Gedrechselte Blütenstände von Karl Rüdiger

 

Spiel mit Knopfelementen

 

Vorbild eines Künstlers als Anregung zum Drechseln

Freie Gestaltung von Lüder Baier
Abb. 1
Freie Gestaltung mit Knopfelementen
von Lüder Baier

 

Die obige Abbildung (Abb. 1) zeigt am rechten Bildrand eine behauene Steinsäule, die einem Baumstamm ähnelt. Aus diesem tritt unten im Bild ein Ansatz hervor, der wie ein abgeschnittener Aststumpf wirkt. Aus der Schnittfläche lässt ‹A› Lüder Baier sein Drechselobjekt "erblühen". In dieser Umgebung des stilisierten Baumes erinnert die Form des namenlosen Objekts an eine Kugelblüte, wie sie beispielsweise vom Zierlauch (Abb. 2) her bekannt ist.

 

Zierlauch-Blüten
Abb. 2
Zierlauch-Blüten

 

Die namenlose "Freie Gestaltung" von Lüder Baier mit einer "Kugelblüte" zu assoziieren, inspirierte den Autor dazu, unterschiedliche Blütenformen auf ähnliche Weise als ein "Thema mit Variationen" in Drechselarbeiten zu kreieren.

Anregung durch das Vorbild der Natur

Will man Blütenformen nach dem Vorbild der Natur gestalten, so ist ein Blick auf die Anordnung der Blüten an der Pflanze hilfreich. Diese folgt bestimmten Grundstrukturen. Die Blüten können einzeln am Stiel sitzen oder sie sind zu Blütenständen vereinigt. Bei deren Verzweigungen unterscheidet man zwischen der vertikalen Hauptachse und Nebenachsen. Dolde, Körbchen und Kolben sind Vertreter solcher Anordnungsmuster.

 

 

Dolde Fruchtstand des Zierlauchs
Abb. 3a Abb. 3b
Dolde Fruchtstand des Zierlauchs

 

 

Bei einer Dolde (Abb. 3a) sind die Hauptachse verkürzt und die Einzelblüten gestielt. Der kugelige Blütenstand des Zierlauchs (Abb. 2) ist - morphologisch - eine Dolde. Deren Bauform kann man an einem Fruchtstand des Zierlauchs besonders gut beobachten. Die erkennbar kugelig verkürzte Hauptachse wird in der gedrechselten Form dann zu einer in der Mitte auf dem Stengel stehenden Kugel (vgl. Abb. 1 und Abb. 6b).

 

 

Blütenkorb Sonnenblume
Abb. 4a Abb. 4b
Blütenkorb Sonnenblume "rote Samtkönigin"

 

 

Ein Blütenkorb (Abb. 4a) entsteht, wenn die Hauptachse gestaucht wird. Als klassisches Beispiel für eine Korbblüte kann die Sonnenblume (Abb. 4b) gelten.

 

 

Kolbenblüte Echter Kalmus
Abb. 5a Abb. 5b
Kolbenblüte Echter Kalmus

 

 

Bei einem Kolben (Abb. 5a) ist die Hauptachse lang gezogen und verdickt. Der echte Kalmus (Abb. 5b) ist ein Beispiel für eine Kolbenblüte.

Gedrechselte Blütenstände

Gesamtzeichnung statt Werkskizze

In den bisher vorgestellten ‹1› Essays waren Werkskizzen ausreichend für die Veranschaulichung der geplanten Figuren. Für das hier anstehende Vorhaben des nicht figürlichen Drechselns aber ist eine andere Form der technischen Zeichnung besser geeignet, nämlich die Gesamtzeichnung. ‹2› Rolf Steinert beschreibt sie

"als eine technische Zeichnung, aus der hervorgeht, wie ein Fertigerzeugnis aus Einzelteilen zusammengesetzt ist. Sie enthält die Darstellung des Fertigerzeugnisses in den notwendigen Ansichten und Schnitten sowie die Zusammenbaumaße und Einzelmaße für Einzelteile"
    .
An anderer Stelle weist er darauf hin, dass anhand dieser Zeichnung auch die gedanklich entwickelte Formgestalt auf dem Papier anschaulich gemacht werden kann. Dies hilft die Form zu kontrollieren und zu korrigieren.

 

 

Blütenstände

    1. Kugelblüte - eine Dolde

       

      Gesamtzeichnung für die Kugelblüte Stilisierte Kugelblüte
      Abb. 6a Abb. 6b
      Gesamtzeichnung für die Kugelblüte Stilisierte Kugelblüte

       

      Die Zeichnung lässt die sieben verschiedenen Arten der vorgesehenen Knopfelemente erkennen und deren Maße ablesen. Der Schnitt durch die Mitte der Kugelblüte entspricht nicht der späteren Anordnung der Knopfelemente, fasst aber alle wichtigen Gestaltungselemente auf dem zur Verfügung stehenden Papier zusammen. Die endgültige Anordnung lässt sich an den Kreisschnitten oben links auf der Zeichnung ablesen. Um die verschiedenen Knopfelemente in ihrer Platzierung kenntlich zu machen, wurden ihnen Farbsymbole zugeordnet, die unten rechts aufgelistet sind. Die beiden Kreisausschnitte zeigen links oben eine Aufsicht auf die Kugelblüte, darunter eine Seitenansicht. Auf beiden Schnitten ist die Anordnung der Knopfelemente mit den Farbsymbolen kenntlich gemacht.

 

    1. Kolbenblüte

       

      Gesamtzeichnung der Kolbenblüte Stilisierte Kolbenblüte
      Abb. 7a Abb. 7b
      Gesamtzeichnung der Kolbenblüte Stilisierte Kolbenblüte

       

      Die Zeichnung zeigt die Gesamtform der Kolbenblüte im Längsschnitt und zwei Querschnitte in verschiedenen Höhen durch den Kolben mit eingesetzten Knopfelementen. Der Kolben ist besetzt mit zwei unterschiedlich geformten Knopfelementen. Der Kreisschnitt rechts unten verdeutlicht das Verteilungsschema der Knopfelemente: sie sind ‚auf Lücke' gesetzt. Alle Maße können der Zeichnung entnommen werden.

      Nach Einsetzen der Knopfelemente in den Kolben ergab sich ein unbefriedigendes Bild. Die Zwischenräume zwischen den Knopfelementen waren zu groß und der Kolben wirkte "leer" und "löcherig". Die Zwischenräume waren so groß, dass an diesen Stellen noch weitere Elemente eingesetzt werden konnten: flache, tellerartige Knopfelemente, in der Mitte nach oben gezogen, von der Spitze in der Mitte zum Rand hin ausgekehlt. In Abb. 7b sind diese niedrigeren "Füllelemente" zwischen den größeren Elementen gut zu erkennen.

 

  1. Korbblüte

     

    Gesamtzeichnung der Korbblüte Stilisierte Korbblüte
    Abb. 8a Abb. 8b
    Gesamtzeichnung der Korbblüte Stilisierte Korbblüte

     

    Die Zeichnung zeigt einen Längsschnitt durch den Blütenstand mit eingesetzten Knopfelementen und eine Aufsicht auf die eingesetzten Knopfelemente im Korb. Vier unterschiedliche Elemente sind in Einzelzeichnungen dargestellt. In ähnlicher Weise wie beim Kolben korrigierte die Praxis auch bei diesem Blütenstand die Planung. Die überstehenden "Knopfgriffe" in den oberen Reihen, schräg im Winkel zur Spitze eingesetzt, ließen noch Platz für eine weitere Reihe unter der dritten Reihe von oben, den Mittelknopf an der Spitze nicht mitgezählt. Diese "Knöpfe" haben einen schirmförmigen Hut mit einem ypsilonförmigen "Stiel".

Thema mit Variationen

Die in Abb. 1 gezeigte Drechselarbeit von Lüder Baier mutete den Autor als Ausgangspunkt für ein Thema mit Variationen an.

In der Musik, in der diese Kompositionsform eine lange Tradition hat, wird den Variationen immer das Thema vorangestellt. Dabei wird es entweder in der Originalfassung oder in der Form vorgetragen, in der die Variationenfolge geplant ist, beispielsweise in einer anderen Instrumentation. Auch die in Abb. 6b als Thema zitierte Arbeit von Lüder Baier ist in der Fassung des Autors bereits gegenüber dem Original von Baier verändert: Die obere und untere Reihe der Knopfelemente sind gegenüber dem Original vertauscht.

In den Variationen (Abb. 7b und 8b) wird jeweils die Struktur der Hauptachse - verkürzt, gestaucht, verdickt - und der Sitz der Blüten auf der Achse - Dolde, Kolben, Korb - variiert. Außerdem werden in jeder Variation die Formen der Einzelblüten - die "Knopfelemente" - neu erfunden bzw. variiert.

Handwerkliche Details

Angaben zum Material und zur Größe der einzelnen Blütenstände

Form Dolde Kolben Korb
Knopfelemente wilde Kirsche,
gedämpft
Eibe Pflaume, gedämpft
Blütenachse Birne wilde Kirsche
Fuß steingefüllter Krug wilde Kirsche Robinie
Maße (H x B x T) in mm 45 x 32 x 32 40 x 23 x 23 40 x 23 x 23

Schluss

Drechslerarbeiten wie diese "Variationen" werden manchmal etwas spöttisch-liebevoll als "Stehrümchen" bezeichnet, vom "Herumstehen" abgeleitet. In einem geeigneten Ambiente jedoch bekommen diese Arbeiten einen skulpturalen Charakter. Bringt man sie beispielsweise mit Kleinskulpturen aus dem Bereich der naiven polnischen Holzschnitzerei zusammen, dann ergibt sich ein sehr verträgliches und harmonisches Miteinander.

 

Kugel- und Kolbenblüte mit 'Paradiesapfel'
Abb. 9
Kugel- und Kolbenblüte mit "Paradiesapfel"

 

In Abb. 9 umrahmen Kugelblüte und Kolbenblüte den "Paradiesapfel" von Marian Ulc. In einem aufklappbaren Apfel ist die Vertreibung von Adam und Eva aus dem Paradies dargestellt. Die umrahmenden Blütenstände wirken wie die über den Sündenfall erstarrten Schönheiten des Paradieses.

 

Korbblüte mit 'Tanzpaar' und Teufelchen
Abb. 10
Korbblüte mit "Tanzpaar" und Teufelchen

 

Abb. 10 zeigt, dass sich die Korbblüte gut mit dem "Tanzpaar" von Eugeniuz Zegadlo "verträgt". Im Hintergrund sehen ein Teufelchen und seine Teufelin, beide von Henryk Tarka, etwas skeptisch dieser Zusammenstellung und wohl auch dem temperamentvollen Tanz des Paares zu.

 

Solche Zusammenstellungen verdeutlichen die Wechselwirkung zwischen künstlerischen Objekten und ihrer Umgebung. In der Komposition erfahren sie wechselseitig eine zusätzliche Sinndeutung. Wie bei allen Kunstwerken kommt es hier besonders darauf an, wie sie präsentiert werden. Die etwas despektierliche Bezeichnung "Stehrümchen" verbirgt, dass die Darstellungsweise für ein Kunstobjekt als Teil des künstlerischen Schaffens bedeutsam ist.

 


Anmerkung:

‹A› Lüder Baier wurde 1920 in Dresden geboren. Über ihn schreibt ‹3› Christoph Henrichsen:

"Ob Dosen, Schalen, Industrieentwürfe, Flächen oder Plastiken - das Werk des Dresdner Holzgestalters Lüder Baier ist handwerklich virtuos, von starkem Ausdruck und extrem vielseitig. Es vereint die Techniken des Drechslers und Designers und zeigt in seiner hohen Sensibilität für das Material beispielhaft Wege für den künstlerischen Umgang mit Holz."zurück zu ‹A› -

 

 

LINKS:
‹1› K. Rüdiger, "Kleine Holzwelten": http://www.publicationes.de/verschiedenes/holzwelten.html - zurück zu ‹1› -
‹2› R. Steinert, "Drechseln in Holz", S. 346: ISBN3-343-00553-3 © Fachbuchverlag Leipzig, 1990 - zurück zu ‹2› -
‹3› Ch. Henrichsen, "Holzgestaltung - Das Werk von Lüder Baier": ISBN 978-3-87870-999-2, © Vincentz Network, Hannover 2007; PDF-Auszug unter www.th-schaefer.de/downloads/8885_Henrichsen_Baier.pdf - zurück zu ‹3› -

 

 

 


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