Parabel des menschlichen Lebens von Peter Denker

 

Ein gleichnishaftes Experiment

 

Aus dem Chemieunterricht weiß man, dass Wasser und Alkohol bei Mischung weniger Volumen in einem Meßzylinder einnehmen als die Summe ihrer Volumina in zwei getrennten Meßzylindern ausmacht. Zur Erklärung wird gern ein Modellversuch herangezogen, der sich in vielen Schulbüchern so findet: Man mische gleiche Volumina beispielsweise von Erbsen und Senfkörnern und erkläre, weshalb das Volumen der Mischung kleiner ist als das Doppelte des Volumens in einem der Zylinder. Das Phänomen ist erstaunlich und regt zum Nachdenken an, auch zur Variation wie zur folgenden, die sogar zu einer philosophischen Deutung anregt.

Das Experiment

Ein Philosophieprofessor begann eine Vorlesung in der Vorweihnachtszeit folgendermaßen:

Auf dem Pult vor sich hatte er ein großes, leeres Einmachglas stehen, einen Haufen große Kieselsteine, einen Haufen kleiner Kugeln, wie Kinder sie zum Murmelspiel verwenden, und ein Häufchen feinen, trockenen Sandes jeweils in offenen Schalen.

Er füllte das Einmachglas randvoll mit den großen Kieselsteinen und fragte die Studenten, ob das Glas damit voll sei.

Sie stimmten zu.

Dann nahm er von den kleinen Kugeln eine Handvoll und dann noch eine und gab sie unter leichtem Schütteln in das Glas zu den Kieselsteinen hinzu. Sie verteilten sich in deren Lücken. So viele kleine Kugeln wie möglich gab er in das Glas hinein und fragte wieder, ob es nun voll sei.

Wieder stimmten die Studenten zu.

Dann nahm er noch die Schale mit Sand und ließ ihn sich langsam und unter Schütteln des Glases in alle übrigen Lücken verteilen bis keine Hohlräume mehr zu erkennen waren.

Die Studenten stimmten zu, dass nun wirklich nichts mehr im Glas Platz habe.

Denkanstöße

"Wozu dieses Experiment in einer Philosophievorlesung?", gab er ihnen zum Nachdenken auf.

Es habe wohl etwas mit der Erkenntnistheorie zu tun, also mit der Frage, was man erkennen kann, meinte eine Studentin. Gut fand das der Professor, sie möge ihren Gedanken doch ein wenig erläutern. Ja, meinte sie, man hielte oft schon für zutreffend, was sich hernach als sehr vorläufig herausstelle. Es bedürfe kritischen Bewusstseins, um voreilige Schlussfolgerungen zu vermeiden.

Rätselhaft, meinte ein anderer Student, sei ihm das Experiment im Hinblick auf die Frage, warum es gerade so vorgeführt wurde und wozu überhaupt. Das berühre die zweite philosophische Grundfrage Kants "Was soll ich tun?". Hätte er nämlich damit begonnen, das Glas mit Sand zu füllen, hätten darin keine Steine zusätzlich Platz gefunden. Er möchte dazu vom Professor gern dessen Antwort hören.

Der: Ja, es sei wichtig, das Experiment auch unter diesem Aspekt zu betrachten. Und auch die übrigen beiden Grundfragen, die Kant gestellt hat, spielten noch eine Rolle.

Ratlosigkeit drückten die Gesichter der Studenten aus. Einer fragte, was denn dieses Experiment mit der Frage zu tun habe, was der Mensch sei. Und eine andere wollte wissen, welche Verbindung es zu der Frage "Was darf ich hoffen?" gebe.

"Es ist eine Parabel des menschlichen Lebens, das zu allen vier Fragen etwas Bedeutsames aussagt", sagte der Professor.

Deutungen

Der Professor gab seinen Hörern den Hinweis, dass sie die im Experiment verwendeten Gegenstände bitte folgendermaßen deuten mögen:

  • Das Glasgefäß versinnbildlicht das Leben,
  • die Kieselsteine die wirklich wichtigen Lebensumstände und Entscheidungen,
  • die Kugeln die kleineren Annehmlichkeiten des Alltags und
  • der Sand die kleinen Widrigkeiten und Ärgernisse.

Eine lebhafte Diskussion begann. In deren Fokus stand die Frage einer jungen Studentin, die wissen wollte, was genau man sich denn konkret als wichtig, annehmlich beziehungsweise widrig vorzustellen habe.

Das, meinte der Professor, könne nicht die Philosophie beantworten, sondern nur jeder Einzelne für sich; denn Bewertungen dieser Art seien nun allemal subjektiv und nicht allgemeingültig.

Also wurden mögliche Konkretisierungen gesammelt.

Wichtig erscheinen u.a.

  • Familie, Freunde, Studium und Beruf, Gesundheit;
  • alle Dinge, die das Leben lebenswert machen, selbst wenn andere fortfallen würden.

Als annehmlich aber weniger wichtig gelten u.a.

  • Auto, Karriere, Reisen, Kleidung, Unterhaltung, Fernsehen, Sportereignisse und dergleichen;
  • eben alle Dinge, die das Leben abwechslungsreich machen und als angenehm empfunden werden, aber nicht als unverzichtbar angesehen werden.

Als ärgerlich, aber nicht so wichtig mag man u.a. ansehen

  • die Unfreundlichkeit oder Unzuverlässigkeit von Dienstleistern, die Entwendung der Tageszeitung aus dem Briefkasten oder der Milch vor der Tür, das Verkehrsmittel, das man um ein Haar verpasst hat;
  • also alle Dinge,die man im Augenblick als enttäuschend und lästig empfindet, aber nur eine Weile und nicht dauerhaft und nicht wirklich schwer.

Vorläufiges Resüme

Danach resümiert der Professor:
"Die erkenntnistheoretische Feststellung, dass man das Leben nicht vorschnell als erfüllt betrachten soll, liegt auf der Hand. Aber die moralische Frage, was man alles im Leben tun und akzeptieren soll, ist nicht so einfach. Man möchte am liebsten mit den Kugeln aufhören und den Sand weglassen, um ein zufriedenes Leben zu führen.

Aber es zeigt sich, dass dies leider nicht funktioniert; denn der feine Sand kleiner Misslichkeiten dringt wie von allein in das Gefäß des Lebens ein.

Es ist eben ein Mangel an Freiheit der menschlichen Existenz, sich dagegen nicht abschotten zu können. Aber es ist ein Vorzug der menschlichen Freiheit, sich dabei nicht zu allererst und nicht dauernd aufzuhalten.
Wer bewusst und verantwortlich die großen Dinge vorrangig in den Blick nimmt, behält Platz für die Annehmlichkeiten und schränkt den Raum ein, der für kleine Widrigkeiten übrig bleibt.

Was den Menschen ausmacht, ist eben dies: Seine Freiheit verantwortlich zu nutzen, indem er Prioritäten setzt. Damit erschließt sich ihm, was er erhoffen darf, nämlich ein relativ glückliches Leben."

Überraschender Schluss

Zum Schluss griff der Professor zu einem Glas Wasser wie um sich den Mund nach langer Rede etwas zu befeuchten. Zur Überraschung aller aber goss er behutsam das ganze Wasser über dem vollen Einmachglas aus.

Staunend sahen alle, dass es nicht überlief.

"Und, was sagt uns das?", regte er zum Nachdenken an. Aber niemand mochte sich dazu äußern.

Schließlich gab er selbst seine Interpretation zum Besten:

"Dieses Wasser, das im Glas noch zusätzlich zu den es ausfüllenden festen Stoffen ungeahnt viel Platz findet, das versinnbildlicht den Geist, das Seelenhafte und die Metaphysik hinter und über allem sinnlich Wahrnehmbaren. Darin können sich die übrigen Dinge aufgehoben und davon sich umschlossen fühlen.

Die durchsichtige, wässrige Substanz empfinde ich als Sinnbild dafür, dass alles Sein einen Sinn hat, der sich uns nicht in gleicher Weise unmittelbar erschließt wie das Greifbare.
So wie kreatürliches Leben nicht ohne Wasser auskommt, so braucht geistiges Leben Seelenhaftigkeit.
Mögen Ihnen die bevorstehenden Festtage viele Gelegenheiten bescheren, diese Substanz zu entdecken, zu erleben und zu genießen."


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