Pfingsten verstehen von Peter Denker

'Heiliger Geist' als Zumutung und Geschenk

Das Fest Pfingsten - 50 Tage (pentekosté) nach Ostern - erinnert an das Geschenk des Heiligen Geistes und dessen Auswirkungen. Neben [1] Weihnachten und [2] Ostern ist es als Kirchenfest mit zwei Feiertagen im Kirchenjahr ausgezeichnet. Was hat es damit für eine Bewandtnis und welche Bedeutung kann dieses Fest der "Ausgießung des Heiligen Geistes" in der heutigen Zeit haben?

J.M.Roscher um 1735 'Die Ausgießung des Hl. Geistes' - Deckengemälde im Café am Markt in Schwäbisch Hall, Foto von Peter Denker

'Die Ausgießung des Hl. Geistes' - Deckengemälde (um 1735) im
Café am Markt Schwäbisch-Hall, Foto: Peter Denker

Traditon von Pfingsten

Schon in jüdischer Tradition gibt es das Fest Schawuot, das 7 Wochen nach dem Passahfest in Erinnerung an die Offenbarung der Tora gefeiert wird. Zur Zeit dieses Festes hat sich im Jahr der [3] Passion, Auferstehung und [4] Himmelfahrt von Christus in Judäa das in der Apostelgeschichte (Apg 2, 1-4) berichtete "Pfingstwunder" ereignet. Es bewirkte, dass die Jünger sogar von Menschen anderer Herkunft und fremder Sprache verstanden wurden und dass sie selbst diese verstanden. Die Begeisterung der Jünger - symbolisch dargestellt durch Flammen über ihren Köpfen - übertrug sich auf die Menschen, zu denen sie sprachen. Eine große Zahl ließ sich daraufhin taufen (Apg. 2, 37-41). Deswegen wird Pfingsten auch als Gründungsereignis der christlichen Kirche angesehen.

Nur Menschen haben Geist

Jeder Mensch kann wahrnehmen, empfinden und wollen. Auch Tiere können das. Sogar mit Lauten und Gesten kommunizieren, können Tiere ähnlich wie Menschen. Was den Menschen aber vor den Tieren auszeichnet, ist seine Fähigkeit, in Begriffen zu denken, sich selbst und sein Denken zum Gegenstand des Nachdenkens zu machen, seine Gedanken und Empfindungen verbal auszudrücken und mit einander auszutauschen. Auch die erlernbare Kompetenz, Beobachtungen aus verschiedenen Perspektiven betrachten und damit Empfindungen beeinflussen zu können, gehört dazu. Geradezu wunderbar mutet an, dass der Geist nicht statisch und begrenzt ist, sondern sich zu immer neuen Erkenntnissen und Kompetenzen hin fortentwickeln kann. Gläubige Menschen sehen darin ein Geschenk Gottes, mit dem er die Menschen sich selbst ähnlich ausgestattet hat. Der Mensch ist fähig, metaphysische (über die sinnlich wahrnehmbaren Eindrücke hinausgehende) Fragen zu stellen und zu bedenken. Der Mensch ist sich seiner selbst bewusst, verfügt über [5] Bewusstsein. Das befähigt ihn zur Philosophie und zu aller Wissenschaft. Und das verpflichtet ihn zur ethischen Rechtfertigung seines Tuns. Jeder Mensch hat ein Gewissen. Jeder Mensch ist mit Geist begabt. Was braucht es da "Heiligen Geist"?

Heiliger Geist - Geist Gottes

Vom Wortstamm "heil" (kräftig, intakt, gesund) her ist deutlich, dass Heiliges etwas heil macht. Als "Heilige" verehren Christen Menschen, die ihren Glauben in vorbildlicher Weise gelebt und bezeugt haben. "Heiliger Geist" bekommt diesen Namen wegen seiner Herkunft (was Gott sendet, ist heilig) und wegen seiner Wirkung (Geist, der heil macht). Christus selbst hat "Gottes Geist" (den er wie eine Taube vom sich öffnenden Himmel auf sich herabkommen sah, Matth. 3, 16) nach seiner Taufe empfangen, die ihm Johannes der Täufer im Jordan gespendet hat.

Gerda Dittmann 'Jordantaufe' - Acryl auf Leinwand, Foto: Peter Denker

'Jordantaufe' von Gerda Dittmann - Acryl auf Leinwand,
Foto: Peter Denker

Heiliger Geist - Zumutung und Geschenk

Johannes (Matth. 3,2) und Christus selbst (Matth. 4, 17) haben die zentrale Aufforderung an die Menschen "metanoeite" (denket um) verkündet und hinzugefügt, "die Regentschaft der Himmel ist nämlich da". Die Fähigkeit, anders als gewohnt zu denken, ist beängstigend und befreiend, ist Geschenk, Herausforderung und Zumutung zugleich. Die Herrschaft der Himmel, das "Reich Gottes" bricht damit an: Das Göttliche im Menschen erweist sich in dem Maße, in dem es ihm gelingt, anders zu denken und nachdenklicher zu sein, also von seinem Geist heilbringend Gebrauch zu machen. "Heiliger Geist" hat Johannes den Täufer befähigt, Feuer und Flamme zu sein bei der Ankündigung des Erlösers. "Heiliger Geist" hat Christus befähigt, mit seiner Verkündigung die Christenheit bis heute zu begeistern und in die Pflicht zu nehmen. Denn das Umdenken und die Verwirklichung des Gebots der Nächstenliebe sind keine leichten Aufgaben. Mit dem Pfingstwunder ist der Heilige Geist der ganzen Christenheit geschenkt worden. Daraus kann jeder Christ Orientierung gewinnen und Kraft schöpfen.

Grund, Pfingsten zu feiern

Christen haben nicht nur den Geist, der allen Menschen gegeben ist, sondern mit dem Pfingstereignis eine geistige Kraft hinzugeschenkt bekommen, die ihnen hilft, den Zumutungen eines christlichen Lebens, also eines Lebens im Geiste von Jesus Christus, gewachsen zu sein. Die Art dieser Orientierung und die Wirkung dieser geistigen Kraft sind auf wunderbare Weise in Galater 5,22 formuliert:

"Die Frucht aber des Geistes ist Liebe, Freude, Friede, Langmut,
   Freundlichkeit, Güte, Treue, Sanftmut und Selbstbeherrschung"
.

Sich dieser Gaben bewusst zu werden ist der die Zeiten überdauernde Impuls, Pfingsten immer wieder dankbar zu feiern.


LINKS:
[1] Essay Bedeutung von Weihnachten: www.publicationes.de/wissen/christliche-oekumene/105-weihnachten.html - zurück zu [1] -
[2] Essay Sonnenaufgang am Ostersonntag: www.publicationes.de/wissen/christliche-oekumene/88-ostermorgen.html - zurück zu [2] -
[3] Essay Die Karwoche: www.publicationes.de/wissen/christliche-oekumene/89-karwoche.html - zurück zu [3] -
[4] Essay Himmelfahrt: www.publicationes.de/wissen/christliche-oekumene/103-himmelfahrt.html - zurück zu [4] -
[5] Essay Bewusstsein schulen: www.publicationes.de/bildung/kompetenzentwicklung/53-bewusstsein-schulen.html - zurück zu [5] -


© Copyright 2009 by PUBLICATIONES - details: www.publicationes.de/allgemeines/copyright.html