Karfreitag von Peter Denker

Glauben heißt, in tiefster Trauer Hoffnung haben

Mit Ernst, Trauer und Hoffnung gedenken Christen aller Kirchen an Karfreitag des Todes von Jesus Christus. Die katholische Kirche hat diesen Tag der [1] Karwoche zum Fast- und Abstinenztag erklärt, an dem äußerer Verzicht dem seelischen Mitempfinden Ausdruck verleihen kann. Welche Ereignisse machen diesen Tag so denkwürdig?

Jesus vor dem Hohen Rat

Nach seiner Verhaftung in der Nacht am Ende des [2] Vortages musste Jesus im Blick auf das hohe Passafest noch vor Tagesanbruch den Hohenpriestern und Ältesten vorgeführt werden. Zu den widersprüchlichen Anschuldigungen falscher Zeugen schweigt Jesus. Die entscheidende Frage des Hohenpriesters, ob er der Messias sei, bejaht er nachdrücklich. "Ihr werdet den Menschensohn zur Rechten Gottes sitzen und aus den Wolken des Himmels kommen sehen" (Mk 14,62). Dies verstehen die jüdischen Volksführer als Gotteslästerung, die mit der Todesstrafe zu ahnden ist. Mit Verhöhnung und Demütigung drücken Anwesende ihre Abscheu aus, bevor Jesus der römischen Gerichtsbarkeit überstellt wird, die allein ein Todesurteil in Kraft setzen kann. Um das zu erreichen, wird Jesus zur Last gelegt, ein politischer Aufrührer und Rebell gegen die römische Herrschaft zu sein, getrieben von dem anmaßenden Anspruch, als König der Juden zu gelten.

Machtbesessene Machthaber aller Zeiten haben sich nicht gescheut, Unwahrheiten über missliebige Zeitgenossen zu verbreiten, um sie auszuschalten. Zu oft macht Macht skrupellos. Dass sogar Jesus, dem ehrlichsten aller Menschen, diese Unehrlichkeit angetan wird, das schmerzt!

Jesus vor Pilatus

Am frühen Morgen hält der römische Statthalter Pilatus in Jerusalem Gericht. Im Verhör erklärt Jesus Christus, dass er König eines Reiches sei, "aber nicht von dieser Welt", und dass er lebe, um für die Wahrheit Zeugnis abzulegen. Pilatus antwortet mit der tiefsinnigen Frage "Was ist Wahrheit?" und erklärt, dass er keine Schuld an diesem Menschen finde (Joh 18,38). Er durchschaut die Motive der Ankläger von Jesus (Mk 15,10) und ringt mit sich, ehe er dem Drängen des aufgewiegelten Volkes und seiner Anführer nachgibt, nachdem diese raffiniert seine Angst geschürt haben, "nicht mehr des Kaisers Freund" (Joh 19,12) zu sein, wenn er hier nicht durchgreife. Die Ältesten hatten es geschafft, die Stimmung der breiten Masse vom begeisterten "Hosanna" ins frenetische "Kreuzige ihn" umzudrehen, ja die Begnadigung des inhaftierten Barrabas der Freilassung von Jesus vorzuziehen. Schließlich lässt Pilatus zu, dass der größte Justizirrtum aller Zeiten geschieht, indem er Jesus geißeln und hinrichten lässt, und zwar - wie damals für den Vollzug der Todesstrafe üblich - durch Kreuzigung.

Pilatus verhält sich typisch: Machterhalt ist sein Handlungsmotiv. Die Verurteilung derer, die sich Machthungrigen in den Weg stellen, ist üblich. Heute wie damals. Die Mitglieder des Hohen Rats handeln aus dem gleichen Motiv. Sie verstehen sich auf die sublimen Methoden, mit denen die Meinung und das Verhalten von Volksmassen manipulierbar sind. So kann Unrecht siegen. Das ist nicht ungewöhnlich, leider. Dass aber Jesus, der Gerechteste unter allen, das größte Unrecht erleiden musste, das schmerzt!

Die Kreuzigung

Um die Mittagszeit wurde Jesus mit zwei andern Verurteilten und begleitet von einer großen Schar Schaulustiger hinauf nach Golgatha geführt, wo die Hinrichtung stattfand. Nicht genug, dass er schon nur im Palast des Hohen Rates und im Prätorium des Pilatus geschlagen, gepeitscht, bespuckt, entblößt, verhöhnt und gedemütigt worden war. Wehrlos ans Kreuz genagelt musste er die Beschimpfung durch einen Mitverurteilten, die Misshandlung durch die Soldaten und den bösen Spott von Schaulustigen ertragen.

Gerda Dittmann 'Karfreitag' - Acryl auf Leinwand, Foto von Peter Denker

Gerda Dittmann 'Karfreitag' - Acryl auf Leinwand,
Foto: Peter Denker

Stundenlang wurde Jesus am Kreuz zu Tode gequält, öffentlich, schmerzhaft, schamlos, entwürdigend. Darüber das von Pilatus befohlene Schild mit der Aufschrift "J(esus) N(azarenus) R(ex) J(udorum)"!

Krasser kann ein Widerspruch nicht verbildlicht werden. Indem Jesus seine Kräfte verlassen, bemächtigt sich seiner Verzweiflung. Der stärkste Mensch wird in seinem Todeskampf ganz schwach, schreit laut auf: "Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?" (Mk 15,34). Schließlich gibt er mit den Worten "Es ist vollbracht" seinen Geist auf. Die Frauen und Jünger trauern, die Sonne verfinstert sich, die Erde erbebt, der Vorhang im Tempel zerreißt. Einem Hauptmann gehen die Augen auf: "Wahrhaftig, dieser Mensch war Gottes Sohn" (Mk 15,39).

Im Entsetzen über die Grausamkeit solcher Misshandlung und Hinrichtung müssten sich alle Menschen wenigstens in unserem Kulturkreis einig sein. Und doch gibt es überall und immer wieder grausame Folter und tiefste Erniedrigung bis hin zum bestialischen Mord. Sadismus und Hybris der Macht drücken ihren Opfern "einen Stempel auf: den des Untermenschen" (so Jean-Paul Sartre im Geleitwort zu Henri Alleg, "Die Folter", München 1958). Das ist grauenhaft. Wie an Karfreitag Menschen den besten Menschen aufs Schlimmste entmenschlicht haben, das schmerzt unsäglich!

Die Grablegung

Noch vor Anbruch des Abends sollen die Körper der Hingerichteten beseitigt werden, damit das bevorstehende Passafest, das "Fest der Verschonung", auch von deren Anblick verschont bleibt. Josef von Arimathäa, ein vornehmer Ratsherr, holte sich von Pilatus die Erlaubnis, den Leichnam Jesu vom Kreuz abzunehmen und in einem Felsgrab zu bestatten. Damit war alles am Rüsttag nötige getan, um den [3] anschließenden Sabbat der Tradition gemäß zu begehen.

Rasche Spurenbeseitigung als Maßnahme der Verdrängung unwillkommener Ereignisse aus dem Bewusstsein der Bevölkerung hat Tradition. Die Methode, einfach zur Tagesordnung überzugehen, wird immer wieder wie selbstverständlich praktiziert. Dass man es auch mit Jesus ähnlich halten wollte, darf nicht verwundern, schmerzt aber auch.

Das beschämendste Ereignis der Weltgeschichte hat nicht dazu geführt, dass Folterungen und Hinrichtungen endeten. Das ist beschämend und tief traurig. Tiefe Traurigkeit bedrückte damals die Angehörigen und Jünger von Jesus Christus. Im Gedächtnis an Karfreitag ergreift diese Traurigkeit auch heutige Christen. Die Schmerzen dieses Tages werden aber aufgehoben im Wunder der Auferstehung nach der Zeit der Grabesruhe.


LINKS:
[1] Essay Die Karwoche: www.publicationes.de/wissen/christliche-oekumene/89-karwoche.html - zurück zu [1] -
[2] Essay Gründonnerstag: www.publicationes.de/wissen/christliche-oekumene/94-gruendonnerstag.html - zurück zu [2] -
[3] Essay Karsamstag: www.publicationes.de/wissen/christliche-oekumene/96-karsamstag.html - zurück zu [3] -


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