Gründonnerstag von Peter Denker

Glauben heißt einander dienen

Ganz Jerusalem ist an diesem Tag damit beschäftigt, das abendliche Passamahl vorzubereiten, mit dem das jüdische Pessachfest beginnt. Es wird zur Erinnerung an die Befreiung der Juden aus der Sklaverei in Ägypten gefeiert. Auch Jesus und seine Jünger zelebrieren das Passamahl. Die traditionellen Riten bekommen durch Jesus Christus aber eine neue Sinngebung, indem er das Abendmahl einsetzt. In der sich anschließenden dunklen Nacht beginnt das Drama seines Leidensweges mit den Angstgebeten in Gethsemane und der Verhaftung. Diese Schrecken haben diesem Tag der [1] Karwoche seinen ursprünglichen Namen "Greindonnerstag" (greinen = traurig klagen) gegeben.

Die Fußwaschung als beispielhafter Liebeserweis

Die Reinigung der Füße ist im Orient eine hygienisch sinnvolle und rituell ausgestaltete Handlung. Wer dem Gast die Füße wäscht, heißt ihn mit diesem Dienst aufs herzlichste willkommen. "Wer unter euch der Erste sein will, sei der Diener aller", hat Jesus die Jünger gelehrt. Maria Magdalena hatte es am [2] Vortag mit ihrem Liebeserweis anmutig getan. Mit der Fußwaschung gibt nun Jesus selbst seinen Jüngern ein beredtes Beispiel dafür (Joh 13,15) - und den Christen: Wer immer Macht hat, sollte sie als Dienst ausüben!
Wie weit der Anspruch Jesu Christi und die Wirklichkeit auseinanderfallen, ist auch ihm selbst klar. Judas Iskariot ist durchschaut und verlässt danach die Runde. Dann erklärt Jesus, worauf es ankommt: "Ein neues Gebot gebe ich euch: Liebet einander wie ich euch geliebt habe" (Joh 13,34). Auch das scheint leichter gesagt als getan. Ist also christlicher Glaube eine Zumutung?

Das Passamahl wird zum Abendmahl

'Abendmahl' - Wandrelief  in der Kirche St. Peter in Heppenheim, Foto: Peter Denker

'Abendmahl' - Wandrelief in der Kirche St. Peter in Heppenheim,
Foto: Peter Denker

Nahrung kräftigt den Körper, ein Festmahl auch die Seele. Mit dem Mahl, das Jesus am Vorabend des [3] Karfreitags gefeiert hat, hat er seinen Anhängern eine Seelennahrung für den bevorstehenden Schreckenstag und für alle Zukunft gegeben: "Sooft ihr im Gedenken an mich von diesem Wein trinkt und von diesem Brot esst, bin ich mit Leib und Blut bei euch"! An die Stelle des alten Bundes zwischen Gott und seinem auserwählten Volk, das ihm blutige Tieropfer darbringt, stiftet Jesus Christus einen neuen Bund durch die Aufopferung seines Blutes für die Menschheit. Dafür setzt er Wein und Brot als unblutige Zeichen seiner Gegenwart ein.

Wer in diesem Bewusstsein das Altarssakrament nimmt, dem ist die Teilhabe an dieser Aufopferung und Gottes Nähe als Kraftquelle verheißen. Gott bleibt nicht länger der ferne Gott, den man mit Opfern gnädig stimmen soll, sondern Gott nimmt Wohnung im Gläubigen. Wer in den Gestalten von Wein und Brot Christus gläubig in sich aufnimmt, trägt Gott in sich. Wer in diesem Bewusstsein spricht, leiht Gott seine Stimme, wer so seinen Weg geht, leiht ihm seine Füße, und wer in diesem Geiste handelt, leiht ihm seine Hände. Die Gottesebenbildlichkeit des Menschen bekommt aus diesem Geheimnis ihren Glanz. Die Würde dieses Glanzes aber ist auch eine schwere Bürde. Denn Gott in sich zu haben verlangt, im Sinne des neuen Gebotes zu handeln, das so einfach klingt und doch so schwer fällt: Abschied vom Egoismus.

In Angstgebeten fasst Jesus die qualvollen Vorahnungen seines Leidens

Gethsemane ist Olivenhain am Fuß des Ölbergs, tagsüber ein anmutiger Ort, aber in dieser Nacht der Ort, den Jesus mit den verbliebenen elf Jüngern nach dem Passamahl aufsucht, um zu beten. Der in Taizé einfühlsam komponierte Gesang "Bleibet hier, wachet mit mir, wachet und betet" lädt dazu ein, sich die dramatische Todesangst Jesu Christi in dieser Nacht zu vergegenwärtigen. Seine nach den Aufregungen dieses Tages schlafmüden Jünger versagten. Das Grauen des nächsten Tages vorhersehend betete Jesus verzweifelt zu Gott: "Wenn es möglich ist, lass diesen Kelch an mir vorübergehen; aber Dein Wille geschehe". In seiner Todesangst zeigten sich alle Anzeichen einer Agonie. Nachdem ihm wiederholt kein Jünger betend beigestanden hatte, forderte er sie auf, diesen Ort mit ihm zu verlassen.

Was hätten gute Gedanken der Jünger bewirken können? Tröstung, Stärkung, Geborgenheit. Wie oft verschlafen wir die Gelegenheit, wo jemand genau dies von uns erwartet? Fürwahr, eine Nacht zum Greinen!

Die Verhaftung von Jesus

Nahe dem Garten Gethsemane kommt Jesus und den Jüngern eine Schar bewaffneter Schärgen der Hohenpriester und Ältesten in Begleitung von Judas Iskariot entgegen. Judas "grüßt" den "Rabbi" mit dem verräterischen Kuss, um den Bewaffneten Jesus als den Gesuchten erkennbar zu machen. Daraufhin wird Jesus Christus verhaftet, als wäre er ein Schwerverbrecher. Er gebietet Petrus Einhalt, der ihn mit seinem Schwert verteidigen will: "Wer zum Schwert greift, kommt durch das Schwert um". Mit Gewaltlosigkeit gegen Gewalt: Konsequent und treu dem neuen Gebot. Auch der Disput mit den bewaffneten Männern, weshalb sie ihn nicht dort ergriffen hätten, wo er täglich gelehrt habe, bleibt erfolglos. Jesus wird abgeführt und am Folgetag gerichtet. Die Jünger fliehen. Es ist zum Greinen!

Die Ereignisse des Gründonnerstags stimmen nachdenklich

Alle sind sich einig: Das Gebot des Dienens verdient Beachtung. Würden es doch wenigstens die Minister, deren Berufsbezeichnung von "ministrare" (lat. dienen) herrührt, es beherzigen! Im Gegenteil: Jene wünschen sich, dass doch die Bürger dem Staate dienten, den sie repräsentieren. Wie viele Minister und Vorgesetzte gebärden sich wie Hohepriester und kämpfen um Erlangung und Erhalt ihrer Macht? Sie dienen und bedienen sich selbst. Dienen sie aber der menschlichen Gemeinschaft? In ständig rückläufiger Wahlbeteiligung drückt sich auch die Verachtung vor der mangelnden Dienstbereitschaft und Verantwortung von Politikern aus. Sogar Bischöfe müssen sich fragen lassen, ob sie ihrer Eitelkeit oder ihren Glaubensangehörigen einen Dienst erweisen, wenn sie in Erinnerung an den Gründonnerstag die Fußwaschung in der Kirche zelebrieren. Überheblichkeit und Machtmissbrauch markieren den Weg zum Untergang. Daran hat sich in Jahrtausenden leider noch nichts geändert. Mit Gründonnerstag sollte das anders werden. Nur wird es nicht anders durch Forderungen gegenüber anderen, sondern nur durch das eigene Handeln - im Geiste der Nächstenliebe. Statt über die Finsternis zu klagen, sollten wir ein Licht anzünden. Wie gut, dass Papst Franziskus dafür ein Zeichen setzt, indem er im Bruch mit der Tradition nicht mehr Priestern sondern Armen oder Gefangenen an Gründonnerstag die Füße wäscht, und dass er Obdachlosen in Rom die Möglichkeit gibt, sich menschenwürdig zu pflegen. Auch dies Beispiele, die uns Menschen im christlichen Abendland zur Nachahmung im Umgang mit Asylanten, Flüchtlingen, Obdachlosen und Armen auffordern sollten. Dann hätten viele Menschen weniger zu greinen.


LINKS:
[1] Essay Die Karwoche: www.publicationes.de/wissen/christliche-oekumene/89-karwoche.html - zurück zu [1] -
[2] Essay Karmittwoch: www.publicationes.de/wissen/christliche-oekumene/93-karmittwoch.html - zurück zu [2] -
[3] Essay Karfreitag: www.publicationes.de/wissen/christliche-oekumene/95-karfreitag.html - zurück zu [3] -


© Copyright 2009 by PUBLICATIONES - details: www.publicationes.de/allgemeines/copyright.html