Auf dem Weg nach Emmaus von Peter Denker

Dem Auferstandenen begegnen

Sicher weiß man weder wo noch wann genau sich zugetragen hat, wovon nur der Evangelist Lukas (Lk 24,13-35) berichtet. Das mindert nicht den auch heute noch faszinierenden Inhalt der österlichen Erzählung.

Der Bericht nach Lukas

Zwei Anhänger Jesu waren an Ostern zu Fuß unterwegs zu einem nahe bei Jerusalem gelegenen Dorf namens Emmaus. Während sie sich über die Geschehnisse der vergangenen Tage unterhielten, kam ein Mann hinzu, der sie begleitete und sich von ihnen erzählen ließ, was sich zugetragen hatte, von der Kreuzigung, der Grablegung und dem leeren Grab. Der vermeintliche Fremde verdeutlichte ihnen durch Auslegung der Schrift und der Profeten, dass "der Messias all das erleiden musste, um in seine Herrlichkeit zu gelangen". Als sie gegen Abend gemeinsam in Emmaus ankamen, nötigten die beiden ihren Begleiter, mit ihnen zu Abend zu essen. Bei Tisch "nahm er das Brot, sprach den Lobpreis und gab es ihnen".

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"Christus in Emmaus" von Carel van Savoy um 1650
(Bildquelle siehe unten in Hinweis 3.)

Da erst "gingen ihnen die Augen auf" und sie erkannten ihren Begleiter als den auferstandenen Jesus Christus, der sich danach ihren Blicken wieder entzog. Sogleich brachen die beiden eilends nach Jerusalem auf, um den übrigen Jüngern zu erzählen, wie sie den Herrn beim Brotbrechen erkannt hatten. Von den übrigen Jüngern erfuhren sie, dass der Herr auch dem Simon Petrus schon erschienen sei.

Historische und geografische Grundlagen

Lukas nennt einen der beiden Anhänger Jesu beim Namen, nämlich Kleopas. Der frühe Kirchenhistoriker Hegesipp hält diesen für einen Bruder des Joseph aus Nazareth, also einen Onkel von Jesus. Vom Zielort "Emmaus" heißt es bei Lukas, es sei ein 60 Stadien (11 km) - also gut zwei Stunden Fußwegs - von Jerusalem entferntes Dorf. Manche Bibelforscher halten 60 Stadien für einen Übertragungsfehler, denn 160 Stadien (30 km) westlich gibt es eine Stadt mit diesem Namen (Emmaus Nikopolis), zu der man zu Fuß aber nur mit Mühe an einem Tage von Jerusalem aus hin und zurück gelangen kann. Schon damals war dies auch eine Stadt, aber kein Dorf. So hält z.B. Martin Hengel (in Hengel / Schwemer "Jesus und das Judentum", Tübingen 2007) es für wahrscheinlicher, dass Lukas mit Emmaus nicht diese Stadt sondern ein näher gelegenes Dorf meint, dessen genaue Lage unbekannt ist.

Hengel führt angesichts widersprüchlicher Angaben zu den überlieferten Auferstehungsberichten aus, dass die Frage nach deren Ort und Zeit nicht mehr zweifelsfrei geklärt werden könne, aber gleichwohl als gesichert festzustellen sei , dass die Berichte in ihrem Kern zutreffen, dass nämlich der auferstandene Jesus Christus vielen seiner Anhänger tatsächlich erschienen ist. Wer für evident hält, dass ein geistiger ("verklärter") Leib im Unterschied zum physischen den Einschränkungen von Raum und Zeit nicht unterworfen ist, dem gelten Überlegungen über die Verträglichkeit von örtlichen und zeitlichen Angaben von vornherein als obsolet.

Die erzählte Begegnung ist Verkündigung

Der Evangelist und Arzt Lukas war auch ein ausgezeichneter Menschenkenner. Es ist völlig natürlich, dass sich zwei Wanderer darüber unterhalten, was sie zutiefst bewegt hat. Einen hinzukommenden Dritten, der sich an diesem Gespräch beteiligt und es eigentümlich bereichert, empfinden sie als angenehmen Begleiter, den sie gern auch zu Tisch einladen. Durch den intensiven Gedankenaustausch über das sie so ausschließlich bewegende Thema "waren ihre Augen gehalten", so dass sie sich nicht fragten, wer ihr Begleiter sei und woher er sein Wissen habe. Der Blickwinkel von Menschen, die es mit einem Problem zu tun haben, ist umso eingeschränkter, je dichter sie in ihr Problem verstrickt sind. Dass die beiden vor lauter Kummer den Tröster nicht erkennen, macht sie menschlich-sympathisch. Genau deswegen wird sich ihnen der Auferstandene wohl zugesellt haben. Er nähert sich nicht Besserwissern, sondern solchen, die vor Tränen blind sind. Von diesen lässt er sich gern einladen, setzt sich mit ihnen zu Tisch, segnet ihre Speise und gibt sich ihnen zu erkennen. Problemlösungen werden Menschen häufig erst dann zuteil, wenn sie losgelassen haben. Zum Abendessen einzukehren war hier der Entschluss, der dazu führte, dass den beiden klar wurde, wem sie begegnet waren. Die Segensworte bei diesem Abendmahl erlebten sie als Offenbarung und Geschenk. Man kann sich an das letzte Abendmahl im Coenaculum an Gründonnerstag erinnert fühlen. Welch beglückend tröstliche Erfahrung für diese beiden - und welch anmutige Botschaft für die Christen!

Auferstehung erleben hieß für die Emmaus-Jünger, von der lebendigen Gegenwart ihres Herrn überrascht und überwältigt zu werden. Unbändige Freude erfasst sie, lässt sie nicht länger in Emmaus verweilen, sondern nach Jerusalem eilen, um den dortigen Jüngern mitzuteilen: "Der Herr ist wahrhaft auferstanden". Alles, worüber sie sich kummerschwer den Kopf zerbrochen hatten, erscheint nun in neuem Licht: Was zuvor noch als schlimmste Katastrophe gegolten hat, erweist sich nun als not-wendiges Heilsgeschehen.


Hinweise

1. Benedikt Schwank analysiert in einem lesenswerten Aufsatz "Bei verschlossenen Türen" weitere Erscheinungen des Auferstandenen nach dem Johannes-Evangelium (Joh 20, 19.26).

2. In einem Internetprojekt des Kunstgeschichlichen Seminars an der Universität Hamburg "Von heiligen Leibern. Reliquienwesen im Mittelalter" findet sich eine Erläuterung des Begriffs "verklärter Leib".

3. Das Ölbild auf Leinwand des holländischen Malers Carel von Savoy (1600 - 1665) befindet sich im Eigentum und in der Ausstellung des Hessischen Landesmuseums Darmstadt, das die Veröffentlichung des vom Autor 2016 aufgenommenen Fotos in diesem Kontext freundlich erlaubt hat. - Zurück zum Text nach dem Bild.


LINKS:
[1] Essay Die Karwoche: www.publicationes.de/wissen/christliche-oekumene/89-karwoche.html -
[2] Essay Sonnenaufgang am Ostermorgen: www.publicationes.de/wissen/christliche-oekumene/88-ostermorgen.html -
[3] Essay Gründonnerstag: www.publicationes.de/wissen/christliche-oekumene/94-gruendonnerstag.html - zurück zum Stichwort -
[4] extern Erscheinungen des Auferstandenen nach Johannes: http://beitraege.erzabtei-beuron.de/download/verschlossen.pdf -
[5] extern Der Begriff "verklärter Leib" : www1.uni-hamburg.de/rel/LE2/0203.htm - zurück zum Stichwort im Text -
[6] extern Hessisches Landesmuseum Darmstadt: www.hlmd.de - zurück zu "Hinweise"


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