Santons de Provence von Karl Rüdiger

 

Briefmarken inspirieren zum Drechseln

 

Gedenkmarken bewahren Gedankengut

Die Postverwaltung von Monaco hat in den Jahren 1984 und 1990 je einen Briefmarkensatz herausgegeben, den sie dem Thema "Santons de Provence" gewidmet hat. Abb. 1 zeigt die Marken dieser Sätze:

Abb. 1
Briefmarkenserien "Santons de Provence" aus Monaco

Damit wird an eine Tradition erinnert, die als besondere Ausdrucksform im Umgang mit Krippen in der Provence ihren Ursprung hat.

Krippenbrauchtum in der Provence

In der Pressemappe für die ‚Région Provence Alpes Côte d'Azur', herausgegeben vom Französischen Tourismusbüro, heißt es über die Provençalische Krippe:

"Den Ursprung der berühmten provençalischen Krippe kann man bis ins 12. Jahrhundert zurückverfolgen. Die echte provençalische Krippe besteht aus einer idealisierten Darstellung des provençalischen Dorfes, in der jeder seinen Platz einnimmt: Der Müller, der Bäcker, der Schäfer, der Kupferschmied, die Fischhändlerin, … . Die Krippengestaltung ist eine Projektion des Gemeinschaftslebens und symbolisiert die alltägliche Umgebung mit der dörflichen Siedlung, den Doppelhäusern, dem Brunnen, der Mühle, dem Ofen und dem Taubenschlag, den Haustieren, usw."

Santons

Die kleinen bunten Figuren der vielen Alltagsmenschen an der Krippe heißen "Santons". Der Ausdruck geht auf das das provençalische Wort santoum zurück, das soviel bedeutet wie "kleiner Heiliger". Diese Benennung ist eigentlich irreführend, weil sich gerade die provençalische Krippe durch eine Vielzahl "unheiliger" Figuren auszeichnet, die alle auf dem Weg zur Krippe sind, um dem neugeborenen Kind ihre Gaben zu bringen.

Solche Figuren werden bis in die Gegenwart meist aus Ton, manchmal aber auch aus Holz, Gips oder sogar aus Brotteig kunstvoll gefertigt, liebevoll bemalt oder mit Stoff geschmückt - und ganzjährig feilgeboten. Sie sind meist 40 bis 150 mm groß. Ein Gewerbe wurde sogar daraus: Der Hersteller von Santons bekam die eigene Berufsbezeichnung "Santonnier".

Zwei Beispiele für Milieu-Krippen

Milieukrippen zeigen das Geschehen in einer spezifischen Umgebung mit Personen und "Typen" des sozialen Umfeldes:

In der Krippe der Provence sind die Santons die Bewohner eines provençalischen Dorfes. Neben dem armen Schlucker ist dort auch der wohlhabende Bürger der Provence zu finden, neben der Zigeunerin der Notar oder der Dorfschulze. Die Verlagerung des Geschehens von Bethlehem in ein kleines Dorf der Provence hat seinerzeit im Hirtenspiel "Maurel" - sozusagen als spielerisch entfaltete Liturgie - das ganze fromme Fußvolk zur provençalischen Krippe pilgern lassen. Es ist buchstäblich eine Bewegung angestoßen worden. Santons aus Terracotta und mit Stoff bekleidet, je etwa 150 mm groß, finden sich dieser Tage in Fensterauslagen
wie der beispielsweise in Abb. 2 dargestellten.

Santons in einem Schaufenster in Brüssel
Abb. 2
Santons in einem Schaufenster in Brüssel

Eine besondere Form der Krippengestaltung im Erzgebirge ist der "Weihnachtsberg". Das Milieu ist hier die Bergwelt des Erzgebirges, in dem sich das Weihnachtsgeschehen abspielt. Wie in der provençalischen Krippe ist auch hier viel Volk unterwegs zum Ort des Geschehens. Auch hier kommen die Krippengänger vorwiegend aus den ‹1› "Lebenswelten" Arbeit, Beruf und Stand.
Man kann oft sogar die landestypischen Entsprechungen zu den Darstellungen aus der Provence finden. Die folgenden Beispiele dazu sind der Sammlung des Autors entnommen.

Erzgebirge I

Der Hirte Die Alten Die Klöpplerin
Abb. 3 Abb. 4 Abb. 5
Der Hirte Die Alten Die Klöpplerin
Hut, Stab und Pelerine sind als Berufskleidung länderübergreifend gleich. Die Darstellung eines Blinden findet im Erzgebirge keine direkte Entsprechung. Die Gebrechlichkeit der Alten und die Behinderung des Blinden mögen das vergleichsweise verbindende Element zwischen Beiden darstellen. Die Klöpplerin ist im Erzgebirge das landestypische Gegenstück zur Spinnerin in der Provence.

Erzgebirge II

Die Kräutersammlerin Die Reisigsammlerin Der Drechsler
Abb. 6 Abb. 7 Abb. 8
Die Kräutersammlerin Die Reisigsammlerin Der Drechsler
An Stelle des in der Provence heimischen Knoblauchs ist im Erzgebirge das Sammeln von Kräutern eine treffende Entsprechung, insbesondere wenn man an die "Kräuter der Provence" denkt, die auch in deutschen Landen sehr geschätzt werden. Das Reisigsammeln ist überall bei den Bewohnern ländlicher Gegenden üblich. Daher findet man in der volkskünstlerischen Darstellung aus solchen Landstrichen auch immer wieder die Wasser- und Reisigträgerin Für den Scherenschleifer gibt es im Erzgebirgischen keine direkte Entsprechung. Landestypisch für das Erzgebirge aber ist der Drechsler an seiner Drechselbank.

Erzgebirge III

Der Bäcker Der Trommler Touristen nach dem Einkaufen
Abb. 9 Abb. 10 Abb. 11
Der Bäcker Der Trommler Touristen nach dem Einkaufen
An Stelle der Baguettes in der Provence trägt der Bäcker im Erzgebirge einen Stollen. Die landestypischen Backwaren machen den Unterschied! Natürlich kann man im Erzgebirge eine Entsprechung zur Schwegel nicht erwarten. Dafür aber wird die Trommel bei den Bergmännern in deren Musikkapellen bei deren Bergparaden kräftig geschlagen. Touristen mögen die Entsprechung zu den Wohlgenährten Provençalen sein. Grassets und Grassettes gibt es überall. Diese hier streben voll bepackt der Christmette in der Kirche im erzgebirgischen Seiffen zu.

Krippenfiguren wie die dargestellten finden sich vorwiegend im Typus der Milieu-Krippe. In den Krippengestaltungen einer Milieu-Krippe ist die Botschaft immer die gleiche: Euch allen ist das Kind in der Krippe geboren. Und dieses Ereignis kann seine Wirkung überall entfalten, wo es in den Herzen der Menschen stattfindet. "Und wäre Christus tausendmal in Bethlehem geboren und nicht in dir, so wärest du in Ewigkeit verloren", sagt Angelus Silesius.

Das Interesse des Drechslers an den Santons

Die Figuren der Milieukrippen stellen Alltagsmenschen mit ganz unterschiedlichen Berufen, Tätigkeiten und Erfahrungen dar. Die Darstellung der "Santons de Provence" auf den Briefmarken (Abb. 1) und das volkskünstlerische Schaffen im Erzgebirge weisen deutliche Parallelen auf. Dort wie hier wird das Krippengeschehen in der realen Lebenswelt vor- und dargestellt. Die im Original aus sprödem Terrakotta gefertigten Santons haben den Autor als Drechsler gereizt, sie mit der ihm eigenen Handschrift und der Formensprache des Drechselns an weichem Holz in erzgebirgischer Manier nachzubilden und ihren flachen Abbildern auf den Briefmarken wieder eine dreidimensionale Gestalt zu verleihen.

Tableau 'Santons de Provence'
Abb. 12
Tableau : In Holz gedrechselte 'Santons de Provence'

Die der alltäglichen Lebenswelt entlehnten Figuren haben außerhalb der Krippenumgebung nichts Weihnachtliches an sich. Deswegen kann man diese Arbeit auch ohne den Bezug zu Weihnachten in jeder anderen Jahreszeit zeigen und sich an der Vielfalt menschlicher Aktivitäten erfreuen. Dennoch ist ihre eigentliche Zweckbestimmung als Krippenfiguren gelegentlich nicht zu übersehen. Unter diesem Gesichtspunkt, dass es dem Drechsler nicht darum ging, eine provençalische Krippe nach zu gestalten, ist dann der auf der Briefmarke mit dem Wert von FF 2.10 "L'ange boufaréou" dargestellte Weihnachtsengel ungedrechselt geblieben.

Die holzgedrechselten Santons und ihre Briefmarken-Vorbilder

Die Reihenfolge der Bilder folgt den aufsteigenden Werten der Briefmarken.

Der Schäfer

Der Schäfer
Abb. 13
Der Schäfer

Schäfer waren früher in jedem Dorf - wie auch die übrigen Hüteberufe (Gänse-, Schweine-, Kuhhirt) - eine Selbstverständlichkeit. In einem ‹2› Internetaufsatz heißt es: "Der Schäfer war ein echter Beruf, dem ein mehrere Jahre dauernder Dienst als Schäferjunge und Schäferknecht bei einem Schafmeister voranging. … Schäfer hatten eine eigene Tracht. Ein großer Hut sollte ihn vor Sonne und Regen schützen und der Hirtenstab war ihm ein vielseitiges und nützliches Werkzeug: Er benutzte den Stab zum einen, um sich auf ihn zu stützen. Zum anderen konnte er mit ihm die Herde zusammenhalten - etwas Erde wurde gezielt geworfen - die Schafe wichen zurück."

Hut, Stab und die Mantel-Pelerine sind auch die charakteristischen Attribute des auf der Briefmarke abgebildeten Hirten. Sie werden in der gedrechselten Fassung natürlich zitiert.
Das Ansehen des Schäfers im Dorf war zwiespältig. Sein Beruf galt als unehrlich. Seine Außenseiterrolle in der Dorfgemeinschaft war allein schon bedingt durch seine einsame Tätigkeit und das ständige Umherziehen mit der Herde.

Der Blinde

Der Blinde
Abb. 14
Der Blinde

Der Blinde ist eine Figur, der man bei den Darstellungen aus der alltäglichen Lebenswelt in der Volkskunst gemeinhin nicht begegnet. Umso auffälliger ist die Präsentation hier. Ausgerechnet ein Blinder wird ausgewählt, um mit elf anderen Dorfbewohnern die Tradition der "Santons de Provence" zu repräsentieren. Der Blinde ertastet mit dem weißen Stock seine Umwelt. In dem Gedicht "Der Blinde an der Mauer" von Erich Kästner heißt es: "wer nichts sieht, wird nicht gesehen". Eine ‹3› schulische Interpretation dieses Gedichts führt dazu treffend aus: Für den Blinden wird "in diesem Satz die Achtlosigkeit seiner Mitmenschen deutlich. Sie gehen einfach an ihm vorüber, ohne ihn zu beachten. … Er ist aufgrund physischer Defizite blind, die Passanten aber sind für ihn aufgrund kognitiver, sozialer sowie emotionaler Defizite blind - sie wollen ihn nicht sehen. … Blinde sind anders. Sie passen nicht in das Lebensumfeld" der Sehfähigen. Bei Kästner steht Blindheit "stellvertretend für alle Probleme, an denen Menschen achtlos und ‚blind' vorübergehen".

Im Ensemble der auf den Briefmarken versammelten Santons als Krippenfiguren mag der Blinde an der Krippe an das Wort erinnern: Kommt her zu mir alle die ihr mühselig und beladen seid! Ich will Euch erquicken (Matthäus 11.28). Das Kind in der Krippe ist die Zusage für die Erfüllung dieser Einladung. In der gedrechselten Fassung wird der Blinde zwischen Bäumen dargestellt. Nicht Menschen umgeben ihn, er ist einsam und allein. Darauf möchte die Waldeinsamkeit aufmerksam machen.

Der Lustige

Der Lustige
Abb. 15
Der Lustige

Welch ein Gegensatz zur Darstellung auf dem vorangegangenen Markenwert. "Wo die Armut mit der Fröhlichkeit ist, da ist nicht Begierde noch Habsucht", so Franz von Assisi in 'Von der Kraft der Tugenden'. Das Adjektiv 'ravi' bedeutet (hoch)erfreut oder entzückt. Als Substantiv wird es im Wörterbuch nicht geführt, dürfte aber auf eine Person bezogen so viel heißen wie der 'Hocherfreute' beziehungsweise der 'Entzückte'.
Der Provençale feiert gerne. Er ist von Natur aus von unbeschwertem und fröhlichem Gemüt und er neigt dazu, Gesagtes mit wilden Gesten zu unterstreichen. Für den gestaltenden Drechsler stellt sich die Frage, wie man Freude oder Entzücken darstellt. Der Santonier, der 'Le ravi' geschaffen hat, lässt seinen Santon die Arme hoch reißen. Zipfelmütze und Kleidung lassen dabei einen eher naiven Zeitgenossen vermuten, der sein Entzücken mit der Jubelgeste seiner Arme unterstreicht. Die Gestik des Santons, die bei der vom Drechsler eingesetzten Dockenform sehr viel eingeschränkter darzustellen ist als bei der Arbeit in Terrakotta, reizte doch sehr zur Gestaltung der Figur in Holz.

Die Spinnerin

Die Spinnerin
Abb. 16
Die Spinnerin

Ähnlich wie im Erzgebirge die Klöpplerin immer wieder Gegenstand der Darstellung ist, so findet diese in der Provence ihr Gegenstück in der Spinnerin. Als Santon trägt die Spinnerin die provençalische Frauentracht, die Stoffe mit leuchtenden Farben und ein weites Brusttuch verwendet. Charakteristisch ist weiter die weiße Haube mit dem darüber getragenen Strohhut. An den langen Winterabenden war es Brauch, dass die unverheirateten Mädchen sich mit dem Spinnrocken unterm Arm und einem Wollknäuel in der Hand in der "Spinnstube" trafen, um für ihre Aussteuer zu spinnen oder andere Handarbeiten zu verrichten. Das Spinnen von Wolle oder Flachs trug bei den Kleinbauern aber auch zur Existenzerhaltung der Familie bei. Im deutschsprachigen Raum gibt eine Strophe aus einem Spinnerlied, das in "Des Knaben Wunderhorn" überliefert ist, darüber Auskunft:

      Lieb, Mägdlein Lieb

      Der Hanna ihren Trieb;

      Wie sie mit der Spindel kann

    Nähren ihren blinden Mann.

Und in einer weiteren Strophe mag man vielleicht einen versteckten Hinweis auf den Sinn einer Spinnerin als Krippenfigur sehen:

      Preis, Mägdlein preis

      Der Mutter Gottes Fleiß;

      Diese heilge Himmelskron

    Spann ein Röcklein ihrem Sohn.

Der Müller und sein Esel

Der Müller und sein Esel
Abb. 17
Der Müller und sein Esel

Der Müller hatte in der Dorfgemeinschaft keinen guten Ruf. Wie auch der Schäfer galt er als "unehrlich". Man sagte ihm nach, dass er mit zweierlei Maß messe: Beim "Einnehmen" benutze er das große Mass, beim "Ausgeben" aber bevorzuge er das "kleine". Der breite rote Gürtel ist charakteristisch für die provençalische Männertracht und wird auch bei der Berufskleidung getragen. Die Darstellung zusammen mit dem Esel ist bemerkenswert. Natürlich ist der Mühlenesel als Lastenträger das bevorzugte Tier für die Beförderung der Mehlsäcke. Der Müller als Krippenfigur in Begleitung seines Esels aber ist sicher keine zufällige Zusammenstellung. Ochs und Esel fehlen in keiner Krippe. Der Ochse als "reines" Tier symbolisiert dabei das jüdische Volk. Der Esel als "unreines" Tier steht hingegen für die heidnischen und ungläubigen Völker. Beim "Müller und seinem Esel" bilden also der "unehrliche" Mensch und das "unreine "Tier ein Paar. In der Milieukrippe wird damit auch hier wieder anschaulich gemacht, dass das Ereignis der Geburt gerade dieses Kindes auch und gerade den Außenseitern einer sozialen Gemeinschaft gilt.

Die Knoblauchträgerin

Die Knoblauchträgerin
Abb. 18
Die Knoblauchträgerin

Der Knoblauchträgerin kommt unter den Krippenbesuchern eine nicht unbedeutende Rolle zu. Knoblauch ist bei der Landbevölkerung nicht nur in der Küche beliebt, sondern wird auch als Medizin sehr geschätzt. Ihre gesundheitsfördernde und -erhaltende Wirkung findet zum Beispiel bei Bluthochdruck und Kreislaufbeschwerden in der Volksmedizin Anwendung. Auch soll Knoblauch cholesterinsenkend wirken und bei Arteriosklerose vorbeugen. Die Knoblauchträgerin auf dem Weg zur Krippe will dem Neugeborenen Gesundheit bringen. Im Korb an ihrem Arm mag sie Gemüse herbei bringen, Artischocken, Auberginen, Zucchini und Zwiebeln, um die Familie des Neugeborenen zu versorgen. Sie trägt einen großen Hut gegen die Sonne, die charakteristische Schürze, einen weiten Rock und eine Weste mit breitem Kragen. Für den Drechsler ein lohnendes Modell eine Figur mit dem typischen Habitus einer südländischen Landfrau zu gestalten.

Der Trommler

Der Trommler
Abb. 19
Der Trommler

Nach dem bekannten ‹4› Riemann-Musiklexikon ist Le Tambourinaire ein Musiker, der "eine Einhandflöte zusammen mit einer kleinen Trommel spielt. Diese Kombination war im Mittelalter in Westeuropa weit verbreitet und wurde im Mittelalter von den Spielleuten als Beweis besonderer Fertigkeit gepflegt".
Bei deutschen Autoren nennt man die Einhandflöte Schwegel. Die Schwegel ist eine Schnabelflöte mit zylindrischer Bohrung und zwei Grifflöchern vorn und einem Daumenloch. Sie wurde in der Volksmusik häufig verwendet und wird noch heute in der Provence und im Baskenland gespielt.
Die Spielleute gehörten wie die Scherenschleifer zum "fahrenden Volk" und galten somit als unehrlich. Nichtsdestoweniger hatten sie im Bereich der Unterhaltung ihre Bedeutung in der dörflichen Gemeinschaft. Sicher gibt der Tambourinaire als Santon mit dem Spiel auf Trommel und Flöte seiner Freude über das neugeborene Kind Ausdruck, andererseits ist er aber ein Außenseiter mit dem Ruf der Unehrlichkeit. Es kann kein Zufall sein, dass die Auswahl der Briefmarken zu Ehren der Santons zum wiederholten Mal auf einen Außenseiter fällt. Die Figur des Tambourinaire mit Trommel und Flöte, mit dem großen Hut und einer "Uniform", die an die militärische Vergangenheit der Schwegel im Mittelalter und der Renaissance-Zeit erinnert, stellt für den Drechsler ein interessantes Ensemble dar, das zur Gestaltung herausfordert.

Die Reisigträgerin

Die Reisigträgerin
Abb. 20
Die Reisigträgerin

"Reisigträger" sind im volkskünstlerischen Schaffen in den Verbreitungsgebieten auch anderer Nationalitäten ein weit verbreiteter Typus. Man sammelte Reisig, Äste und Fallholz als Brennholz oder auch als Rohmaterial zum Besenbinden. In der Dorfgemeinschaft war das Holzsammeln in der Regel die Aufgabe der Magd oder des Knechtes. So wie Ochs und Esel dienende Tiere sind, so finden sie im Gesinde an den Höfen ihre menschlichen Gegenbilder: Tiere und Menschen, die mit Lasten beladen werden. Sie verweisen als Santons darauf hin, dass das Kind in der Krippe auch einmal mit vielen Lasten beladen werden wird. Die unter der Last gebeugte Gestalt der Reisigträgerin, das Kopftuch als Schutz vor den Ästen, der Stock, auf den sich die Trägerin stützt, stellen für die Gestaltung dieser alltäglichen Tätigkeit der Dorfbewohner eine dankbare Aufgabe für den Drechsler dar.

Der Scherenschleifer

Der Schrenschleifer
Abb. 21
Der Scherenschleifer

Im Mittelalter nannte man Nichtsesshafte "fahrende Leute" oder "fahrendes Volk". Sie zogen von Hof zu Hof, von Dorf zu Dorf und von Jahrmarkt zu Jahrmarkt. Zum "fahrenden Volk" gehörte auch der Scherenschleifer. Wie alle "Fahrenden" stand auch er außerhalb der Stände. Er galt als "unehrlich". Das "fahrende Volk" kam viel herum und hatte Kontakt zu den Angehörigen verschiedener Schichten. Für den Austausch und die Verbreitung von Nachrichten und Neuigkeiten kam den "Fahrenden" damit eine nicht geringe Bedeutung zu. Als Santon mit dem Ruf der "Unehrlichkeit" reiht sich der Scherenschleifer ein in die Gruppe der Außenseiter, denen aber die Einladung und die Zusage der besonderen Zuwendung des himmlischen Kindes gewiss sind.

Der Bäcker

Der Bäcker
Abb. 22
Der Bäcker

Das lang gestreckte, knusprige Weißbrot aus Frankreich heißt Baguette und bedeutet soviel wie "Stöckchen" oder "Stäbchen". Wenn das Baguette sehr grobe und unregelmäßige Poren hat, ist es besonders gut. Der kräftige, aromatische Geschmack entsteht durch den großen Anteil an Kruste im Verhältnis zur Krume. Die besondere Oberfläche der Kruste entsteht aber erst, nachdem das Brot aus dem Ofen geholt wurde und stehend auskühlt: Die Gase entweichen und die Kruste springt auf: 'La Baguette chant', das Brot singt, sagen die Bäcker. Es singt mit den Vögeln früh am Morgen, wenn für den Bäcker die Arbeit getan ist.
In der Rangfolge der am meisten angesehenen Berufe steht der Bäcker ganz vorn. Für die armen Schichten ist Brot das Hauptnahrungsmittel. Und so ist die Gabe, die der Bäcker zur Krippe trägt, das "tägliche Brot".
In einem ‹5› Artikel des "Tagesspiegel" vom 30.12.2007 schreibt Martina Meister:

      "Und wie Arnaud Delmontel, der Preisträger des ‚Prix de la meilleure baguette de Paris' in diesem Jahr, wissen die meisten Bäcker, dass heute einzig und allein Qualität zählt. Und Tradition. Das ‚baguette de tradition', für das Delmontel ausgezeichnet wurde, heißt
Renaissance
      .
Wiedergeburt
    . Tag für Tag wird sie gefeiert, wenn in Paris ‚die Brote singen' und auch an der Krippe, wenn der Bäcker das ‚Täglich Brot' bringt. Und auch dort wird jedes Jahr wieder neu eine Geburt gefeiert, die Geburt des Herren."

Das Tragen des Baguette-Korbes auf der Schulter des Bäckers ist mit einer Geste verbunden, die nachzugestalten für den Drechsler ganz besonders reizvoll war.

Die Wohlgenährten

Die Wohlgenährten
Abb. 23
Der Wohlgenährte und die Wohlgenährte

Die Santons sind Figuren einer Krippendarstellung. Und diese Zweckbestimmung ist immer gegenwärtig, auch dann, wenn das Dargestellte wenig Weihnachtliches an sich hat. So auch bei diesem Paar, das in seiner selbstzufriedenen Art auf dem Weg zur Krippe unterwegs ist. Ob es Neugier ist oder Bedürfnis lässt sich schwer sagen. In der ‹6› Weihnachtsausgabe einer Tageszeitung von 2004 wird die Geschichte vom Baby in einem Futtertrog erzählt, in der man eine Menge von denen erfährt, die dem Kind begegnen. Ob sie nun zu den Wohlgenährten oder zu den Hungrigen gehören. "Die zu ihm kommen, die sich ihm zuwenden, können in dem Kind ein Hoffnungszeichen oder einen Hinweis für ihr eigenes Leben erkennen. Dieses Kind ist das Symbol dafür, dass sich Himmel und Erde berühren. Dass Gott selbst mitten in unser Leben kommt. Das Geschehen an der Krippe bedeutet: Wir können noch eine Menge erwarten. Deshalb können die Besucher der Krippe voller Zufriedenheit und Vertrauen in die Zukunft schauen und brauchen die Hoffnung niemals aufzugeben. Das Kind in der Krippe lächelt sie dabei freundlich an."

Für den Drechsler war die Gestaltung eines Paares, das offensichtlich mit sich und der Welt zufrieden ist, eine dankbare Gestaltungsaufgabe.

Handwerkliche Details

Wie üblich ist der Anfertigung der Figuren der Entwurf einer Werkskizze vorausgegangen:

Werkskizze
Abb. 24
Werkskizze zu Figurinen nach den Santons der Briefmarkenserien aus Monaco

Die Größe der Figuren beträgt 90 -100 mm; die Figuren sind aus Ahornholz gedrechselt, geschnitzt oder gesägt; verwendet wurden außerdem Draht, Zahnstocher, Hobelspäne, Drechselmehl, Wollfäden und kleine Ästchen. Die Figuren sind auf einer GESSO-Grundierung mit Acrylfarben farbig gefasst; die Endbehandlung erfolgte mit Transparentlack Seidenmatt. Die Figuren stehen auf Holzpodesten von unterschiedlicher Form, Größe und Höhe.

Gruppe 1
Abb. 25
Blinder, Satte, Spinnerin und Bäcker
Gruppe 2
Abb. 26
Müller mit Esel, Trommler, Hirt und Scherenschleifer
Gruppe 3
Abb. 27
Knoblauchträgerin, Fröhlicher, Holzsammlerin

Als zusätzliche Dekoration bei der Inszenierung des Tableaus wurden Trocken-Fruchtstände mit gedrechselten Füßchen versehen. Im Detail ist das auf den Abbildungen 16, 26 und 27 zu erkennen. Diese "Bäume" lassen so etwas wie "Natur" assoziieren, eine Art lebendige Lebenswelt für die Figuren. Die verwendeten Trockenfruchtstände sind in Abb. 14 Pinus spec., in Abb. 16 Brunia albiflora und in Abb. 20 Platysspermum.

Schluss

In der ZEIT Nr. 52 vom 23.12.2010 schreibt Christiane Schott:

    "Immer wieder zur Weihnachtszeit verwandeln diese 'kleinen Heiligen', die … Santons, das … Pflaster der Hauptstrasse von Marseille in jene Prachtmeile, die sie im Second Empire unter Napoleon III war … . Ein Sternenhimmel aus blauen Glühbirnen flackert über dem Boulevard. Vor den Buden der Kunsthandwerker … greifen bepelzte Damen mit spitzen Fingern in die Regale mit den farbenfrohen Tonfiguren. Diese Lavendelpflückerin mit der blauen Schürze am Stand des Ateliers Beaumond, dieser Boulespieler aus dem Hause Jacques Flore - die haben in der Krippe einer besonders emsigen Sammlerin gerade noch gefehlt. Sie findet, dass Krippen wie Bibliotheken sind: "Wachsen müssen sie und immer weiter aufgehen wie Hefeteig. Nicht wahr, Monsieur Flore?"
Abb. 28
Santons in einem Verkaufsstand in Marseille
Quelle: www.net-provence.com/img/foire-santons.jpg

Die Aussage jener Sammlerin am Stand des Monsieurs Flore trifft gewiss nicht nur auf Krippen zu. Man möge es dem Autor nachsehen, wenn er sie auch für die Sammlung seiner gedrechselten Figuren gelten lassen möchte. Denn das menschliche Leben in seinen zahllosen Facetten in kleinen Welten aus Holz nachzugestalten, schenkt der wirklichen Welt etwas zurück, was ihr im Großen gelegentlich schmerzhaft fehlt, nämlich Anmut.


QUELLEN und LINKS:
‹1› K. Rüdiger, Zum Begriff "Lebenswelten" : www.kleine-welten-in-holz.de/ - zurück zu ‹1› -
‹2› N.N., "Schafe und Schäfer" : http://home.wtnet.de/~hcarlsson/Schafe_Schaefer.htm - zurück zu ‹2› -
‹3› N.N., Interpretation zu Erich Kästners "Der Blinde an der Mauer": http://lyrik.antikoerperchen.de/erich-kaestner-der-blinde-an-der-mauer,textbearbeitung,167.html - zurück zu ‹3› -
‹4› K. Dahlhaus, H.-H. Eggebrecht (Herausg.) Brockhaus-Riemann Musiklexikon: Serie Musik, Bd. E-K, S. 12; Piper-Schott - zurück zu ‹4› -
‹5› M. Meister "Unser täglich Brot": www.tagesspiegel.de/weltspiegel/essen-trinken/unser-taeglich-brot/1130408.html - zurück zu ‹5› -
‹6› Kölner Stadtanzeiger "Besinnlicher Weihnachtsgruß der Evangelischen und Katholischen Kirche" zu Weihnachten 2004 - zurück zu ‹6› -

 

 


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