Karmontag von Peter Denker

Von der Macht des Glaubens

Über die Tage der [1] Passionswoche berichten die Evangelisten in unterschiedlicher Ausführlichkeit. Was sich am Tag nach Palmsonntag ereignet hat, beschreiben am ausführlichsten Matthäus (Mt 21) und Markus (Mk 11, 11-25). Von der "Tempelreinigung" berichten alle Evangelien (Mt 21, 10-17; Mk 11,11 / 15-17; Lk 19, 45-46 und Joh 2, 13-17). - Was sagen die Ereignisse dieses Tages heutigen Christen?

Der Feigenbaum in Betfage

Betfage, das "Haus der Feigen" war ein kleines Dorf am östlichen Hang des Ölbergs und am Wege von Bethanien nach Jerusalem gelegen. Von Anwohnern des Ortes erzählt man sich, sie hätten unter den Feigenbäumen meditiert und hellseherische Wahrnehmungen geübt. Dort hatte Jesus am [2] Vortag einige Jünger hin gesandt, um die Eselin und ihr Füllen für seinen Einzug in Jerusalem zu besorgen. Nachdem er die Nacht in Bethanien zugebracht hatte, kam er morgens durch dieses Dorf und hielt vor einem Feigenbaum inne. Zum Erstaunen seiner Jünger verfluchte er diesen Baum. Warum nur? Bestimmt nicht um die Anwohner zu schädigen. Vielmehr erteilt er mit diesem Zeichen dem dort unter den Feigenbäumen gepflegten, alt-esoterischen Schauen eine Abfuhr: Es ist überholt. "Das helle Sonnenlicht des Glaubens verdrängt das fahle Mondlicht dunkler Geheimlehren", so sieht es Emil Bock (in "Die drei Jahre", Stuttgart 1981).
In den Evangelien erklärt Jesus die sofort erkennbare Wirkung seines Fluchs den verwunderten Jüngern mit dem Hinweis auf die Macht des Glaubens, der sogar Berge versetzen kann (Mk 11,23). Gedanken haben Kraft, sie können beschädigen oder heilen. Jemandem Böses wünschen, bleibt nicht wirkungslos, jemanden mit guten Gedanken begleiten hilft ihm gewiss. "Vergebung - um Gottes Willen" lautet die ausdrückliche Aufforderung an die Jünger (Mk 11,26).

Lahme, Blinde und Kinder

Vor dem dominanten Ereignis des Tages, der Tempelreinigung, schenkt Jesus Christus einigen, die ohne ihn nicht gehen oder sehen können, die wunderbare Erfahrung, dass sie es im Glauben an ihn doch können (Mt 21,14). Kinder, die ihm begegnen, spüren, dass da ein königlicher Mensch auf sie zukommt. Während den Erwachsenen am Vorabend durch die Hohenpriester schon Einhalt geboten worden ist, rufen sie ihm - davon unbeeindruckt - ihr "Hosanna" entgegen. Und er lobt sie wegen ihrer Fähigkeit der echten, unbeeinflussten Wahrnehmung, die schon im Alten Testament als Gott wohlgefällig gepriesen wird (Ps 8,3).

Die Tempelreinigung

In der Vorwoche des jüdischen Passafestes herrscht im Tempelbezirk in Jerusalem geschäftiges Treiben. Von der Spiritualität der Gedächtnisfeier an die Errettung der Erstgeborenen vor dem Würgengel (Num 11,5) ist in dem daraus entstandenen Jahrmarktstreiben in dem riesigen Tempelvorhof nichts mehr zu spüren. Händler und Geldwechsler verdienen prächtig daran, gewiss auch die Hohenpriester. Das Treiben kennzeichnet die Veräußerlichung der blutigen Opferhandlungen und die Dekadenz der zum Geschäft verkommenen alten Riten. Aus dem Tempel war eine "Markthalle" und "Räuberhöhle" geworden. Durch das Umwerfen von Tischen, das Öffnen von Taubenkäfigen und das Hinaustreiben von Händlern entstand ein Tumult, mit dem Jesus seiner Empörung Ausdruck gegeben hat: "So nicht!" lautet die aktuelle Botschaft, die bloße Geschäftemacherei als solche demaskiert und verurteilt. Als eigentliches Ziel seiner Handlung gilt (nach Martin Hengel und Anna-Maria Schwemer "Jesus und das Judentum", Tübingen 2007) der gleichnishafte Hinweis auf die anbrechende Gottesherrschaft, wie sie bei Sacharja (Sach 14,9) angekündigt ist.

Die Entrüstung der Geistlichkeit

Wie immer, wenn sich jemand gegen Mächtige stellt, sind auch die Pharisäer und Hohenpriester empört über den, der ihr einträgliche Geschäft und ihren Einfluss schädigt. Die Volksführer warten nur darauf, dass sich ein Vorwand fände, den Missliebigen mundtot zu machen. Sie fordern ihn auf, sich zu rechtfertigen. In den synoptischen Evangelien heißt es, dass Jesus es durch die unbeantwortete Gegenfrage nach der Herkunft Johannes des Täufers erreicht, die Frage nach seiner Messianität unbeantwortet zu lassen. Johannes erzählt (Joh 2,19), wie er die Empörung der Geistlichkeit durch Provokation noch steigert: Mit dem Bild von der Zerstörung des Tempels, den er in nur drei Tagen wieder aufbauen werde, bietet er ihnen eine Handhabe, ihn der Gotteslästerung zu bezichtigen. Seine Jünger sind entsetzt. Erst nach Ostern verstehen sie den eigentlichen Sinn dieses Satzes: "Tempel" meint den wieder auferstehenden, unvergänglichen Leib Christi. Die Wahrheit kann man nicht töten, wenn man den umbringt, der sie ausspricht.

Was Jesus Christus der Geistlichkeit und seinen Jüngern darüber hinaus zumutet und den Christen verheißt, zeigt sich am [3] Folgetag.


LINKS:
[1] Essay Die Karwoche: www.publicationes.de/wissen/christliche-oekumene/89-karwoche.html - zurück zu [1] -
[2] Essay Palmsonntag: www.publicationes.de/wissen/christliche-oekumene/90-palmsonntag.html - zurück zu [2] -
[3] Essay Kardienstag: www.publicationes.de/wissen/christliche-oekumene/92-kardienstag.html -


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