Über den Sinn des Lebens von Peter Denker

 

Unterschiedliche Ansichten und Einstellungen
zum menschlichen Leben und Sterben

Was kann ich wissen, was soll ich tun, was darf ich hoffen
- was ist der Mensch?
So einfache Fragen hat Kant zu Leitfragen seiner Philosophie gewählt,
mit der er sich sein ganzes Leben lang beschäftigt hat.

Was soll ich tun und lassen,
damit ich weiß oder wenigstens hoffen darf,
dass mein Leben nicht vergeblich ist,
fragt sich manch einer gelegentlich.

Vielen kommen derartige Fragen erst bei Krankheit,
Notlage oder mit zunehmendem Alter in den Sinn.
Doch die Beschwernisse solcher Situationen weiten nicht den Blick,
sondern engen ihn drangvoll ein.
Da mag einem so leicht nichts Gutes einfallen.

Darum empfiehlt es sich, in Zeiten darüber nachzudenken,
in denen der Kopf dafür frei genug ist.
Dazu will die nachfolgende Betrachtung Anregungen geben.

Gegenwart

Einer sagt:

"Niemand hat mich gefragt, ob ich geboren werden will.
Nicht einmal meinen Namen durfte ich selbst bestimmen.
Ungefragt wurde ich getauft.
Kindergarten und Schule musste ich zwangsweise ertragen.
Mit Menschen muss ich zusammen mein Brot verdienen,
die ich mir nicht aussuchen konnte.
Politiker regieren, die ich nicht gewählt habe.
Pfarrer frömmeln. Psychiater heilen nicht.
Richter verkünden Unrechtsurteile.
Lebensmittel vergiften uns.
Konzerne beuten Umwelt, Ressourcen und Konsumenten aus.
Gier nach Geld und Macht nehmen überhand.
Egoismus, Konsumismus und ‹1› Quotismus regieren die Welt.
Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit sind Illusionen.
Dieses Leben passt mir nicht."

Ein anderer erwidert:

"Es nützt dem Menschen nicht,
sich über tatsächlich Unabänderliches zu ereifern.
Unklug redet, wer Vorkommnisse verallgemeinert.
Sich selbst steht im Weg, wer den Blick
auf alles Unrecht, alles Schlechte und Unangenehme fokussiert.
Die Mehrzahl der Menschen weiß dem Leben gute Seiten abzugewinnen,
freut sich auf je eigene Weise am Leben.

Wer globale Probleme als bedrückend empfindet,
muss überlegen,
wie er durch sein lokales Handeln dagegen wirksam werden kann.
Wer Missstände kritisiert,
sollte vorschlagen, wie ihnen zu begegnen ist.

Wer sich allein ohnmächtig fühlt,
sollte sich mit Gleichgesinnten zusammentun.
Wer Ideale bei andern vermisst,
sollte sie doch für sein eigenes Denken und Handeln bestimmend sein lassen.

Wem sich unlösbare Problemen in den Weg stellen,
sollte sich fragen, was trotzdem geht.
Denn nur der nicht aufgibt, kann etwas erreichen.
Wer aber aufgibt, hat schon verloren."

Ein dritter äußert:

"Ich danke meinen Eltern, dass es mich gibt.
Sie wollten mir mit meinem Namen Einzigartigkeit schenken.
Sie haben mich in die Gemeinschaft ihres Glaubens mit hineingenommen,
weil es ihnen wichtig war.
Sie haben mir alle Förderung
in Kindergarten, Schule und Ausbildung zuteilwerden lassen.
Daher kann ich einen Beruf kompetent ausüben, der mich ernährt.

Natürlich kenne ich Menschen, die ihre Aufgaben nicht gut erfüllen.
Manche von ihnen stehen deswegen im Focus der öffentlichen Kritik.
Ich bin aber skeptisch, ob die Medien objektiv berichten,
und versuche mir eine eigene Meinung zu bilden.
Ich darf mich glücklich preisen, dass ich dazu vielfältige Möglichkeiten habe
und dazu die Freiheit, meine eigene Meinung furchtlos zu äußern.

Was mir bei andern missfällt,
versuche ich zu unterlassen oder besser zu machen.
Ich erfülle meine Pflichten ohne Murren.
Zufriedenheit ist mir so wichtig wie mein Auskommen.
Ich beschränke mich beim Einkaufen auf das Nötige und wähle,
was seinen Preis wert ist.

Gute und gesunde Lebensmittel sind mir wichtig.
Kultivierte Mahlzeiten,
gemeinsame Erlebnisse und Gespräche machen mir Freude.

Ich überlege vor Entscheidungen ihre absehbaren Folgen
und frage mich, ob ich sie will und verantworten kann.
Im Blick auf Menschen, die sich nicht vorbildlich verhalten,
will ich mich selbst wenigstens darum bemühen,
meine Selbstachtung zu bewahren.

Ich will mit mir in guter Gesellschaft sein.
Gegen die Gier der Gierigen
setze ich meine Hilfsbereitschaft gegenüber Notleidenden.
Gegen die Unmenschlichkeit der Institutionen
setze ich mein persönliches Engagement
für Freiheit, Brüderlichkeit und Verantwortung.

Wo ich Kummer spüre, versuche ich ‹2› Trost zu spenden.

Die Freiheit, die ich habe,
kann ich so nutzen, dass sie sich vermehrt.
Ich habe viele Möglichkeiten, Verantwortung zu übernehmen,
den Übeln wie Manipulation, Missbrauch und Menschenverachtung
entschieden und glaubwürdig entgegenzutreten.

Ausgeliefert fühle ich mich nur dem, wogegen ich nichts unternehme.
Auch wenn ich nach außen nicht viel erreiche,
will ich mir selbst nichts schuldig geblieben sein.
Darum halte ich beispielsweise
die Ausübung des demokratischen Wahlrechts für meine Ehrenpflicht.

Das Leben ist mir wichtig
und ich kann dazu beitragen, dass es das auch für andere ist."

Sie selbst können entscheiden, welche Sichtweise besser zu Ihnen passt.
Niemand kann ihnen etwas aufzwingen:
Sie selbst sind für sich, ihre Empfindungen und ihre Haltung
ganz allein verantwortlich, niemand sonst.
Sie haben genau die Freiheit, die Sie sich nehmen,
und sie bewahren sie auf Dauer,
solange Sie mit voller Verantwortung davon Gebrauch machen.
Mochten Sie das nicht immer schon?

Diesseits

Einer denkt:

"Das Leben ist sinnlos. Sein Ziel ist der Friedhof.
Sogar die Kirche sagt - wenigstens an ‹3› Aschermittwoch -
'Bedenke, Mensch, dass du aus Staub geworden bist und wieder zu Staub wirst.'
Arbeit und Mühsal ist das Leben, heißt es in Psalm 90.
Das letzte Hemd hat keine Taschen.
Was als Erbe übrig bleibt, erzeugt nur Streit unter den Erben.
Woran das Herz hing, landet auf dem Müll.
Den Körper fressen die Maden oder das Feuer.
Hinterbliebene empfinden die ihnen aufgenötigte Grabstätte als Last.
Das Grab wird nach Ablauf der teuer bezahlten Pietätsfrist abgeräumt,
der Grabstein weggeworfen.
Das war es dann - schlussendlich."

Ein anderer widerspricht:

"Wem von einer Bahnfahrt
nur die Endstation betrachtenswert erscheint, ist arm.
Wer immerfort den Tod vor Augen hat, hat weniger vom Leben.
Mental ist er schon ziemlich tot.

Gewiss besteht das Leben aus Arbeit und Anstrengungen.
Aber beide bewirken etwas Wichtiges.
Ohne Anstrengung erklimmt kein Athlet das Siegertreppchen.
Ohne Fleiß gibt es keinen Preis.
Jeder noch so kleine Erfolg eigenen Bemühens ist ein starkes Motiv,
sich noch mehr anzustrengen.
Wer sich für den Lohn seiner Arbeit zum ersten Mal etwas kaufen kann,
empfindet Freude.
Ein armer Tropf ist, wer das nur selten erlebt.

Wer einen richtigen Freund hat, besitzt einen großen Schatz.
Gemeinsam lachen, weinen, plaudern, planen, handeln
erhebt den einzelnen über sich selbst hinaus.

Wer mit Freude auf sein Leben zurückblicken kann,
muss nicht um zurückgelassene Besitztümer bangen.
Was andern bewahrenswert erscheint, werden sie erhalten.
Der Tod des Vorbesitzers ändert den Wert seines Nachlasses, so oder so.
Gemälde beispielsweise können immer wertvoller werden.

Und Gräber sind keineswegs die Endstation.
Immer schon haben Tagebücher, Briefe und persönliche Erinnerungen
den Menschen überdauert.
Heute kommt das Internet als grenzenlose, virtuelle Welt hinzu,
in dem Erinnerungen bewahrt werden.
An dem, was von mir übrigbleibt, kann ich also arbeiten.
Und etliches gibt es,
das ich Menschen schenken und hinterlassen möchte, die mir wichtig sind.
Der Friedhof schlussendlich ist für mich ein wichtiger Ort,
um ‹4› der Toten zu gedenken und andern Trauernden zu begegnen."

Ein dritter äußert:

"Im Hinblick auf den Tod sind mir
Berichte von reanimierten Menschen bedeutsam.
Sie stimmen in erstaunlichen Einzelheiten überein.
Zum Beispiel im distanzierten Blick
auf den daliegenden eigenen Körper und dessen Umgebung.
Auch im Wahrnehmen von blendender Helligkeit am Ende eines Todeskanals.
Als Fortbewegungsform wird ein schwereloses Gleiten beschrieben.
Weghindernisse können den sich so bewegenden schmerzfrei durchdringen
und so überwunden werden.
Von einer gedankenunmittelbaren Kommunikation ohne Schall ist die Rede.
Solche Berichte von Menschen,
welche die Schwelle des Todes nur vorübergehend überschritten haben,
halte ich für glaubwürdig.

Die geschilderten Bilder haben große Ähnlichkeit
mit eigenen Traumerlebnissen,
die mit starken Glücksgefühlen einhergegangen sind.
Ich bin daher überzeugt,
dass es ein immaterielles Weiterleben in einer nichtphysischen Welt gibt.
Manche bezeichnen sie als geistige Welt,
andere als Himmel oder als Reich Gottes.
Und das, was dort weiterlebt, heißt Seele.
Deren Unsterblichkeit ist mir Gewissheit.

Es trifft zu,
dass kein Philosoph einen unwiderleglichen Beweis dafür hat geben können.
Doch zahllose und anerkannte Philosophen haben mit großem Eifer
ernstzunehmende Gedanken darauf verwendet,
dieser Gewissheit sogar Unwiderlegbarkeit hinzuzugeben.
Deren Überzeugung und der Glaube unzähliger Menschen,
die geschilderten Hinweise und meine eigene Glaubensüberzeugung gelten mir viel.
Sie nehmen mir die Furcht, auf einem Friedhof zu verrotten
oder im Krematorium zu verdampfen.
Denn das betrifft nur den Körper, den wir ablegen müssen,
damit wir über die Schwelle zur geistigen Welt hinübergelangen.

Zu unserer Geburt haben wir eine Seele aus der geistigen Welt empfangen,
die dorthin zurückkehrt, wenn der Körper sie nicht mehr halten kann.
Wo die Reste meines Körpers sich mit der Erde verbinden,
mag Hinterbliebenen wichtig sein.
Mir ist wichtiger, was meiner Seele widerfährt."

Sie selbst haben die Freiheit,
sich der einen oder anderen Sichtweise anzuschließen oder eine eigene zu entwickeln.
Sie wählen also selbst, welches Ziel Ihr Leben bekommt.
Vielleicht ist der andere schon ein Mensch,
an den Sie sich mental anlehnen möchten?
Oder ist nicht gar die Sichtweise des dritten
ungleich befreiender als die Gedanken des einen,
der nur die materielle Welt für wirklich hält?

Jenseits

Einer sagt:

"Was nützt mir mein Leben,
was mein Streben, Mühen, Leiden, mein Denken, Fühlen und Wollen,
das Fitnesstraining und das gesunde Essen, das Schaffen und Reisen,
das Aufbauen, Pflegen und Aufgeben von Beziehungen,
das Durchleiden von Krankheiten und Hinnehmen von Demütigungen,
wenn doch alles mit dem Tode aus und vorbei ist?"

Ein anderer widerspricht:

"Nein, natürlich lebe ich weiter: In den Erinnerungen der Menschen und in dem, was ich in meinem Leben besonders durch meine Arbeit bewirkt habe. Dazu gibt es Fotos, Briefe, Geschenke, die ich andern gemacht habe, und Erbstücke, die ich andern hinterlassen werde. Außerdem habe ich etlichen Menschen verschiedentlich so helfen können, dass sie sich gewiss gern an mich erinnern. Meine Spuren werden mich überdauern."

Ein dritter äußert:

"Natürlich müssen wir alle sterben.
Aber ich werde als ein anderer sterben als der,
als der ich geboren bin.
Ich habe viel durchgemacht, viel gelitten, viel geweint,
mich angestrengt und nicht immer Erfolg gehabt.
Ich habe ‹5› Fehler gemacht und ungute Entscheidungen getroffen.

Aber ich habe unermesslich viel gelernt, besonders auch da,
wo es wehtat.
Und ich habe viel erlebt.

Oft habe ich mich gefreut und herzhaft gelacht.
Es gab Freundschaften und Partnerschaft.
Mehrfach änderte sich die Lebenssituation.
Mit äußeren Veränderungen änderten sich zugleich
manche Ansichten und Möglichkeiten.

Durch Reisen und Unternehmungen eröffneten sich mir neue Horizonte.
Meine Arbeit ernährte mich nicht nur, sondern sie war mir wichtig.
An viel Kritik und etwas Anerkennung bin ich gewachsen.

Spannend ist und bleibt die Suche nach der Wahrheit.
Früher dachte ich, man käme ihr schließlich beliebig nahe,
wenn man sich nur genügend Mühe gäbe.
Inzwischen weiß ich,
dass jede Wahrheit wie jedes Gedankenmodell nur vorläufige Gültigkeit hat:
Es können ja irgendwann durch irgendwen
ganz neue, spannende Aspekte hinzukommen,
die das bisher gewonnene Bild der Wirklichkeit entscheidend verändern.

So ist es reizvoll, Entwicklungen zu beobachten
und mit Gedanken, Worten und Taten behutsam darauf Einfluss zu nehmen. -

Jeden Morgen mit dem Ge-Danken aufzuwachen,
wie schön das Wiedererwachen doch ist,
ist wie der Aufgang der Sonne im Herzen.
Die Unkenntnis, wie viele Tage mir hinzugeschenkt werden,
bedrückt mich nicht, wenn ich jeden in dem Bewusstsein angehe und gestalte,
es könnte mein letzter sein.

Was kann ich heute lernen?
Das ist die Frage beim Wachwerden,
so wie die vor dem Einschlafen heißt:
Was habe ich heute gelernt?

Dabei ist mir die Pflege der Seele genauso wichtig
wie die Körperpflege selbstverständlich.
In solchem Bewusstsein,
wie es sich auch in Gedanken zu ‹6› Himmelfahrt ausdrückt,
erhellt sich mir der Sinn des Lebens:

Mit dem Überschreiten der Schwelle
kommt die Seele in ihre geistige Heimat zurück.
Dort soll sie
in einem weiterentwickelten und vollkommeneren Zustand ankommen
als ihr zum Anfang des Lebens eigen war.
Im Glauben, sie aus den Händen des Schöpfers empfangen zu haben,
gebe ich sie Ihm in Dankbarkeit und Demut zurück.
Den mir anvertrauten Schatz habe ich also nicht vergraben,
sondern damit gearbeitet,
um seinen Wert, soweit ich es vermag, zu steigern.

Ich brauche also den Tod nicht zu fürchten,
allenfalls das Sterben.
Aber auch diesbezüglich ist mir ein tröstlicher Gedanke,
dass ich ja schon das Horrorszenario meiner Geburt überlebt habe."

Sie entscheiden selbst und für sich, welchen Zweck Ihr Leben hat.
Wollen Sie den Zweck nur in dem sehen, was Sie hinterlassen,
oder mögen Sie einen Sinn und Zweck für sich selbst darin erkennen?
Auch zu diesem Aspekt schließen
die Gedanken der beiden zuletzt zitierten Menschen einander ja nicht aus.
Vielleicht erwachsen daraus Vorstellungen,
mit denen Sie sich anfreunden möchten?

Gedanken austauschen

Die Frage nach dem Sinn des Lebens
sollte man nicht erst auf dem Sterbebett stellen.
Denn die Antwort, die man finden kann,
gibt dem Menschen nicht nur erst eine Perspektive für das Sterben,
sondern schon eine für sein Leben.

Sich mit einem befreundeten, vertrauten Menschen darüber auszutauschen
ist eine gute Möglichkeit, die eigenen Gedanken um neue Aspekte zu erweitern
und eine eigene Sichtweise zu gewinnen,
die einem leben und sterben hilft.

Dabei werden Sie auch erleben:
Das intime Gespräch darüber bereichert
und festigt die Beziehung zwischen Ihnen und Ihrem Gesprächspartner.
Vielleicht gibt Ihnen die hier vorgestellte Betrachtung
Anlass zu solchem Gedankenaustausch?


LINKS:
‹1› Essay "Quotismus" : www.publicationes.de/gesellschaft/politik/84-quotismus.html - zurück zu ‹1› -
‹2› Essay "Trost spenden" : www.publicationes.de/wissen/psychologie/65-trost-spenden.html - zurück zu ‹2› -
‹3› Essay "Aschermittwoch" : www.publicationes.de/wissen/christliche-oekumene/98-aschermittwoch.html - zurück zu ‹3› -
‹4› Essay "Der Toten gedenken" : www.publicationes.de/wissen/christliche-oekumene/99-toten-gedenken.html - zurück zu ‹4› -
‹5› Essay "Aus Fehlern lernen" : www.publicationes.de/bildung/kompetenzentwicklung/68-aus-fehlern-lernen.html - zurück zu ‹5› -
‹6› Essay "Himmelfahrt : www.publicationes.de/wissen/christliche-oekumene/103-himmelfahrt.html - zurück zu ‹6› -


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