Kardienstag von Peter Denker

Von den Zumutungen und Verheißungen des Glaubens

In den Evangelien nimmt der Kardienstag unter den Schilderungen der [1] Karwoche besonders breiten Raum ein (Mt 21,23 - 25,46; Mk 11,27 - 13,34; Lk 20, 1 - 21,36; Joh. 2,18-22). Die von Jesus Christus an diesem Tag im Tempelbezirk von Jerusalem geäußerten Gedanken richten sich gegen die Geistlichkeit und an das Volk. Was sagen sie Christen heutzutage?

Jesus provoziert die Geistlichkeit

Der ängstlichen Sorge der damaligen Geistlichkeit (Hohepriester und Pharisäer) um Bewahrung von Tradition, Ruhe und Ordnung tritt Jesus Christus mit seiner Bibelfestigkeit, durch Gegenfragen und schonungslose Kritik gegenüber. Er hält ihnen vor, sich Gott gegenüber wie "Weingärtner" gegenüber dem Grundbesitzer zu verhalten, dem sie seinen Ertragsanteil gewalttätig verweigern. Selbstgefällige Hüter des alten Glaubens werden zu dem "Hochzeitsmahl" nicht eingeladen, mit dem Jesus die Einladung Gottes an die Gläubigen vergleicht. Auch die vermeintliche Spendenvorbildhaftigkeit der Pharisäer hält dem Vergleich mit der spärlichen "Opfergabe einer armen Witwe" nicht stand. Jesus setzt damit seine Angriffe vom [2] Vortag fort.

Heute fragen sich etliche Christen, ob nicht auch in der Kirche Pomp, Selbstgefälligkeit und Überheblichkeit zu beklagen sind und ob nicht besser mehr Bescheidenheit, Demut und Barmherzigkeit sichtbar werden sollten. Die Kritik von Jesus richtet sich gewiss nicht nur gegen jüdische Traditionalisten. Ihr Beachtung zu schenken, sollte aber nicht mit dem Blick auf andere beginnen, sondern mit dem Blick in den Spiegel: "Wo kann ich selbst bescheidener, demütiger und barmherziger sein?"; denn erwarten darf man eigentlich nur, worum man sich auch selbst glaubwürdig bemüht.

Jesus beantwortet Fangfragen

Auf die Frage nach der "Legitimität von Steuern" gibt Jesus die kluge Auskunft: Dem Staat geben, worauf er Anspruch hat, aber Gott geben, was ihm gebührt. Welche Vorstellungen er von der "Auferstehung der Toten" habe, beantwortet er schriftkonform: Sie erlangen einen engelhaften Zustand. Auf die Frage des einzelnen Juden, was denn das "höchste Gebot" sei, formuliert er den Kernsatz seiner Überzeugung: Die Liebe zu Gott und die Nächstenliebe sind die einzig relevanten Gebote! Die Prägnanz dieses Gebotes mag als das zentrale Geschenk angesehen werden, das den Kardienstag als besonderen Tag auszeichnet.

Die Reaktion der Geistlichen

Die jüdische Geistlichkeit erkennt in den Äußerungen Jesu empörende Beweise der Abkehr von alttestamentlichen Lehren und Geboten, hält ihn für einen anmaßenden, provokanten, unbelehrbaren Irrlehrer und Umstürzler, eine Gefahr für ihren Machterhalt. Naheliegend also, dass sie darauf sinnen, wie sie ihn anklagen können, um ihn mit dem Tode bestrafen zu lassen.

Das Verhalten von Jesus

Merkwürdig, dass Jesus nichts zu seinem Selbstschutz unternimmt, sich nicht verteidigt, sondern offensichtlich provozieren will. Er weiß natürlich, was auf ihn zukommt. Und er legt es anscheinend darauf an. Was er damit bezweckt, wird erst an Ostern offenbar: Seine Hinrichtung soll das letzte blutige, Gott wirklich versöhnende Opfer werden. Markus zitiert dazu aus dem Psalm 118: "Der Stein, den die Bauleute verwarfen, der ist zum Schlussstein geworden". So heißt der Stein, der - als letzter oben auf ein aus Steinen errichteten Gewölbe aufgesetzt - diesem erst Halt und Festigkeit gibt.
Dieses Motiv des Verhaltens von Jesus zu begreifen, fehlt es vielen bis auf den heutigen Tag an Verständnis. Mit der Betrachtung der Ereignisse der Karwoche mag es gelingen, sich diesem Verständnis anzunähern.

Die Ölberg-Apokalypse

Seinen Jüngern gegenüber eröffnet Jesus am Abend auf dem Ölberg ein düsteres Bild der Zukunft: Diese Welt wird keinen Bestand haben, ihr Ende wird schrecklich sein. Aber schließlich wird das Zeichen des Menschensohnes am Himmel aufleuchten und Gott die Überlebenden und die Toten richten. Im Hinblick darauf gibt er seinen Jüngern die Empfehlung: Seid wachsam; denn der Zeitpunkt des Weltendes ist ungewiss. Wer sich verhält wie ein guter Knecht oder wie eine kluge Jungfrau, dem schenkt Gott dann seine Nähe. Also beispielsweise nicht Egoisten, Machtbesessenen oder Geldgierigen.

Irgendwann, vielleicht in nicht ferner Zukunft, ist damit zu rechnen, dass auf dieser Erde die Lebensbedingungen nicht fortbestehen. In welcher Weise und wann der menschliche Größenwahn das herbeiführt, was Jesus profezeit hat, mag ungewiss sein. Eine leider nicht geringe Wahrscheinlichkeit besteht dafür, dass Klimawandel oder Terrorismusfolgen zum Weltuntergang führen. Wie "kluge Jungfrauen" sich zu verhalten, heißt im Hinblick darauf wohl: Angesichts der globalen Krisen selbst lokal verantwortlich handeln, also selbst tun, was man von andern fordert. Darauf sollten wir uns auch mit unseren "Nächsten" - gleich welcher religiösen Überzeugung - verständigen.

Der nächste Tag

Am [3] Karmittwoch, der Mitte der stillen Woche, bestimmen Emotionen wie Furcht, Liebe und Enttäuschung den Fortgang des Leidensgeschehens.


LINKS:
[1] Essay Die Karwoche: www.publicationes.de/wissen/christliche-oekumene/89-karwoche.html - zurück zu [1] -
[2] Essay Karmontag: www.publicationes.de/wissen/christliche-oekumene/91-karmontag.html - zurück zu [2] -
[3] Essay Karmittwoch: www.publicationes.de/wissen/christliche-oekumene/93-karmittwoch.html -


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