder ein Schälchen mit Gebäck beitragen. Nicht weniger bedeutend sind die gesendeten Signale dessen, an dessen Tisch das Gespräch stattfindet: "Wo möchten Sie gern sitzen?", "Nehmen Sie bitte Platz.", "Darf ich Ihnen etwas zu trinken anbieten?" Erst nach dem Gast nimmt der Gastgeber Platz.

Bei beruflich veranlassten Arbeitseinladungen liegen Papier und Schreibzeug auch für den Gast parat. Der Gastgeber sorgt, dass das Gespräch ungestört verlaufen kann: Das Vorzimmer lässt keine Besucher oder Anrufe durch. Oder ein Schild an der Tür des Besprechungsraums signalisiert "Besprechung - Bitte nicht stören".

Dem Thema des Gesprächs sollte man eine Frage nach dem Befinden des Gesprächspartners oder nach einem für ihn erfreulichen Ereignis voranstellen und erst danach auf den eigentlichen Gegenstand überleiten. Aufmerksamkeit, Freundlichkeit und Zuwendung schuldet der Gastgeber seinem Gast, aber unaufdringlich und authentisch. Und er ist ein guter Gesprächspartner, wenn er eine ausgewogene Balance zwischen Nähe und Distanz, zwischen Zuhören und Reden, zwischen Zielstrebigkeit und Zeitlassen, zwischen Ernst und Humor halten kann. Wenn der Gesprächspartner spürt, dass er dem Gastgeber wichtig und ebenbürtig ist, öffnet er sich gern für ein Gespräch, das gute Ergebnisse ermöglicht.

Abwägen

Wer sich im Recht wähnt, neigt zu Rechthaberei. "Dies ja, jenes auf keinen Fall", "entweder sie stimmen zu, oder wir können das Gespräch beenden" oder "Sie müssen mir doch Recht geben" sind Beispiele für Gesprächsblockaden durch apodiktische Vorgaben. Wo immer man sich selbst bei einem "Entweder-oder" erwischt, sollte man sich schnellstens (am besten antizipativ) fragen, ob nicht ein "Und" oder "Sowohl-als auch" an die Stelle treten könnte. Interessenausgleich verlangt ‹2› Balance . Den "Entweder-Oder"-Aussagen und den "So und nicht anders"-Festlegungen fehlt dieses wesentliche Element für Einigungsfähigkeit und gemeinsame Akzeptanz.

Kompromiss oder Konsens

Welche Ziele und Möglichkeiten miteinander vereinbar sind oder nicht, lässt sich rational abwägen. Unvereinbare Ziele erfordern Entscheidungen. Die denkbar schlechteste Lösung ist, wenn sich dabei Macht über Argumente hinwegsetzt. Der Verlierer fühlt sich nämlich gedemütigt und sinnt auf Vergeltung. Und diese emotionale Verfassung ist oft stärker als alle Vernunft und die Ursache vieler Kriege. Geben beide Seiten im Ringen um Zustimmung das ein oder andere Ziel auf oder tolerieren es gegen die eigenen Intentionen, erzielt man einen Kompromiss. Man sagt, wenn beide Seiten gleich unzufrieden seien, wäre der Kompromiss tragfähig. Solche Kompromisse haben meist nicht lange Bestand. Tarifvereinbarungen sind dafür ein Beispiel.

Erstrebenswert hingegen ist ein echter Konsens, eine Einigung auf gemeinsame Ziele und auf einen gemeinsamen Plan, sie zu verwirklichen, sowie auf gemeinsame Kontrollen von vereinbarten Teilzielen. Der Konsens ist das Ergebnis eines auf gegenseitigem Respekt gegründeten und auf Interessenausgleich zielenden Verhandlungsprozesses, bei dem alle Beteiligten sich als Gewinner empfinden können. Er wird möglich, wenn die Verhandlungsführer die hohe Kunst der gegenseitigen Wahrnehmung und die Fähigkeiten des Perspektivwechsels beherrschen und wenn beide Seiten den ausgewogenen Konsens nicht nur als tragfähigste Lösung erkennen, sondern ihn auch tatsächlich wollen und die dafür nötigen Anstrengungen oder Einschränkungen akzeptieren. So können aus kritikfreudigen Gegnern Partner, ja sogar Freunde werden.


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