Drechslers Advent von Karl Rüdiger

 

Es kommt ein Schiff geladen

Weihnachtsschmuck aus Holz zum Advent und zu Weihnachten ist Gegenstand eines dreiteiligen Zyklus, der Arbeiten aus der Drechselwerkstatt des Autors vorstellt, die er zum Schmuck der eigenen Wohnung für die weihnachtliche Festzeit gestaltet hat. Im nachfolgenden ersten Teil geht es um die Zeit vor Weihnachten, Advent also, die als eine allmähliche Bewegung auf Weihnachten zu empfunden wird, wie sie sich im Lied ausdrückt: ‹1› 'Es kommt ein Schiff, geladen bis an sein' höchsten Bord ... '. Der zweite Teil des Zyklus ‹2› 'Komm, wir gehn nach Bethlehem' nimmt die Personen in den Blick, die auf dem Weg nach Bethlehem unterwegs sind, um dem neugeborenen König zu huldigen. Schließlich bildet der Weihnachtsbaum den dritten Teil dieses Zyklus, von dem das Volkslied weiß: ‹3› 'Der Christbaum ist der schönste Baum'.

 

Lichter- und Leuchterengel

Im Erzgebirge sind gedrechselte Lichterengel ein verbreitetes Stilelement zum Schmuck der Wohnungen in der weihnachtlichen Festzeit. Man nimmt an, dass die Nürnberger Rauschgoldengel als Vorbild für die Lichterengel gedient haben: Die erzgebirgischen Drechsler haben den Rauschgoldengel mit der Puppendocke zur stehenden, hölzernen Engelfigur mit Lichtertülle und Holzflügeln vereinigt.

Auch in Berchtesgaden gehört der Lichterengel, der hier "Leuchterengel" genannt wird, traditionell zum weihnachtlichen Brauchtum. Hier wie dort gilt er als Lichtbringer in das Dunkel der Welt und als Bote von froher Botschaft und göttlichem Licht.

Für den Autor waren die Weihnachtsengel aus Berchtesgaden mit ihren überlangen Flügeln das Vorbild für die von ihm gedrechselten Weihnachtsengel. Die schlanke Ausführung der Dockenform erinnert an ein Standbild und gibt diesen Engeln etwas Erhabenes und Hoheitsvolles.

Abb. 1
Blauer Leuchterengel
nach Berchtesgadener Art

Die überlangen Flügel sind mit schwarzen und weißen Strichelementen verziert, die die Konturen der Flügelschwingen betonen. Die Flügelmitte ist hervorgehoben durch ein großes, kreisförmiges Punktornament. Größere und kleinere Punktornamente zieren auch das Kleid des Engels. Ihre Form besteht aus einem farblich betonten Punkt in der Mitte, der in der Regel von sechs andersfarbigen Punkten kreisförmig umgeben ist. Eine Variation dieser Form entsteht, wenn ein zweiter Kreis von Punkten dem ersten auf Lücke stehend außen hinzu gefügt ist. Ikonografisch steht der Kreis für die Zeitlosigkeit, ohne Anfang und Ende, also einer Sphäre, in der die Engel beheimatet sein mögen.

Unter der Taille des Engels ist ein großes, auf der Spitze stehendes Quadrat als Dekor auf dem Kleid zu sehen. Ein auf seiner Grundlinie stehendes Quadrat bedeutet Stabilität; steht es auf der Spitze, so bezeichnet das Bewegung: Als Boten Gottes sind sie unterwegs, die Engel. Den Bildinhalt des Quadrates stellen Rosen dar. In der vielfältigen Symbolik der Rose steht diese Blume bezogen auf den Engel, den sie schmückt, für dessen Himmlische Vollkommenheit. In vielen alten Kulturen bilden Kreis und Quadrat Grundelemente eines kosmologischen Weltbildes, in dem sie - einander bedingend - Zeit und Raum symbolisieren.

Abb. 2
Roter Leuchterengel
nach Berchtesgadener Art

Die Farben der Gewänder der beiden Engel sind mit Bedacht gewählt:

Die Farbe 'blau' symbolisiert unter anderem Offenbarung und Frieden, Frömmigkeit und Kontemplation, aber auch Kühle. Sie unterstreicht die hoheitsvoll-statuarische Aura des 'blau gewandeten Engels'. Diese Farbcharakteristika können unmittelbar mit Vorstellungen vom Wirken eines Engels verbunden werden.

Die Farbe 'rot' verleiht dem 'Engel mit dem roten Gewand' dagegen Würde, Festlichkeit und Wärme, also Eigenschaften, die das Geistwesen 'Engel' ausstrahlt, von dem man weiß, dass es heilig ist.

Beide Engel tragen leuchtende Kerzen in ihren Händen. Das Licht und die Engel, die es bringen, sind ihrem Wesen nach nicht greifbar, aber deren Wirkungen sind spürbar. Es mag sein, dass eben dies den geheimnisvolle Zauber eines Leuchter- oder Lichterengels in der weihnachtlichen Festzeit ausmacht.

Adventskalender

In christlich geprägten Ländern gehören Adventskalender heute in der ganzen Welt zur Vorbereitung auf das weihnachtliche Geburtstagsfest Jesu Christi. Diese Kalender sollen die Wartezeit bis zum Weihnachtsfest verkürzen und die Vorfreude steigern. Den im Handel verbreiteten Kalendern liegt allen ein mehr oder weniger gleiches Prinzip zu Grunde: An ihnen lassen sich kleine Türen öffnen, hinter denen sich Bilder, Süßigkeiten oder andere Überraschungen befinden.

Im deutschsprachigen Raum erhalten insbesondere Kinder einen Adventskalender. Gleichwohl gibt es auch solche, die eher für Erwachsene entworfen sind. Die vom Autor nach einer Idee von ‹4› Ursula und Walter Uhlig gefertigte Adventsdose gehört zu dieser Art von Adventskalendern.

Abb. 3
Adventskalender-Dose

Die Dosenwandung ist aus dünnem Sperrholz mit der Faser gebogen und an den Enden zusammengeleimt. In den Dosendeckel sind 24 Steckbohrungen eingebracht, in die zu Beginn der Adventszeit kleine, naturbelassene Rundholzstecker mit den Zahlen von 1 - 24 eingesetzt sind. Das entspricht der Zeit vom ersten bis vierundzwanzigsten Dezember. Nimmt man die Rundholzstecker heraus und folgt dabei der steigenden Reihenfolge der Zahlen, dann kann man an ihre Stelle gedrechselte Steckfiguren setzen.

Abb. 4
Die Steckfiguren mit Zahlen unter ihrem Fußteil

Die Steckfiguren entsprechen in ihrer Größe dem Prinzip der 'Orgelpfeifen'. Sie sind aus unterschiedlichen Holzresten gedrechselt. Die Figuren sind in Teilen farbig gefasst, farbig gebeizt oder naturbelassen. Bei ihrer körperlichen Gestaltung sind sie auf die schlichte, nahezu unveränderte Dockenform reduziert. Ihre Individualität gewinnen sie durch Größe, Färbung und Variation der Kontur der Dockengrundform. Dabei wird der Dockenkörper zweigeteilt in Kopf und Leib oder dreigeteilt in Kopf, Brust und Unterleib. Auf dem Kopf tragen die "erwachsenen" Figuren einen Hut. Die Grundform der Docke hat keine Gliedmaßen. Die Köpfe sind zwar gesichtslos aber doch ausdrucksvoll, indem sie sich in Form, Farbigkeit und Art der Kopfbedeckung unterscheiden.

Abb. 5
Die Adventsdose am 13. Dezember

Die Dose ist in grüner Farbe, der Farbe des Lebens und der Hoffnung farbig gefasst. Diese Farbe kehrt im Tableau des vollständigen Adventsensembles im Grün der dort als Steckfiguren stehenden Tannenbäume wieder.

Die Zierelemente im Dekor der Dosenwand und des Dosendeckels sind - in Anlehnung an ‹5› Christian Rubi - als Bogen- bzw. Pflanzenornamente gestaltet, die aus Rose, Tulpe und Nelke entwickelt sind.

Aus der Rose ist die Form der Rosette abgeleitet. Im sehr vielschichtigen Bedeutungsspektrum der Rose steht diese auch für 'Vollkommenheit'. Die Große Rosette, die im Eingangsbereich des Deckels zwischen dem '1. , 2. und 4. Dezember' zu sehen ist, will in dieser Sinngebung an das in der griechischen Sprache 'Fülle' bedeutende 'Pleroma' erinnern, das als Symbol der göttlichen Kraft gilt, von der alles Gute ausströmt, also letztlich auch das Wunder der Geburt Jesu Christi.

Die aus Tulpe und Nelke entwickelten Ornamente auf der Dosenwand verweisen auf die Vanitas-Bilder in der Bildenden Kunst: Die Tulpe steht für die Vergänglichkeit aller irdischen Dinge. Das Blatt der Nelke und ihre Frucht haben die Form eines Nagels. Diese Formassoziation hat die Nelke zum Symbol für die Passion Christi werden lassen. In der ambivalenten Symbolik der Tulpe steht diese Blume aber auch für 'Liebe'. Nimmt man alle Deutungen zusammen, dann darf man sagen, dass die Gestaltung dieser Adventsdose Anfang und Ende, Weihnachten und Ostern als Sinn des Christlichen Heilsgeschens in eins sieht:

"Denn Gott hat die Welt so sehr geliebt, dass er seinen einzigen Sohn hingab, damit jeder,der an ihn glaubt, nicht zugrunde geht, sondern das ewige Leben hat."
    - (Johannes 3,16 EU)
Abb. 6
Advents-Tableau am 24. Dezember

Wenn man im Verlauf der Adventszeit bis zum 23.Dezember alle Steckfiguren an ihren dem Tagesdatum entsprechenden Platz gesetzt hat, meint man zu sehen, dass alle Figuren nach vorn über das 'Pleroma' blicken. Ein fotografisch nicht darstellbarer Moment aber tritt dann ein, wenn man die Tanne mit dem Stern am 24. Dezember in das Tableau einsetzt. Es entsteht dann plötzlich der Eindruck, dass sich alle Figuren umdrehen und zu dem Stern blicken. In dem Moment ereignet sich Weihnachten. Der Stern hat alle, die unterwegs waren, zum Ziel gebracht.

Abb. 7
Adventsdose und Figuren-Kasten

Zu Aufbewahrung der Figuren gibt es einen eigenen Kasten, der in der gleichen Farbgebung und im gleichen formalen Dekor und Stil gehalten ist wie die Adventsdose.

Abb. 8
Steckplan für die Steckfiguren
(im Dosendeckel)

Für die Festlegung der Orte, an denen die Rundholzstecker und später die Steckfiguren in den ihnen zugedachten Steckbohrungen ihren Platz finden, ist ein Lageplan in die Dose obenauf eingelegt.

Abb. 9
Figurenkasten

Der Figurenkasten ist in Fächer aufgeteilt, deren Länge den einzelnen Figuren angepasst ist. Setzt man eine Figur in das Tableau, wird der entsprechende Rundholzstecker an die Stelle der entnommenen Steckfigur in den Kasten gelegt, wie es für die ersten vier Tage im Dezember in Abb. 9 zu sehen ist.

Adventskranz

Es ist ein beliebter und verbreitet geübter Brauch, im Laufe der Adventszeit Adventskerzen nacheinander an den vier Adventssonntagen anzuzünden: Am ersten Adventssonntag eine Kerze und dann an jedem Sonntag eine Kerze mehr. Die Kerzen stehen meist auf einem aus Tannenzweigen gebundenen Kranz, dem Adventskranz, der mit den Kerzen als Tischschmuck oder als Hängeleuchter dient. Der Sinn dieses Brauches ist die Zunahme des Lichtes als Ausdruck der steigenden Erwartung auf die Geburt Jesu Christi, der im christlichen Glauben als das "Licht der Welt" bezeichnet wird.

Zu dieser Deutung sind andere hinzu gekommen. So wird der Adventskranz gern als Symbol für den Erdkreis und die vier Himmelsrichtungen angesehen. Der Kreis symbolisiert zudem die mit der Auferstehung gegebene Ewigkeit des Lebens, das Grün die Farbe des Lebens, und die Kerzen das kommende Licht, das in der 'Heiligen Nacht' der Christgeburt die Welt erleuchtet.

Der Adventskranz des Autors hat eine andere Gestalt angenommen, dabei aber die herkömmliche Sinngebung des Adventskranzes als Lichtträger für vier Kerzen beibehalten.

Abb. 10
Adventsschale

Als Trägerelement dieses adventlichen Tischschmucks dient eine gedrechselte Holzschale mit sehr breitem Rand, auf dem in kleinen Keramikuntersetzern, die als Tropfenfänger das Holz vor Beschädigungen bewahren, die vier Adventskerzen stehen. Die Kerzen, deren natürliche Honigfarbe dem naturbelassenen Farbton des Holzes korrespondiert, haben die Form von stumpfen Kegeln. Die Schalenmulde ist ausgefüllt mit einem Gesteck aus Tannenzweigen. Das Gesteck steht in einem Keramikgefäß zur Aufnahme von Wasser für die Zweige. Alle Elemente des Adventskranzbrauchs sind berücksichtigt: Das Grün der Tannen, das Kreisrund des Kranzes in der Form der Schale, die Kerzen des kommenden Lichtes.

Einen Adventskranz schmücken häufig zusätzliche Schleifen, Zapfen und ähnlicher Zierrat. Die abgebildete Adventsschale trägt als zusätzliches Dekor vier "Engel ohne Flügel".

Abb. 11
Engel ohne Flügel

So wie es bei Mose 2, 20 steht, darf man annehmen, dass Engel gewöhnlich Flügel tragen. Aber es gibt auch Engel ohne Flügel. Beispielsweise findet sich in der Liturgie eines Gottesdienstes der ‹6› "Kinderkirche" nach der Begrüßung durch den Pastor folgende Meditation:

      Es müssen nicht Männer mit Flügeln sein,

      die Engel.

      Sie gehen leise, sie müssen nicht schrei’n

      oft sind sie alt und hässlich und klein,

      die Engel.


      Sie haben kein Schwert, kein weißes Gewand,

      die Engel.

      Vielleicht ist einer, der gibt dir die Hand,

      oder er wohnt neben dir, Wand an Wand,

      der Engel.


      Dem Hungernden hat er das Brot gebracht,

      der Engel.

      Dem Kranken hat er das Bett gemacht,

      er hört, wenn du ihn rufst in der Nacht,

      der Engel.


      Er steht im Weg und er sagt: Nein!,

      der Engel.

      Groß wie ein Pfahl und hart wie Stein –

      es müssen nicht Männer mit Flügeln sein,

    die Engel.

Die "Engel ohne Flügel" auf der Adventsschale des Autors haben ihr Vorbild in Figuren aus dem 'Salzburger Heimatwerk'. Von diesem Vorbild sind die Formen adaptiert, die Fassung der "Engel" aber hat in der Farb- und Sinngebung ihre ganz eigene Handschrift.

Abb. 12
"Engel ohne Flügel"
(aus Salzburg)

Sicher ähneln die in der Meditation gemeinten 'Engel ohne Flügel' in ihrem Aussehen weder den Figuren aus Salzburg noch den Figuren, die auf der Adventsschale stehen. Diese zwischen Kerzen und Tannengrün angesiedelten Figuren in einer an Salzburger Trachten erinnernden weltlichen Gewandung brauchen als Sinnbilder der Geistwesen Engel aber das Flügel-Attribut der himmlischen Engel ebenso wenig wie die Meditationsengel. Sie stehen für die spirituelle Natur der Engel, die die Macht haben, die irdische Welt zu transzendieren.

Handwerkliche Details

Weihnachtsengel nach Berchtesgadener Art

Höhe 275 mm, Holz gedrechselt und gesägt; farbig gefasst mit Acrylfarben auf GESSO-Grundierung.

 

Adventskalender

Dose: Durchmesser 240 mm; Höhe 80 mm;

Figuren: Höhe 30 - 120 mm

Rundholzstecker: Durchmesser 20 mm, Höhe 9 mm

Figurenkasten: Abmessungen 310 x 200 x 46 mm

 

Adventskranz

Schale: Außendurchmesser 300 mm, Randbreite 64 mm, Muldendurchmesser 171 mm

Engelfiguren: Höhe 80 - 100 mm

 

Der in diesem Zyklus folgende Beitrag ist inzwischen unter der Überschrift ‹7› "Weihnachtspyramiden" erschienen.

 

 


 
LINKS:

‹1› Volksweise 'Es kommt ein Schiff ...' Text und Noten im Alojado-Archiv: www.lieder-archiv.de/es_kommt_ein_schiff_geladen-notenblatt_200026.html
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‹2› Volksweise 'Komm, wir gehn nach Bethlehem' Text und Noten im Alojado-Archiv: www.lieder-archiv.de/komm_wir_gehn_nach_bethlehem-notenblatt_503180.html
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‹3› Weihnachtslied 'Der Christbaum ist der schönste Baum' Text und Noten im Alojado-Archiv: www.lieder-archiv.de/der_christbaum_ist_der_schoenste_baum-notenblatt_200074.html
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‹4› Uhlig, Ursula und Walter Hobby Holz: Verlag für die Frau (DDR), Leipzig 1986
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‹5› Rubi, Christian Holzbemalen und andere Ziertechniken, Otto Maier Verlag, Ravensburg, Copyright 1964 by Verlag Hans Huber Bern
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‹6› Quinker, A., kinderkirche.de - Gottesdienste: www.kinderkirche.de/themen/symbole/engel-01.htm
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‹7› Rüdiger, Karl 'Weihnachtspyramiden': www.publicationes.de/verschiedenes/holzwelten/169-weihnachtspyramiden.html
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