Karsamstag von Peter Denker

Glauben heißt, niemanden für verloren zu halten

Karsamstag, der letzte Tag der [1] Karwoche, ist im Neuen Testament wie in der Liturgie der Kirchen ein anscheinend bedeutungsarmer Tag. Als Tag vor Ostern können ihm gleichwohl spezifische Gedanken zugeordnet werden. Welche? Lesen Sie selbst:

Das Grab von Jesus Jesus Christus

Noch am [2] Abend seiner Hinrichtung wurde der in ein Leinentuch gehüllte unbalsamierte Leichnam von Jesus Christus durch Josef von Arimathäa in ein Felsengrab gelegt. Das befand sich ganz in der Nähe von Golgatha. Es war ein neues Grab, in dem zuvor noch niemand beigesetzt war. Dessen Eingang wurde mit einem runden Felsbrocken verschlossen, versiegelt und von Soldaten bewacht. Die geistlichen Machthaber fürchteten nämlich der Auferstehungsgerüchte wegen, dass Anhänger des Hingerichteten versuchen könnten, den Leichnam zu entwenden, um dann mit unüberprüfbaren Äußerungen das Volk wieder zu beunruhigen oder gar aufzuwiegeln.

In späterer Zeit wurde dieses Grab nacheinander verschüttet, mit einem römischen Venustempel überbaut, dann freigelegt und mit einer konstantinischen Basilika umgeben. Von der Grabanlage hat nur ein rußgeschwärztes Felsstück die Brandschatzung eines Kalifen um 1006 überstanden. Die Grabeskirche darf nach übereinstimmender Auffassung von Theologen und Historikern als authentischer Ort des Felsgrabes gelten. Für den Grabesfund bei Talpiyot, der vor einigen Jahren in den Medien für Aufregung sorgte, trifft das nicht zu.

Der Sabbat vor dem Mazzotfest

Der Tag nach dem Passafest und vor dem Festtag der ungesäuerten Brote war ein Sabbat, an dem das Ruhegebot von den Juden besonders strikt einzuhalten war und in Jerusalem keinerlei Aktivitäten geduldet wurden. Daran hielten sich natürlich auch die Anhänger von Jesus Christus. Grabesstille lag also über der ganzen Stadt.

"Ungesäuerte Brote" erinnern die Juden an die Folgen der Eile bei ihrem Auszug aus Ägypten, die mit sich brachte, dass zum Ansetzen von Sauerteig keine Zeit mehr blieb. Hierzulande ist in manchem Haushalt das Backen von Ostergebäck, beispielsweise Osterlämmchen, in entsprechender Form an Karsamstag Brauch, der wohl meist unbewusst an den jüdischen Brauch anknüpft und ihn zugleich umdeutet, indem das Osterlamm-Gebäck als Zeichen für das "wahre Osterlamm" Jesus Christus verstanden wird.

Jesus ist "niedergefahren zur Hölle"

Im Glaubensbekenntnis der christlichen Kirchen heißt es zu Karsamstag, Christus sei an diesem Tag "hinabgestiegen in das Reich des Todes". Im lateinischen Text aber steht "descendit ad inferos" (d.h. "er stieg hinab zu den unten befindlichen"). Damit sind "die in der Hölle befindlichen" gemeint. Jahrhundertelang war die Hölle als Ort der ewigen Verdammnis ein Drohbild, das den Gläubigen vorgehalten wurde, um sie zu einem Gott gefälligen Leben zu mahnen. In seinem [4] Aufsatz "Die Hölle ist leer!" legt Christoph Schluep-Meier dar, dass Jesus Christus mit dem "Abstieg zur Hölle" nach seinem Opfertod die "Erlösung aller" bewirkt hat. Solche Einsicht ließ den Theologen Karl Barth bei einer Vorlesung respektlos witzeln: "Kommen wir zu Hölle, Tod und Teufel. Sollen sie Inhalt der Verkündigung sein? Nein. Aber es gibt sie. Nur: Wir haben sie hinter uns. Wir können ihnen das Hinter-teil zeigen." Hintergrund ist die Aussage bei Paulus (1. Kor 15, 55f) "Der Tod hat seinen Stachel verloren". Das ist die österliche Botschaft von Karsamstag.

Karsamstag und die voraufgehenden Tage in den Kirchen

Seit Gründonnerstagabend schweigen in den katholischen Kirchen die Orgeln und Glocken. Am Schluss dieser Messfeier wird jeglicher Schmuck vom Altar entfernt, das Tabernakel geräumt und das ewige Licht gelöscht, das Kreuz mit einem Tuch verhüllt. Am Karfreitag und Karsamstag rufen Messdiener die Gläubigen mit Ratschen, die sie geräuschvoll durch die Straßen tragen, zur Kirche. Am Karfreitag wird eine besondere [5] Liturgie gefeiert, ohne Wandlung, mit Vortrag der Passionsgeschichte, Kreuzverehrung, Austeilung der Kommunion, Dankgebet und Segen. Kreuzwegandachten gehören zu den meditativen Gebetsriten der ganzen Fastenzeit, besonders feierlich an Karfreitag gehalten. Für Karsamstag ist gar keine liturgische Feier vorgesehen; mancherorts wird ein schlichter Wortgottesdienst gehalten.

In evangelischen Kirchen findet neben Andachten an allen Kartagen ein feierlicher Gottesdienst an Karfreitag statt, dem zentralen Feiertag der evangelischen Christen. Die Gestaltung dieses Gottesdienstes lehnt sich in vielen Gegenden deutlich an die Liturgie der katholischen Kirche an und schließt eine Abendmahlsfeier ein.

Gang zu den Gräbern

Engelstatue auf dem Friedhof in Ober-Ramstadt, Foto von Peter Denker

Engelstatue auf dem Friedhof in Ober-Ramstadt,
Foto: Peter Denker

Neben dem Kirchgang kann ein Gang über den Friedhof den Charakter des Karsamstags angemessen unterstreichen. Der Gedanke an die Grabesruhe von Jesus Christus ist naheliegend, nicht minder die Überlegung, welche Beziehung zwischen den Toten, deren Leiber hier bestattet sind, und Christus bestehen mag. Sein Opfertod hat ja auch ihnen gegolten. Dessen Heilswirkung ist den Verstorbenen in besonderem Maße verheißen. Das tröstet und lässt Zuversicht aufkeimen, auch für das Ende des eigenen Lebens: Geborgenheit in Gott, Ende aller Trostlosigkeit! Und noch etwas wird deutlich beim Blick über die Gräber: Der winterliche Grabschmuck ist oder wird gerade abgetragen und Frühlingsblumen kommen an dessen Stelle. Das dunkle Braun und Grün weicht den Frühlingsfarben. Die Sonne wärmt schon wieder. Die Tage werden länger. Das stimmt zuversichtlich und froh. Es ist, als ob sich auch die Natur darauf freut, dass nun Ostern kommt.

Der neue Tag

Mitten in der Nacht feiern die Kirchen mit Christmetten schon die Auferstehung. Der Bibel nach haben die Frauen erst bei Sonnenaufgang das Grab leer vorgefunden. Das mag Anlass sein, den [3] Ostermorgen als Auferstehungsfeier zu gestalten.


LINKS:
[1] Essay Die Karwoche: www.publicationes.de/wissen/christliche-oekumene/89-karwoche.html - zurück zu [1] -
[2] Essay Karfreitag: www.publicationes.de/wissen/christliche-oekumene/95-karfreitag.html - zurück zu [2] -
[3] Essay Sonnenaufgang am Ostermorgen: www.publicationes.de/wissen/christliche-oekumene/88-ostermorgen.html - zurück zu [3] -
[4] extern 'Die Hölle ist leer!' (Chr. Schluep-Meier): http://kundw.umc-europe.org/2005/februar/24-01.php - zurück zu [4] -
[5] extern Karfreitags-Liturgie: www.erzabtei-beuron.de/schott/schott_anz.php?file=../schott/fastenzeit/karwoche/karfreitag/register.htm - zurück zu [5] -


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