Karmittwoch von Peter Denker

Am Glauben scheiden sich die Geister

Mit diesem Tag der [1] Karwoche wird sie zur "stillen Woche". Denn die Ereignisse dieses Tages finden nicht vor den Augen der Öffentlichkeit statt. Es sind verschwörerische und intime Dinge, von denen die Evangelisten berichten. Für den dramatischen Verlauf der Karwoche aber haben die Aktivitäten des Synhedriums und der Entschluss des Judas ausschlaggebende Bedeutung. Der anmutige Liebeserweis der Maria Magdalena ist nur scheinbar überflüssig. Was können die Tagesereignisse heutigen Christen sagen?

Die Furcht der geistigen Führer vor Jesus

Die Beliebtheit, die sich Jesus durch seine Wundertaten und seine zu Herzen gehenden Worte beim Volk erworben hatte, ließ die Mitglieder des Synhedriums um ihren Einfluss und ihre Zukunft fürchten. Zudem hatte er sie noch am [2] Vortag heftig provoziert. Deswegen konnten sie nicht dulden, dass Jesus als Messias angesehen wurde und sich als solcher gebärdete. Dem konnte man nur durch Beseitigung der Person beikommen. So wurde auch der angesehene Hohepriester Kaiphas verstanden, der profetisch hatte verlauten lassen, es sei besser, wenn einer für das Volk stürbe als dass das ganze Volk durch ihn zugrunde ginge. Sie berieten daher den ganzen Tag, wie zu erreichen sei, dass Jesus Christus festgenommen, angeklagt und verurteilt werden könne, ohne das Volk gegen sich aufzubringen.

Das Verhalten der Machthaber von heute ähnelt dem der damaligen frappierend. Es muss kein Messias sein. Es genügt missliebige Einflussnahme, ja es genügt schon, Freund eines in Ungnade Gefallenen zu sein. Machthaber dulden keine Abweichler, ob man nun in die jüngere Vergangenheit schaut oder über den Ural, hinter Behördentüren oder in Parteiordnungsgremien. Kann man dazu von Jesus, dem Opfer des größten Justizskandals der Geschichte, etwas lernen? Sein Verhalten in der Passionswoche lässt erkennen, dass er dem Unrecht mit Mut offen entgegengetreten ist und bereit war, alle daraus folgenden Repressalien mit Gottvertrauen zu ertragen: Beispielhaft!

Der Liebesbeweis der Maria Magdalena

Am Abend dieses Tages war Jesus mit seinen Jüngern in Bethanien zu Gast. Gastgeber mag (laut Markus) der vom Aussatz geheilte Simon oder (laut Johannes) der vom Tod erweckte Lazarus gewesen sein, jedenfalls eine Person, die Jesus und seine Jünger in ihr Herz geschlossen hatten. Es gab ein Abendessen, das Martha auftrug, die Fleißige. Auch Maria Magdalena befand sich dabei. Jesus hatte ihr die Kraft gegeben, sich von ihrer Vergangenheit als Frau, die viele Männer geliebt hat, zu lösen. Aus großer Dankbarkeit und mit geläuterter Seele hatte sie nun Jesus lieb. Sie spürte, dass ihr nicht viel Zeit blieb, ihm das zu zeigen. Mit kostbarem Nardenöl, mit dem man Könige vor der Grablegung einbalsamiert, salbte sie seine Füße. Und mit ihren Haaren rieb sie diese wieder trocken wie einem Geliebten. Jesus ließ es geschehen. Seine Jünger ereiferten sich über diese Verschwendung, besonders Judas Iskariot. Der meinte, mit dem Geld hätte man vielen Armen helfen können. Jesus weist ihn zurecht: "Die Armen habt ihr immer bei euch, mich aber nicht." (Joh 12,8).

Wie die Jünger ereifern auch wir uns häufig über vermeintliche Verschwendung von Geld, das man besser für Nötigeres verwendet hätte. Offenbar darf es aber doch gelegentlich nutzlos verwendet werden, dann nämlich, wenn es aus Liebe geschieht.

Die Abwendung des Judas Iskariot

Seinen Jüngern hat Jesus mit seinen Anschauungen, Lehren und Erwartungen eine Menge zugemutet, auch eben wieder am Abend in Bethanien. Die meisten Schwierigkeiten hat offenkundig Judas Iskariot mit Jesus. Vieles spricht dafür, dass er auf einen messianischen Umsturz gehofft hatte und sich inzwischen in der Hoffnung auf einen das Volk befreienden Regenten getäuscht sieht. Jedenfalls machte Jesus wohl alles anders als es Judas vorschwebte. An diesem Abend nun ist das Maß mit dem Gutheißen der verschwenderischen Tat von Maria Magdalena für Judas zum Überlaufen voll. Innerlich aufgewühlt verlässt er die Runde in Bethanien und eilt wie ein Besessener nach Jerusalem, wo er den Hohenpriestern anbietet, ihnen Jesus zu verraten und dafür dreißig Silberlinge bekommt. Damit haben die geistlichen Führer den Schlüssel zur Lösung ihres Problems an die Hand bekommen, wie sie Jesus festnehmen können. Schon am nächsten Abend bietet sich die Gelegenheit dazu. Für das Heilsgeschehen der Karwoche kommt dieser Untat von Judas also entscheidende Bedeutung zu.

Über das vermutlich betroffene Schweigen der sich auflösenden Tischrunde in Bethanien schweigen auch die Evangelisten. Wie aber geht es uns, wenn wir erkennen müssen, dass wir uns in einem eng vertrauten Menschen getäuscht haben? Das schmerzt viel stärker als alle Feindseligkeit von erklärten Gegnern. Während letztere Kräfte freisetzt, sich mit den Feinden auseinanderzusetzen, entzieht uns die persönliche Enttäuschung Kräfte. Man ist wie gelähmt. Und dann? Sich mit andern eins wissen, wie Jesus mit den andern Jüngern, mag helfen. Aber das Leid annehmen können wie Jesus, das macht innere Stärke aus, die Christen als eine Frucht ihres Glaubens üben und erfahren können.

Der nächste Tag

An [3] Gründonnerstag wird den Menschen mit der Fußwaschung der Jünger beispielhaft aufgegeben, einander zu dienen, und die Kraft dazu mit der Einsetzung des unblutigen Opfer-Sakraments geschenkt.


LINKS:
[1] Essay Die Karwoche: www.publicationes.de/wissen/christliche-oekumene/89-karwoche.html - zurück zu [1] -
[2] Essay Kardienstag: www.publicationes.de/wissen/christliche-oekumene/92-kardienstag.html - zurück zu [2] -
[3] Essay Gründonnerstag: www.publicationes.de/wissen/christliche-oekumene/94-gruendonnerstag.html -


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