Osterandacht verstehen von Peter Denker

 

Ein Dialog über die Frage "Warum gehst du am Ostermorgen zu einer Quelle?"

 

Meine Enkelin Katlin hat die ‹1› Beschreibung des Spaziergangs am Ostermorgen gelesen und bekundet offen, sie verstehe den Sinn des Ganzen nicht. Nachfolgend unser Dialog:

Warum zu einer Quelle, Opa Peter?

Meine liebe Katlin, du kennst den Kreislauf des Wassers, den die Sonnenwärme in Gang hält: Sie macht, dass Wasser über dem Meer verdunstet, das sich in Wolken sammelt, die der Wind über die Erde schiebt und aus denen es regnet. Der Regen nährt die Erde und versickert. Erdschichten reinigen das Wasser, das in Quellen sauber und frisch zu Tage tritt und über Bäche und Flüsse zum Meer zurückfließt. Wie mit dem Kreislauf des Wassers, ist es auch mit dem menschlichen Leben. Es hört nicht auf, wenn der Körper eines Verstorbenen in die Erde gelegt ist, sondern seine Seele lebt weiter. Vergleichbar dem Wasser aus der Erdentiefe, das an der Quelle wieder zutage kommt, hat Jesus Christus mit seiner Auferstehung an Ostern wieder Gestalt angenommen. Darum nennt man die Quelle ein Sinnbild für die Auferstehung und für die Unvergänglichkeit des Lebens.

Woher weißt du das?

Geahnt haben das manche Menschen immer schon. Gewissheit ist es geworden, als Jesus Christus nach seiner Hinrichtung und Grablegung am Ostermorgen nicht mehr in seinem Grab gelegen hat, sondern Menschen begegnet ist. Er ist ihnen in einer Gestalt erschienen, die sie sehen und wiedererkennen konnten. Die Gestalt heißt in der Bibel ‚verklärter Leib'. So ein Leib besteht nicht aus Materie, ist aber sichtbar und kann mit den Menschen reden. So haben ihn am Ostermorgen Menschen erlebt, die sein Grab trauernd aufsuchten. Jesus Christus hatte es ihnen vor seinem Tod versprochen. Damals konnten sie es kaum glauben. Am Ostermorgen aber haben sie es erlebt. Und sie waren darüber zuerst sehr erschrocken und aufgeregt über das Erlebnis: "Jesus Christus lebt, er ist wahrhaftig auferstanden!". Das löste bei seinen Jüngern jubelnde Freude aus.

Warum vor Sonnenaufgang?

Der täglich wiederkehrenden Aufgang der Sonne hat auch eine sinnbildliche Bedeutung: Nach der dem Tod verwandten nächtlichen Dunkelheit, geht am Morgen wieder die lebensspendende, wärmende Sonne auf. Der Sonnenaufgang an Ostern ist nicht nur Zeitpunkt der Auferstehung von Jesus Christus, sondern auch Sinnbild für die Auferstehung der Toten, die Christus den Menschen versprochen hat. Der Sonnenaufgang schenkt uns also nicht nur jeden neuen Tag. Er schenkt uns auch die Gewissheit, dass wir am Lebensende nicht in der Dunkelheit des Todes bleiben. Wie Jesus Christus werden auch wir nach dem Tod in ‚verklärtem Leib' neues Licht geschenkt bekommen. Wer also vor Sonnenaufgang am Ostermorgen zu einer Quelle geht, möchte diesen bedeutenden Augenblick nicht verpassen. Denn dieser Sonnenaufgang ist es, der an das Geschehen und an das Versprechen von Jesus Christus erinnert, wie kein anderer.

Warum zu Fuß dorthin?

Beim Zufußgehen können einem viele Gedanken kommen. Darum unternimmt man auch jede Wallfahrt nach Möglichkeit zu Fuß. Das Sich-auf-den-Weg-machen ist nämlich nicht nur eine Art der Fortbewegung des Körpers. Auch Gedanken wandern mit. Wenn du dich mit bedächtigen Schritten an etwas annäherst, kommst du gut dort an. Das verlangt meist eine kleine Anstrengung. Die belohnt dich mit dem Gefühl der Zufriedenheit, wenn du sie geschafft hast. Sich österliches Quellwasser kommen zu lassen, hätte nicht die gleiche Wirkung, wie es selbst an der Quelle zu schöpfen. Das wirst du erleben, wenn du mitkommst.

Was ist eine Wallfahrt?

Es ist eine Reise zu einem besonderen, schon verstorbenen Menschen, den viele Menschen verehren und lieb haben. Indem man sein Grab oder den Ort aufsucht, an dem er gelebt hat, werden Erinnerungen an ihn lebendig, die in Berichten über sein Wirken überliefert sind. Pilger erleben bei ihrer Wallfahrt, dass sie dem so Verehrten in ihren Gedanken immer näher kommen. Sie können sein Denken und Wirken im Laufe der Wallfahrt immer besser verstehen. Am Ziel der Wallfahrt empfinden deswegen viele Pilger Freude und fühlen sich gestärkt. Manche erleben dann sogar ihre Heilung von Krankheit oder Leid.

Warum geht man zusammen mit andern?

Du weißt ja, liebe Katlin, was man gemeinsam unternimmt, macht mehr Freude. Bei Unternehmungen, die mit dem Glauben an Jesus Christus zu tun haben, gibt es darüber hinaus etwas Besonderes. Denn er hat den Menschen versprochen: ‚Wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind, da bin ich mitten unter ihnen'. So lebt der Glaube vor allem in der Gemeinschaft von Menschen. Er verbindet sie. Der Gang zur Osterquelle verbindet also die Menschen, die ihn gemeinsam unternehmen, auch zu einer Gemeinschaft. Diese Pilger wollen sich an Tod und Auferstehung von Jesus Christus erinnern. Am Ziel ihrer kleinen Wallfahrt wünschen sie sich, wieder zu spüren, was sie längst wissen: Jesus Christus ist auch für jeden von ihnen auferstanden.

Weshalb schweigt man auf dem Weg dorthin?

Wenn wir uns der Osterquelle nähern, tun wir es eben nicht nur mit den Füßen, sondern auch mit Gedanken und mit dem Herzen. Reden kann ablenken. Schweigen aber lenkt die Gedanken auf das Wichtige. Schweigen fällt uns manchmal schwer. Es ist aber eine gute Übung. Je öfter und intensiver man schweigend nachdenkt, desto mehr innere Klarheit gewinnen die Gedanken. Wer auf dem Weg zur Osterquelle schweigend über Jesus Christus nachsinnt, kommt auch mit seinem Herzen dort an.

Was erlebst du an der Osterquelle?

Wenn alle schweigend um die Quelle herum stehen, höre ich nur das Vogelgezwitscher und das Geplätscher der sprudelnden Quelle, manchmal noch fallende Regentropfen. Die Dämmerung hat abgenommen und die Sonne geht auf, es wird allmählich immer heller. Ein neuer Tag hat die Nacht überwunden. Das lebendig frische Quellwasser lädt mich ein, es zu nehmen, um seiner Bedeutung nahe zu kommen, nämlich dem Versprechen der Unvergänglichkeit des Lebens.

Warum wäschst du dir dort Hände, Ohren und Augen?

Es ist nicht, um sich äußerlich zu reinigen. Das haben wir ja schon gleich nach dem Aufstehen besorgt. Es geht jetzt darum, es seiner Bedeutung entsprechend zu mir zu nehmen. Indem Jesus Christus auferstanden ist, haben das Hören, Sehen und Handeln der Menschen eine neue Richtung gezeigt bekommen, nämlich ihn als Vorbild. Um wie er liebevoll wahrzunehmen und zu handeln, braucht man saubere Ohren, klare Augen und reine Hände. Indem wir sie in lebendigem Quellwasser reinigen, geben wir dem Wunsch Ausdruck: Wir wollen verständnisvoll zuhören, wohlwollend beobachten und beherzt handeln. Diese Vorsätze nehme ich jedes Jahr wieder von der Osterquelle mit in den Alltag.

Und warum trinkst du von dem Quellwasser?

Einerseits reinigt es die Zunge und den Mund; denn was wir sagen, will liebevoll bedacht sein, bevor wir es äußern. Andererseits reichen wir einander das Wasser zum Trinken als Zeichen der Verbundenheit mit einander und mit Jesus Christus. Manche erinnern sich dabei an ihre eigene Taufe, mit der sie von Schuld befreit und in die christliche Glaubensgemeinschaft aufgenommen worden sind. Einige denken beim gemeinsamen Trinken auch an das Abendmahl von Jesus Christus mit seinen Jüngern und verspüren den Wunsch nach seiner Nähe und seinem Segen.

Wozu wird das Osterevangelium vorgelesen?

In der Lesung des Evangeliums vergegenwärtigen wir uns Jesus Christus und das Ereignis, für das wir den Weg zur Quelle unternommen haben. Natürlich kennt es jeder schon. Aber wichtige Dinge muss man wiederholen, um sie dauerhaft im Gedächtnis zu haben, das weißt du aus der Schule. Die jährliche Wiederholung der wichtigsten Geschehnisse im Leben von Jesus Christus über das Kirchenjahr hin macht uns deren Bedeutung für das eigene Leben immer wieder aufs Neue bewusst. Das gibt uns Klarheit, Richtung und Kraft. Man sollte Ostern nicht feiern ohne zu wissen warum. Wir müssen uns selbst immer wieder daran erinnern. Sonst meinen wir am Ende womöglich, Ostern hätte nur mit dem Osterhasen oder den Ostereiern zu tun.

Haben denn die Ostereier nichts mit Ostern zu tun?

Doch, natürlich. Das Ei ist ja auch ein Symbol für neues Leben. Es passt also zu den Ostergedanken des unvergänglichen Lebens und der Auferstehung. Aber ohne inneren Bezug dazu sind Osterhasen, gekochte oder gefärbte Eier oder Schokoladenformen reine Äußerlichkeiten. Wenn Menschen solche käuflichen Sachen für Ostern halten, fehlt ihnen die Freude, die ihnen das Osterfest seiner Bedeutung nach schenken könnte.

Wozu denn Osterlied und Vaterunser an der Quelle?

Du meinst, beides gehöre in die Kirche? Gewiss auch, aber nicht ausschließlich. Zu singen, wenn man Gefühle mit einander teilt, ist eine schöne und lebendige Form, ihnen gemeinsam Ausdruck zu geben. Du wirst mitsingen mögen, wenn dir danach ums Herz ist, nicht nur in der Kirche. Mit dem Vaterunser ist es ähnlich. Das alle Bitten einschließende Gebet hat überall im Leben einen wichtigen Platz. An Ostern ist es das Preisgebet dafür, dass unser Leben nicht mit dem Tod aufhört.

Woher weiß du das alles, Opa Peter?

Lange schon unternehme ich Jahr für Jahr am Ostermorgen mit Freunden den Weg zu einer Quelle so, wie ich ihn beschrieben habe. Bisher habe ich das immer als schön und kraftspendend erlebt. Indem du mich eben dazu befragt hast, ist mir vieles klarer und bewusster geworden, was ich vorher noch nicht so deutlich formuliert habe. Darum hab vielen Dank für deine Fragen, meine liebe Katlin!

Nachwort:

Beim Aufschreiben unseres Gesprächs ist mir ein Ausspruch des 1999 verstorbenen Dom Helder Camara wieder eingefallen, einem Bischof aus Brasilien, der sich mit aller Kraft für die Menschenrechte eingesetzt hat. Er hat einmal von sich gesagt: "Jeder meiner Schritte ruft mir in Erinnerung, dass ich - wohin ich auch gehe - immer zur Ewigkeit unterwegs bin."
Passt dieser Gedanke nicht auch wunderbar zu unserem Weg zur Quelle an Ostern?


LINK:
‹1› Essay "Sonnenaufgang am Ostersonntag" - Wie man Ostern an einer Quelle feiern kann: www.publicationes.de/wissen/christliche-oekumene/88-ostermorgen.html
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