Himmelfahrt von Peter Denker

Hoffnung auf ein gutes Ende

Himmelfahrt ist hierzulande ein gesetzlicher Feiertag. Tatsächlich wird deutschlandweit an diesem Tag Vatertag gefeiert: Und wie! Nicht, dass man dabei den Vätern Ehre erweist. Nein, die schlagen selbst über die Stränge, als ob sie nicht Väter wären, sondern der Pubertät kaum entwachsen. Alkohol bis zum Abwinken. Die traurigste Folge drückt sich in der Tagesverkehrsopferstatistik aus: Dreimal so viele Verkehrstote wie an andern Tagen gehen an Himmelfahrt auf Alkoholkonsum zurück, Jahr für Jahr wieder. Wo bleibt unsere Verantwortung für uns selbst, für einander und für die nachwachsende Generation? Was für ein Vorbild bekommen unsere Kinder? Unverantwortlich ist solches Verhalten und zudem schamlos die Missachtung des christlichen Hochfestes. Ist es nicht überfällig, sich den ursprünglichen Sinn des Feiertags zu vergegenwärtigen?

Ein Bildausschnitt

Eine der ältesten bildlichen Darstellungen der Himmelfahrt findet sich auf einem Elfenbein-Relief, das in Mailand oder Rom um das Jahr 400 entstanden ist, der so genannten "Reiderschen Tafel". Sie ist im [1] Bayerischen Nationalmuseum München ausgestellt, ihr Foto (von Andreas Praefcke) im [2] Internet zu finden.

Ein Ausschnitt aus dieser Reiderschen Tafel verdient besondere Aufmerksamkeit:

Ausschnitt aus der Reiderschen Tafel, Foto: Andreas Praefcke, Bearb.: Peter Denker

Ausschnitt aus der Reiderschen Tafel,
Foto: Andreas Praefcke, Bearb.: Peter Denker

Dem aufwärts schreitenden Christus streckt sich aus den Wolken des Himmels die väterliche Hand Gottes entgegen. Sein Leidensweg und die Auferstehung seines verklärten Leibes haben nun ihr Ziel erreicht: Ankunft beim himmlischen Vater. - Was sagt uns das heute?

Gleichnis des Lebens

Das Leben jedes Menschen gleicht dem Emporstreben auf einer langen Treppe, die zum Himmel führt.

Jim Warren "STAIRCASE TO HEAVEN"

[3] Jim Warren: STAIRCASE TO HEAVEN

Ihr Ende ist nicht in Sichtweite. Ihr Anfang ist die Geburt: Aus der bergenden Hülle des Mutterleibes hinaus in die harte Wirklichkeit. Lerne zu atmen, zu greifen, zu essen, zu sprechen, zu laufen, zu denken, zu lernen, zu arbeiten, zu lieben, zu glauben, zu hoffen, zu leiden, und lerne zu sterben. Stufe für Stufe. Leben heißt lernen.
Die Treppenstufen des Lebens sind nicht ebenmäßig. Manche Stufe nimmt sich leicht, andere scheinen hoch und mühsam, nur einige wenige laden zum Verweilen ein.

Erhebende Phasen - Grund zur Freude

Viele Stufen haben anscheinend den Zweck, uns zu einem Ziel zu führen, das wir erreichen sollen oder wollen: Einschulung, Schulwechsel, Schulabschluss, Berufsausbildung, Beförderung, Pensionierung. Einige Abschnitte der Treppe laden zu leidenschaftlich-begeistertem Voranschreiten ein: Partnersuche, berufliches oder ehrenamtliches Engagement.
Hier und da gibt es Zwischenpodeste frohen Verweilens in glücklichen Stunden: Gemeinsamkeit mit dem Lebenspartner, Spiel mit den Kindern, ein glücklicher Traum oder beglückender Film, eine faszinierende Landschaft, Freude über eine verständnisinnige Begegnung oder ein gelungenes Vorhaben, Stolz auf ein erreichtes Ziel. Die Augenblicke, in denen die Seele als lebendig und angerührt wahrgenommen wird, gehören zu den schönsten Geschenken des Lebens. Es sind Augenblicke, die durch die Figur am rechten Rand des Bildes verkörpert werden: Das Knie auf weiches Polster gestützt, den Blick dankbar nach oben gerichtet, die Hände offen nach vorn weisend. Sie scheint zu fragen: Wie habe ich das verdient?

Bedrückende Phasen - Grund zum Verzagen?

Beschwerliche Treppenbereiche sind auszuhalten, wie es die Figur daneben, auf hartem Grund kniend mit gebeugtem Rücken und kummervoll die Augen verschließenden Händen ausdrückt. Enttäuschung, Schmerz, Leid, Krankheit, Verlust, Misserfolg, Verzweiflung. Auch sie gehören als Phasen zum menschlichen Leben, sind unvermeidliche Stufen der Persönlichkeits-Entwicklung. Von Dunkelheit umfangen empfindet sich, wer die Hände vor die Augen hält. Wie soll es nur weitergehen?
Schlimmer noch, wenn man das Gefühl hat, die Treppe hinuntergestoßen zu sein: Trennung, Scheidung, Amputation, Arbeitslosigkeit, Verlust eines lieben Menschen durch Unglück oder Tod, Verlust eigener Fähigkeiten durch Unfall, Krankheit oder Alter. Der Leidende fragt: Warum muss ich das aushalten? Warum muss ich das ertragen? Ist es wirklich ein Segen, dem leidenden Christus ähnlicher zu werden? Woher die Kraft dazu nehmen?

Himmelfahrt - Grund zur Hoffnung!

Eine Antwort auf die quälenden Fragen findet sich auch im Bild der Reiderschen Tafel: Irgendwo auf der Treppe unseres Lebens streckt sich uns dieselbe väterliche Hand entgegen, die uns zu sich zieht wie Christus bei seiner Himmelfahrt.
Es wird wohl keine Befragung erfolgen: Was hast du geliebt, was gelitten, was gelernt? Auch nicht: Wie hoch bist du gekommen, wie oft gestolpert, wie tief gefallen? Diese Fragen sollte jeder beizeiten sich selbst beantworten. Vielmehr geht von dem Bild die Botschaft aus, dass des Menschen Treppensteigen sein Ende findet, indem eine väterliche Stimme gütig sagt: Mein liebes Kind, den Rest der Treppe schenke ich dir. Das genau kann doch wohl als die zentrale Botschaft der Himmelfahrt Christi gelten.

Gerda Dittmann 'Himmelfahrt', Öl auf Leinwand

Gerda Dittmann 'Himmelfahrt', Öl auf Leinwand

Das fürwahr ist ein Grund zu feiern, aber ohne Alkohol-Exzesse, friedlich, besinnlich, im Kreis von Menschen, die uns lieb und wichtig sind, sei es in einem Gottesdienst oder bei einem Gespräch, egal wann. Himmelfahrt kann täglich sein. Das unterscheidet Himmelfahrt auch vom sogenannten Vatertag.
Und deswegen sollte man die beiden - wie in anderen Ländern üblich - doch besser trennen!

 


LINKS:

[1] extern Bayerisches Nationalmuseum : www.bayerisches-nationalmuseum.de - zurück zu [1] -
[2] extern Foto der Reiderschen Tafel: http://commons.wikimedia.org/wiki/Image:Reidersche_Tafel_c_400_AD.jpg - zurück zu [2] -
[3] extern Homepage von Jim Warren: http://www.jimwarren.com/site/ - zurück zu [3] -


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