Don Giovanni von Karl Rüdiger

 

Eine inspirierende Opern-Inszenierung

 

Der Fernsehsender 3sat hat am 03. August 2002 die Oper "Don Giovanni" von W.A. Mozart von den Schwetzinger Festspielen übertragen - in einer Inszenierung von ‹A› Achim Freyer aus dem Jahr 1988, dirigiert von Thomas Hengelbrock. Unter seiner Leitung musizierte ein ausgewähltes Solistenensemble und es spielte das Balthasar-Neumann-Ensemble.

Ohne gezielte Suche stieß der Autor surfend auf diese Übertragung. Was er da zu sehen bekam, war so überraschend, ungewöhnlich und zugleich fesselnd, dass er kurzentschlossen auf einem Skizzenblock festhielt, was sich auf dem Bildschirm darbot. Zwar war ihm die Musik ganz und gar vertraut, aber die Inszenierung, in Sonderheit die ungewöhnlichen Kostüme weckten sein Interesse. Diese Kostüme hat ‹B› Maria-Elena Amos entworfen, passend zu Bühnenbild und Regie von Achim Freyer. Dem begeisterten Theaterliebhaber wurde schnell klar, was diese Übertragung von anderen so deutlich unterschied und ihn so in den Bann zog: Das war überzeugendes modernes Regietheater "par excellence"! Der in flüchtigen Skizzen optisch festgehaltene, überwältigende Eindruck inspirierte den Drechsler zum Entwurf ähnlicher Figurinen als Werkskizzen (Abb. 1).

 

Figurinen der handelnden Personen in Mozarts Don Giovanni

 

Werkskizze
Abb. 1 - Figurinen zu den Personen der Handlung in Mozarts Don Giovanni (Werkskizze)

 

In Lesereihenfolge stellen die skizzierten Figurinen die Personen der Handlung dar:

    Donna Anna, Tochter des Komtur
    Donna Elvira, Don Giovannis verlassene Geliebte
    Don Ottavio, Verlobter von Donna Anna
    Don Giovanni, ein junger Edelmann
    Masetto, ein Bauer,
    Zerlina, seine Braut, eine Bäuerin
    Leporello, Don Giovannis Diener
    Der Komtur, Vater von Donna Anna.

Nicht figürlich dargestellt werden Bauern, Bäuerinnen, Musikanten und Diener (Chor).

 

Tableau
Abb. 2 - Tableau der nach der Werkskizze gefertigten Figuren

Wie sollte Don Giovanni inszeniert werden?

Mozart selbst hat Don Giovanni in sein Werkverzeichnis als "Opera buffa" eingetragen mithin als komische italienische Oper im Gegensatz zur ernsten "Opera seria". In der Musikwissenschaft wird Don Giovanni als "Opera Semiseria" eingestuft, als halbernste Oper also, und in Opernführern nennt man Don Giovanni ein "Dramma giocoso", also ein 'lustiges Drama'. Bezogen auf Opern ist diese Bezeichnung gleichbedeutend mit "Opera Buffa". Daraus hat sich im Laufe der Zeit die "Opera semiseria" als eigenständiger Operntypus entwickelt.

Indem die Darsteller sich - wie in der Opera buffa häufig anzutreffen - mit Augenmasken und auffälligen Kostümen verkleiden, folgen sie der Tradition der ‹1› Commedia dell'arte.

Die Inszenierung von Achim Freyer lässt die Personen der Handlung unterschiedlichen Operntypen zuordnen. Das wird schon in der Darstellung der Figuren im Tableau der Abb. 2 erkennbar und soll anhand der folgenden Detailabbildungen verdeutlicht werden.

 

Masetto und Zelina
Abb. 3 - Masetto und Zerlina

Ihre Statur und Kleidung weisen Zerlina und Masetto als zwei Menschen von einfacher Herkunft und dem Bauernstand zugehörig aus. Dem entsprechend gehören sie in die Welt der Opera buffa.

 

Ottavio, Anna und Elvira
Abb. 4 - Don Ottavio, Donna Anna und Donna Elvira

Abb. 4 zeigt Don Ottavio und Donna Anna in einer Kostümierung, die vergleichsweise entfernt an die gängige Mode des Adels angelehnt ist, diese aber aber in ihrer Extravaganz bei Weitem übertrifft. Sie sind charakteristische Figuren der Opera seria. Neben Donna Anna wirkt Donna Elviras Kleidung von vergleichsweise schlichter Eleganz. Da sie in der Bühnenpräsenz lebhafter und agiler ist als Donna Anna, stimmlich als lyrisch-dramatischer Sopran besetzt wird - im Gegensatz zum jugendlich dramatischen Sopran der Donna Anna -, rechnet man sie zum Personal der Opera semiseria.

 

Giovanni und Lepüorello
Abb. 5 - Don Giovanni und Leporello am Grabdenkmal des Komturs

Abb. 5 zeigt (wie die Mitte des Tableaus in Abb. 2) Don Giovanni und Leporello am Grabmal des Komturs. Letzterer zählt zweifellos zur gesellschaftlichen Oberschicht und ist damit ein Figur der Opera seria.

Links neben ihm steht Don Giovanni, der sich als Adliger der Oberschicht zurechnet. In scharfem Kontrast dazu stellt sich sein Lebenswandel als Gauner und skrupelloser Verführer dar. Eine derart gespaltene Persönlichkeit, die getrieben ist von ihren inneren Zwängen und fast pathologischen Trieben, passt so gar nicht zu den Konventionen der Komödie. Eben deshalb aber kann diese Bühnenfigur provozieren und interessieren. Giovanni und Elvira leben aus der Tradition der Opera semiseria.

Der Leporello ist der Prototyp des feigen und gefräßigen, aber witzigen und schlagfertigen Dieners, ist also eine alte buffoneske Figur, die ihre Wurzeln in der Commedia dell'arte hat.

Interpretations- und Sehgewohnheiten

Abb. 6a Abb. 6b
Max Slevogt, "Weißer und Roter d'Andrade": Der Sänger Francisco d'Andrade als Don Giovanni (Abbildungen von wikimedia.org)

In der Interpretationsgeschichte des Don Giovanni wurde die Oper lange Zeit als "Mystisches Drama" und Sittengemälde aufgefasst und zunehmend mit Verdammung, Erlösung, Weltschmerz und Lebensüberdruss verbunden. Vor diesem Hintergrund änderte sich die Inszenierungspraxis der Oper. Die Bühnenbilder wurden üppiger, die Kostüme der Zeit entsprechend aufwendiger. Die Abbildungen 6a und 6b zeigen beide Francisco d'Andrade (1859-1921) als Don Giovanni in zwei ganz verschiedenen Inszenierungen: 1901 in einer Inszenierung im opulentem Barockstil (Abb. 6a) und 1912 in einer eher dämonischen Rollenauffassung (Abb. 6b). D'Andrade sang an allen großen europäischen Bühnen und wurde vor allem in seiner Rolle als Don Giovanni berühmt, in der Max Slevogt (1868 - 1932) ihn mehrfach malte. Das korrespondierte zu dem Ansehen, das D'Andrade zu seiner Zeit als 'personifizierter Don Giovanni' genoss.

Noch heute gilt die Figur in Abb. 6a vielen Opernbesuchern als Inbegriff des Don Giovanni. Es gibt Opernbesucher, die vehement die Meinung vertreten, dass die Absicht der Autoren eines Werkes für die Aufführung die einzig gültige Grundlage einer werkgetreuen Inszenierung bildet und eine Oper entsprechend aufzuführen sei. Eine andere Beurteilungsgrundlage als die der Werktreue lassen sie nicht gelten. Weil die Autoren aber meist nicht mehr leben und es auch keine Ton- oder Bildaufzeichnungen aus deren Zeit gibt, ist es nicht immer einfach, herauszufinden, was die Absicht der Autoren gewesen ist. Oft bezieht sich die Forderung nach Werktreue daher auf eine Aufführungstradition, namentlich auf diejenige aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts; und fast immer sind Bühnenbild und Kostüm hier die maßgeblichen Kriterien für die Beurteilung

Diejenigen, die das Bild des "Weißen d'Andrade", Mozarts Musik und ein konservatives Bühnenbild im Kopf haben, wird die Freyer-Inszenierung gewaltig irritieren. Gleichwohl verhält sich seine Inszenierung nach Auffassung des Autors vor allem im Hinblick auf die ungewöhnliche Kostümierung der Protagonisten zu Mozarts Musik und da Pontes Libretto geradezu kongenial.

Die Inszenierung jeder Oper sollte immer mit einer gründlichen Analyse des Werkes beginnen. Statt dessen überbieten sich viele Intendanten und Regisseure im Streben nach Modernität mit Interpretationen im Sinne ihrer Vorstellungen. Statt sich zu fragen, ob ihre Inszenierung dem Werk gerecht wird, scheinen sie sich zu fragen, wie es effektvoll ankommt. Dabei verfremden sie das Werk ohne Scheu, obgleich es vorrangiges Ziel der Gestaltung sein müsste, das Werk selbst und seine Inhalte unverfälscht auf die Bühne zu bringen. Um das Kriterium der Zeitlosigkeit des Werkes und seiner Analyse zu fassen, bietet sich der Begriff "Werkgerechtigkeit" eher an als der von Aufführungstraditionen bestimmte Begriff der "Werktreue". Die Leitfrage für jede Inszenierung müsste also lauten: Wird sie den Aussagen des Werkes gerecht?

So unterschiedlich die Interpretation der Rolle des Don Giovanni durch Francisco d'Andrade in den traditionellen Inszenierungen der obigen Abbildungen 6a und 6b waren, wird sich zeigen, dass die moderne Freyersche Inszenierung dem Kriterium der Werkgerechtigkeit besonders überzeugend gerecht wird.

Form und Farbe als Leitsystem

Donna Anna
Abb. 7 - Donna Anna:
"Du kennst nun den Frevler, der Schande mir drohte, mit mördrischem Stahle den Vater mir raubte; zur Rache ruft alles, wohlauf denn zur Tat!"

Donna Anna, herb getroffen vom Mord an ihrem Vater durch Don Giovanni, ist einzig beherrscht von dem Willen, diesen Mord zu rächen. Ihre optische Bühnenpräsenz ist gekennzeichnet durch die Farbe rot und einen bis zu den Füßen reichenden heftig aufgeblähten geschlitzten Ballonrock. Rot als beherrschende Farbe ist bei der Gefühlslage, in der sie sich befindet, der Ausdruck für kämpferische Leidenschaft. Die stärkste aller Farben zeugt von ihrem Mut, von ihrer Stärke und Entschlusskraft. Als Symbol für Blut und Liebe drückt rot in diesem situativen Zusammenhang zugleich die Liebe zu ihrem Vater aus, steht aber auch für das unsinnig vergossene teure Blut des Vaters. Rot ist die beherrschende Farbe der Donna Anna. Über die Wirkung der Farbe Rot bemerkt zum Beispiel ‹2› Mara Thöne in ihrer Darstellung der Farbensymbolik, dass zuviel rot aber auch Reizbarkeit und Aggression erzeugen und eine einengende Wirkung haben kann; der aufgeblasene und dazu noch geschlitzte Ballonrock spricht allerdings eher für eine bis zum Bersten gefüllte explosive Befindlichkeit seiner Trägerin.

 

Donna Elvira
Abb. 8 - Donna Elvira:
"Mich verriet der Undankbare, gab dem Jammer, der Schmach mich hin. Doch verraten, von ihm verlassen, fühl ich Mitleid noch für ihn!"

Donna Elvira ist die von Don Giovanni Verlassene, die ihn aber bis zuletzt liebt und unentwegt hofft. Sie präsentiert sich in einem grünen Gesellschaftskleid mit enger Taille, weit ausgestelltem Rock und deutlich betontem Dekolleté. Das Grün, in dem Donna Elvira hier auftritt und der Zuschnitt ihres Kleides zeigt sie als eine Dame voller Leben und Hoffnung, Zuversicht und Beharrlichkeit. Grün ist die Farbe von Freude und Vergänglichkeit, von Wechsel und Eifersucht.

Nicht zu übersehen ist der flammend rostrote Afrolook ihrer Haarpracht. Darin zeigt sich ihre Zerrissenheit zwischen dem Grün der Hoffnung und der Zornesröte über erlebten Verrat und erlittener Schmach. Grün ist zusammengesetzt aus den Farben Blau und Gelb. Es verbindet sich damit die kühle Bläue des Intellekts mit der emotionalen Wärme der gelben Sonne. In dieser Verbindung erfüllt sich ihr Geschick: Sie erkennt, dass ausgerechnet der Mann, dessen Charakterfehler sie genau erkennt, auf sie eine ungebrochene Faszination ausübt und sie weiß, dass dieses Dilemma nicht aufzulösen ist.

 

Don Ottavio
Abb. 9 - Don Ottavio:
"Nur ihrem Frieden weih ich mein Leben, nur ihre Freude kann Glück mir geben doch ihre Leiden brechen mein Herz."

Don Ottavio, der Verlobte Donna Annas, gibt sich bei den Vorgängen des Handlungsverlaufes unauffällig und zurückhaltend. Weiterführende Impulse gehen von ihm nicht aus. Seine Kleidung in Grau, der "Farbe der Neutralität", verstärkt diesen Eindruck. Eine hoch aufragende Turmperücke lässt ihn größer erscheinen als er ist. Seine Kleidung 'á la mode' Juste-au-corps hat einen weit ausgestellten Überrock und lässt ihn etwas überheblich erscheinen. Das Grau seines Habits wirkt schlicht und elegant. Weiße Stulpen, schwarze Hose, schwarze Knöpfe und schwarze Bänder auf einer hellgrauer Weste, aus deren Ausschnitt ein weißes Chemisette hervorschaut, geben dem Gewand eine individuelle und geschmackvolle Note. Im Ausdrucksspektrum der Farben betont das sparsam eingesetzte Weiß auch Don Ottavios Verlässlichkeit und Aufrichtigkeit. Das Schwarz hingegen steht hier für Don Ottavios Beständigkeit und seinen Kummer über die seelische Befindlichkeit seiner Verlobten Donna Anna. Er ist leidenschaftlich verliebt. Aber anders als dem Don Giovanni ist dem Don Ottavio seine Donna Anna lieb und wichtig. Falsches Spiel kann er sich als aufgeklärt denkender Mensch nicht vorstellen. Nicht von Leidenschaften wird er geleitet, sondern rationale Überlegungen sind die Grundlage des Handelns dieses Mannes in Grau: "Ach, alles ist zu tun, die Wahrheit zu entdecken; ich fühle in der Brust die Pflicht als Mann und Freund, die mir befiehlt: entweder ihren Verdacht entkräften, oder sie rächen."

 

Don Giovanni
Abb. 10 - Don Giovanni:
"Die Frauen in Ruhe lassen! Du weißt, ich brauche sie nötiger als das Brot zum Essen, nötiger als die Luft zum Atmen!"

Für den Frauenhelden Don Giovanni wählt die Kostümbildnerin Maria-Elena Amos die unmännlichen Farben orange und rosa. Besonders letztere ist mit süßlicher aber auch kitschiger Anmutung besetzt und gilt als Farbe für das dritte Geschlecht. Orange assoziiert man vor allem mit lustbetonter Freude. Der Textdichter der Oper, Lorenzo da Ponte (1749-1838), zeichnet Don Giovanni als Frauenheld, als Wüstling, als einen getriebenen Charakter, der die Eroberung der Frauen quasi als Sport betreibt. Über seine diesbezüglichen Abenteuer und Erfolge lässt er seinen Diener Leporello Buch führen. Dessen Verzeichnis "der Schönen, die sein Herr geliebt hat" weist zur Zeit der Handlung die stattliche Zahl von 2065 eingetragener Verführungen auf. Orange steht auch für Sexualität. Orange als die tatkräftigste Farbe verweist auf Don Giovannis Extrovertiertheit. Als Signalfarbe deutet sie auf Ausdauer, Erregung und Vitalität hin. Sie signalisiert den Wunsch nach Leichtigkeit in Liebe und Leidenschaft. Rosa hingegen steht auch für Erfreuliches, ist positive Gestimmtheit und steht für weibliche Energie und Zärtlichkeit. Und so kann Don Giovanni zeitweilig von liebenswürdiger Sanftmut sein und dann wieder aggressive Zornausbrüche haben. Liebenswürdig ist er, wenn er ein weibliches Wesen umgarnt und für sich gewinnen will. Hart, brutal und kalt geht er mit Leporello um oder mit Menschen, die - wie Masetto - ihm das Handwerk legen wollen. Sein maßloses Schwelgen im Lebensgenuss charakterisiert ihn als den Archetypus des Frauenhelden. In seiner orange- und rosafarbenen Kleidung, und das in Samt und Seide, tritt er als glamouröser Edelmann auf, manipuliert die Menschen, die mit ihm zu tun haben und erweist sich dadurch als dämonisch gefährlicher Zeitgenosse. Die Farben Rosa und Orange charakterisieren ihn als Beispiel für menschlichen Egoismus und moralische Zügellosigkeit.

 

Masetto
Abb. 11 - Masetto, Bauer:
"Ich hab verstanden, ja, mein Herr ich verneige mich und geh, weil's Euch nun mal so passt. Ich widerspreche nicht mehr."

Der Bauer Masetto ist unter den Protagonisten die bei weitem unauffälligste Erscheinung. Das Zementgrau seines schlichten Schnürhemdes unterstreicht diesen Eindruck. Grüne Schnüre, ein weißes Hemd und schmutzig-grüne Schuhe sind neben einer weiß-grauen Hose die einzigen etwas belebenden Elemente seiner Bekleidung. Grün als Farbe der Natur ist verbunden mit Wachstum und Hoffnung. Für einen Bauern und für einen Hochzeiter allemal sind das charakteristische Zeichen seiner Befindlichkeit. Die grauen Anteile seiner Kleidung deuten an, dass Masetto von eher schlichtem Naturell ist; die sparsam gesetzten weißen Anteile zeigen an, dass er in seiner Art ein grundehrlicher, verlässlicher und aufrichtiger Charakter und ein friedlicher Zeitgenosse ist. Masetto gehört nach Stand und Bildung einer mit dem Adel nicht vergleichbaren Schicht an. Dass er von Don Giovanni und Leporello regelrecht vorgeführt wird, dass der Verführer als wildfremder Mensch es auf seine Braut abgesehen hat und das auch noch an seinem Hochzeitstag, macht ihn wütend, zornig und rasend eifersüchtig. Aber dennoch kuscht er vor der von Giovanni angedrohten Gewalt und bezieht obendrein noch handfeste Prügel. Don Giovanni hat für Masetto überheblich und despektierlich nur die Bezeichnung "Tölpel" übrig.

 

Zerlina
Abb. 12 - Zerlina, Braut von Masetto:
"Schmäle, tobe, lieber Junge, wie ein Lamm will ich's ertragen, fromm, ergeben, ohne klagen, ohne jeden Widerstand."

Zerlina strahlt in weiß: Unschuld, Reinheit und Tugend werden mit dieser Farbe verbunden. Einer jungen Frau im Brautstand mag man diese Eigenschaften gerne zuschreiben. Für den Zuschnitt ihrer Kleidung hat Zerlina einen Ballonrock gewählt, wie ihn die Damen der höheren Gesellschaft tragen, etwa Donna Anna. Die Wahl dieser Mode von einer Bäuerin, erstaunt. Das Gewand ist so geschnitten, dass der Ballonrock die Taille nach außen hin betont, der Rock unter den Knien mit einem Volant abschließt und die Schulterpartie mit weit ausladenden Gigot-Ärmeln, sogenannten Schinkenärmeln, ausgeformt ist. Solcherart betonte Hüften und breite Schultern haben die Wirkung, dass sie die so verpackten Körperpartien schmaler erscheinen lassen. Hier dienen Form und Farbe dazu, verborgene Reize eingepackt in modische Koketterie zu zeigen. Als Oberteil dieses Kleides hat die Kostümbildnerin der Zerlina ein schrilles, zitronengelbes Top mit einem tiefen Dekolleté verpasst, das viel Haut zeigt. Das Top ist mit einer kleinen Schürze versehen, die auf dem strahlenden Weiß des Rockes wie ein Signal den darunter verborgenen Schoß bedeckt. Für eine Braut ist das alles - jedenfalls damals - doch sehr gewagt. Zerlina wird damit als eine junge Frau charakterisiert, die es mit der Keuschheit offenbar nicht allzu ernst nimmt und die es offenbar faustdick hinter den Ohren hat. Kein Wunder also, dass sie - wohl zunächst nur einen Flirt bei Don Giovanni vermutend - auf dessen Avancen eingeht. Unübersehbar ist bei Zerline im übrigen ihr Wuschelkopf, dessen goldblonde Lockenpracht ihre "kommunikative" Bereitschaft unterstreicht. Ein deutsches Sprichwort erklärt dieses Phänomen: "Ein Frauenhaar zieht stärker als ein Glockenseil".

 

Leporello
Abb. 13 - Leporello:
"Keine Ruh bei Tag und Nacht, nichts, was mir Vergnügen macht, schmale Kost und wenig Geld, das ertrage wem's gefällt."

Leporellos Farbe ist braun. Braun kommt im Farbspektrum und am Himmel nicht vor. Es ist vielmehr die Farbe der Erde. Leporello in Braun stellt damit eine Persönlichkeit dar, die etwas Festes und Sicheres unter ihren Füßen hat. Seine Aktionen sind von gesundem Menschenverstand bestimmt. Im Beziehungsgeflecht der Darsteller steht Leporello außen vor. Seinem Herren treu ergeben dient er diesem vorwiegend als Stichwortgeber und als Handlanger. Er äußert zwar seine Meinung, kann aber sicher sein, dass sie unbeachtet bleibt.

Die Zusammenstellung seiner "Livree" ist recht speziell. Er trägt als Einziger der Protagonisten eine Kopfbedeckung, nämlich einen schwarzen, flachen Zylinder, wie ihn in der hohen Form die vornehme Gesellschaft zu tragen pflegte. Leporello als einer, der nicht dazu gehört, trägt sozusagen "den kleinen Schwarzen". Eine fast schwarz gefärbte tief-braune Weste bedeckt den Oberkörper. Das braune Oberhemd ist kragenlos und lässt seinen Träger arg lässig erscheinen. Die braune Hose wird als Knickerbocker getragen. Zur fein wirkenden Weste mit den goldgelben Knöpfen erscheint die sportlich geschnittene Pumphose eher unpassend. Außer den gelben Knöpfen setzt eine gleichfarbige Feldbinde - wie eine Schärpe von der rechten Schulter zur linken Hüfte umgelegt - einen besonderen Akzent. Die Feldbinde war eigentlich ein Akzessoir von Offizieren, das sie trugen, um den dienstlichen Charakter ihres Auftritts zu erkennen zu geben. Die Knickerbocker, die Leporello trägt, sind an den Seiten mit goldgelben Kreuzbandstreifen verziert. Seitliche Hosenstreifen - in rot - trägt in der Regel aber nur die Generalität. Schon in der Kleidung wird ein Spagat zwischen Anspruchlosigkeit der Farbwahl und Überheblichkeit in der Wahl von Applikationen deutlich: Die braune Farbe entspricht der Welt, in der Leporello lebt. Sein Denken aber will sich darüber erheben: "Ich will selbst den Herren machen, mag nicht länger Diener sein. So ein großer Herr kann lachen! Tändelt er mit einer Schönen, dann muss ich als Schildwach stöhnen!"

 

Komtur
Abb. 14 - Der Komtur:
"Don Giovanni,ich bin gekommen, Deine Ladung habe ich vernommen."

Der Komtur ist der Vater von Donna Anna; als Standbild gehört er einer nicht irdischen Welt an, in der Don Giovanni nichts ausrichten kann. Der Komtur ist der Vertreter des Hochmeisters eines geistlichen Ritterordens. Sein graues Grabdenkmal verehrt in steinernem Farbton die Würde und die Weisheit des Verstorbenen. Zu den Aufgaben eines Komturs gehörte die Wahrnehmung der Gerichtsbarkeit des Ordens. So ist es folgerichtig, dass da Ponte ihn als "Steinernen Gast" zum Richter über Don Giovanni bestimmt und lebendig werden lässt. In der Oper hat der Komtur nur zwei kurze Auftritte, nämlich zu Beginn in der ersten Szene und dann in der vorletzten Szene. Dennoch ist die Gestalt während der gesamten Oper, also auch in den übrigen Szenen ständig virtuell präsent. Darin drückt sich aus, dass seine absurde Ermordung den Anlass für den Handlungsablauf der ganzen Oper darstellt.

Die Betrachtung der Figuren in den Formen und Farben ihrer Gewänder verdeutlicht deren Bedeutung als Leitsystem der Freyerschen Inszenierung des Don Giovanni im Kostümkosmos von Maria-Elena Amos.

Freyers Regietheater und Mozarts Musik

Die Frage, in welchem Verhältnis die optisch wahrnehmbaren Eigentümlichkeiten dieser Inszenierung zur Musik Mozarts stehen, würde sich nur an Notentexten und Klangbeispielen detailliert klären lassen. Beides überschreitet die hier auf publicationes.de gegebenen Möglichkeiten und würde nur musikverständige und des Notenlesens kundige Leser ansprechen.
Eine gute Darstellung von Mozarts Kunst, seinen Opernfiguren musikalisches Profil zu verleihen, gibt z.B. ein Exposé von ‹3› Andreas Meier.

Der geneigte Leser möge bitte den Autor, der das Drechseln nur als Hobby betreibt und von Hause aus Musiker ist, als glaubwürdigen Zeugen dafür ansehen, dass diese Inszenierung in darstellerischer und auch in musikalischer Hinsicht als kongenial zu Libretto und Partitur gelten darf. Denn die hier anhand der Kostümierung beschriebenen Eindrücke der Freyer-Inszenierung lassen sich lückenlos am Notentext belegen. Damit wird diese Inszenierung der Noten- und Librettovorlage und deren Inhalte uneingeschränkt gerecht. Wir haben es hier also mit einer wirklich werkgerechten Inszenierung des Regietheaters zu tun.


 

Erläuterungen:

‹A› Achim Freyer:
ist ein deutscher Regisseur, Bühnen- und Kostümbildner sowie Maler. Nach einer Ausbildung als Grafiker und Maler wurde er Meisterschüler von Bertold Brecht am Berliner Ensemble. Er inszenierte an zahlreichen führenden Theatern Deutschlands und Europas. Als bildender Künstler war er u.a. auf der Kasseler documenta (1977 und 1987) und auf der Prager Quadriennale vertreten.
Als Regiezauberer, Weltbürger, als Bilderstürmer und als Wunderwirker hat das Feuilleton des Deutschlandfunks den 1934 in Berlin geborenen Achim Freyer bezeichnet. Er selbst nennt sich schlicht Maler, Theater- und Filmemacher sowie Stifter.
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‹B› Maria-Elena Amos:
ist Schülerin von Achim Freyer, bei dem Sie - während dessen Lehrtätigkeit als ordentlicher Professor an der Universität der Künste Berlin (UdK) - Bühnenbild studiert hat. Als ausgebildete Tänzerin hat sie darüber hinaus in Berlin Opernregie an der Hochschule für Musik Hans Eisler sowie an der Humboldt Universität Musikwissenschaft und Philosophie studiert.
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Handwerkliche Details

Alle Figuren wurden aus Ahornholz gedrechselt, mit Guardi-Weiß grundiert, mit Clou-Seidenmatt versiegelt und mit Acrylfarben farbig gefasst.

Das Komtur-Standbild ist 130 mm hoch, alle übrigen Figuren haben eine Höhe von durchschnittlich 80 mm.

Literatur

  • Clemens Prokop "Mozart, Don Giovanni - Opernführer kompakt", © 2012 Bärenreiter Kassel und HENSCHEL Leipzig
  • Fred Hamel und Martin Hürlimann (Hrsg.), "Das Atlantisbuch der Musik", ©1959 Atlantisverlag AG Zürich

Bildnachweise

Abb. 6a Max Slevogt, "Das Champagnerlied (Der Weiße d'Andrade)"
1901, Öl auf Leinwand 215 cm x 160 cm, Staatsgalerie Stuttgart
Abb. 6b Max Slevogt, "Roter d'Andrade (Der Sänger Francisco d'Andrade als Don Giovanni)", 1912, Öl auf Leinwand, 210 cm × 170 cm, Nationalgalerie Berlin
gemeinsame Fundstelle: http://de.wikipedia.org/wiki/Das_Champagnerlied


 

LINKS:

‹ 1› K. Rüdiger, " Italienisches Stegreiftheater": www.publicationes.de/verschiedenes/holzwelten/144-commedia.html
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‹ 2› Mara Thöne, " Colours Moments Feelings, > Farbensymbolik: www.mara-thoene.de/html/farbensymbolik.html
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‹ 3› Andreas Meier, "Musikalische Charakterisierung der Figuren in Mozarts Oper Don Giovanni ": www.musikmeier.ch/fileadmin/studium/figuren%20im%20don%20giovanni.pdf
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