Thüringer Trachten von Karl Rüdiger

 

Von der Wiege bis zur Bahre

 

Es war einmal

Trachten waren in Thüringen noch bis in die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts die übliche Kleidung. Wer sie trug, gab zu erkennen, wo er zuhause war und zu welchem Anlass er unterwegs war. Die Tracht brachte des Menschen Heimatverbundenheit und Achtung vor einander zum Ausdruck. So formulierte ein Thüringer Heimatdichter:

"Nichts verkörpert mehr die traditionellen Werte der Heimat,
die Wurzeln eines Menschen
und die Liebe für Brauchtum und Sitten der Region
- wie die bodenständige Tracht."

Im Zuge der Schnelllebigkeit unserer Zeit ist jetzt die Volkstracht (auch) in Thüringen nicht mehr in Gebrauch. Wenige Reste werden nur noch in Museen, Privatbesitz, Bildbänden oder Sammelwerken aufbewahrt. Getragen werden sie nur noch in Heimat- und Trachtenvereinen, die sich eine Wiederbelebung der Volkstrachten zur Aufgabe gemacht haben, wie es zum Beispiel folgendes Foto (auf der Seite www.thueringer-trachtenverband.de) dokumentiert:

Selbst wenn man nicht das Wegbrechen traditioneller Werte konstatiert, ist es wenigstens schade, dass mit der bewundernswerten Gestaltungsvielfalt dieser Trachten ein Teil Thüringischer Kultur in Vergessenheit zu geraten droht.

Der Autor hat zu dieser Trachtenkultur eine persönliche Bindung durch seine Vorfahren: Seine Familie stammt aus Nordhausen. Eine Großmutter war dort Damenschneiderin und ein Urgroßvater Dorfschuhmacher in Bielen, einem Dorf in der Nähe Nordhausens. In der Trachtenkultur erkennt er ein Stück kultureller Identität dieser Region. Ihn fasziniert das Erscheinungsbild dieser Kleidung vor allem durch die harmonische Farbgebung, durch manches originell gestaltete Detail und die liebenswürdige Anmut, die von ihr ausgeht. Darum mochte er ihr mit seinen kunsthandwerklichen Fertigkeiten ein kleines Denkmal setzen.

Eine Reise nach Bern

Kreativbaustein 1

An der Junkengasse 22 in Bern steht das Traffelet-Haus. Quer über die Vorderfront dieses Hauses ist über den Schaufenstern und der Eingangstür auf der Hauswand ein Spruchband aufgebracht, das Auskunft gibt über den Bewohner des Hauses und seinen Beruf:

Hier herrschen Schönheit und Geschmack
Hier riecht es angenehm nach Lack
Hier wird gemalt in Öl und Kleister
Friedrich Traffelet Malermeister

Oberhalb dieses Spruchbandes ziert eine "Lüftlmalerei" die Hausfassade.

Trafellet-Haus
Abb. 1
Traffelet-Haus in Bern, Junkengasse 22

 

An einen Scherenschnitt erinnernd wird hier in schwarzer Farbe ein Figurenfries dargestellt, auf dem Menschen jeglicher Provenienz, Jung und Alt, am Betrachter vorbeiziehen. Zwischen den Fenstern in der ersten Etage findet sich ein weiterer Spruch, den man als Erklärung für die Darstellung auf dem Figurenfries verstehen kann:

Aus Tauf- Hochzeits- und Grabgeläut
Mischt sich der Klang des Lebens
Woher? Wohin? Wozu?
Du fragst vergebens.

Menschen sind unterwegs. Woher kommen sie, wohin gehen sie, wozu sind sie unterwegs? Sie sind auf dem Weg der ewig gleichen Wiederkehr des Verlaufes menschlichen Lebens zwischen Geburt und Tod.

Der Anblick dieser Hausfront inspirierte den Autor, Figuren zu drechseln, die den menschlichen Lebensweg darstellen sollen, und zwar in Trachtengewändern.

Trachtenland Thüringen

Kreativbaustein 2

In der Bibliothek des Autors finden sich zwei Bände über Thüringer Volkstrachten, nämlich von Magdalena Bindmann ‹1› "Thüringer Volkstrachten zwischen Rhön und Altenburger Land" und von
Knut Kreuth ‹3› "Trachtenland Thüringen" . Die Abbildungen der Trachtenträgerinnen und Trachtenträger in diesen beiden Veröffentlichungen vermitteln einen so lebendigen Eindruck von der bunten und formenreichen Trachtenlandschaft Thüringens, dass der Autor nicht widerstehen konnte, sie zum Gegenstand seiner Vorliebe für das Figurendrechseln zu machen.

Trachtenfiguren auf dem Lebensweg

Ein Drechselvorhaben

 

Schon beim Entwurf einer Gruppe mit vielen Figuren ist im Hinblick auf deren spätere Präsentation oder Aufstellung zu bedenken, dass sie nicht nur als die Summe ihrer Einzelteile wahrgenommen werden soll. Es bedarf deshalb eines sinngebenden Zusammenhalts als verbindendes Element zwischen den Einzelfiguren, die eine Einheit in der Vielheit bewirkt.

Dazu verhelfen die beiden dargestellten Kreativitätsbausteine durch ihre Zusammenführung: Menschen aus Thüringen werden in ihren Trachten dargestellt, die sie zu bestimmten Zeiten, Gelegenheiten und Anlässen getragen haben. Taufe, Kindheit, Erwachsenwerden, Berufsausübung, eigene Familiengründung, Altwerden und Sterben als Stationen des Lebenswegs sind auch Stationen für zugehörige Figurengruppen. In ihren regionaltypischen Trachten stellen sie Protagonisten eines Lebensweges dar, der beispielhaft für überall hier für das Trachtenland Thüringen in Szene gesetzt wird.

 

Lebensweg-Szenen

Am Hausfries des Traffelet-Hauses sind die Figuren auf dem Lebensweg hintereinander so aufgereiht, dass jede Figur im Profil erscheint. Die gedrechselten Figuren werden hingegen so zu Motivgruppen zusammengestellt, dass ihre Mitglieder ‚en face' angeschaut werden können.

1. Hochzeit

Hochzeitszug
Abb. 2
Der Hochzeitszug

 

Dem Anfang eines neuen Lebens geht die elterliche Hochzeit voraus. Zum Hochzeitszug (Abb. 2) gehören das Brautpaar mit den Blumenkindern (Abb. 3), die Zuchtjungfern (Abb. 4), der Hochzeitslader (Abb. 5) und ein vom Gespannführer geleitetes
Aussteuergespann (Abb. 6), auf dem auch eine Wiege mitgeführt wird.

 

Brautpaar
Abb. 3
Brautpaar mit Blumenkindern

 

Zwei Blumenkinder begleiten das Brautpaar aus Sachsen-Altenburg. Das neben der Braut stehende Kind aus dem Frankenland ist in der fränkischen Tracht gekleidet. Das Blumenkind aus Tabarz (früher Cabarz) - neben dem Bräutigam - trägt die dort gebräuchliche "Schute". Das ist ein aus Stroh geflochtener Deckel, der mit zwei Bändern unter dem Kinn gebunden wird. Die Schute ist eine besondere Art der Kopfbedeckung. Sie umschließt in ihrer Form den gesamten Hinterkopf der Trägerin. Die Schute wurde zu bestimmten Anlässen mit dazu passenden Blumen, bunten Bändern oder einem Seidenschleier geschmückt.

Der Bräutigam, der "Marcher", trägt einen langen Mantel mit hoch angesetzter Taille, hoch hinaufgezogene Kniehose mit dreiteiliger Hosenhebe aus rotem Leder und ein Filzhütchen mit aufgeschlagener Krempe. Die Braut, auch "Marche" genannt, erscheint mit einem roten, glatt um das Haupthaar liegenden Kopfputz aus rotem Band, "Bängerheid" genannt, auf welchem der Kranz sitzt.

 

Zuchtjungfern
Abb. 4
Zuchtjungfern

 

Hinter dem Brautpaar stehen die "Zuchtjungfern", die die Braut zur Kirche und zurück führen. Der geflochtene Haaraufbau dient dem Halt des hochgetürmten Schleiers, den die Zuchtjungfern gewöhnlich tragen, hier aber wohl abgenommen haben.

 

Hochzeitsbitter
Abb. 5
Der Hochzeitsbitter

 

"Hochzeitsbitter", oder auch "Hochzeitslader" (von bitten und einladen), werden Personen genannt, die bei der Vorbereitung einer Hochzeit u.a. die Rolle des Einladers und die eines organisierenden und oft lustigen Unterhalters übernehmen. Häufig werden die mündlich und persönlich vorgebrachten Einladungen an die Gäste in Spruchform aufgesagt. Auch bestimmte Utensilien, wie beispielsweise einen bunt geschmückten Bitterstock oder -stab führt ein Hochzeitsbitter zur Einladung meistens mit sich. Ebenfalls gibt es die typische Bekleidung des Hochzeitsbitters. Unser Hochzeitsbitter aus Altenburg präsentiert sich in weißer "Kappe" (Oberkleid), darunter ein dunkelroter Rock und die weitbauchige schwarze Kniebundhose. In der rechten Hand hält der Hochzeitslader eine schmucke Hülle für seine Hochzeitsrede, in der anderen den Bitterstab.

 

Aussteuerwagen
Abb. 6
Aussteuerwagen und Gespannführer

 

Die Aussteuer der Braut wurde auf dem Hochzeitswagen mitgeführt. Zur Aussteuer gehören Truhe, Schrank, Hausrat und die "Wiege", in der der Lebensweg beginnt.
Der Gespannführer ist der Fuhrherr persönlich, kenntlich an seiner Tracht. Die Trachtenforscherin Luise Gerbing gibt in ‹2›"Die Thüringer Trachten" für die Fuhrmannstracht von Gräfenthal folgende Beschreibung:
"Die Fuhrherren putzten sich mit Samtjacke und Kniehose. Darüber wurde der blaue Leinenkittel mit bestickten Achselstücken gezogen, der auf der Achsel geschlossen wurde. Die gelben Tuchgamaschen befestigte er oberhalb der Wade mit roten gestrickten Strumpfbändern. Die Füße waren durch derbe rindslederne Schuhe geschützt. Auf dem Kopf saß der niedrige Filzhut mit Schnur und Quaste. Der Stolz des Fuhrherren aber war seine Ulmer Pfeife aus Buchsbaum." (Zitat nach ‹3›).

2. Einschulung

Erstklässler-Familie
Abb. 7
Der Erstklässler mit Familie

 

Mit der Einschulung beginnt ein neuer Lebensabschnitt, der für Eltern und Kinder große Veränderungen mit sich bringt. Der Schulranzen, den der Erstklässlers stolz trägt, verleiht diesem wichtigen Ereignis die angemessene Bedeutung. Oft richtet die Grundschule eine Begrüßungsfeier für die I-Dötzchen aus. Gern gesehene Gäste sind dabei nicht nur die Eltern, sondern auch die Großeltern oder die Patentante und der Patenonkel. Schließlich will die ganze Familie diesen besonderen Tag miterleben. Neben dem Erstklässler und seinen Eltern (Abb. 11) stehen in angenommener Familienrolle von links nach rechts: Die Tante und der 'große' Bruder (Abb. 8), Großmutter und Patenonkel (Abb. 9), der Onkel (Abb. 10) und die Patentante (Abb. 12).

 

Tante und Bruder
Abb. 8
Die Tante und der 'große' Bruder

 

Die Tante kommt aus dem Gothaer Land. Sie trägt als "Ausgangstracht" die "Ruhlaer Tracht": Ärmelmieder, Rock und Schürze aus teurem Wollstoff in kräftigem Grün. Auf dem Kopf trägt sie den [A] "Haitlappen" (‚Hait' bedeutet umgangssprachlich Kopf). Die Art des Stoffes, das Binden und die Anordnung der Knoten und Bänder geben Auskunft über die Herkunft der Trägerin. Als unentbehrlich gilt der auf dem Rücken getragene "Buckelkorb", die "Kiepe" zur Beförderung des Einkaufs.

Der große Bruder aus dem Erfurter Land trägt eine "Burschentracht" mit Kniebundhose, roter Pelzkappe, einer blauen Kurzjacke sowie eine Pfeife als Ausdruck dafür, dass er der Schule entwachsen ist.

 

Großmutter und Onkel
Abb. 9
Großmutter und Patenonkel

 

Die Großmutter aus Schönau trägt zur Feier des Tages ihre "Festtracht": wadenlanger Rock, dunkelblaue Strümpfe, Kurzjacke, Mieder und Schultertuch. Als auffälligstes Accessoire aber trägt sie die "Weimarische" oder "Gothaer Haube", auch "Wimmersche Mitzen" genannt. Die Haube ist ein runder Pappmaché-Körper mit schwarzen Seidenbändern. Als weitere Zierde und Ausdruck der Würde wurde die Haube mit einem Gebinde aus Straußenfedern und Perlen geschmückt. Die Bänder der Haube konnten am Rücken teilweise bis zur Wade herab reichen.

Der Patenonkel kommt wie die Tante aus dem Gothaer Land. Er trägt die Arbeitstracht mit dem knielangen blauen Fuhrmannskittel, dazu gelbledernes Beinkleid und eine ebenso gelb-lederne Umhängetasche und als Kopfbedeckung einen schwarzen Filzhut mit kegelförmigem Kopf.

 

Onkel
Abb. 10
Der Onkel

 

Der Onkel, ein Bruder der Mutter, ist ein junger Bauer, der einen weißen Leinwandkittel trägt und dazu weiße "Leinwandkamaschen" (Kamasche = Gamasche). Seinen blauen Rock hat er über die Schulter gelegt. Seiner Herkunft aus Schönau im Gothaer Land entsprechend trägt er, wie dort bei bei Überlandgängen üblich, einen schwarzen Filzhut mit breiter, leicht geschwungener Krempe und rundem Kopf.

 

Erstklässler
Abb. 11
Der Erstklässler mit seinen Eltern

 

Die Eltern aus Dingsleben haben zur Einschulung ihres Sohnes ihre Kirchentracht angelegt: Die Mutter trägt eine "Kirchenmütze", auch "Chimilliummütze" genannt und den "Henneberger Mantel". Der Vater hat den langen Schoßrock angezogen und er trägt dazu einen Zylinder, den man auch als Angströhre oder Schlot bezeichnet.

Der Erstklässler trägt als Zeichen seiner neuen Würde den Schulranzen. Seine Kleidung ähnelt der Erwachsenentracht mit dem blauen Leinenkittel - (den Blaukittel), der gelben Kniebundhose, dem roten Halstuch und einer Pelzmütze.

 

Patentante
Abb. 12
Die Patentante

 

Die Patentante aus Sonneberg hat eine Festtracht angelegt, wie sie junge Mädchen tragen: Rock, Jacke und Schürze in kräftigen Farben. Um die Bänderhaube ist kunstvoll das Halstuch geknotet.

3. Unterwegs

 

Unterwegs
Abb. 13
Unterwegs zum Einkaufen

 

Die Frauen sind mit den Kindern zum Einkaufen unterwegs: Die Kiepenträgerin aus Heinersdorf trägt die Ausgehtracht mit schwarzem Faltenrock und roter Seidenschürze. Die dunkelblaue Jacke verdeckt das Mieder mit dem eingesteckten Schultertuch. Die turmhohe schwarze Kappe mit kurzen herabhängenden Bändern ist mit bunten, in Schleifen gelegten Bändern umwunden. Der Junge ist in der Schülertracht unterwegs. Er trägt weiße Leinenstrümpfe mit blauen Strumpfbändern, schwarze Kniebundhose, Blaukittel mit abgesetzten dunkelblauen Aufschlägen, ein blau-weiß kariertes Halstuch und eine weiße Zipfelmütze.

 

Mutter und Kinder
Abb. 14
Mutter mit Kindern auf dem Weg zur Stadt

 

Die Mutter aus Altenburg trägt einen kleinen Einkaufskorb und ist mit ihren Kindern auf dem Weg zur Stadt. Sie hat ihre Festtracht angelegt, die aus schwarzem Faltenrock, weißem "Streifelmieder" mit bunten Stickereien am Arm, Brustlatz und Faltenschürze besteht. Der besonders hohe Kopfbedeckung, Saumagen genannt, ist ein Zeichen für den Wohlstand der Familie. Die kleine Tochter trägt eine Tracht, die in Form und Machart der Erwachsenentracht der Mutter entspricht. Ebenso entspricht die Tracht des kleinen Jungen der erwachsenen Männertracht: weiße Strümpfe, schwarze Kniebundhose mit rot-lederner dreiteiliger Hosenhebe, dunkle Weste, weißes Hemd, flaches schwarzes Filzhütchen mit aufgeschlagener Krempe.

4. Alltagsleben

 

Leute
Abb. 15
Nach dem Kirchgang; unterwegs zur Arbeit

 

Wir sehen zwei Gruppen. Die linke Gruppe mag mit einem Schwätzchen nach dem Kirchgang beschäftigt sein.

Ein junger Mann aus Langenfeld mit weißer Kniebundhose, grünem Schoßrock, blauer Weste, rotem Halstuch und dem Napoleonshut (Dreispitz) unterhält sich mit einem Mädchen in festlicher Tracht aus Schönau. Sie ist bekleidet mit einem dunkelgrünen Faltenrock, weißer schmaler Schürze, weißem Ärmelmieder, am Handgelenk mit roten Bandschleifen gebunden. Das Mieder aus dunkelblauem Stoff hat einen hellblauen Besatz, unter dessen vorderem Knopfverschluss ein gelber Brustlatz sichtbar wird. Rote Strümpfe und der Kopfputz aus rotem Seidenband bilden den farbigen Kontrast zur übrigen Kleidung. Die Halskette besteht aus zusammengebundenen Münzen.

Ein Mann aus Sonneberg mit gelber Kniebundhose, weißen Strümpfen, langem Schoßrock, hoher Pelzmütze, rotem Halstuch und mit einer Pfeife in der Hand hört der Unterhaltung zu.

 

Familie
Abb. 16
Familie unterwegs

 

Diese Gruppe könnte eine Familie aus Heinersdorf sein, die auf getrennten Wegen unterwegs ist. Der Vater mit dem geschnürten Ränzel ist auf dem Weg zur Arbeit. Er trägt weiße Kniestrümpfe, eine dunkelblaue Kniehose, eine hochgeschlossene einreihige Weste, dazu Kurzjacke und Pelzkappe.

Mutter und Sohn könnten auf dem Weg ins Nachbardorf sein um einen Besuch zu machen. Die Mutter ist gekleidet mit einem Band-besetztem Faltenrock, bunt gestreifter Schürze und einer Jacke in kräftigem Rot. Um die Bänderhaube ist kunstvoll ein buntes Tuch geknotet.

Der Sohn trägt einen weißen Leinenkittel mit Zipfelmütze, dazu eine schwarze Kniebundhose mit weißen Strümpfen und ein farbiges Halstuch.

5. Begegnungen

 

Begegnungen
Abb. 17
Begegnungen

 

Auf dem Lebensweg finden vielerlei Begegnungen zwischen Menschen unterschiedlichster Art statt: etwa zwischen Jung und Alt, Mann und Frau, arm und reich, gesund und krank.

"Alles wirkliche Leben ist Begegnung" sagt Martin Buber zutreffend.

 

Mann
Abb. 18
Alter Mann aus Sonneberg

 

Der auf der linken Seite sitzende alte Mann aus Sonneberg ist dem Ende des Lebensweges nahe. In der Tracht, die er zeitlebens getragen hat, sitzt er mit Kniebundhose, weißen Strümpfen, hochgeschlossener Weste, Kurzjacke und Zylinder bekleidet am Wegesrand und sieht dem Treiben der Menschen jüngeren Alters zu.

 

 

Kahla
Abb. 19
Nach dem Kirchgang in Kahla

 

In Sonntagstracht sind zwei Männer aus Kahla nach dem Kirchgang auf dem Weg zum Wirtshaus. Der eine trägt die Kurzjacke, der andere den langen blauen Gehrock. Sie tragen hochgeschlossene grüne Westen mit rotem Halstuch. Die Kniebundhosen sind aus gelbem Leder gefertigt, weiße Kniestrümpfe zwischen Hosenabschluss und Stiefeln gehören weiter zur Sonntagstracht. Sie tragen auffällig große breitkrempige Filzhüte. Die beiden Männer sind im besten Mannesalter.

 

 

Lebensabschnitte
Abb. 20
Kindheit, Jugend ,Reifezeit

 

In dieser Gruppe rechts begegnen sich Kindheit (links), Jugend (rechts) und Reifezeit (Mitte).

Der Junge im gelben Leinenkittel mit blauem Halstuch und Pelzmütze steht für die Kindheit. Er ist gekleidet nach Art der Erwachsenentracht, die bei dem Kind wirkt wie der Ausblick auf den weiteren Weg, den dieses junge Leben einmal nehmen wird.

In dem jungen Burschen mit langer grauer Hose, blauer Kurzjacke über geschlossener Weste rechts neben der Nordhäuserin, begegnet uns mit der Jugendzeit zugleich auch der Fortschritt. Die kleine Pelzkappe als Kopfbedeckung und der Spazierstock erwecken den Eindruck von Lebensfreude und Tatendrang. Die lange Hose aber ist das Neue: Sie ist eine Anpassung an das bürgerlich-städtische Kleidungsverhalten. Als "sanscoulotte" hatte sie die Herrenmode erobert. Die ältere Generation blieb in der Regel jedoch bis an ihr Lebensende der traditionellen Kleidung mit der Kniehose treu.

In üppiger Lebenskraft und praller Reife trägt die Dame aus Nordhausen ihren weiten rot-lila Rock mit einem gestreiften Mieder. Sie hat einen weiten Mantel mit breitem, gezackten Kragen und Goldtressen angezogen. Den als Kopfbedeckung getragenen übergroßen Strohhut trifft man allerdings nur in Nordhausen an.

6. Lebensende

 

Beerdigung
Abb. 21
Beerdigung

 

So wie freudige Ereignisse haben auch Leid und Trauer Einfluss auf den Lebenslauf genommen. Alles, was im Zusammenhang mit dem Tod stand, wurde in die feste Ordnung des Brauchtums eingebunden. Die Trauertracht ist schwarz. Die Sargträger aus Kahla haben den Leibrock an, der über der Weste, einer langen Hose und schwarzen Strümpfen getragen wird. Als Kopfbedeckung dient ihnen der Zylinder.

 

 

Trauernde
Abb. 22
Trauernde Sargbegleiter

 

Die Frauen aus Stelzen tragen als Trauertracht Kirchenmäntel. Die Tracht der rechts stehenden Trauernden ist eine "Bänderhaube" mit reichem Bänderschmuck. Auch der neben ihr stehende männliche Trauergast, der ebenfalls aus Stelzen stammt, hat im Trauergefolge zur Beerdigung einen schwarzen Trauermantel umgelegt, zu dem er einen Dreispitz trägt. Die links neben ihm stehende Dame trägt einen "Zackenkragenmantel", der einen breit aufliegenden Schulterkragen mit ringsherum in Spitzen auslaufenden Einbuchtungen hat. Die Kopfbedeckung dieser Trauernden ist eine "Kegelhaube". Die Grundform dieser Haube ist einem abgestumpften Kegel vergleichbar.

 

 

Beobachter
Abb. 23
Beobachter am Wegesrand

 

Ein im Hintergrund am Wegesrand stehender Bauer aus Ettersberg sieht dem vorbeiziehenden Trauerzug zu, Er trägt seinen langen dunkelblauen Schoßrock über der hochgeschlossenen dunklen Samtweste, der schwarzen Kniebundhose und den weiß-grauen Kniestrümpfen. Der große, breitkrempige Hut erinnert an die Kopfbedeckung der Hirten, sein Gehstock angesichts des Sarges an das Unterwegs-sein auf dem Lebensweg, den alle Menschen gehen müssen.

Die neben dem Bauern stehende Frau ist in die Festtracht gekleidet: wadenlanger Faltenrock mit gemusterter farbiger Schürze und Schnürmieder bedecken den Oberkörper. Beeindruckend ist der Schmuck, der sogenannte "Mahlschatz". Als Kopfbedeckung trägt sie die "Weimarische Haube" mit den lang herabfallenden Bändern.

 

Handwerkliche Details

 

Die Abbildungen in den Buchvorlagen sind schwarz-weiße oder kolorierte Fotografien, naturalistische Zeichnungen oder Kupferstiche, ebenfalls teils schwarz-weiß, teils koloriert. Als Arbeitsvorlage zum Drechseln eignen sich diese Abbildungen nicht unmittelbar. Deswegen mussten zu den ausgewählten Beispielen zunächst Werkskizzen (Abb. 24 und 25) angefertigt werden.

 

Werkskizze1
Abb. 24
Werkskizze I

 

Werkskizze2
Abb. 25
Werkskizze II

 

Gedrechselt haben die Figuren eine Höhe von ca.80 mm. Sie sind aus Ahornholz gedrechselt und farbig mit Tempera und Acryl auf einer GESSO-Grundierung gefasst. Zusätzlich verwendete Materialien sind Papier, textile Bänder und Kunstblumen.

 

Anmerkungen

1. Bildvorlagen und Beschreibungen

 

Die Figuren-Skizzen und deren Beschreibungen lehnen sich an die Darstellungen in den Büchern von ‹1› Bindmann und ‹3› Kreuch gemäß nachfolgender Übersicht an:

 

Abbildung Seiten der Fundstellen
Quelle ‹1› Bindmann ‹3› Kreuch
2 - 6 Hochzeit 70 Cover, 17, 42, 55, 81, 83
7 - 12 Einschulung 19, 30, 56, 72, 86, 87
13 - 14 Unterwegs 30, 31, 81, 87
15 - 16 Alltagsleben 30, 56, 85, 86, 87, 88
17 - 20 Begegnung 30, 69, 82, 85, 86
21 - 23 Lebensende 25, 70 65, 76

 

2. Verortung

 

Die in den Trachtenbeschreibungen erwähnten Ortsangaben sind in folgender Übersicht aufgelistet:

 

Nummer Ort Abbildungen
1 Altenburg 3, 5, 14
2 Dingsleben 11
3 Erfurt 8
4 Ettersberg b. Weimar 23
5 Gotha 8, 9, 10
6 Gräfenthal 6
7 Heinersdorf 13, 16
8 Henneberg 11
9 Kahla 19, 21
10 Langenfeld 15
11 Nordhausen 20
12 Ruhla 8
13 Schönau 9, 10, 15
14 Sonneberg 12, 15, 18
15 Tabarz 3
16 Weimar 9, 23

 

Eine Karte mit den Ortsangaben findet sich unter folgendem Link: Thüringer Trachtenorte.

Hinweis:
Bei Anklicken der Ortsnamen in der links neben der Karte befindlichen Liste erscheint an der zugehörigen Ortsmarke eine Hinweistafel, die neben dem Ortsnamen auch die obigen Abbildungsnummer(n) enthält.

 


Literatur

‹1› Bindmann, Magdalena "Thüringer Volkstrachten zwischen Rhön und Altenburger Land", Wartburg Verlag 1993 - zurück zu ‹1› -
‹2› Gerbing, Luise "Die Thüringer Trachten", Verlag Böhlau 1925, Nachdruck 1998 - zurück zu ‹2› -
‹3› Kreuch, Knut "Trachtenland Thüringen" Hain-Verlag Rudolstadt und Jena 1998 - zurück zu ‹3› -


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