Allerlei Gedrechseltes von Karl Rüdiger

 

Petitessen

 

Willy Brandt verwendete den Begriff "Petitessen" einmal gegenüber Journalisten, um einige seiner Äußerungen als politisch belanglos zu klassifizieren. Das Wort bezeichnet aber nicht nur "Nebensächlichkeiten", sondern auch "Kleinigkeiten". In diesem Sinne soll der Untertitel dieses Beitrags den Unterschied zu den umfangreichen Tableaus der bisher vom Autor in publicationes.de vorgestellten Drechselgeschichten verdeutlichen: Die diesmal vorgestellten Drechselobjekte sind einfach nur weniger umfänglich und benötigen zu ihrer Beschreibung keinen je eigenen Artikel. Sie stehen allerdings in keinem thematischen oder inhaltlichen Zusammenhang zueinander. Es ist ein gedrechseltes Allerlei von sieben Einzelarbeiten, die als Solitär oder Teil einer Kleingruppe konzipiert sind:

 

  1. Dänischer Soldat
  2. Gewürzmühlen
  3. Korsaren
  4. Maskottchen
  5. Die sieben Schwaben
  6. Klezmer-Kapelle
  7. Traumtänzer und Paradiesvogel

 

Der Artikel schließt mit

 

 

1. Dänischer Soldat

Der Stadtplan von Kopenhagen ist mit der "augenzwinkernden" Darstellung eines dänischen Soldaten illustriert. Der trägt eine übergroße Bärenfellmütze, in dem Vögel ihr Nest gebaut haben. Und er zieht eine Kanone hinter sich her, in deren Rohrmündung ein Blumenstrauß steckt. Beides sind unmissverständliche Hinweise auf die durchaus friedlichen Absichten dieses Soldaten. Die Darstellung erinnert ein wenig an die Stadtsoldaten der Stadt Köln, "Funken" genannt, denen man nachsagt, dass sie Angreifern einmal entgegen gerufen haben sollen: "Nicht schießen, seht Ihr denn nicht, dass hier Leute stehen!" Auf der Spitze des Tambourstabes unseres dänischen Grenadiers sitzt übrigens keine Taube, die als Symbol des Friedens gilt, sondern ein Vogel, der einen Regenwurm im Schnabel trägt. Wahrlich ein "WUNDERVOLLES KOPENHAGEN"!

Abb. 1   Stadtplan Kopenhagen

Für den Autor entstand aus dieser Darstellung, die dezent mit den Mitteln der Karikatur arbeitet, die Idee zu einer gedrechselten Statuette. Wie von selbst ergab sich dann bei der Übertragung in die Dreidimensionalität, dass dabei das Karikaturhafte des fröhlich-naiven Pazifismus, den die Figur ausstrahlt, besonders plastisch zum Ausdruck kommt.

Abb. 2   DÄNISCHER SOLDAT (K. Rüdiger)

Der dargestellte Soldat trägt die Uniform der dänischen "Kongelige Livgarde" (der Königlichen Leibgarde). Die Uniform veränderte sich im Laufe der Jahrhunderte. Ursprünglich war sie hellrot, so wie die Uniformjacke noch heute gefärbt ist. Erst später wurden die blauen Hosen eingeführt. Als Kopfbedeckung werden Bärenfellmützen getragen. Diese sind seit dem 17. Jahrhundert die Kopfbedeckung für die Grenadiere in den Garderegimentern aller Nationen, die noch eine Garde haben.

Handwerkliche Details

Die Figur hat eine Höhe von 150 mm über alles und steht auf einer Grundplatte aus Fichtenholz mit den Maßen 135 X 45 X 10. Auf einer GESSO-Grundierung ist die Figur mit Acrylfarben gefasst. Die gedrechselten Blumen sind farbig gebeizt und haben Stiele aus grünem Draht. Zusätzlich fanden kleine Goldperlen und Bindfaden Verwendung. Die Beine sind gesägt. Die Oberfläche ist abschließend mit Klarlack behandelt. Die Arbeit stammt aus dem Jahr 1992.

Auf der Unterseite der Standplatte ist wie bei allen Arbeiten des Autors zusammen mit dessen Logo das Entstehungsdatum aufgetragen.
Abb. 3 KR - Logo

 

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2. Gewürzmühlen

Gegenstände aus der Drechselwerkstatt
und ihre Funktion im Alltag

In der Berufsdrechslerei werden in der Regel Produkte für den täglichen Gebrauch hergestellt oder Gegenstände, die man im weitesten Sinne als Dekorationsobjekte bezeichnen kann. So definiert Kai Köthe in seinem Buch ‹1› "Schalen drechseln" (auf S. 58) die Funktion gedrechselter Produkte.

Ähnlich äußert sich auch der bei den Hobbydrechslern so sehr geschätzte Fritz Spannagel in seinem Buch ‹2› "Das Drechslerwerk". Die von Köthe als Dekorationsobjekte bezeichneten Arbeiten stellen nach Spannagel zusätzliche Gestaltungselemente dar, die eine "tektonische Funktion haben und bei denen also architektonische Elemente nötig sind". Als Beispiel dafür nennt er die Baudrechslerei, wo beispielsweise Treppengeländer hergestellt werden, und den Möbelbau, wo Tische und Stühle mit säulenartigen Füßen und Armlehnen mit mehr oder weniger reicher Drechselarbeit geformt und dekoriert werden. Ein Beispiel hierfür stellt die im Internet auffindliche Abbildung von ‹A› Geländerstäben dar.

Zu den praktischen Gebrauchsgegenständen, die aus der Drechselwerkstatt kommen, gehören Schalen, Dosen, Gewürzmühlen und dergleichen.

Abb. 4   Pfeffermühlen, Muskatmühlen und Eierbecher (K. Rüdiger)

In seinem Buch ‹3› "Drechseln in Holz" verdeutlicht Rolf Steinert (a.a.O. auf S. 220), dass für ihn Drechseln - egal ob es sich um das Berufsdrechseln oder das Hobbydrechseln handelt - entweder das Reproduzieren guter, bewährter Gesamtformen oder das bewusste Variieren von Formelementen bedeutet. Nach seiner Auffassung bedeutet das aber für den anspruchsvollen Drechsler, dass sein Handwerk ein ständiges Suchen nach endgültigen Formvarianten ist - mit dem Ziel, neue, zeitgemäße und nützliche Lösungen zu schaffen. Dabei ist der Schwerpunkt jeglicher Formfindung weniger das Äußere der Form selbst, als vielmehr der Zweck bzw. Inhalt des zu schaffenden Gegenstandes: Die Form muss sich nicht nur nach dem Inhalt richten, der Inhalt bestimmt die Form.

Steinert fordert als Ziel der drechslerischen Arbeit, Gebrauchsgerät herzustellen, das zeitlos und nützlich ist und in seiner Schlichtheit einen hohen ästhetischen Wert verkörpert. Er sagt: "Hierzu gehört große schöpferische Meisterschaft, denn das Einfache verlangt viel mehr Geist, Willen und Disziplin als das Ausgeschmückte, das mit Zierrat überdeckte."

 

Pfeffermühlen

Für jeden Drechsler gilt die Herstellung von Pfeffermühlen, Muskat- oder Salzmühlen als anspruchsvolle Aufgabe. Das gilt auch dann, wenn man - wie es der Hobbydrechsler heute macht - für das Innenleben einen handelsüblichen Bausatz verwendet; aufgrund der engen Toleranzen müssen dann die angegebenen Maße genau eingehalten werden. Design und Form lassen sich allerdings je nach Art der Inneneinrichtung variieren.

Abb. 5   Pfeffermühlen (K. Rüdiger)

Eine Gewürzmühle ähnelt im Aufbau dem einer schlanken Dose mit Deckel. An Stelle des Deckels hat sie einen Drehkopf, der mit der Achse des Mahlwerks mittels einer Drehmutter verbunden ist. Der Schaft ist als Aufbewahrungskammer für das Mahlgut aufgebohrt und am unteren Ende mit einem Mahlwerk ausgestattet.

 

Pfeffermühle ist nicht gleich Pfeffermühle

Für die Gestaltung von Pfeffermühlen weist Fritz Spannagel (in ‹2› auf S. 250) darauf hin, dass "Geräte, die in die Hand genommen werden, besonderen Gestaltungsgesetzen unterliegen." Dabei richtet er das Augenmerk vor allem auf die Hände und deren Bewegungen. "Diese Geräte müssen von der Art sein, dass sie sich bequem und gut anfassen lassen, wodurch die Hände eine natürliche und schöne Haltung einnehmen und einen edlen Ausdruck erhalten…Die Form der Gebrauchsgegenstände muss sich den Händen anschmiegen, und der Anblick der Hände, die ein solches Gerät halten, muss in uns geradezu einen ästhetischen Genuss erzeugen".

Abb. 6   Pfeffer- und Muskatmühlen (K. Rüdiger)
 

Der Autor hat für seine Mühlen eher schlichte, handliche Formen gewählt, die den Empfehlungen Spannagels entsprechen wollen. Viele im Handel erhältliche Gewürzmühlen haben Formen, die ihre Funktion nicht unmittelbar erkennen lassen, sondern Assoziationen wecken, um bestimmte Adressaten als Käufer zu gewinnen. So zielen Pfeffermühlen in Gestalt eines Kolbens oder einer Zündkerze besonders auf Automechaniker oder Motorsportler als Käufer, in Gestalt eines Hydranten oder Strahlrohres auf Feuerwehr-Enthusiasten oder in Gestalt eines Leuchtturms auf Seeurlauber. Im Internet finden sich dazu ‹B› anschauliche Beispiele. Pfeffermühlen in derart verfremdeter Gestalt lassen ihre Funktion nicht mehr unmittelbar erkennen und erweisen sich im Gebrauch oftmals als unhandlich. Früher bezeichnete man Gegenstände, bei denen Gehalt (Funktionalität) und Gestalt nicht zu einander passen, als Kitsch. Heute nennt man sie ‚kultisch' oder ‚Trash', um Käufer dafür zu begeistern.

In Goethes "Tarquato Tasso" schwärmt Tasso vom goldenen Zeitalter, in dem erlaubt sei, was gefällt. In Vergessenheit geraten scheint, was ihm darauf die Prinzessin Leonore entgegnet: "Erlaubt ist, was sich ziemt". Und in seinem Sonett über Natur und Kunst gibt Goethe zu bedenken: "In der Beschränkung zeigt sich erst der Meister." Der Autor meint dazu, dem Drechsler stünde gut an, was sich der Architekt Ludwig Mies van der Rohe zur Maxime gewählt hat: "Weniger ist mehr".

 

Handwerkliche Details

Das Herz jeder Pfeffermühle beziehungsweise Gewürzmühle ist das Mahlwerk. Nur ein hochwertiges Mahlwerk ist der Garant für ein langfristig konstantes Mahlergebnis. Mahlwerke werden aus Stahl oder Keramik hergestellt. Mittlere Größen liegen bei ca. 14 - 20 cm Höhe. Als Mahlwerke werden heute Komplett-Einsätze mit Montageanleitung im entsprechend guten Fachhandel für den Drechslerbedarf angeboten. Die Form kann gestalterisch entsprechend der Funktion und Handhabung sehr vielfältig ausgearbeitet werden. Als Hölzer kommen Ahorn, Esche, Buche und Kirsche in Frage. Die Oberflächenbehandlung ist bei den vom Autor vorgestellten Mühlen fast immer Danish Oil, in wenigen Fällen wurde eine farbige Fassung versucht, dann aber in Verbindung mit einer besonders schlichten Form.

 

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3. Korsaren oder Räuchermänner, denen der Kopf raucht

Mitbringsel aus Tunesien

Aus Tunis, viele Jahre vor der heutigen Revolution, brachte der Autor zwei Postkarten mit, auf denen abenteuerlich aussehende, an Gestalten aus den Märchen von 1001 Nacht erinnernde Typen abgebildet sind. Wie auf der Kartenrückseite zu lesen, handelt es sich bei den dargestellten Personen um zwei Vertreter von "Korsaren" des Mittelmeeres (Les corsaires de la Méditerranée).

Im Brockhaus liest man, dass Korsaren Freibeuter waren, die etwas unverfänglicher auch "Kommissionsfahrer" genannt wurden. Diese Kommissionsfahrer hatten von ihrer Obrigkeit ein ordentliches Patent, in dem ihnen eben diese Obrigkeit vorschrieb, was beim Entern und Ausrauben fremder Schiffe geplündert oder geschont werden musste. Sie waren nach dem Patent verpflichtet, am Ende ihrer Kaper- beziehungsweise Kommissionsfahrten "abzurechen" und einen Anteil der Beute für die Lizenz zum Kapern an ihre Obrigkeit abzutreten.

Korsaren-Ruhm auf Postkarten verewigt

Abb. 7   Le Kahraman de Smyrne Abb. 8   Kheyr ed din

Im Namen "Le Kahraman de Smyrne" bedeutet Kahraman: der Held. Der Abgebildete mit diesem Namen ist also der Held von Smyrna, dem heutigen Izmir. Wie der Held von Smyrna sich mit bürgerlichem Namen nannte, ist der vom Autor benutzten Quelle nicht zu entnehmen. Es wird dort lediglich berichtet, dass er in Anerkennung seines Einsatzes für den Widerstand im türkischen Unabhängigkeitskrieg als Held bezeichnet wurde.

Auch "Kheyr ed din" trug einen Beinamen. Auf der Postkarte nennt er sich Barbarousse, also der Rotbärtige oder Barbarossa. Auf seinem Grab, das sich im Mausoleum des Istanbuler Barbaros-Parks im Stadtteil Besiktas befindet, ist zu lesen: "Es starb der Herr des Meeres". Im türkischen Bewusstsein gilt Kheyr ed din als Nationalheld.

 

Vom Mittelmeer ins Erzgebirge

Was kann einen Drechsler an diesen abenteuerlich gekleideten, mit grimmig rollenden Augen dreinblickenden Gestalten interessieren? Der Autor kann nicht verhehlen, dass auf ihn diese Seeräuberportraits, die ja keine Fotos sondern offensichtlich gemalte Darstellungen der Betroffen sind, eher erheiternd-grotesk als Furcht erregend wirken. Schon beim ersten Anschauen dieser Bilder entstand die Absicht, das verhalten Karikaturistische dieser Figuren mit drechslerischen Mitteln zu gestalten: Das sollten Räuchermänner werden - Seeräuber, denen der Kopf raucht!

Abb. 9 Abb. 10
Le Kahraman als Räucherkorsar Kheyr ed din als Räucherkorsar

Mit den Postkartendarstellungen haben diese Räucherpiraten nicht mehr viel gemeinsam. Weder die Kleidung noch die Farbgebung sind übernommen. Lediglich die Namen sind geblieben als Erinnerung an das Vorbild, von dem sie inspiriert wurden. Der Seeräubergestus der Korsaren wurde in Größe und Habitus dem Charakter eines Räuchermannes angeglichen, wie er im Erzgebirge in der mittleren Größe von 270 bis 300 mm üblich ist. Die Gegenüberstellung von erzgebirgischen Produkten mit den Figuren des Autors macht die Metamorphose vom Mittelmeer-Korsaren zum Erzgebirgs-Piraten deutlich.

Abb. 11   Imker, Putzfrau und Korsaren

Bei erzgebirgischen Räucherfiguren erfolgt der Rauchabzug in der Regel durch die Mundöffnung. Nicht so bei den Räucherpiraten: Bei diesen zieht der Rauch durch den Turban ab. Die ganze Figur ist also vom Räuchertisch bis zur Turbanöffnung ein gerade durchgehender Kamin.

Abb. 12
Räuchertisch und durchbohrter Oberkörper
mit einer gedrechselten Blume sichtbar gemacht
Abb. 13
Le Kahraman raucht der Kopf

Handwerkliche Details

Die Räucherpiraten haben eine Größe von 280 mm. Die farbige Fassung erfolgte mit Acrylfarben. Der Figurenkörper aus Ahornholz wurde mit GUARDI WEISS grundiert. Für die Bärte wurde Wollfilz benutzt. Die Brennteller für die Räucherkerzen gibt es im erzgebirgischen Fachhandel zu kaufen. Die Endbehandlung der Oberflächen erfolgte mit einem matt auftrocknenden Klarlack.

 

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4. Maskottchen

90 Jahre Bauhaus

Im Sommer 2009 fand aus Anlass des Jubiläums "90 Jahre Bauhaus" im Martin Gropius Bau in Berlin eine große Bauhaus-Ausstellung statt. Beim Rundgang durch die Ausstellung stieß der Autor auf die Arbeit ‹C› Maskottchen von Eberhard Schrammen.

Eberhard Schrammen (1886 -1947) war Bauhäusler, Maler, Formgestalter und Fotograf. Als Bauhäusler hat er am Bauhaus ab 1922 eine Drechslerei eingerichtet.

Die Begegnung mit dieser Arbeit löste beim Autor unterschiedliche Reaktionen aus:

  • Freudige Überraschung zunächst, dieser Figur tatsächlich gegenüber zu stehen, die in der Sonderausgabe der Zeit auf deren Titelseite das Aushängeschild zur Ausstellung war,
  • Begeisterung und Faszination über die Einfachheit der Gestaltung,
  • Bewunderung über die Kompositionsidee mit den Grundelementen des Drechselns: mit Kugel, Kegel und Walze als einzigen Gestaltungselementen zu arbeiten.

 

Zugleich erwachte beim Anschauen aber auch die Vorstellung, diese Figur, die den Betrachter so sehr in ihren Bann zog, selbst zu besitzen und sie nicht nur mit den Augen zu erfassen, sondern sie auch mit den eigenen Händen "begreifen" zu können. Natürlich ein utopischer Wunsch! Oder doch nicht? Eine selbst gedrechselte Kopie wäre ja auch möglich. Und handwerklich schwer schien die Umsetzung eines solchen Wunsches auch nicht zu sein, gehören die Elemente, aus denen das Maskottchen gebaut ist, eben Kugel, Kegel und Walze doch zum Einmaleins eines jeden Drechslers.

 

Ein Wunsch erfüllt sich

Rolf Steinert sagt (in ‹3› auf S. 220) über das Kopieren: "Die getreue Nachbildung guter alter Produktbeispiele stellt einen nicht zu unterschätzenden Erziehungsfaktor für den Geschmack dar. Die Bescheidung auf das Herstellen bewährter Vorbilder würde bereits einen großen Gewinn für die Verbesserung des Gesamtniveaus an Drechslererzeugnissen darstellen."

Abb. 14
Maskottchen von Eberhard Schrammen
in einer Nachbildung von Karl Rüdiger

Handwerkliche Details

  Original Nachbildung
Holz Eiche und andere exotische Hölzer Walnuss
Oberfläche teilweise farbige Lacke und Goldlack Danish Oil
Größe 370 mm 270 mm
Form Kopf nach rechts blickend Kopf nach links blickend
Proportionen Da für eine maßgerechte Nachbildung das Original nicht zu Verfügung stand, konnten die originalen Durchmesser und Längen nicht am Original gemessen werden. Die notwendigen Messwerte wurden stattdessen von der Fotografie abgenommen. Sie sind deshalb nur Näherungswerte.

 

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5. Die Sieben Schwaben

Aussortiertes Abfallholz

Einige Rundholzpfosten, die als Stützen für Bäume und Sträucher ausgedient hatten, sollten in den Sperrmüll. Es waren Gartenpfähle aus Nadelholz, nicht imprägniert, im Durchmesser 50 bis 80 mm.

Beim Anblick der Holzreste kam dem Autor die Idee, aus diesen "Knüppeln" noch etwas zu machen. "‹D› Der Pfeifenraucher" von Ernst Ludwig Kirchner  kam in die Erinnerung, der aus einem Gartenpfahl gearbeitet ist. Auch heutzutage werden im Holzhandel für den Drechslerbedarf Holzabschnitte australischer Zaunpfähle aus Jarrah-Holz als "reclaimed" gehandelt. Beides legt es nahe, alte Zaunpfählen als Grundlage zu etwas Gestaltbarem zu verwenden.

Alte Gartenpfähle werden zu Figuren

Die Absicht, etwas Langgestrecktes figürlich auszugestalten, ließ den Autor spontan an die langgestreckten Gewändefiguren an der Westfassade der Kathedrale von Chartres denken. Diese Figuren nehmen anmutig die Form der Säule auf, der sie entsprechen. Der Versuch, dieses Gestaltungsprinzip auf die im Erzgebirge bei Figuren gebräuchliche Dockenform zu übertragen, gerät angesichts der schlanken und langen Holzrohlinge zur Herausforderung, eine dem ungewöhnlichen Zuschnitt angemessene Thematik zu finden. Denn auch für das Figurendrechseln sollte nach Auffassung des Autors der oben (unter Abb. 4) zitierte Satz von Rolf Steinert gelten: "Die Form muss sich nicht nur nach dem Inhalt richten, der Inhalt bestimmt die Form." Und eben deshalb sollten aus den Gartenpfählen "Die sieben Schwaben" werden!

Abb. 15
Die Sieben Schwaben
mit dem KR-Logo auf der Fahne

Bei den "Sieben Schwaben" geht es um eine Geschichte mit Abenteuern von sieben scheinbar einfältigen Protagonisten, die stellvertretend für sieben typisch schwäbische Charaktere stehen. Als Höhepunkt des Schwanks wird die Begegnung mit einem "Untier" erzählt, das sich als Hase herausstellt.

In seinem ‹4› "Volksbüchlein" erzählt Ludwig Aurbacher die Geschichten der Sieben Schwaben, denen er die Namen gibt: Allgäuer, Seehas, Nestelschwaub, Blitzschwaub, Spiegelschwaub, Gelbfüssler und Knöpfleschwaub. Auch wenn einige von ihnen eine landsmannschaftliche Bedeutung haben, stehen sie im Kern stellvertretend für Eigenschaften, die man den Bewohnern der jeweiligen Regionen zuschreibt. Auch in den ‹5› Kinder- und Hausmärchen der Brüder Grimm und im ‹6› Deutschen Märchenbuch von Ludwig Bechstein begegnet man den Sieben Schwaben. Dort heißen sie Schulz, Jackli, Marli, Jergli, Michal, Hans und Veitli.

Abb. 16
Jackli         Schulz       Marli
Jergli     Michal             Hans
Veitli

Die Figuren dieser Gruppe tragen die Kleidung von Landsknechten. Bei der Gruppierung dieses Ensembles kam dem Autor die Komposition aus sieben Figuren von ‹E› Alberto Giacometti "La forêt" (Der Wald) in Erinnerung. In Anlehnung daran hat der Autor die sieben unterschiedlich hohen Figuren auf einer rechteckigen Platte auf Lücke platziert, und einen Hasen in der vorderen rechten Ecke.

Abb. 17   Die Sieben Schwaben und das Ungeheuer - ein Hase

Die Kleidung der Schwaben ist orientiert an der Schlitztracht der Landsknechte um 1500 - 1540, wie sie z.B. in der ‹7› Kostümgeschichte in Bildern von Bruhn-Tilke auf S. 70 (Tafel 1, Reihe 1 und 2) dargestellt sind. Schlitzungen finden sich an Ärmeln, Wams und den Beinkleidern. Um 1520 wird die Kleidung auffallender und greller in den Farben, das Schlitzen und Bauschen (Puffen) nimmt zu. Wesentlich für diese Tracht ist auch das sogenannte "Mi-parti", die geteilte Kleidung. Man versteht darunter das Zusammensetzen der Kleidung aus verschiedenfarbigen Stoffen. Darauf beruht die starke Farbigkeit bei der Kleidung. Dieser Beschreibung folgend sind die "Landsknechte" als gesonderte Figurengruppe entstanden:

Abb. 18   Landsknechte

Die Figuren der Landsknechte tragen andere Kostüme als die "Sieben Schwaben", nämlich die der französische Mode um 1600 - 1650, der Zeit des 30jährigen Krieges. Außerdem tragen sie den bei Landsknechten üblichen Federschmuck am Barett. Sie ähneln den Darstellungen bei Bruhn-Tilke (in ‹7› auf S. 72, Tafel 1, Reihe 3 und auf S. 92, Tafel 1, Reihe 2).

Handwerkliche Details

Sieben Schwaben

Höhe 34 - 45 cm, Nadelholz gedrechselt; Fußscheiben farbig gefasst; Figuren montiert (gezapft) auf einer Grundplatte 58 x 28 cm, die mit Filz unter-legt ist; Hase 11,5 cm hoch, Sperrholz gesägt; 3 Kugeln Ø 25, 30 und 44 mm; Spieß lose in die Arme gelegt; Rundholz 80cm lang; Hutkrempen: farbiges Leder; Figuren mit Acrylfarben auf GESSO Grundierung farbig gefasst; die Fahne trägt das KR-Logo des Autors; Kleidung: Schlitztracht der Landsknechte.

Sieben Landsknechte

Höhe 35 - 47 cm, Nadelholz gedrechselt; Fußscheiben Kirsche; Barett: farbiges Leder, farbige Federn; Figuren mit Acryl auf GESSO Grundierung farbig gefasst; Kleidung: französische Landsknechtmode des frühen 17. Jahrhunderts.

 

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6. Klezmer-Kapelle

Ein Zeitungsbild regt zu drechslerischem Gestalten an

Im Januar 1993 veröffentlichte der Kölner Stadtanzeiger die Aufnahme der Klezmer-Kapelle eines westrussischen "Schtetls" (d.i. jiddisch für "Städtchen") zu Beginn des 20.Jahrhunderts (etwa um 1910):

Abb. 19
Foto einer Klezmer-Kapelle
im Kölner Stadtanzeiger vom 14.1.1993

In seinen ‹F› Kleinen Welten in Holz hat sich der Autor schon einmal mit der Milieuwelt der Jüdischen Kultur beschäftigt, dem Sedermahl. Die Darstellung einer Klezmer-Kapelle bot sich als weiteres Thema dieser speziellen Lebenswelt an. Es ist besonders die Kleidung der Musiker, die auf das Milieu aufmerksam macht, in dem sie leben. Auch auf Bildern von Marc Chagall kehrt der modische Habitus dieser Klezmorim wieder. So etwa beim ‹G› "The Fiddler", bei ‹H› "The Blue Violinist" oder bei ‹I› "Le Cantique de Cantiques" (Das Hohe Lied Salomos). Auch beim Sedermahl war es die Kleidung, die den Anstoß zur drechslerischen Gestaltung gab.

Die Musik der Klezmorim

Der Name Klezmer kommt aus dem Jiddischen. Es setzt sich zusammen aus den Vokabeln "k'lej" für Gerät, Werkzeug oder Instrument und "smer" für singen oder musizieren. Im Jiddischen bezeichnet "klezmer" (Plural "klezmorim") den jüdischen Musikstil und den Musiker, der diese Musik macht. Vom Klezmer sagt man, dass er keine Musik mache, sondern dass er durch sein Instrument singt und spricht. Er erzählt Geschichten, einfache, komplizierte, lustige oder traurige. Die Lieder erzählen zum Beispiel von frommen Rabbinern und ihren Anhängern, von klugen Ehefrauen, von armen Bauern und ihren Familien, und von Überlebenskünstlern. Sie alle aber haben eins gemeinsam: Den Einfallsreichtum, mit dem sie auf je eigene Weise ihrer Armut und ihren Verfolgern umgehen.
"Klezmer ist fast immer ein Lachen durch Tränen", so der russische Komponist Dimitrij Schostakowitsch.

Die drechslerische Umsetzung

Nach dem obigen Zeitungsbild entstand zunächst eine Werkzeichnung:

Abb. 20   Werkskizze zu "Klezmer Sextett"

In der Bildunterschrift des Zeitungsfotos (Abb. 19) wird bemerkt, dass von den typischen Instrumenten der zu Festen aufspielenden Musiker auf dieser Abbildung nur der Kontrabass fehlt. Also musste ein Kontrabass spielender Klezmer hinzu erfunden werden:

Abb. 21
Werkskizze zu
Klezmer mit Kontrabass

Nach diesen Entwürfen entstand die Kleingruppe einer "Klezmer Kapelle":

Abb. 22
Klezmer Sextett mit Querflöte, Violine 1,Klarinette, Violine 2, Posaune, Kontrabass

Hier nun die Musiker in Einzeldarstellungen:

Abb. 23 Abb. 24 Abb. 25
Klezmer mit Querflöte Klezmer mit Klarinette Klezmer mit Posaune
Abb. 26 Abb. 27 Abb. 28
Klezmer 1 mit Violine Klezmer 2 mit Violine Klezmer mit Kontrabass

 

Handwerkliche Details

Für die Herstellung fanden Verwendung: Ahornholz gedrechselt; Restholzbrettchen gesägt; Draht gebogen; Wollflusen; Farbige Fassung mit Acryl auf GESSO-Grundierung.

 

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7. Traumtänzer und Paradiesvogel

Gegenwelten

In der Drechselgeschichte ‹K› "Musik der Stille" ist die Rede von den zyklischen Abläufen in der Natur und im menschlichen Leben. Man kann diese Abläufe auch mit einem Pendel vergleichen, das in eine Richtung ausschlägt, einen Moment am höchsten Punkt verharrt und dann in die andere Richtung ausschlägt. Wer es schafft, in solchen Rhythmen zu leben, lebt in der ‹L› Balance. Der Seiltänzer ist ein schönes Beispiel für das Balancehalten auf dem schwankenden Seil.

Abb. 29   Seiltänzer

Überträgt man das Bild des Pendels auf die Arbeitswelt des Menschen, dann ist diese in der Regel gekennzeichnet durch nur eine Richtung, in die das Pendel schwingt: Zeitdruck, Leistungsdruck und Fremdbestimmung lassen wenig Raum für Spielräume. Das Pendel wird sozusagen festgehalten, es kann nicht mehr zurück-pendeln - und damit fehlt die Phase der Entspannung. Die Balance ist gestört.

Als Ausgleich zur Arbeitswelt ist das Prinzip der Gegenwelten vorzüglich geeignet, wie sie z.B. von ‹M1› Christoph Labude oder auch von ‹M2› Werner Hoffmann beschrieben werden. Die ideale Gegenwelt kennt keinen Zeitdruck. Freude am selbst bestimmten Schaffen ist in erster Linie emotional begründet und niemandem gegenüber ist man eine Rechtfertigung seines Tun und Lassens schuldig. Gegenwelten sind Tätigkeitsbereiche, in denen man aus dem Arbeitsalltag heraustritt. Es gibt unendlich viele mögliche Gegenwelten, beispielsweise: Malen, Musik machen, Schreinern, Drechseln, ein Buch schreiben, Theater spielen, im Garten arbeiten, Wandern oder Segeln. Träume werden hier gelebt. Das Eintauchen in eine Lieblingsbeschäftigung schafft Ruhe und Zufriedenheit. Das ist mehr als Freizeit. Alle genannten Tätigkeitsbereiche sind Gegenwelten im Sinne von "in der Balance sein", wenn man sie regelmäßig aufsucht.

Utopia und der Traumtänzer

Im alltäglichen Sprachgebrauch wird Utopie auch als Synonym für eine Vision benutzt. Ein ähnlicher, in diesem Kontext oft verwendeter Begriff ist der Wunschtraum. Es handelt sich um einen Sachverhalt, der bisher nur als Gedanke und Idee existiert.

Einen Menschen, der in einer Traumwelt mit unrealistischen Vorstellungen lebt, nennt man gerne einen "Traumtänzer". Die Umgangssprache hat viele Namen für Menschen, die in einer Gegenwelt leben und die davon träumen ihren Wunschtraum Wahrheit werden zu lassen. Die Familie der Traumtänzer ist groß: Idealisten, Schwärmer und Illusionisten, die Romantiker, Träumer, Utopisten und Weltverbesserer, aber auch die Himmelsstürmer, Schwarmgeister und Enthusiasten gehören dazu.

Der Autor hat versucht, seinem Traumtänzer in Form und Farbe eine Gestalt zu geben, deren äußeres Erscheinungsbild und Gestik das eigentümliche Wesen eines in einer Gegenwelt Lebenden deutlich werden lässt.

Abb. 30 Abb. 31
Traumtänzer

Die Figur tanzt auf den Zehenspitzen eines Beines auf einer Kugel, die ihrem Stand ein sehr labiles Gleichgewicht beschert. Die Gestik der Arme und das angewinkelte Bein deuten an, dass es nicht ganz einfach ist, das Gleichgewicht herzustellen und zu halten. Andererseits zeigt die Geste der ausgebreiteten Arme aber auch etwas von der Freude über den gelungenen Balanceakt. Vorhaben aus einer Gegenwelt stehen immer im Spannungsverhältnis von Utopie und Wirklichkeit. Wenn der "Gegenweltler" dann auch noch in unmöglich erscheinender Absicht versucht, diesen Widerspruch zu überwinden, dann wird er häufig als Narr belächelt oder gar bemitleidet. Von alters her tragen die Narren kunterbunte Kleider, Blau, Grün, Gelb oder ein kräftiges Rot. Damit der Narr schon von weitem die Aufmerksamkeit auf sich lenkte, war er mit Schellen ausgerüstet. Narrenschellen und Glöckchen waren an der Kappe, dem Rockgürtel, den Ellbogen, am Knie und an den Schuhen angebracht. Die Drei Ecken der Narrenkappe erinnern an die drei Eselsohren, mit denen früher diese Kopfbedeckungen von Narren ausgestattet waren.
‚Mehr über Narren' findet sich z.B. in einem ‹N› Aufsatz von Annelore Poljasevi , mehr über die Bedeutungen der Farben z.B. in ‹O1› Steilnachts Lexikon der Farben oder unter ‹O2› "Der Lichtkreis - die Welt der Farben".

Abb. 32   Traumtänzer, Brustbild

Die blaue Farbe der Kugel symbolisiert nach Wassily Kandinsky das Ferne, das Geistige, dem der Traumtänzer nachhängt. Blau vermittelt die ausgleichende Energie, die unser Organismus benötigt, um den zunehmenden hektischen Alltag ruhig und gelassen zu bewältigen. In vorgestellten Zusammenhang ist Blau die Farbe der Gegenwelt.

Die gelbe Farbe des Wamses assoziiert Wachheit, Kreativität, Optimismus, das Lustige, die Lebensfreude, das Vergnügen, die Freundlichkeit, also Eigenschaften, die der in Balance lebende Traumtänzer ausstrahlt.

Die Farbe Grün ist die Farbe der Mitte. Sie lässt Kräfte sammeln und bringt Regeneration. In China ist die Farbe Grün dem weiblichen Yin, dem passiven, empfangenden Prinzip, zugeordnet; Gelb dagegen dem männlichen Yang, dem aktiven, schöpferischen Prinzip. Im Zusammenwirken dieser beiden Prinzipe wird das Wesen der Gegenwelt deutlich, aus dem der Traumtänzer Energie schöpft, seinen Wunschtraum zu verwirklichen.

Die Energie der sparsam eingesetzten Farbe Rot bei den Applikationen der Kleidung soll auf einen starken Willen, Entschlossenheit und Durchhaltevermögen hindeuten. Diese Eigenschaften entwickelt der Traumtänzer nicht selten beim Versuch der Verwirklichung seiner Wunschträume.

Abb. 33   Traumtänzer "en point"

Fantasien und der Paradiesvogel

In einem ‹P› Gespräch mit Erhard Eppler und Hanna Tächl spricht Michael Ende über sein Buch ‹8› "Die unendliche Geschichte" und das Land Fantásien. Eine poetische Landschaft ist Fantásien, wo man sich nach den Maßstäben der vier Himmelsrichtungen bewegt: Der Schönheit, dem Wunderbaren, dem Geheimnisvollen und dem Humorvollen. Um an dieser Welt teilhaben zu können und etwas von ihren Geheimnissen zu erfahren, müssen die Leser der "Unendlichen Geschichte" Lust am freien und absichtslosen Spiel der Fantasie haben.

Wenn sich ein Mensch mit einer Fantasiewelt einlässt, dann entstehen Ideen und Gedanken, die in der Realität die Augen für die Wunder und Geheimnisse des Alltäglichen öffnen. In der "Unendlichen Geschichte" wird dem Leser vermittelt, die zauberhafte Gestalt der Dinge und Lebewesen zu sehen. Und damit kann er Eindrücke und Erfahrungen im Alltag neu entdecken und bewerten.

Menschen, die in ihrem Auftreten, ihren Auffassungen oder ihrem Verhalten einen Lebensstil pflegen, der dem Grundsatz folgt, nicht das zu tun, was "man" sonst üblicherweise macht, werden in der Umgangssprache gerne als "Paradiesvögel" bezeichnet. Wie die Traumtänzer leben auch sie in einer Gegenwelt.

Auch mit der Gestaltung eines Paradiesvogels wird versucht, diesem Wesen in Form und Farbe ein äußeres Erscheinungsbild zu geben, das die Eigentümlichkeiten seiner Lebenswelt als einer Gegenwelt verdeutlich. Ein den eigenen Vorstellungen nahe kommendes Objekt aus Pappmaché präsentiert der Künstler Bernd Hamelmann in seiner ‹Q› Internet-Galerie 'in case of art'.

Abb. 34   Paradiesvogel

Vögel leben in der Luft. Luftig sind Gedanken, eben nicht greifbar. Dem entsprechend kann der Vogel als Luftwesen geistig-seelisch gedeutet werden: Wie die Gedanken kann er frei und ungehindert durch die Traumlandschaft seiner Gegenwelten fliegen. Der Vogel ist demnach ein Symbol für Phantasie, Gedanken und Ideen.

Dieser Paradiesvogel ist ein blauer Vogel und er steht wie der Traumtänzer auf einem Bein auf einer blauen Weltkugel. Die A stronauten sehen aus ihren Raumschiffen unsere Welt als einen blauen Planeten. Blau versetzt in einen Zustand des Träumens, die Farbe stimmt sehnsüchtig, und sie führt zu einer ernsthaften Sicht der Dinge nach innen. Diese Funktion erfüllen auch die ‹R› blaumonochromen Bilder von Yves Klein. Michael Ende sagt: "Dem modernen Menschen fehlt ein positives Bild der Welt, in der er lebt: eine Gegenwelt, die er der Trostlosigkeit, die aus der modernen Weltvorstellung resultiert, entgegenhalten kann. Dies führt bei Kindern und Erwachsenen gleichermaßen zu einem verzweifelte[n] Durst nach Wunderbarem und einem Hunger nach Schönheit." In der Gegenwelt des Paradiesvogels ist die Welt, die sich Erde nennt, immer ein blauer Planet. Und deshalb hat es sich der Paradiesvogel zur Aufgabe gemacht, "dem Leben Zauber und Geheimnis zu verleihen." Das will sein Aussehen in seiner bizarren Anmutung ausdrücken.

Abb. 35   Paradiesvogel, Brustbild

Eine Drechselgeschichte mit autobiografischem Hintergrund

Der Webmaster von publicationes.de und der Autor der hier angesiedelten Drechselgeschichten sind einander freundschaftlich verbunden. Aus der Kenntnis der gegenseitigen Beschäftigungen mit unterschiedlichen Gegenständen aus durchaus verschiedenen Gegenwelten entstand in scherzhafter Weise die Wahrnehmung und Anrede der befreundeten Partner als Traumtänzer bzw. Paradiesvogel. Als von Seiten der "besseren Hälfte" des Traumtänzers die Bemerkung fiel, diese Bezeichnungen zum Thema von gedrechselten Figuren zu machen, war auf Seiten des Autors der Drechselgeschichten der Anstoß für neue Figuren und eine neue Drechselgeschichte für publicationes.de gegeben. Ein "runder Geburtstag" des Webmasters gab darüber hinaus Anlass, die geplanten Figuren in doppelter Ausführung zu drechseln: Einmal als Geburtstagsgeschenk und zum anderen für die Sammlung des Autors.

Abb. 35
Traumtänzer und Paradiesvogel im Doppel

Handwerkliche Details

Höhe der Figuren über alles 160 mm; Ahorn-Holz gedrechselt und in Form geschliffen; Kirsche gesägt; Grillspieße flach spitz geschliffen, Rundholz 2mm Ø, Zahnstocher; Modelliermasse; Goldperlen; Grundierung GUARDI WEISS, Acrylfarben; Klarlack glänzend.

 

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Quellen:

‹1› Kai Köthe, "Schalen drechseln", Ravensburger Buchverlag 1966 - zurück zu ‹1› -

‹2› Fritz Spannagel, "Das Drechslerwerk", Reprint nach der 2. Auflage von 1948, © 1940 Otto Maier Verlag, Ravensburg, Hrsg. Verlag Th. Schäfer, Hannover 1981 - zurück zu ‹2› -

‹3› Rolf Steinert, "Drechseln in Holz", Fachbuchverlag Leipzig 1971 - zurück zu ‹3› -

‹4› Ludwig Aurbacher, "Ein Volksbüchlein", 1827 - zurück zu ‹4› -

‹5› Brüder Grimm, "Kinder- und Hausmärchen", 1819 - zurück zu ‹5› -

‹6› Ludwig Bechstein, "Deutsches Märchenbuch", 1845 - zurück zu ‹6› -

‹7› Wolfgang Bruhn u. Max Tilke, "Kostümgeschichte in Bildern", Drei Lilien Verlag Wiesbaden 1991, ISBN 3-922 383-66-1 - zurück zu ‹7› -

‹8› Michael Ende, "Die unendliche Geschichte", Thienemann Verlag 2004 - zurück zu ‹8› -

 

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LINKS:

‹A› Drechslerei und Maschinenhandel Kohlhardt in 15374 Münchberg, "Geländerstäbe": www.dremakomaschinen.de/images/p018_1_00.png - zurück zu ‹A› -

‹B› Heinz Bodenmann, Pfeffermühlen-Unikate : www.boedel.ch/index2.html - zurück zu ‹B› -

‹C› Eberhard Schrammen, Maskottchen (um 1924) : http://file.designdb.com/EDITOR/BlogBbs/23/1835392010121112729.jpg - zurück zu ‹C› -

‹D› E. L. Kirchner, "Der Pfeifenraucher", 1924/25: https://infocus.credit-suisse.com/data/_product_images/_articles/37009/pfeifenraucher.jpg - zurück zu ‹D› -

‹E› Alberto Giacometti, "Composition sept figures - tête (La forêt)" Komposition mit sieben Figuren-Kopf (Bronze-Skulptur "Der Wald"), 1950: www.nrw-museum.de/media/catalog/product/cache/1/image/9df78eab33525d08d6e5fb8d27136e95/b/_/b_giacometti_wald_50_1.jpg - zurück zu ‹E› -

‹F› Karl Rüdiger, "Kleine Welten in Holz"(Eigene Arbeiten > Sedermahl) : www.kleine-welten-in-holz.de - zurück zu ‹F› -

‹G› Marc Chagall, The Blue Violinist (Der blaue Violinist): www.terminartors.com/files/artworks/1/9/3/19399/Chagall_Marc-The_Blue_Violinist.normal.jpg - zurück zu ‹G› -

‹H› Marc Chagall, The Fiddler (Der Geiger): http://www.friendsofart.net/static/images/art3/marc-chagall-the-fiddler.jpg - zurück zu ‹H› -

‹I› Marc Chagall, Le Cantique de Cantiques (Das Hohe Lied Salomos): www.natureculture.org/wiki/images/thumb/d/d5/Cha_5_cantique4.jpg/400px-Cha_5_cantique4.jpg - zurück zu ‹I› -

‹K› Karl Rüdiger, "Musik der Stille": www.publicationes.de/verschiedenes/holzwelten/154-musizierende-engel.html - zurück zu ‹K› -

‹L› Peter Denker, "Balance suchen": www.publicationes.de/bildung/kompetenzentwicklung/54-balance-suchen.html - zurück zu ‹L› -

‹M1› Dr. Christoph Labude, "Das Prinzip der Gegenwelten - Wie Sie sich Ihre Balance bewahren" (TopTipp Nr. 11): http://www.labude-online.de/TT11-Gegenwelten.pdf - zurück zu ‹M› -

‹M2› Cathrin Nielsen in C.H. Beck Rezensionsforum, "Gegenwelten" (Werner Hofmanns "Phantasiestücke"): www.literaturkritik.de/public/rezension.php?rez_id=15634 - zurück zu ‹M› -

‹N› Annelore Poljasevic "Narrenfreiheit haben und mehr über Narren" : http://suite101.de/article/narrenfreiheit-haben-und-mehr-ueber-narren-a106575 - zurück zu ‹N› -

‹O1› Thomas Seilnacht: Blau, Gelb, Grün, Rot in "Seilnachts Lexikon der Farben" : [URL] - zurück zu ‹O› -

‹O2› Ronald Mayrhofer, "Der Lichtkreis - die Welt der Farben" : http://www.lichtkreis.at/html/Wissenswelten/Welt_der_Farben/welt-der-farben.htm, z.B.: www.lichtkreis.at/html/Wissenswelten/Welt_der_Farben/wirkung-farbe-blau.htm - zurück zu ‹O› -

‹P› Gespräch mit Erhard Eppler und Hanna Tächl über die "Unendliche Geschichte"von Michael Ende: http://de.wikipedia.org/wiki/Die_unendliche_Geschichte - zurück zu ‹P› -

‹Q› Bernd Hamelmann, Pappmaché-Kunstobkjekte 'in case of art': www.in-case-of-art.com; darin: Paradiesvogel: www.in-case-of-art.com/wp-content/paradiesvogel.jpg - zurück zu ‹Q› -

‹R› FARBIMPULSE, Onlinemagazin für Farbe in Wissenschaft und Praxis, "Ein Leben in Blau": www.farbimpulse.de/Ein-Leben-in-Blau.219.0.html - zurück zu ‹R› -

 

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