Italienisches Stegreiftheater von Karl Rüdiger

 

Gedrechselte Figuren verlebendigen Typen der Commedia dell'arte

 

"Kleine Welten in Holz" darzustellen ist eine Leitidee des Autors als Drechsler, von der seine gleichnamige ‹1› Webseite zeugt. Dazu gehören auch Figurinen aus der "Lebenswelt des Theaters". Entstehung und Realisierung des Gedankens, Figuren aus der Commedia dell'arte darzustellen, beschreibt der nachfolgende Bericht.

Ein Büchlein als Ideengeber

Im Inselverlag gibt es ein ‹2› Büchlein mit dem Titel "COMMEDIA DELL'ARTE - Mit den Figurinen Maurice Sands". Der Autor dieses Büchleins, Karl Riha, bemerkt zu diesen Figurinen im Abschnitt "Zu dieser Ausgabe" Folgendes:

      "Die Abbildungen der Commedia-dell'arte-Figuren sind der zweibändigen Ausgabe der
Masques et Buffons
      von
Maurice Sand
      (1823-1889 entnommen, die 1860 in Paris erschiennen ist. Der Verfasser, Sohn der Schriftstellerin und französischen Frauenrechtlerin George Sand, die der Publikation ein Vorwort beisteuerte, war nicht nur wissenschaftlich, sondern auch literarisch um die Wiederbelebung des italienischen Theaters in Paris bemüht; Maler und Schriftsteller, der er war, hat er die Figuren selbst entworfen. Nicht frei von Willkür in der historischen Charakterisierung der einzelnen Typen, gibt dieser Rekonstruktionsversuch des neunzehnten Jahrhunderts zwar kein authentisches Bild, darf jedoch als künstlerische Leistung ähnlich Aufmerksamkeit beanspruchen, wie die bekannteren, ihrerseits nicht voll mit der Realität sich deckenden Zeichnungen und Radierungen
Jacques Callots
    (als Beispiel: Abb. 1) aus dem Anfang des siebzehnten Jahrhunderts."
Coviello von Jacques Calot Giangurgolo von Maurice Sand Dottore Belloardo von Maurice Sand
Abb. 1
Coviello
Abb. 2a
Giangurgolo
Abb. 2b
Dottore Baloardo
von Jaques Callot von Maurice Sand

Die in diesem Büchlein abgebildeten Figurinen von Maurice Sand stellen faszinierende Typen der Commedia dell'arte dar, die den Autor inspiriert haben, sie mit drechslerischen Mitteln als dreidimensionale Miniaturen nachzuschaffen.

Über die Commedia dell'arte

1. Begriffliches

Die Commedia dell'arte ist eine Art Volkskomödie, die im 16. und 17. Jahrhundert ursprünglich in Italien heimisch war
und sich dann durch Wander-Theatergruppen über ganz Europa verbreitete. Ihre Bezeichnung als 'Stegreiftheater' ist eigentlich ungenau, findet aber häufig Verwendung. Dieser Begriff ist deshalb nicht ganz zutreffend, weil die Darsteller auf eine Figur - die auch Maske genannt wird - festgelegt sind und somit formalisierte Charaktere darstellen, innerhalb deren sie mit einem persönlichen Repertoire und in einem feststehenden Handlungsgerüst agieren und nicht aus dem Stegreif improvisieren.

2. Typische Szenen

Zur Commedia dell'arte gehören nach ‹3› Wolfram Krömer(in ‹3› auf S. 23) unter anderem

  • die Themen der Brautwerbung und des Ehebruchs mit der Rivalität von alten und jungen Männern;
  • die Typen des schwierigen Vaters, des Pedanten, des prahlerischen Soldaten und des tölpelhaften Dieners sowie
  • die relative Beschränkung auf Ort und Zeit.

Krömer erwähnt weiter die Komik, die häufig dadurch erreicht wird, dass man miteinander" Fraktur redet" und das bestimmte Charakterzüge der handelnden Personen hervorgehoben und akzentuiert werden.

3. Wesenszüge

Noch einmal ist Wolfgang Krömer(in ‹3› auf S. 24 ff.) der Gewährsmann der Darstellung:

  • Die Commedia dell'arte ist besonders ein Schauspieler- und Ensembletheater. Die Schauspieler ordnen sich nicht mehr dem künstlerischen Willen des Autors oder des Textes unter, sondern sie bestimmen selbst die Teile des Stückes, seine Gestalt, sprechen es untereinander ab und verlassen sich dabei auf ihr Handwerk, den Schauspielerberuf. Aus dieser Berufserfahrung heraus konnte der Schauspieler improvisieren, und in diesem Sinne war das Ensembletheater improvisiertes oder Stegreif-Theater.
  • Die Commedia dell'arte ist ein Theater, das in erster Linie szenische Wirkung anstrebt. Sie wirft keine Probleme auf und sie ist kein Theater, das einen Gehalt vertieft.
  • Die Commedia dell'arte ist Masken- und Typentheater. Die Darstellung von Individuen und deren Entwicklung ist nicht ihre Sache. … Die Typen und Masken gaben … dem Schauspiel die zur komischen Wirkung beitragende Realitätsferne und Wirklichkeitsentstellung. Die Darsteller waren vielfach fehlerhafte jedoch mit sich selbst einverstandene komische Figuren, die damit dem farcehaften Spiel entgegen kamen.
  • Die Commedia dell'arte ist moralisch indifferentes Theater, das heißt, sie ist kein wertevermittelndes, belehrendes Theater. … Viele Masken stellen moralisch zweifelhafte, von Gelüsten verschiedenster Art beherrschte Menschen dar. Die Ehebruchsthematik war beliebt. Das Schockierende, Anzügliche, Grobe wurde immer wieder als wirksames Mittel eingesetzt.

4. Bedeutung

Nach Wolfgang Krömer (in ‹3› auf S. 1) erscheint uns die Commedia dell'arte heute vielfach verklärt. Um sie hat sich eine Art Mythos gebildet: Man sieht in ihr Kreativität und Genialität, sie hat die Werte des Volkstümlichen und Poetischen. Verklärt erscheint die Commedia dell'arte aber auch in der Malerei - Watteau und Picasso zum Beispiel -, in der Musik - etwa bei Mozart und Rossini - im Ballett Pulcinella bei Stravinsky und nicht zuletzt in den Porzellanfiguren der Manufaktur Meissen. Der Autor muss gestehen, dass auch er nicht frei ist von dieser Mystifizierung der Commedia im eigenen Erleben dieses Theaterphänomens, das einen so großen Einfluss auf die Entwicklung des europäischen Theaters hatte und so viele große Autoren prägte.

Das drechslerische Interesse an der Commedia dell'arte

Die bisher dargestellten theaterwissenschaftlichen Aspekte beleuchten das Interesse des Autors als Drechsler an diesem Thema als Hintergrundinformation. Dieses ist in erster Line auf die plastische Gestaltung der Figurinen von Maurice Sand gerichtet, aber nicht darauf, einzelne Szenarien der Commedia dell'arte ins Bild zu setzen. Es ist dem Autor vielmehr darum zu tun, charakteristische Figuren der Commedia als Aufstellfiguren zu fertigen. Die sehr naturalistischen und detailreichen Darstellungen von Maurice Sand mussten zunächst in Werkskizzen (Abb. 3) umgesetzt werden, die als Grundlage des drechslerischen Vorhabens dienten.

Werkskizzen  
Abb.3
Werkskizzen
Obere Reihe: Coviello, Pantalone, Arlechino, Brighella, Capitano, Fritellino, Pagliaccio
Untere Reihe: Tartaglia, Giangurgolo, Dott. Baloardo, Arlecchino, Mezzetino, Colombina, Pulcinella

Die Figurinen von Maurice Sand in ihrer gedrechselten Form

Die folgenden Beschreibungen sind dem erwähnten Inselbüchlein (in ‹2› Seiten 27 - 44) teils im Wortlaut entnommen, teils paraphrasieren sie den dort wiedergegebenen Text.

Coviello, Mezzetino und Pulcinella
Abb. 4
Coviello, Mezzetino und Pulcinella

Coviello ist ein Dummkopf, der furchtbar prahlt, Er ist ganz auf freche Schamlosigkeiten in den Tanzbewegungen und zweideutige Frivolitäten in den Gebärden festgelegt. Er spielt die Mandoline und tendiert als Tänzer zu grotesken Körperstellungen.

Mezzetino ist der Wortbedeutung nach- frei übersetzt - die halbe Portion. Er ist grazil und äußerst agil, kühn und unternehmungslustig. Er ist ein Charmeur, der in Paris so das Publikum charmierte, dass es die Ablegung der Gesichtsmaske von ihm forderte.

Pulcinella: "Schaut mich an! Ich bin das Lachen in Person, das triumphierende Lachen, das schaden-frohe Lachen". Überall in Europa ist er eine verbreitete Lustspielfigur. Er ist dumm, faul, gefräßig, erweist sich punktuell aber auch als klug, gewandt und durchtrieben. Er ist Egoist im wahrsten Sinne des Wortes; er fürchtet weder Gott noch Teufel. Er tritt in den unterschiedlichen Berufen auf: als Gärtner, Bäcker, Diener, Maler, Poet, aber auch als Soldat, Dieb, Schmuggler und Räuber. Meist ist er verheiratet und mit einer Schar von Kindern gesegnet. Als Ehemann ist er eifersüchtig, brummig doch letztlich der geprellte Tyrann.

Fritellino, Giangurgolo, Harlequino
Abb. 5
Fritellino, Giangurgolo, Harlequino

Fritellino ist als Diener häufig einem Capitano zugeordnet, dessen Heldentaten und Liebesabenteuer er begleitet und freiwillig wie unfreiwillig konterkariert. Dabei ist er oft seltsamen Abenteuern ausgesetzt, die ihn in prekäre Situationen bringen und die nicht selten für ihn mit Prügel enden. Er trägt einen Federhut in Form einer übergroßen Schildmütze. Seine Hosen sind etwas zu groß geraten und er ist ausgestattet mit einem Holzschwert, das auf fechterische Auseinandersetzungen verweist, die für ihn aber meist einen wenig siegreichen Ausgang haben. Sein ganzes Leben allerdings kreist um seine immer leere Geldtasche.

Giangurgolo. Sein sprechender Name bedeutet soviel wie Großmaul. Er ist eine Mischung aus Aufschneider, Lügner, Angsthase und armer Hungerleider. Er lebt zeitweise nur vom Geruch des Essens, den er durch seine große Nase einzieht; lädt man ihn zu Tisch, ist sein Magen ein einziges Loch; er würde für ein paar Löffel Suppe oder einen Teller Maccaroni die tiefsten Erniedrigungen über sich ergehen lassen, trotzdem sagt er von sich: die Erde erzittert, wenn ich sie betrete.

Harlequino trägt ein Kostüm, das aus verschieden farbigen geometrisch exakten Stoffdreiecken und Rhomben gebildet wird. Seine eingefärbte schwarze Gesichtsmaske verweist auf sein soziales Schicksal, das ihn als Bauer ausweist, der aber in Städten in fremden und niedrigen Diensten meist als Lastenträger arbeiten muss. Die Maske hat sich später zu einer Figur von komischer Hilflosigkeit entwickelt, die gleichsam über der Wirklichkeit schwebt. Er macht den zweiten und dritten Schritt vor dem ersten, handelt impulsiv aus Gefühl und Laune heraus und muss dafür büßen. Dabei lässt er sich aber seine Spaßhaftigkeit und freundlich naive Weltanschauung nicht rauben.

Dottore Baloardo und Pantalone
Abb. 6
Dottore Baloardo und Pantalone

Dottore Baloardo trägt den schwarzen Mantel und die weiße Halskrause des Bologneser Juristen. Er verfügt über rhetorische Schulung, drischt aber meist nur leeres Stroh. Der vielstudierte Mann ist eine wahre Zitaten- und Sentenzlawine. Er spickt seine Rede ständig mit lateinischen Gelehrsamkeitsbrocken, ist im Grunde aber ein Schwätzer. Als Anwalt bringt er durch Langatmigkeit und Umständlichkeit das Gericht zum Einschlafen und verwirkt durch Fehlschlüsse die Chancen seiner Mandanten. Er ist geizig und eitel und ist trotz fortgeschrittenen Alters ständig zu Liebschaften aufgelegt.

Pantalone ist eine der zentralen Masken der Commedia dell'arte. Er ist venezianischer Kaufmann. Schon etwas fortgeschritten an Jahren ist er ein Mann in "Würde" und "Ansehen". Respektabel, kraftvoll, später meist kränklich, vom Zipperlein geplagt, stöhnend, hinkend, von Magenbeschwerden gequält, sich plötzlich ins Kreuz greifend um sofort wieder die elegant und grazil gemeinte Pose zu suchen. Trotz aller Unpässlichkeiten ist er munter auf Liebschaften aus, etwas lüstern und hier bisweilen unvorsichtig und verschwenderisch. Er ist Junggeselle, Witwer oder auch verheiratet mit einer jungen Frau und dabei oft in Gefahr von jüngeren Liebhabern Hörner aufgesetzt zu bekommen. Er überschätzt seine Macht und hat oft Schläge einzustecken.

Tartaglia und Colombina
Abb. 7
Tartaglia und Colombina

Tartaglia ist eine ganz vom Stottern her entworfene Figur; meist wird er als Beamter unterschiedlicher Behörden herausgestellt, auch als Polizist, Richter, Notar und Steuereintreiber agiert er. Aber auch als Apotheker, Gastwirt und Knecht in untergeordneten Diensten steht er auf der Bühne. Von der Statur her ist er fett und untersetzt. Quasi als Maske ist er stets mit einer gewaltigen Brille ausgestattet. Er leidet an Augenentzündung und sein hoffnungsloser Kampf mit dem Sprachfehler macht ihn boshaft, wild gegen sich und andere und trägt komische Züge. Setzt er zu bedeutsamen Reden an, verheddert er sich immer wieder heillos und nähert sich in seinen Artikulationen unverständlichem Gestammel an. Gerade das aber gibt ihm Gelegenheit zu allerlei - wirklich unaussprechlichen - Witzen und Zoten. Auch die Tendenz zu politischen Anspielungen ist ihm nicht fremd.

Colombina ist bäuerlicher Herkunft, heiter und sich selbst behauptend, wird aber auch als naiv gekennzeichnet, dann eingestädtert und zur listigen, kein Blatt vor den Mund nehmenden Zofe einer adligen Herrin umgeformt. Sie ist aktiv ins Intrigenspiel verwickelt, versteht sich aber nicht nur aufs Inszenieren, sondern auch auf das Verwischen von Intrigen. Sie tritt in zahllosen Verkleidungen auf und stiftet in ihnen Verwirrung, einmal als Soubrette, dann als Kavalier oder junges Mädchen. Sie löst mit weiblicher Schläue die kompliziertesten Verwicklungen, findet Auswege im vertracktesten Augenblick, versteckt den Liebhaber ihrer Herrin und stellt sich auch sonst schützend vor sie. Sie trägt keine Maske.

Pagliaccio und Arlechino
Abb. 8
Pagliaccio und Arlechino

Pagliaccio trägt ein zu groß geratenes weißes Gewand. Dem Grundzug nach ist er unbesonnen, stupid und ungeschickt.
Er ist ein linkischer Nachäffer und tendiert zur Imitation anderer Figuren. Dem Misslingen der Nachahmungen folgt die Bestrafung meist auf dem Fuß. Mit Worten ist er kühn und zu allerlei verwegenen Taten bereit; in Wirklichkeit ist er aber der größte Feigling unter der Sonne. Rafft er sich dennoch zu einer couragierten Tat auf, darf man sicher sein, dass er dabei ausrutscht. In Liebesdingen rivalisiert er mit Arlechino - oft um die Gunst Colombinas.

Arlecchino, ein Diener, ist neben Colombine eine der wichtigsten Figuren. Die beiden vielfach sympathischen und gutmütigen, oft sogar spritzigen Diener des Stegreif-Theaters haben sich aus der Maske des Bergamasken Zanni entwickelt. Der Name Zanni ist als Form des Vornamens Giovanni = Johannes zu erklären. Der Zanni war ursprünglich dumm, doch wenn es um seine materiellen Interessen ging, gerissen, ferner gefräßig, unverschämt, oft von groben sexuellen Impulsen bestimmt. Seine Sprache war derb und grob. Später konnte er anmutig, witzig, sympathisch dargestellt werden. Am Ende der Entwicklung kann Harlekin dann ein liebenswürdiges, gutes und bei aller Naivität auch vernünftiges Wesen sein. Trug er zunächst noch ein dicht mit Flicken übersätes Kleid, wurde daraus durch Stilisierung das Gewand mit dem Rhombenmuster. Mit Colombina geht Arlecchino zuletzt geradezu verklärt in die Überlieferung der Commedia dell'arte ein.

Figurengruppe
 
Abb. 9 Gruppe von links nach rechts in der oberen Reihe:
Dottore Baloardo, Pantalone und die Amorosi
im Vordergrund: Brighella und der Capitano

Brighella agiert in ländlicher Tracht. Er ist Bauer aus Bergamo. Er agiert als Diener in unterschiedlichen Diensten. Dabei ist er ein Verächter aller Unterwürfigkeit. Er ist geschickt und wendig in der Ausführung von vielerlei Geschäften. Allen Situationen, die auf ihn zukommen ist er gewachsen. Zusammen mit Arlechino zettelt er zahlreiche, oft ausgeklügelte Intrigen an. Redegewand, stets schlagfertig, scheut er kräftige Worte nicht. Er ist unerschöpflich an lustigen Einfällen. Der Geldbeutel an seiner Seite zeugt davon, dass er es versteht, sich Vorteile zu verschaffen, häufig in klingender Münze. In Lebensgefahr gerät, wer ihn beleidigt: Deshalb der Dolch im Gürtel. Seinen jeweiligen Herren ist er in einer Art Ballance des gegenseitigen Nutzens verbunden, was ihn aber nicht hindert, ihn übers Ohr zu schlagen.

Capitano vereinigt in sich Hochmut, Habgier, Grausamkeit und vor allem Prahlsucht, hinter der aber nichts steckt. Er ist ein Maulheld, der seine Feigheit kaschiert. Er stellt sich gerne in groß-sprecherischen Tiraden vor. Ein beigegebener Diener steigert ihn in seinen Heldenerzählungen, relativiert sie aber auch durch ironische Kommentare. In Wirklichkeit ist er eine arme Haut, der es oft am Lebensnotwenigsten fehlt. Er ist von Natur aus feige und deshalb geht er allen Herausforderungen aus dem Weg. Er kneift, wenn er zum Duell gebeten wird und bezieht Prügel, wenn er Reißaus nehmen möchte. Und statt eines Lohns erhält er den Spott der Dame.

Die Amorosi

Bei den Figurinen Maurice Sands fehlen Darstellungen der Amorosi. Der Autor hat sie nach Figurinen aus einer ‹4› Kostümgeschichte entnommen und ergänzend hinzugefügt. Abb. 10 zeigt die zugehörige Werkskizze.

Werkskizze der Amorosi
Abb. 10
Werkskizze der Amorosi

Die Innamorati, - wie die Amorosi auch genannt werden - sind die Verliebten, deren ernst aufgefasste Beziehungen den Ausgangs- und Zielpunkt aller dramatischen Verwicklungen der Commedia dell'arte bilden. Sie sind von zentraler Bedeutung für alle Aufführungen und von großer Attraktivität für das zeitgenössische Publikum. Sie treten stets ohne Gesichtsmasken auf. Die Amorosi sind immer prunkvoll, nach der Mode der Zeit gekleidet. Durch Ausstattung des Kostüms und durch Schmuck sind sie der Oberschicht zugewiesen. Dem entsprechend sind sie durch repräsentatives Verhalten, durch Förmlichkeiten und durch die Wahrung der Etikette geprägt. Im Gegensatz zum Dialekt der übrigen Protagonisten oder der Sprachkomik Pantalones oder des Dottore sprechen die Amorosi in der Literatursprache, also im reinen Toskanisch. Die Innamorati verkörpern die erhabene, die edle Liebe, die von den Buffoni ins Grobsinnliche und Derbe, von den "Alten" ins Lächerliche gezogen, ironisiert und satirisch gebrochen wird.

Das Tableau

Die gedrechselten Figurinen bilden ein Tableau der Commedia dell'arte (Abb. 11).

Tableau der Commedia dell'arte
Abb. 11
Tableau der Commedia dell'arte

Handwerkliche Details

Das Tableau besteht aus 24 Teilen, 18 Figuren und 6 ‚Bäumen'. Die Figuren haben eine durchschnittliche Höhe von 80-100mm. Als Material wurde Ahornholz gedrechselt und beschnitzt; Federn, Leder und Hobelspäne fanden zur weiteren Ausstattung der Figuren Verwendung. Auf einer GESSO GRUNDIERUNG wurden die Figuren farbig mit Acrylfarben gefasst. Kleine Holzpodeste in asymmetrischer Formung, zwischen 8 und 20mm Höhe, aneinandergereiht 60mm breit, dienen der Präsentation der Figuren auf unterschiedlichen Ebenen und inszenieren so das Tableau als gestaltete Gruppe. Die "Bäume" im Hintergrund sind Mehagani- Fruchtstände, die naturbelassen mit einem gedrechselten Fuß versehen ihre Standfestigkeit erhalten. Als Hintergrundkulisse lassen sie für das Tableau ein mediterranes Flair assoziieren.

Commedia dell'arte heute

Es war eine Begegnung der besonderen Art. Unerwartet und überraschend. Beim Granatapfelfest in Arqua Petrarca im Veneto
machte ein Stelzentheater in den Kostümen der Commedia dell'arte (Abb. 12a/b) Werbung für die Abendvorstellung.

Komödiant beim Granatapfelfest in Arqua Petrarca Granatapfelfest in Arqua Petrarca
Abb. 12a Abb.12b
Komödiant beim Granatapfelfest in Arqua Petrarca

Straßentheater heute! Unvergessen und lebendig die Tradition des Maskentheaters! In dieser Begegnung fand die Beschäftigung des Autors mit den Figuren der Commedia dell'arte eine anmutige Bestätigung.


LINKS:
‹1› K. Rüdiger, Kleine Welten in Holz : www.kleine-welten-in-holz.de - zurück zu ‹1› -
‹2› K. Riha, COMMEDIA DELL'ARTE MIT DEN FIGURINEN MAURICE SANDS, Insel- Bücherei Nr.1007, Siebte Auflage 1990 - zurück zu ‹2› -
‹3› W. Krömer, Die italienische Commedia dell'arte, Erträge der Forschung Band 62, Wissenschaftliche Buchgesellschaft Darmstadt, 1990 - zurück zu ‹3› -
‹4› W. Bruhn - M. Tilke, Kostümgeschichte in Bildern,Tafel 78 (Mailand 1604), Drei Lilien Verlag Wiesbaden 2001, ISBN 3-922 383-66-1, - zurück zu ‹4› -


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