Menagerie - ein Park hölzerner Wunderdinge von Karl Rüdiger

 

Verholzte Früchte und Phantasiegestalten aus der Drechslerwerkstatt

 

Fund und Erfindung

In Bomarzo (bei Viterbo in der Region Latium / Italien) gibt es unterhalb des Schlosses der Orsini eine Gartenkomposition mit dem Namen ‹1› "Park der Wunderdinge". Dort sieht man Fabeltiere, Misch- und Fabelwesen und allerlei Phantasiegebilde. Die Erinnerung an dieses Gartenreich ist die Quelle für den Einfall, aus Figuren-"Funden" von Tieren und Pflanzen mit erfundenen (gedrechselten) menschlichen Figuren einen eigenen "Bomarzo-Park", ein eigenes ‹A› Fantásien unter dem Namen "Menagerie" zu entwerfen. Diese Menagerie wird im Folgenden vorgestellt.
Die zugrundeliegenden "Fundstücke" aus Holz sind exotische Tierfiguren und ausgefallene Fruchtstände. "Erfindung" sind die gedrechselten Figuren zur Darstellung von Menschen, die man als "Paradiesvögel" bezeichnen mag.

Der Titel "Fund und Erfindung", ist einer volkskundlichen Untersuchung von ‹B› Ernst Klusen entlehnt, "die zu einem andern Zwecke zwar verfasst, sich jedoch hierher grad passt". Die Begründung dieser Anleihe ist ihrerseits wiederum ein Zitat. Es stammt aus dem Munde des Bürgermeisters ‚van Bett' aus der Oper "Zar und Zimmermann" von Albert Lortzing.

Menagerie

Dieser Begriff stammt aus dem Französischen. Zunächst steht er für eine historische Form der Tierhaltung. Als solche gilt die Menagerie als Vorläufer des zoologischen Gartens. Die Encyclopédie de Méthodique von 1782 definiert Menagerie als ein "établissement de luxe et de curiosité", also als eine "Anlage, die Luxus und Sehenswürdigkeiten" zu bieten hat. Diese Begriffserläuterung mag darauf anspielen, dass besonders in den Wandermenagerien neben den exotischen Tieren auch Menschen mit ungewöhnlicher körperlicher Gestalt als Sehenswürdigkeiten gezeigt wurden.

Zufallsfunde

Exotische Tiere

Bei einem Einkaufsbummel weckten einige Tierfiguren das Interesse des Autors.

Gepunkteter Pfauengreif Gehörnter Greif
Abb. 1 Abb. 2
Gepunkteter Pfauengreif Gehörnter Greif
Schuppengreif Ohrengreif
Abb. 3 Abb. 4
Schuppengreif Ohrengreif
Wanderfisch
Abb. 5
Wanderfisch

Die Tiere sind weder signiert noch hinsichtlich ihrer Herkunft sicher zu identifizieren. Ihre Farbgebung und Dekogestaltung legen die Vermutung nahe, dass sie möglicherweise aus dem fernöstlichen Kulturkreis stammen. Offenbar sind sie alle Fabeltiere. Vier von ihnen gehören verschiedenen Arten von Vogel-Greifen an, eines (Abb. 5) ist ein Fisch, der als auf dem Lande wandelndes Wasserwesen aber wohl auch in das Reich der Fabeln gehört.

Einem Kenner der italienischen Renaissance mag ein "Hippogryph" als Fabelwesen mit Pferdeleib und Vogelgefieder bekannt sein. Dem Leser moderner Fantasy-Literatur mag der "Hippogreif" aus der Geschichte von Harry Potter geläufiger sein.

Der Greif ist ein weit verbreitetes Fabeltier. Meist kennzeichnen ihn ein Löwenleib und Adlergefieder. Als Symbol für Stärke gilt das eine, für scharf blickende Klugheit das andere. So ist es nicht verwunderlich, dass der Greif als Wappentier in die Heraldik Eingang gefunden hat. Beispiele dafür zeigen die folgenden Abbildungen von Wappen (alle aus Wikimedia):

Abb. 6 Abb. 7 Abb. 8
Stadt Rostock Stadt Greifswald SC Freiburg
Abb. 9
Land Baden - Württemberg

Außergewöhnliche Fruchtstände

Banksiazapfen und Tagua-Nüsse sind exotische, verholzte Fruchtstände und als solche jedem Drechsler vertraute Werkstoffe. Sie werden in Baumärkten und Garten-Centern, aber auch auf Holzmessen und Drechslertreffen als Deko-Material angeboten, um daraus beispielsweise Wintergestecke zu basteln. Die nachfolgend abgebildeten Formen regen jedoch die Phantasie an, um ihnen eine Rolle im Wundergarten zu übertragen:

Coronata-Blütenboden Plumosum
Abb. 10 Abb. 11
Coronata-Blütenboden Plumosum
Honkeynut Brunia
Abb. 12 Abb. 13
Honkeynut Brunia

Drechselt man an die Stiele dieser Früchte kleine Standscheiben oder setzt sie in "Blumentöpfe" mit Untersetzern, so entstehen daraus "Kübelpflanzen" und "Bäume". Petra Kipphoff berichtet in einem ‹2› Aufsatz über die Auffassung von Max Ernst zu dieser Verfahrensweise:

"Im Spiel mit den vorgefundenen Formen … liegt der Verzicht auf Gestaltung der Materie zugunsten der Verwandlung des Materials." Das "objet trouvé" (das Fundstück) war für Max Ernst also "nicht die Alternative zum Künstlerschöpfer". Als in diesem Sinne nunmehr "verwandelte" Geschöpfe für einen Garten der Wunderdinge haben sie mit ihrer Gestalt auch ihren Namen gewandelt:

Vasenbaum Sonnenkrone Federstrauch
Abb. 14 Abb. 15 Abb. 16
Vasenbaum Sonnenkrone Federstrauch

Erfindung "Paradiesvögel"

Unter Menschen gibt es Individuen, die im sozialen Miteinander von den anderen als fremd, als Fremde oder als sonderbar wahrgenommen werden. Personen, die aufgrund ihrer Herkunft aus fremden Ländern, ihres Habitus, ihres Auftretens oder ihres Metiers eben "anders" sind als die Allgemeinheit und in deren Gesellschaft gewöhnlich als "Paradiesvögel" angesehen werden, sind beispielsweise Clowns, Gaukler, Artisten aus China oder Indische Fakire. Für Figuren, die solche Typen verkörpern, ist das "Wunderland" der Menagerie eine gute Heimat.

Besuche in Spielzeugmuseen oder Besichtigungen bieten Gelegenheiten, geschnitzte oder gedrechselte Figuren mit interessanten Formumrissen als Ideensammlung zu skizzieren. Die folgenden Skizzen sind in einem Spielzeugmuseum entstanden. Sie stellen keine Kopie des Gesehenen dar, noch wollen sie eine Grundlage dafür bieten. Ohne Detailgenauigkeit dienen sie dazu, eine Formidee zu umreißen, die sich hernach in einem eigenen Entwurf zu einer gedrechselten Figur gestalterisch umsetzen lässt.

Gelegenheitsskizzen
Abb. 16
Gelegenheitsskizzen aus dem Skizzenbuch des Autors

Aus diesen Skizzen entwickelten sich die folgenden Figuren. Wie bereits die Greife und die Blumen tragen auch die "Paradiesvögel" im Park der Wunderdinge Phantasienamen.

Jiao Feng und Ning Li
Abb. 17
Ning Li und Jiao Feng

Ning Li und Jiao Feng kommen beide aus China, dem Land der Mitte. Ihre Namen bedeuten soviel wie "Friedliche Kraft" und "Schöner Phoenix".

Lari und Fari
Abb. 18
Lari und Fari

Lari und Fari verkörpern zwei Clowns aus Deutschland.

Ogla und Hynreg
Abb. 19
Hynreg und Ogla

Hynreg und Ogla stellen die "Fantastischen Zwei" aus Michel Endes "Fantásien" dar.

Pimpinella und Pulcinella
Abb. 20
Pimpinella und Pulcinella

Pimpinella und Pulcinella sind Gaukler aus der Commedia dell'arte.

Arun und Phoolendu
Abb. 21
Arun und Phoolendu

Arun und Phoolendu, deren Namen "Sonne" und "Voller Mond" bedeuten, kommen aus Indien. Im Park der Wunderdinge sind sie die Menageristen, die das Arrangement präsentieren.

Parkszenen aus der Menagerie

Tableau: Menagerie - Garten der Wunderdinge
Abb. 22
Tableau: Menagerie - Garten der Wunderdinge

Das Tableau präsentiert das Ergebnis der Gestaltungsabsicht, eine "Menagerie" als einen Park der Phantasie darzustellen. Ein Greif und zwei "Paradiesvögel" bilden jeweils eine Gruppe, die zwischen den "Bäumen" und "Kübelpflanzen" angeordnet sind. Der "Wanderfisch" mit seinen beiden chinesischen Betreuern steht erhöht auf einem Podest, damit sie als Figuren im Hintergrund besser gesehen werden können. Das Tableau wird überragt von den fünf "Schichtbäumen" (Platysspermum).

Lari und Fari und der Schuppengreif
Abb. 23
Lari und Fari und der Schuppengreif

Lari und Fari spielen mit dem Schuppengreif.

Ogla und Hynreg und der gehörnte Greif
Abb. 24
Ogla und Hynreg und der gehörnte Greif

Ogla und Hynreg führen den gehörnten Greif vor.

Ning Li und Jiao Feng mit dem Wanderfisch
Abb. 25
Ning Li und Jiao Feng mit dem Wanderfisch

Ning Li und Jiao Feng begleiten den Wanderfisch.

Pimpinella und Pulcinella und der gepunktete Pfauengreif
Abb. 26
Pimpinella und Pulcinella und der gepunktete Pfauengreif

Pimpinella und Pulcinella führen den gepunkteten Pfauengreif durch den Zauberwald.

Arun und Phoolendu und der Ohrengreif
Abb. 27
Arun und Phoolendu und der Ohrengreif

Arun und Phoolendu sprechen mit dem Ohrengreif.

Schluss

Die Bedeutung der Phantasie für schöpferische Prozesse in verschiedensten Bereichen geistigen Schaffens verdeutlichen die folgenden Zitate:

    • "Michael Endes Roman ‚Die unendliche Geschichte' ist ein Buch über die Poesie und ihren drohenden Verlust. Das macht den Rang dieses Romans aus. Er ist ein leidenschaftliches, kühnes, wunderbar artistisches Plädoyer für das Lebensrecht der Phantasie: in der Literatur, in uns." (
Volker Hage
      , geb. 1949, deutscher Journalist und Rezensent)
    • "Phantasie muss grenzenlos sein dürfen. Denn gezähmt wäre sie keine Phantasie." (
August Everding
    , 1928 - 1999, deutscher Theaterregisseur)
  • "Die Freiheit der Phantasie ist keine Flucht in das Unwirkliche, sie ist Kühnheit und Erfindung." (Eugéne Ionesco, 1919 - 1994, rumänischer Schriftsteller)
  • "Phantasie ist wichtiger als Wissen. Wissen ist begrenzt, Phantasie aber umfasst die ganze Welt." (Albert Einstein, 1879-1955, deutsch-amerikanischer Physiker).

Der "Wundergarten" der Menagerie will dafür ein Zeichen setzen.

Hinweise:

‹A› "Fantásien" ist der Name des Phantasie-Reiches, von dem der Roman "Die unendliche Geschichte" von Michael Ende handelt. -
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‹B› Ernst Klusen(1009 - 1988) war Professor für Musikwissenschaft und Musikpädagogik sowie Komponist. Er gilt als Nestor der Deutschen Volksliedforschung und hat 1969 das Buch "Volkslied - Fund und Erfindung" veröffentlicht. -
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LINKS:
‹1› Sylvia Remé, Der Bomarzo-Park in "Die Gärten Italiens zur Zeit der Renaissance, des Barocks und heute": www.michaelreme.de/gbomarzo2.html - zurück zu ‹1› -
‹2› Petra Kipphoff, "Die Menagerie des Königs ohne Land" aus "DIE ZEIT" Nr. 21 (1998): www.zeit.de/1998/21/Die_Menagerie_des_Koenigs_Ohneland - zurück zu ‹2› -


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