Oskar Schlemmer und sein 'Varieté' von Karl Rüdiger

 

Premiere für ein "Komisches Ballett" mit gedrechselten Figurinen

 

Das Vorhaben - Schlemmers "Unvollendete"

Ein "Komisches Ballett" mit Varieté-Charakter entwirft Oskar Schlemmer im Jahr 1936, sieben Jahre vor seinem Tod und ein Jahr vor der Ausstellung "Entartete Kunst" in München. Doch es kommt nicht zur Verwirklichung des Projekts, denn das "Varieté - Ein Komisches Ballett" bleibt unaufgeführt.
Die hier vorgestellten Drechselfigurinen geben den Entwurfzeichnungen Schlemmers eine ‚begreifbar-anfassbare' Realität. Den Lesern dieses vierten Teils der Schlemmer-Tetralogie eröffnet sich mit deren Betrachtung quasi eine Premiére: Sie können die Bühnenpräsenz der Protagonisten im "Varieté - Ein Komischen Ballett" hier anschauen. Damit ist ihnen eine Möglichkeit eröffnet, die Schlemmer selbst leider versagt blieb.

Handlung und Personen

Schlemmers Entwürfe zu seinem "Varieté" finden sich z.B. im ‹1› Ausstellungskatalog von 1994. Darin enthalten ist auch (auf S. 282) das nachfolgend wiedergegebene Titelblatt zur zweiten, überarbeiteten Fassung, ein mit Schreibmaschine beschriebenes Din-A4 Blatt. Es nennt die Personen der Handlung und die Szenenfolge des Balletts.

" V A R I E T É "  
Ein komisches Ballett
von Oskar Schlemmer
 

 

 
P e r s o n e n :  
O-range, ein Clown und Tänzer
V-iolett, Ein Clown, Tänzer und Zauberer
Sch-lange, eine Tänzerin
D-ame, eine Balletteuse
H-err, ein Stepptänzer und Zauberer
E-ins, ein Tänzer und Akrobat
Z-wei ein Tänzer und Akrobat

 

 
F o l g e :  
I. Die Clowns bauen auf
II. Zwischenspiel mit Kulissen
III. Duell-Scene
IV. Stepptänzer und Balletteuse
V. Zwischenspiel: Turmbau
VI. Turmbesteigung und Fahnenmarsch
VII. Instrumentenscene
VIII. Gespensterballett
IX. Les fleurs du mal (Solo Sch)
X. Finale

 

Die Zeichnung (in ‹1› auf S. 284) der zu diesen Personen erdachten sieben Figurinen hat Schlemmer nicht mit der ihm früher eigenen Detailgenauigkeit angefertigt, sondern in Art von Augenblicksskizzen wie mit leichter Hand skizziert. Es scheint so, als habe Schlemmer in diesen Skizzen mit der figürlichen Darstellung zugleich die Atmosphäre eines Varieté-Theaters einfangen wollen. Mit den darunter angebrachten Initialen aus der Personenliste hat er die Figurinen den Personen eindeutig zugeordnet.

Oskar Schlemmer hat an anderen Stellen weitere Figurinen entworfen, die nach ihrer Gestalt und ihrer Bezeichnung eine deutliche Affinität zum Thema Varieté aufweisen, nämlich:

 

  • Clown mit Blumen-gefüllter Tuba (in ‹1›, S. 286),
  • Clown mit schwingender Puppe (in ‹1› S. 287),
  • Zwei Handläufer, Akrobaten (in ‹1› S. 281),
  • Dame, Diseuse (in ‹1› S. 281) und
  • Zwei Schwellköpfe - bei Schlemmer: "glückliches Paar" (in ‹1› S. 281).

 

Indem es nicht die Absicht dieses Drechselvorhabens war, mit den gedrechselten Figuren Einzelszenen aus der Szenenfolge von Schlemmer nachzustellen, erschien dem Autor die Erweiterung der Personenliste um diese Typen naheliegend und reizvoll.

 

Das Varieté ist ein Bühnenspiel, das in einem bunt wechselnden Programm mit akrobatischen, tänzerischen, artistischen und musikalischen Vorträgen das Publikum unterhält. Nach dem Prinzip "Einheit in der Vielheit" fügen sich in diesem Genre Darbietungen zu einem sinnvollen Ganzen aneinander, die sich zwar in Form, Inhalt und Charakter unterscheiden, aber jede für sich genommen ein selbständiges Ganzes mit Anfang und Ende bilden. Die gedrechselten Figuren in "Varieté" wollen als Akteure eines solchen kurzweiligen und artistischen Varietés angesehen werden, wie es sich Schlemmer als sein "Komisches Ballett" vorgestellt hat.

Das Varieté-Tableau als Bühne für die gedrechselten Darsteller-Figuren

Die Tänzer, zum Teil auch Unterhalter

Abb. 1 Abb. 2
Orange, zugleich Clown Violett, zugleich Clown

 

 
Abb. 3 Abb. 4
Balletteuse Schlange, Tänzerin

 

Die Akrobaten

Abb. 5 Abb. 6
Eins Zwei

 

 
Abb. 7 Abb. 8
Handläufer Clown mit schwingender Puppe

 

Die Unterhalter

Abb. 9 Abb. 10
Musical Clown Schwellköpfe

 

 
Abb. 11 Abb. 12
Herr, Zauberer und Stepptänzer Diseuse

 

Die leere Bühne und das Finale

Die "Aufführung" der Drechselfassung findet auf einem einer Manege ähnlichen Halbrund statt.

Abb. 13
Die Manege

Das Tableau vereint alle Künstler und Akrobaten zu einem gemeinsamen Finale auf dieser Bühne.

Abb. 14
Das Tableau

 

Handwerkliche Details

Oskar Schlemmers Zeichnungen zu den 14 Figurinen sind in Werkskizzen "umgeschrieben" worden, um die Figuren maßhaltig drechseln zu können. Dabei verlieren sie zwangsläufig den unnachahmlichen Charme der künstlerischen Handschrift Schlemmers, nehmen aber seinen Gestaltungsimpuls auf und stellen ihn möglichst adäquat räumlich dar: Eine reizvolle Herausforderung für den Drechsler.

 

oben:
Handläufer (Abb. 7)
und Herr (Abb. 11)
unten:
Zwei (Abb. 6),
Eins (Abb. 5),
Schlange, Tänzerin (Abb. 4)
und
Musical Clown (Abb. 9)
 
Abb. 15
Werkskizze

 

Die Manege ist aus drei Podesten zusammengesetzt: Einem großen Mittelpodest (→ Abb. 16) und zwei kleineren seitlichen Podesten, die links (→ Abb. 17) bzw. rechts (→ Abb. 18) an das Mittelpodest heran geschoben werden.

 

Abb. 16
Mittelpodest

 

 
Abb. 17 Abb. 18
linkes Seitenpodest rechtes Seitenpodest

 

Die Abmessungen sind folgender Tabelle zu entnehmen:

 

Objekt Breite Tiefe Höhe
Mittelpodest 370 mm 190 mm 45 mm
seitliche Podeste 150 mm 95 mm 40 mm
gesamte Manege 670 mm 190 mm 45 mm
Figuren

 

 

80 - 100 mm

 

Die Podeste (→ Abb. 13) sind aus Sperrholz der Stärke 3 mm gebaut. Deren Oberfläche ist mit blauer Acrylfarbe gestrichen und mit Mattlack endbehandelt. Um die halbrunde 3. Ebene des Mittelpodests herum sind Kugeln in den Farben grün, gelb und ocker auf Rundstäben als Zierelemente angebracht. Die Frontseiten aller Podeste sind mit schwarzen und ockerfarbenen Halbkugeln verziert. Im Hintergrund der seitlichen Podeste bilden getrocknete, naturbelassene Mohnkapseln Kandelaber-ähnliche Zierkörper.

Die Figuren sind aus Ahornholz gedrechselt und auf einer GUARDI-WEISS-Grundierung mit Acrylfarben farbig gefasst. Mit einem Glanzlack erfolgte die Endbehandlung der Oberflächen. Zur Ausstattung der Podeste und der Figuren wurden außerdem künstliche Blumen, farbige Garne, Textile Flusen, Watte, farbige Zierbänder aus Kunststoff, Miniaturräder sowie herz- und sternförmige Pailletten verwendet.

Zusammenfassender Rückblick

Die Einzelbeiträge zu dieser "Schlemmer-Tetralogie" haben sich scheinbar zufällig "wie von selbst" ergeben. Bei rückblickender Zusammenschau offenbaren sie allerdings ein überraschendes Beziehungsgefüge:
Jeder Beitrag der Tetralogie hat sein - im Hinblick auf Oskar Schlemmer - deutliches Profil, und ihre Abfolge erweist sich als der musikalischen Form einer Sinfonie oder Sonate deutlich verwandt.

 

  • Ein gewichtiger erster Satz leitet die Form ein: ‹2› Oskar Schlemmer und das Triadische Ballett.
  • In einer Sinfonie folgt als 2. Satz meist ein Menuett oder Scherzo, in dem Tanzrhythmen dominieren. In der Schlemmer-Tetralogie steht an zweiter Stelle der Beitrag ‹3› Oskar Schlemmer und die Bauhaus-Feste.
  • Der dritte Satz einer Sinfonie ist meist ein langsamer, sehr melodiöser Teil - die "Intimen Mitte". Dem entspricht in der Tetralogie das dritte Essay ‹4› Oskar Schlemmer und die Nachtigall.
  • Deren nun vorgelegter vierter und letzter Teil ist das nicht aufgeführte "Komische Ballett - Varieté". Seine Leichtigkeit, Fröhlichkeit und muntere Laune sind Charakteristika, die auch auf ein Rondo zutreffen, das Komponisten gern als Satzbezeichnung für den letzten Satz einer Sinfonie oder Sonate wählen.

 

Oskar Schlemmer hatte selbst ein sehr inniges Verhältnis zur Musik. Er ist ja auch selbst als Musikclown aufgetreten. Für das Ballett "Varieté" hatte er sehr genaue Vorstellungen, welche Musik dieses Ballett begleiten sollte. In der Textvorlage zur ersten Szene sind die folgenden Musikgattungen aufgeführt: Foxtrott, Tango, Marsch und Neue Musik - wiederum vier Formen. Darum erscheint der Vergleich der musikalischen Form mit der nun abgeschlossenen Tetralogie naheliegend und stimmig.

Schluss

Mit dieser Tetralogie soll Oskar Schlemmer eine Referenz erwiesen werden. Sie gilt einem Künstler, der wohl nicht nur nach Meinung des Autors viel zu wenig Beachtung erfahren hat. Für den Autor ist das vielseitige Schaffen von Oskar Schlemmer als Maler, Zeichner, Grafiker und Bildhauer sowie als Bühnen- und Kostümbildner eine immer wieder neue Quelle der Inspiration.

Für die in dieser Tetralogie vorgestellte Art, das Drechseln als Gestaltungsmittel für das Drehen von Figuren einzusetzen, hat der Autor den Arbeiten von Oskar Schlemmer in den Bereichen Tanz - Theater - Bühne anregende Impulse zu verdanken. Es bleibt zu wünschen, dass die hier vorgestellten Arbeiten mit ihren Entstehungsgeschichten dazu beitragen, die Bedeutung dieses vielseitigen Künstlers auf besondere Weise deutlich zu machen, indem sie seinen Facetten noch eine neue hinzufügen.

 

 


 

LINKS:
‹1› Ausstellungskatalog: "Oskar Schlemmer, Ausstellung der Staatsgalerie Stuttgart im Württembergischen Kunstverein , Stuttgart 11.08.- 18.09.1977 - zurück zu ‹1› -
‹2› K. Rüdiger, " Oskar Schlemmer und das ‚Triadische Ballett'": www.publicationes.de/verschiedenes/holzwelten/139-triadisches-ballett.html - zurück zu ‹2› -
‹3› K. Rüdiger, " Oskar Schlemmer und die ‚Bauhausfeste'": www.publicationes.de/verschiedenes/holzwelten/140-schlemmer-hommage.html - zurück zu ‹3› -
‹4› K. Rüdiger, " O. Schlemmer und ‚Die Nachtigall' von I. Stravinsky: www.publicationes.de/verschiedenes/holzwelten/142-nachtigall.html - zurück zu ‹4› -

 

 

 


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