"Musik der Stille" von Karl Rüdiger

 

Buchillustrationen geben den Anstoß zum Drechselvorhaben "Musizierende Engel"

Das Buch ‹1› "Musik der Stille" von Pater David Steindl-Rast handelt von den Stundengebeten, die in christlichen Gemeinschaften, besonders im klösterlichen Alltag praktiziert werden. Illustriert ist dieses Buch mit Abbildungen Musizierender Engel von Fra Angelico, die sich im Museo San Marco in Florenz befinden.

Kopie eines über Yatego angebotenen Kunstdrucks
Musizierende Engel von Fra Angelico aus dem Museo San Marco in Florenz
‹A› Engel der Vigil ‹B› Engel der Prim ‹C› Engel der Sext

Zu diesem Buch hat Pater Anselm Grün ein Vorwort verfasst, in dem es heißt:

"Der hl. Benedikt hat den Tag für seine Mönche so geordnet, dass sie siebenmal am Tag das Lob Gottes singen und in den nächtlichen Vigilien das Wort Gottes meditieren. … Beim Psalmensingen sollen die Mönche immer das Psalmwort bedenken: Vor dem Angesicht der Engel will ich dir Psalmen singen. Die Engel sind für die Mönche Bilder für die Kontemplation." ‹1, S. 6›

Jedem der 8 Tageszeiten-Gebete wird von Pater David Steindl-Rast ein Engel zugeordnet, der über die jeweilige Gebetszeit wacht. Schon beim ersten Betrachten dieser Engel von Fra Angelico stellte sich beim Autor unmittelbar die Vorstellung ein, diese Bilder in gedrechselte Statuetten umzusetzen. Und es stand auch sofort außer Frage, dass die Farbigkeit der Malerei von Fra Angelico mit farbigen Hölzern bewerkstelligt werden sollte, mit goldenen Applikationen als sparsam gesetzter einziger Schmuckfarbe. Auch die Art der Darstellung dieser Engel als Tableau auf einem runden Drehteller, in dessen Mitte die Engel einen Brunnen umstehen, nahm in der Vorstellung sogleich eine klare Form an.

Abbildung 1
[1] Tableau der Stundenengel

Musik der Stille

Seinem Buch "Musik der Stille" hat Pater David den Untertitel "Die gregorianischen Gesänge und der Rhythmus des Lebens" gegeben. Im Mittelalter entstanden, erklingen Gregorianische Gesänge noch bis in unsere Zeit in Klöstern und bei besonderen liturgischen Anlässen.

Abbildung 2
[2] Handschrift eines gregorianischen Gesanges

 

Die Stundengebete

In den Stundengebeten wird das Geheimnis der Stunden mit der Musik des gregorianischen Chorals verbunden. Der gregorianische Choral kennt acht verschiedene "Töne" (Tonarten). In diesen acht Tonarten werden die Psalmen gesungen. "Stunden" nennt Pater David "die ‚Jahreszeiten' des Tages." Wie jede Jahreszeit einen eigenen Charakter hat, führt er weiter aus, so hat auch jede Stunde ihre eigene Qualität. Diese findet in der Eigenart des jeweiligen Choraltones ihren besonderen Ausdruck. Die melodischen Linien des Gregorianischen Chorals nehmen in ihrer Schlichtheit und Schönheit die Aufmerksamkeit des Hörers gefangen, sagt Pater David. Er bezeichnet ihn als "Klang gewordenes Gebet".

Ursprünglich gab es in den Klöstern acht verschiedene Gebetszeiten, die später auf sieben, teilweise auch fünf verkürzt worden sind. So werden gegenwärtig täglich meist fünf bis sechs Gebetszeiten (Laudes, Terz, Sext oder Non, Vesper und Komplet) gehalten. Pater David beschreibt in seinem Buch alle acht Gebetszeiten (mit Prim und Vigil), die auch der Autor seinem Drechselvorhaben zugrunde gelegt hat. 

Vorbereitung für das Drechseln

Als Arbeitsgrundlage für das Drechseln der Engel galt es, Werkskizzen in Anlehnung an Abbildungen in der Buchvorlage ‹1› anzufertigen. Aus den Werkskizzen sind Details der Figuren, die vorgesehene Holzarten und die Maße zu ersehen.

Abbildung 3a
[3a] Vigil Laudes Prim Terz
Abbildung 3b
[3b] Sext Non Vesper Komplet
[3] Maßstäbliche Werkskizzen nach den Abbildungen der Musizierenden Engel
von Fra Angelico mit Anmerkungen zu ihrer gedrechselten Ausführung

 

Die Engel der Stunden

Die Beschreibungen und Charakterisierungen der Engel sind als Zitate dem Buch ‹1› "Musik der Stille" von Pater David Steindl-Rast entnommen und im Folgenden kursiv wiedergegeben. 

Engel der Vigil

Abbildung 4a
[4a] Der Engel der Vigil,
Nachtwache gegen 02 Uhr
Ansicht en face

 "Der Engel der Vigil hält sein Horn, als wäre er bereit es erklingen zu lassen, doch wartet er noch ab. Seine rechte Hand ist in einer Gebärde erhoben, als wolle er sagen: "Warte, noch nicht!" Er wartet in ehrfürchtigem Schweigen, aus dem jeder echte Klang kommt. Dieser Engel verkörpert die erwartungsvolle Haltung des aufmerksamen Hinhörens, die dem echten Wort oder Gesang vorausgeht."
‹1, S. 43›

Die Form des Instruments, das dieser Engel hält, lässt vermuten, dass es sich dabei um eine Art Serpent handelt. Der Serpent [französisch "Schlange"] ist ein Horninstrument in Basslage. Der Klang dieses Instruments mag dem der heutigen Tuba entsprochen haben. Wie bei allen Blasinstrumenten ist es der Atem des Musikers, der den Klang seines Instruments zum Leben erweckt. Und so gehört zur Nachtwache nicht nur das wartende Schweigen vor dem Klang. Auch der lebendige Atem, der den Tubaton beleben wird, gehört zu dieser Gebetszeit. In satter Tiefe wird mit diesem Klang der sanfte Grundton für den kommenden Tag gelegt. Es ist das Atemholen vor Tagesbeginn.

Abbildung 4b Abbildung 4c
Engel der Vigil
[4b] Rückansicht [4c] Seitenansicht

Der Engel der Vigil trägt bei Fra Angelico ein tief braun-schwarzes Gewand. Grenadillholz, das beim Instrumentenbau vorzüglich bei der Klarinettenherstellung Anwendung findet, ist ein Holz, das in seiner Färbung dem Eindruck dieser Engelgewandung nahekommt.
Für die bei Fra Angelico rot-braun gefärbten und mit hellen Flecken durchsetzten Flügel fand ein lebhaft gemasertes Cocoboloholz Anwendung. Für Gesicht und Hände bot sich helles Birkenholz an.
Der Nimbus aller Engel ist aus 1mm Sperrholz gefertigt und mit verschieden gemusterten Punzeisen und eingebohrten Löchern strukturiert. Der Überzug mit Acrylgold schließlich gibt dem Nimbus seinen festlichen Glanz. Alle Engel haben eine Größe von 120mm, den Nimbus einbezogen.

Engel der Laudes

Abbildung 5a
[5a] Engel der Laudes
Tagesanbruch zwischen 04 und 05 Uhr
Ansicht en face

 "Der Engel der Laudes trägt ein helleres Gewand als der Engel, der über die Vigil wacht. Das äußere Gewand ist immer noch dunkel, aber darunter sieht man schon die rosige Farbe der Morgenröte und das Gold der ersten Sonnenstrahlen. Der Engel blickt erwartungsvoll auf, bereit, die Zimbeln zu schlagen, aber noch ist kein Ton zu hören. Er wartet gespannt auf das große Zeichen, auf den Sonnenaufgang, auf das Aufstrahlen des Tageslichts." ‹1, S. 52›

Der Engel der Laudes hält also zwei Zimbeln in den Händen. Es sind Paarbecken, deren schalenförmige Körper mit beiden Händen zusammen geschlagen werden. In vielen Kulturen werden Zimbeln bei kultischen und rituellen Gelegenheiten eingesetzt. Ihr Klang kann je nach Art des Anschlages laut, hell und metallisch zuweilen auch hart, grell und scharf sein. Reibt man die Zimbeln aneinander oder schlägt nur ihre Ränder leicht aufeinander, dann erzeugt man einen leise klirrenden, schwirrend vibrierenden Klang. Die Wirkung der Zimbelklänge kann somit einmal aufrüttelnd lärmend oder aber geheimnisvoll mystisch sein. Werden Zimbeln als Instrumente zur Tanzbegleitung eingesetzt, dient ihr durchdringender Klang zur Akzentuierung der Bewegungsrhytmen des Tanzes. Es mag sein, dass der Klang der Zimbeln zugleich mit der Begrüßung des Tageslichtes daran erinnert, dass auch die geräuschvolle Gegenwart des kommenden Tages unter dem gleichen Segen lebt wie die stille innere Einkehr.

Abbildung 5b Abbildung 5c
Engel der Laudes
[5b] Rückansicht [5c] Seitenansicht

Der Umhang des Engels der Laudes ist dunkel. Noch ist die Nacht nicht ganz vorbei. Ahornholz schwarz gebeizt war das Holz der Wahl für diesen Teil des Gewandes. Für die "rosige Farbe der Morgenröte" entsprach Rosenholz mit seiner rosa Farbe und mit seiner ausdrucksvollen Maserung in hohem Maße der Anmutung des Morgenrots durch die aufgehende Sonne.

Die Phasen der Herstellung dieser Figur in der Drechselwerkstatt des Autors dokumentiert - mit Bezügen auf das Buch von David Steindl-Rast, den Linaioli-Tabernakel und das oben dargestellte Tableau - ein dem Autor zu seinem 85. Geburtstag zugeeigneter Film "LAUDES".

Engel der Prim

Abbildung 6a
[6a] Engel der Prim
Bewusster Beginn 05 Uhr
Ansicht en face

"Das Gesicht des Engels der Prim leuchtet am hellsten von allen, weil es die Sonne widerspiegelt. Dieser Engel schlägt die Trommel, damit wir uns bereit machen, genauso, wie jemand im Zirkus die Trommel schlägt, ehe der Akrobat in die Luft oder der Löwe durch den Reifen springt. Die Prim ist der Trommelschlag zum Tag." ‹1, S. 75›

Die Geschichte der Trommel ist auch die Geschichte der Menschheit. Jede Kultur in jedem Erdteil kennt irgendeine Form von Trommeln. Als Beispiele seien genannt: Tabla, Tom-Tom, Bongo, Conga, Rührtrommel und Röhrentrommel. Als Instrument, das dem Klang des Herzschlags der Mutter und dem der Erde ähnelt, ist ihm große Eindringlichkeit und tiefe Symbolhaftigkeit eigen. Die Trommel berührt das Herz so unmittelbar wie kein anderes Instrument. Sie weckt Aufmerksamkeit, kündet bedeutende Ereignisse an, drückt Gefühle aus und ruft die Menschen zusammen, lässt sie im Gleichschritt gehen oder tanzen.

Abbildung 6b
[6b] Engel der Prim, Rückansicht

Der Engel der Prim trägt bei Fra Angelico ein sehr dunkles Gewand. Das Leuchten seines Gesichts wird durch den Hell-Dunkel-Kontrast wirkungsvoll unterstrichen. Das ausdrucksvoll gemaserte schwarz-braune Holz der Wenge verleiht diesem Engel für seinen ‹Trommelschlag zum Tag› nachdrückliche Bedeutung. Gelb gebeiztes Holz der Akazie lässt das Haar wie bei anderen Engeln auch, in hellem Blond erscheinen. Dagegen bleibt das Akazienholz für den Korpus der Pauke naturbelassen. Den Händen, dem Gesicht und dem Paukenfell gibt Birnenholz die Färbung. Für die bei Fra Angelico sehr farbintensiven Flügel kommt erneut das stark gemaserte Cocoboloholz zur Anwendung.

Engel der Terz

Abbildung 7a
[7a] Engel der Terz,
Segen 06 Uhr,
Ansicht en face

 "Der Engel der Terz spielt ein Tanzinstrument und drückt die Freude aus, mit Leben gesegnet zu sein. … Es ist die Zeit, die Lebensfreude zu feiern und dabei doch zart und fürsorglich zu bleiben. Segen verbindet mit der Unermesslichkeit des unendlichen Geistes und gibt uns das Gefühl eines innigen Berührtseins durch die Liebe Gottes. Der Geist ist Energie und Fürsorge zugleich. … Der Geist in uns ist unsere Stärke. Diese Stärke äußert sich in Tatkraft, aber auch in Zartheit. Nur wer stark ist, kann wirklich zart sein, sonst geht es nur um Schwachheit oder Sentimentalität. Der Engel der Terz ist der Bote, der uns zur Begeisterung aufruft, der im wörtlichen Sinn dazu aufruft, von Gottes Geist erfüllt und inspiriert zu sein." ‹1, S. 90 f.›

Diesen Engel malt Fra Angelico mit einem Musikinstrument, das zur Lebenszeit des Malers in der Frührenaissance gebräuchlich war. Nach der Darstellung des Instruments darf man davon ausgehen, dass der Engel einen Rebec spielt. Das ist eine kleine Geige des Mittelalters in Form einer halben Birne mit zwei bis drei Saiten. Der Rebec war ein Instrument, mit dem die Spielleute vorwiegend zum Tanz aufspielten. Und damit stellt Pater David zu Recht fest, dass der Engel der Terz ein Tanzinstrument spielt. Man muss sich den Klang des Rebec mit seinen wenigen Saiten und dem kleinen Instrumentenkorpus näselnd und schnarrend vorstellen. Gespielt wurden Tänze, die den Charakter von Schreit- oder Springtänzen haben. Pavane und Galliarde nennt man sie beispielsweise. Es ist aber kaum anzunehmen, dass der Engel mit dem Rebec beim Konzert der Engel zum Tanz aufgespielt hat. Vielmehr kann man in diesem musizierenden Engel die Verkörperung dessen sehen, was man um 1470 unter Musik verstand: sie war ein Spiegel der göttlichen Ordnung. ‹Musica mundana› war die Musik der Himmelskörper in ihren Sphären; ‹Musica humana› war die Musik des menschlichen Geistes und der menschlichen Gesellschaft; ‹Musica instrumentalis› aber hatte die Aufgabe, die dem Makrokosmos wie dem Mikrokosmos innewohnende Harmonie dem menschlichen Ohr hörbar zu machen. Der Engel der Terz steht für die Musik als einer Sprache, die als Spiegel menschlicher Gemütsbewegungen aufgefasst werden kann.

Abbildung 7b Abbildung 7c Abbildung 7d
Engel der Terz
[7b] Seitenprofil [7c] Rückansicht [7d] Halbprofil

Im Original von Fra Angelico trägt der Engel der Terz ein Kleid, dessen Farbe zwischen Rot und Magenta liegt. Ein schwarz-brauner Umhang vervollständigt das Gewand. Paduk und Makassar sind farbige Hölzer, die dieser Farbstellung in etwa entsprechen. Die blass-braune Färbung der Flügel wird bei diesem Engel mit Walnussholz realisiert.

Engel der Sext

Abbildung 8a
[8a] Engel der Sext, en face

"Der Engel bläst die Trompete aus voller Brust und mit aufgeblähten Wangen. Es ist die Zeit des Übergangs, die zum zweiten Teil des Tages überleitet. Diese Stunde rüttelt uns auf, Mut zu fassen, damit wir durchhalten und unseren Idealen bis zum Ende des Tages treu bleiben. Wenn wir zur Mittagsstunde schwach werden und unsere Entschlossenheit nachlässt, dann wird diese Stunde zum Anruf der freizügig geschenkten Liebe Gottes an uns." ‹1, S. 102›

 Das Instrument, das der Engel der Sext spielt, ist nach der Darstellung zu schließen eher eine Schalmei als eine Trompete. Auch bei diesem Engel malt Fra Angelico ein Instrument, das in der Frührenaissance gebräuchlich war. Die Schalmei ist ein uraltes Holzblasinstrument. Am unteren Ende mündet ihre Röhre in einen ziemlich großen Schallbecher. Die verschiedenen Töne werden mit Grifflöchern erzeugt und der Bläser braucht einen kräftigen Ansatz, um mit dem Doppelrohrblatt die Töne anzublasen. Die Klangwirklichkeit der auf Bilddokumenten dargestellten Instrumente bleibt uns weitgehend verborgen. Wenn man aber bedenkt, dass sich aus der Schalmei später einmal die Oboe entwickelt hat und die Melodiepfeife des Dudelsacks auch heute noch als Schalmei bezeichnet wird, dann darf man sich den Klang der Schalmei als ziemlich laut, heiser, näselnd und durchdringend vorstellen. Und so ist dieses Instrument aufgrund seiner Klangeigenschaften sicher gut geeignet, die Menschen aus dem Nachlassen und Ermatten der Kräfte in der Tagesmitte aufzurütteln.

Abbildung 8b
[8b] Engel der Sext
Inbrunst und Hingabe, 11.00 Uhr
Ansicht im Halbprofil

Dem Kleid des Mittagsengels gibt Fra Angelico eine rot-braune Färbung. Da es nicht möglich ist, für alle Farbnuancen des Malers ein adäquat gefärbtes Holz zu finden, hat die gedrechselte Fassung dieses Engels mit dem Boiréholz einen mehr ins Braun gehenden Farbton erhalten. Als einziger der Stundenengel trägt er ein auffallendes Accessoire: Einen langen, über die linke Schulter gelegten weinrot-weiß gestreiften Bommelschal, der über der rechten Hüfte zur Schlaufe geknotet ist. In der gedrechselten Fassung ist der Bommelschal durch eine geflochtene, schwarz-gold gestreifte Zierkordel ersetzt, die mit dem Boiréholz gut harmoniert.

Engel der None

Abbildung 9a
[9a] Engel der Non,
Die Schatten werden länger 14.00 Uhr,
Ansicht en face

 "Der Engel dieser Stunde vermittelt mit seinem blass violetten Gewand und den dunklen Flügeln die süße Melancholie dieser Tageszeit, und fast scheint er den Klang der Schellentrommel abschwächen zu wollen, nachdem er sie kräftig geschüttelt hat. Der Engel erinnert uns daran, dass die Non die Zeit ist, sich zu verinnerlichen. Nach all den äußerlichen Bewegungen tagsüber mit seinen vielfältigen Beschäftigungen kehrt der Tag wieder in sich zurück, so wie die Hand des Engels sanft den Klang seines Instruments dämpft. Doch während er seinem Tamburin und den Klängen der Musik und des Tanzes Einhalt bietet, lauscht der Engel der Non andächtig jener Musik, die niemals aufhört, jene innere Musik, die Musik der Stille."‹1, S. 114›

Die Schellentrommel, die der Engel hält, wird mit den Händen geschlagen. Man nennt sie daher auch Handtrommel. Sie besteht aus einem meist einseitig mit einem Fell bespannten Rahmen, der mit paarweise angeordneten, gewölbten Metallplättchen, besetzt ist. Die Schellentrommel, die auch unter dem Namen Tamburin bekannt ist, kann mit den Fingern, der Handfläche, mit der Faust oder mit einem Schlegel geschlagen werden. Je nach der Nähe zum Rahmen stehen der kurze harte Schlag auf das Fell oder die Schellen im Vordergrund der beabsichtigten Klangwirkung. Bei Tänzen wird das Tamburin von den Tanzenden vielfach auch an der Hüfte oder dem Bein geschlagen. Daneben kann ein längerer Schellenklang durch Schütteln oder durch das Streichen mit dem Daumen über die Trommelfläche erzeugt werden. Die Verwendung der Schellentrommel könnte unterschiedlicher nicht sein. In der Hand eines Schamanen ist sie die Zaubertrommel, mit der dieser seine rituellen Handlungen und Beschwörungsformeln mit geheimnisvollen geschüttelten Schellenklängen begleitet. In der Musik der Janitscharen unterstreicht ihr harter, metallisch scheppernder Schlag das militärische Kolorit. Dem Spielmann dient sie bei der Begleitung zum Tanz der Hervorhebung betonter Bewegungsschritte. Nach ihrem Rhythmus kann man schreiten, gehen, laufen, hüpfen, springen oder sich drehen. In der Hand des Engels aber, der über die Non wacht, mag sie für die Geschäftigkeit des Tages und deren unterschiedlichen Rhythmen stehen, die allmählich ruhiger werden.

Abbildung 9b Abbildung 9c
Engel der Non
[9b] Halbprofil [9c] Rückansicht

Für die blass-violette Farbe des Gewandes bei Fra Angelico hat der Autor Amarantholz gewählt, das eine rot-violette Farbe hat. Der Umhang, den dieser Engel trägt, ist an der Außenseite aus Pflaumenholz, seine Innenseite aus schwarz gebeiztem Birnenholz gedrechselt. Die bei Fra Angelico olivgrün gefärbten Flügel wurden beim gedrechselten Engel mit Serpentholz gestaltet. Für Gesicht und Hände kam Buchenholz zur Anwendung. Der Rahmen des Tamburins wurde aus Padukholz, das Fell aus Ahornholz gefertigt. Kleine Gold-Pailletten, Ø 5mm, wurden in den Rahmen als Schellen eingelassen.

Engel der Vesper

Abbildung 10a
[10a] Engel der Vesper
Das Lichteranzünden, 18.00Uhr
Ansicht en face

 "Der Engel der Vesper in seinem nachtblauen Gewand hat aufgehört zu spielen und hält gelassen das Tamburin mit dem Abendstern. Das erinnert an den letzten der Chöre aus "The Rock" von T.S.Eliot: 'Im Zeitmaß unseres Erdendaseins werden wir des Lichtes müde. Wir sind froh, wenn sich der Tag neigt, das Ende des Theaterspiels sich anzeigt… es wird uns lang des Tages Müh und Lust.' Die Stunde der Vesper lädt uns zum Seelenfrieden ein, was die Versöhnung der Widersprüche in und um uns herum bedeutet." ‹1, S. 122›

Wie der Engel der Non hält auch der Engel der Vesper eine Schellentrommel in den Händen. Diese aber ist anders gebaut als die des Engels der vorausgegangenen Stunde: Sie hat weniger aber dafür größere Schellen. Das Trommelfell ist intensiv rot gefärbt. Auffällig schmückt ein sternförmiges goldenes Dekor auf dem Fell das Instrument. Pater David nennt es in Bezug auf die sechste Stunde den Abendstern. Den Klang dieses Instruments kann man sich aufgrund seiner Bauweise und der Größe der Schellen gedeckt und dunkel, nicht so hell und klirrend vorstellen, wie das bei der Non beschriebene Tamburin. Diese Schellentrommel ist kein Instrument der lauten Töne.

Die Spielhand des Engels scheint das Fell der Trommel weniger zu schlagen als zu streicheln. Vielleicht dämpft sie den voraus gegangenen Schlag auch ab. So kann das Instrument zur Stille überleiten. Rainer Maria Rilke beschreibt in einem Gedicht aus seinem ‹2› Stundenbuch, was hier in der Zeit der Vesper geschieht, aber über diese Stunde hinaus geht:

"Wer seines Lebens viele Widersinne
versöhnt und dankbar in ein Sinnbild fasst,
der drängt die Lärmenden aus dem Palast,
wird anders festlich, und du bist der Gast,
den er an sanften Abenden empfängt."

Abbildung 10b
[10b] Engel der Vesper
Rückansicht

Bei Fra Angelico trägt der Vesperengel auf der Abbildung im Buch ein türkisfarbenes Gewand. Ein natürlich türkisfarbenes Holz gibt es nicht. Der Autor entschloss sich daher, dem Engel der Vesper ein von der Vorlage abweichend gefärbtes Kleid zu geben und gestaltete ihn deshalb aus dem brauntönigen Bokoteholz, das im gewählten Holzabschnitt eine sehr ausdrucksvolle Textur zeigt. Dem Trommelfell verleiht Padukholz seine intensive rote Farbe und Cocoboloholz kontrastiert dazu im Trommelrahmen und den Flügeln.

 Engel der Komplet

Abbildung 11a
[11a] Engel der Komplet
Der Kreis schließt sich, 20.00 Uhr
Ansicht halbschräg

 "Der Engel der Komplet trägt ein ziemlich dunkles Gewand … und seine Hände gleiten leicht über eine kleine Orgel. … Das ist der Engel und die Stunde unseres friedlichen Übergangs in die dunkle Stille des Schlafs. Die Tugend der Komplet ist der Glaube. Er ist das Urvertrauen, mit dem wir uns für die Nacht Gottes Schutz anvertrauen." ‹1, S. 137›

Pater David wählt für die Komplet den Fra Angelico-Engel mit einem Portativ, einer kleinen tragbaren Orgel. Unter allen Instrumenten, die die Engel der Stunden spielen, ist das Portativ allein in der Lage, mehrstimmig zu spielen. Die Entstehung der Mehrstimmigkeit fällt zusammen mit der Lebenszeit des Fra Angelico. Dieses epochale Ereignis bestimmt das Schicksal der abendländischen Musik, die sich in der Folge vom bloßen einstimmigen melodischen Dasein in die Bereiche polyphoner Architektur und harmonischer Farben und Verbindungen entwickeln wird. Der Engel der Komplet steht am Ende des Tages. Nach der Nachtruhe folgt ein neuer Tag. Und in diesem wird beendet oder fortgesetzt und weiter gedacht, was zuvor begonnen wurde. Im starren zyklischen Ablauf der Stunden und Tage sind eingeschlossen die meist dynamischen und antizyklisch verlaufenden Gedanken, Überlegungen und Tätigkeiten des Menschen. Der Engel der Komplet verweist mit seinem Instrument auf die Weiterbewegung des Lebendigen, die nicht stehen bleibt und auf die Vielstimmigkeit ihrer Äußerungen, die schließlich aber auch wieder einmünden in den allumfassenden Zyklus, den Kreislauf von Leben und Vergehen.

Abbildung 11b Abbildung 11c
Engel der Komplet
[11b] Halbseitenprofil [11c] Rückansicht

Der Engel der Komplet trägt über seinem dunklen Gewand einen ebenso dunklen Umhang, der aber auf der Innenseite ein intensiv krapprot gefärbtes Futter hat. Auf Veilchenholz, auch Königsholz genannt, fiel die Wahl für das Kleid, auf Ebenholz die für den Umhang außen und auf Padukholz für das Innenfutter. Gesicht und Hände sind aus Buchenholz gefertigt. Als Äquivalent für die bei Fra Angelico rotbraunen Flügel bot sich das Holz Pink Ivory an. 

Der Brunnen

Abbildung 12a
[12a] Drehteller mit Brunnen

Über die Gregorianischen Gesänge sagt Pater David Steindl-Rast :

"Hier kann Zeit nicht als etwas begriffen werden, das knapp wird, sondern als etwas, das wie Wasser aus einer Quelle steigt und zu jener Fülle der Zeit anschwillt, die jetzt ist. Genau in die Mitte dieses Lebens im Jetzt holen uns die Gesänge zurück." ‹1, S. 19 f.›

Und so steht ein Brunnen in der Mitte einer drehbaren Platte. Auch er verweist auf die ständige Wiederkehr der Stunden, der Tage, der Wochen und Jahre, auf den Rhythmus des Lebens. Im Brunnenhaus des Klosters Maulbronn steht der Brunnen, den der Autor als Vorbild für diesen Brunnen gewählt hat. Die Stundenengel umstehen diesen Brunnen, aus dem wie aus einer Quelle das Wasser aufsteigt und von oben her in die tieferen Schalen hinabfließt.

Abbildung 12b
[12b] Die Engel der Stunden umstehen den Brunnen des Lebens

Wasser gehört zu den Bildern für den Heiligen Geist: eine Quelle, ein Fluss oder ein Strom. Der Brunnen verkörpert Erlösung und Reinigung. Dem Brunnen oder der Quelle am Fuße des Lebensbaumes im Paradies entspringen die Lebenswasser und die vier Flüsse des Paradieses. In den Erzählungen des 1. Buches Mose findet sich der Brunnen aber auch als Ort der Liebe. Es wird in der Schrift berichtet, dass Isaak seine spätere Frau Rebecca erstmals an einem Brunnen trifft. Zuvor schon trifft Hagar, die Magd und Nebenfrau Abrahams den Engel des Herrn an diesem Brunnen. Neben dem Trost und dem Zuspruch, den Hagar dort durch den Engel erhält, wird ihr vom Engel auch die Geburt Ismaels verkündet. Nach der Bedeutung der Liebe und des Trostes erhält der Brunnen so auch die Bedeutung als Ort der Verheißung und der Erfüllung. Martin Luther betet in seinem Morgen- und Abendsegen: "Dein Heiliger Engel sei mit mir." Und so steht der Brunnen in seinen verschiedenen Sinngebungen letztlich für den Segen, mit dem die Stundenengel über die Tageszeiten wachen, denen sie zugeordnet sind.

Das Tableau der Engel

In Kloster Eberbach gibt es eine Grafik, auf der die Struktur des Tagesablaufs der Mönche wiedergegeben wird:

Abbildung 13
[13] Grafik vom Tagesablauf der Mönche

Zeiten für die Gebete und Messen, die Arbeit, die Mahlzeiten und die Ruhe sind über den Tag verteilt. Aber auch den Wechsel zwischen Tag und Nacht macht diese Struktur deutlich. Pater David nennt diesen Abschnitt "das große Schweigen, die Brücke der Stille zwischen Komplet und Vigil, die erneut den Kreislauf der Stunden eröffnet". Bei der Anordnung der Stundenengel um den Brunnen hat der Autor diesen Plan zugrunde gelegt. Die Engel stehen daher nicht in gleichen Abständen um den Brunnen herum, sondern lassen ein Lücke an der Stelle, wo die Nachtruhe zwischen 20.00 und 02.00 Uhr in den Kreislauf eingetragen ist. Damit öffnet sich für den Betrachter des Tableaus der Blick auf den Brunnen und auf die Engel. So aufgestellt lassen sich alle Figuren auch aus verschiedenen Blickrichtungen anschauen. 

Zum Beschluss

Die Aufgabe, historische Bilder und zu ihrer Zeit gehörige Musik und Instrumente zusammen mit dem zeitlichen Ablauf der Stundengebete, auf die sie Bezug nehmen, mit den Mitteln des Drechslers in die plastische Realität umzusetzen, war eine anspruchsvolle, reizvolle und den Autor faszinierende Herausforderung. Die Ausführungen von Pater David Steindl-Rast boten in der Zusammenführung vom Gregorianischen Gesang der Stundengebete mit den Engeln des Malers Fra Angelico den willkommenen Anlass zu dieser einzigartigen Gestaltungsaufgabe, wie sie wohl sonst kaum aus der Werkstatt eines Drechsler hervorgeht. Das hier vorgestellte Ergebnis dieser Aufgabe steht heute auf dem Flügel des Autors.

Abbildung 14
[14] Die Musik der Stille auf dem Flügel des Autors

Gelungen ist eine Arbeit, der man ohne unbescheiden zu sein, vielleicht sogar künstlerische Anmutungsqualitäten zusprechen darf. Sie erzählt mit den Worten von Pater David  ‹1, S. 144›:

"Wenn wir auf die Musik des Augenblicks lauschen, … lernen wir, im Herzen ein wenig zu tanzen, unsere inneren Pforten einen Spalt weiter zu öffnen und auf die Musik der Stille, den göttlichen Herzschlag des Universums, zu horchen."

 


Bildquellen:
‹A› Yatego Kunstreproduktionen: Fra Angelico, Musiziernder Engel, Yatego-Nr.: DBSEYJNL5H (Art-Nr.: 4050155958790)- zurück zu ‹A› -
‹B› AllPosters.com ArtShop: Angel Beating a Drum from the Linaiuoli Triptych, 1433, Item # 4054507 - zurück zu ‹B› -
‹C› Full Homely Divinity : Keeping the Twelve Days of Christmas- zurück zu ‹C› -

Die Abbildungen [1] bis [12] und [14] sind eigene Fotos des Autors, [13] ein Foto von Peter J. Reichard.

 

 


Quellen:
‹1› Pater David Steindl-Rast "Musik der Stille", Die Gregorianischen Gesänge und der Rhythmus des Lebens, Rhythmus des Lebens, Verlag Herder GmbH, Freiburg im Breisgau 2008 - zurück zu ‹1› -
‹2› Rainer Maria Rilke "Das Stundenbuch": insel taschenbuch 2, Insel Verlag Frankfurt am Main und Leipzig - zurück zu ‹2› -

 

 

 


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