Trachten aus Schleswig-Holstein von Karl Rüdiger

 

Spendenmarken als "Kreativer Baustein" für ein Drechselvorhaben

 

Der Kreative Baustein

vgl. Anmerkung ‹A›

"Trachten aus Schleswig-Holstein" ist der Titel eines zweiteiligen Bogens mit je 12 Spenden-Briefmarken zu 25 Pfennig. Der Bogen trägt am Rand die Aufschrift "Sammlung "Jugend für die Heimat"". Die einzelnen Marken sind mit dem Aufdruck 'SHHB' gekennzeichnet. Diese Marken wurden Anfang der Achtziger Jahre vom Schleswig-Holsteiner-Heimatbund (SHHB e.V.) aus Anlass der Gründung eines "Arbeitskreises Trachten" herausgegeben und bei Auftritten zugunsten der Trachtengruppen verkauft. Die Zeichnungen auf den Marken wurden nach Bildern angefertigt, die von Trachtengruppen des Bundes dem SHHB eingereicht waren.

Spendenmarken
Abb. 1
Der Spendenbogen des Schleswig-Holsteiner-Heimatbundes

 

Thema und Darstellung der Marken haben die Aufmerksamkeit des Autors als Drechsler geweckt. Zu den von ihm gestalteten Lebenswelten (‹1› 'Kleine Welten in Holz') gehört nämlich auch die Lebenswelt "Trachten". Wie bei der Briefmarkenserie der ‹2› "Santons" sprang auch hier der Funke dieses "Kreativen Bausteins" sofort über in das Vorhaben, eine den Briefmarkenmotiven ähnliche Figurenserie über Trachten aus Schleswig-Holstein zu drechseln und auszuschmücken. Die danach gefertigten, farblich angelegten Drechselfiguren in einem Bildrahmen zeigt Abb. 2:

Bildrahmen
Abb. 2
Bildrahmen mit Trachtenfiguren aus Schleswig-Holstein

Dieser Bildrahmen bedarf fraglos noch einer schmückenden Ausgestaltung. Dazu weiter unten mehr.

Trachten in Schleswig-Holstein

vgl. Anmerkung ‹B›

Für das Drechselvorhaben sind aus den auf den Marken dargestellten 24 Trachtenregionen 15 ausgewählt worden. Dafür waren folgende Gesichtspunkte bestimmend: Die Farbigkeit, die drechslerische Machbarkeit und die Wirkung der zweidimensionalen Figurenzeichnungen in der dreidimensionalen Wirklichkeit gedrechselter Figuren. Den Weg von den kleinen Markenzeichnungen hin zu plastischen Figuren verdeutlicht die Werkzeichnung (Abb. 3) für einige Figuren:

 

Werkzeichnungen
Abb. 3
Werkzeichnungen

 

Trachtenregionen

Auf dem ‹3› Landestrachtenfest´ des Schleswig-Holsteinischen Heimatbundes (SHHB) 2012 in Wedel sagte die Präsidentin dieses Bundes: "Trachten sind gelebte Tradition. Sie machen die kulturelle und regionale Vielfalt unseres Landes sichtbar und werden als buntes und wunderschönes Symbol für Heimatbewusstsein und Identität wahrgenommen. Möge die Begeisterung anhalten, damit Trachten ein lebendiger Teil unserer Zukunft bleiben".

Diese Intention liegt auch den hier gezeigten Drechselfiguren zugrunde.

 

Dreiergruppen
Abb. 4
Dreiergruppen (v.l.n.r.) aus Ostenfeld, Wilstermarsch und Itzehoe

 

Wie in anderen Regionen Deutschlands erwachte auch in Schleswig-Holstein das Interesse an Trachten im späten 19. Jahrhundert. In der Mitte des Jahrhunderts hielten Maler und Fotografen noch zahlreiche schleswigsche Trachten auf Fotos und Lithografien fest, obwohl sie damals schon größtenteils aus dem Straßenbild verschwunden waren. Viele Trachtengruppen orientieren sich heute an der Kleidung, die im ausgehenden 18. Jahrhundert oder im 19. Jahrhundert getragen wurde. Dabei können einige auf erhaltene Originalstücke zurückgreifen, andere müssen aufgrund von Abbildungen oder Überlieferungen improvisieren.

 

Paare 1
Abb. 5
Paare (v.l.n.r) aus Nordstrand, Dithmarschen und Stapelholm

 

Unter Trachten versteht man heute oft die zum Teil sehr aufwändige und kostbare Festtagstracht. Seltener verbindet man den Begriff mit der ebenfalls wertvollen aber schlichtere Sonntagstracht oder der täglichen Arbeitskleidung. Die auch zum Kirchgang getragene Sonntagstracht war in einigen Regionen schwarz, die Alltagstracht dagegen eher bunt (wie in Abb. 4 und 5) oder erdfarben (wie in Abb. 6). Auch bei den Stoffen und der Verarbeitung gab es Unterschiede. Bei der Sonn-tagstracht wurden beispielsweise reich bestickte Seidenstoffe verwendet. Die Alltagskleidung dagegen war wesentlich robuster. Heute wie damals ist Kleidung in ihrer Weiterentwicklung immer modischen Strömungen unterworfen. Heute getragenen Trachten dagegen sind oft historisierend und kaum Veränderungen unterworfen.

 

Paare 2
Abb. 6
Paare (v.l.n.r.) aus Ellerbeck, Testorf und Quickborn

 

Zu den Frauentrachten gehören meist ein Rock und eine Schürze. Darüber wird ein Mieder oder eine kurze Jacke getragen. Der Rock ist oft gestreift und aus einem "Beiderwand" genannten Wollstoff gefertigt, der insbesondere im 19. Jahrhundert in verbreitetes Material für bäuerliche Trachten war. Ein Schultertuch mit oder ohne Fransen, das einfarbig oder bunt sein kann, wird in den Ausschnitt eingesteckt. Dazu werden oft eine Haube oder Kappe und Silberschmuck getragen.

Männertrachten werden oft an die Frauentrachten angepasst (s.o.) oder gehen auf die Bekleidung bestimmter Berufsgruppen der damaligen Zeit zurück.

 

Paare 3
Abb. 7
Paare (v.l.n.r.) aus Rendsburg, Holsteinische Geest und Pinnau-Elbmarschen

 

Es gehört zu den typischen Merkmalen der Tracht der Festlandfriesen, dass die Männer die im Norden übliche "Ackermannsche Zipfelmütze" aus Baumwolle aufsetzen. Zu einer dunklen Kniebundhose werden dazu eine Festtagsweste mit vielen Knöpfen und ein aus Flachsleinen gewebtes Bauernhemd getragen.

 

Paare 4
Abb. 8
Paare (v.l.n.r.) aus Uetersen, Angeln und Hüttener Berge

 

Etliche Beschreibungen von Trachten, beispielsweise der aus Angeln, stimmen mit der auf den Spendenmarken dargestellten Kleidung nicht überein. Gleiches gilt für die nach diesen hergestellten Figurinen. Dafür gibt es mehrere Gründe. Zum einen ist die Quellenlage oftmals unsicher und originalen Trachten sind nur unvollständig oder gar nicht mehr vorhanden. Zum andern liegt es am Nuancenreichtum der Trachten.

 

"Stehrümchen" oder Sammelfiguren

 

Manchem Betrachter mögen die hier vorgestellten Arbeiten als Figürchen erscheinen, die nach dem Anschauen nur "rumstehen", also nutzlose Staubfänger sind. Umgangssprachlich werden sie gerne in mitleidiger Liebenswürdigkeit als "Stehrümchen" bezeichnet. Die Beschreibungen in diesem und früheren Essays verdeutlichen, dass diese Arbeiten als Sammelfiguren nach ihrer Fertigstellung einer geeigneten Präsentation bedürfen. Sie sollen als "Objekte zum Anschauen" wahrgenommen werden und eben nicht nur so "rumstehen".

Für die Abbildungen 4 bis 8 sind die Figuren gruppenweise auf ein Podest aus Kreissegmenten unterschiedlicher Höhe gestellt worden. Anstelle dieser raumgreifenden Form der Präsentation bietet sich als platzsparendere Möglichkeit die Verwendung eines Setzkasten-Rahmens an. Das ist ein Bilderrahmen mit eingebauten waagerechten Leisten als Stellflächen für Figuren in einem thematischen Zusammenhang.

Ein solcher Setzkasten-Rahmen von 53 x 63 cm Größe bot sich dafür an, erwies sich aber für die Präsentation von 15 Figuren als zu groß. Es blieben darin Leerräume, die den Gesamteindruck des "Bildes" (Abb. 2) beeinträchtigten. Die Lücken sollen nicht nur provisorisch, sondern mit ausdrucksvollen Formen gefüllt werden. Die dafür gewählte Lösung wird nachfolgend beschrieben.

 

Drechselformen nach "Topiary Art"

vgl. Anmerkung ‹C›

 

Eine spezielle Bearbeitung des Buchsbaums ist der Formschnitt, der auch "Topiary- Schnitt" genannt wird. Traditionelle Topiary-Skulpturen nutzten zurück geschnittenes und/oder "erzogenes" Blattwerk zu geometrischen Formen wie Kugel, Würfel, Obelisk, Pyramide, Kegel oder sich nach oben hin verengende Spiralen. Nach Art der Topiary-Skulpturen hat der Autor aus verschiedenen Resthölzern 12 kleine Holzskulpturen gedrechselt.

 

Kegel Kugelbaum Kegelstumpfsegment Kugelturm
Abb. 9
Kegel
Abb. 10
Kugel-Baum
Abb. 11
segmentierter
Kegelstumpf
Abb. 12
Kugelturm
konkave Halkugeln Banksia Kegelstumpf Eirund segmentierter Rundkegel
Abb. 13
Halbkugeln
konkav
Abb. 14
Kegelstumpf,
Banksia
Abb. 15
Eirund
Abb. 16
Rundkegel
segmentiert
konkave Halbkugeln gestreckter Kegelstumpf sthender Tropfen Puppe
Abb. 17
Halbkugeln
konkav
Abb. 18
gestreckter
Kegelstumpf
Abb. 19
Stehender
Tropfen
Abb. 20
Puppe

 

Diese Topiary-Skulpturen wurden zwischen die Schleswig-Holsteinischen Trachtenfiguren zur Auffüllung des Bildrahmeninhaltes genutzt.

Die dann noch verbleibenden Leerräume füllen "Kreiselbäume" (Abb. 21 bis 26) und vier Trachtenfiguren (Abb. 27), die als Entwurfsexemplare für die Trachtenfigur-Serie aus Schleswig-Holstein gefertigt wurden.

 

21 22 23
Abb. 21 Abb. 22 Abb. 23
24 25 26
Abb. 24 Abb. 25 Abb. 26
Kreiselbäume: Kreisel stecken kopfüber in einem Ständer bzw. Halter;
in Abb. 23 und 24 sind Halter und Kreisel von einander getrennt

 

Aus der Entwurfsphase sind vier, etwas klein geratene Figuren übrig geblieben (Abb. 27):

 

Versuchsfiguren
Abb. 27
Versuchsfiguren für die Schleswig-Holstein-Trachtenserie

 

Gleichwohl fügen sich auch diese Figuren in die Reihe der vorstellungsgemäß gefertigten mit den umgebenden Topiary-Skulpturen und Kreiselbäumen harmonisch ein. So zeigt der "fertige" Rahmen insgesamt eine Art skulpturales Bild (Abb. 28), das nicht nur einen Sammlungsgegenstand angemessen präsentiert, sondern darüber hinaus auch als "Bild" eine eigene Qualität hat.

 

Vollständiger Bildrahmen
Abb. 28
Bildrahmen mit Trachtenfiguren aus Schleswig-Holstein,
Topiary-Skulpturen und Kreiselbäumen

 

Sooft der Blick des Autors im Vorübergehen auf den beschriebenen Bildrahmen fällt, freut er sich an dieser geglückten Präsentation kleiner Petitessen, deren Formen, Farben und Gruppierungen sich harmonisch ergänzen.

 


Anmerkungen:
‹A› Kreative Bausteine:
bezeichnen - auf den amerikanischen Wissenschaftler Mel Rhodes zurückgehend - 4 Grundelemente der Kreativität, die sogenannten 4 Ps (kreative Person, kreativer Prozess, kreatives Produkt, kreativer Problemlösungsdruck); detaillierte Informationen hierzu finden sich z.B. im Wikipedia-Artikel ‹4› "Kreativität" und der dort angegebenen Quelle ‹5› 'An Analysis of Creativity'. - zurück zu ‹A› -
‹B› Schleswig-Holsteiner Trachten:
Geschichte, Trachtengestaltung und regionale Besonderheiten "Schleswig-Holsteiner Trachten" stellt ein sehr informativer Artikel (mit diesem Titel) bei ‹6› Wikipedia ausführlich dar. - zurück zu ‹B› -
‹C› Topiary:
Dieser Begriff wird in der ‹7› englischsprachigen Wikipedia ausführlich erläutert. - zurück zu ‹C› -


LINKS:
‹1› Rüdiger, Karl Kleine Welten in Holz : www.kleine-welten-in-holz.de - zurück zu ‹1› -
‹2› Rüdiger, Karl Santons de Provence: www.publicationes.de/verschiedenes/holzwelten/145-santons.html - zurück zu ‹2› -
‹3› Schleswig-Holsteinischer Heimatbund Farbenfrohes Trachtenfest 2012: www.heimatbund.de/dtfaktuelles/index.php?ID=1343284733 - zurück zu ‹3› -
‹4› Kreativität Wikipedia-Artikel : http://de.wikipedia.org/wiki/Kreativität# - zurück zu ‹A› -
‹5› Rhodes, Mel "An Analysis of Creativity" in: Phi Delta Kappan. April 1961, S. 305–310. - zurück zu ‹A› -
‹6› Schleswig-Holsteiner Trachten Wikipedia-Artikel: http://de.wikipedia.org/wiki/Schleswig-Holsteiner_Trachten - zurück zu ‹B› -
‹7› Topiary engl. Wikipedia : http://en.wikipedia.org/wiki/Topiary - zurück zu ‹C› -

 


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