Oskar Schlemmer und die Nachtigall von Karl Rüdiger

 

Gedrechselte Figuren setzen Ausstattungsentwürfe zur gleichnamigen Oper in Szene

 

Über den Künstler Oskar Schlemmer, das Bauhaus und gedrechselte Figuren zum ‹1› "Triadischen Ballett" informiert der so betitelte erste Aufsatz in der diesem Künstler gewidmeten Tetralogie. Der zweite Aufsatz in diesem Zyklus zeigt gedrechselte Figuren, die von Schlemmers Kostümbildern zu ‹2› Bauhausfesten inspiriert sind. Im nachfolgenden dritten Essay dieser Reihe werden nicht nur Drechselfiguren gezeigt, zu welchen die Ausstattungsentwürfe von Oskar Schlemmer zu Stravinskys Oper "Die Nachtigall" inspiriert haben, sondern auch der Bezug zu dieser Oper dargestellt. Die Entwürfe von Schlemmer zu Bühnenbild, Requisiten und Kostümen für die Oper "Die Nachtigall" sind z.B. im ‹3› Ausstellungskatalog von 1994 (auf S. 267 ff.) abgebildet. - ‹4› "Oskar Schlemmer und das Varieté" lautet der Titel das letzten Teils der Tetralogie.

Das Libretto und seine Vorlage

Zur Entstehung des Librettos äußert sich Stravinsky in seiner ‹5› Autobiografie "Mein Leben":

"Zu jener Zeit (1907 -1908) arbeitete ich an … meiner Oper "Die Nachtigall", deren Textbuch ich nach einem Märchen von Andersen zusammen mit meinem Freund Mitussow geschrieben hatte." (‹5›, S. 24)

Ein Fischer hört den Gesang einer Nachtigall. Höflinge kommen vom Kaiserhof herbei, angeführt von der Köchin, die ihnen vom Gesang des Vogels erzählt hat. Der Kammerherr des Kaisers von China teilt der Nachtigall mit, dass sein Herr es wünscht, ihr zuzuhören. Sie erklärt sich bereit, mit ihnen zum Hof zu kommen. Dort herrscht reges Treiben und Unruhe. Der Kaiser erscheint und befiehlt der Nachtigall zu singen. Sehr berührt von der Stimme des Vogels, will er sie mit Geschenken belohnen, doch der Nachtigall sind die Tränen des Kaisers Lohn genug.
Gesandte des japanischen Hofes erscheinen und überreichen dem Kaiser eine mechanische Nachtigall. Bei deren Anblick fliegt die echte Nachtigall fort und wird wegen ihrer vermeintlichen Untreue vom Kaiser aus dem Land verbannt. Ärgerlich wendet sich der Kaiser dem Spielzeugvogel zu. Als er eines Tages erkrankt, wünscht er sich noch einmal die wirkliche Nachtigall zu hören. Die Nachtigall kehrt zurück und versöhnt ihn, denn mit ihrem Gesang vertreibt sie den Tod.

"Zu dieser Arbeit wurde ich durch den Meister (Rimski-Korssakow) sehr ermutigt. Noch heute erinnere ich mich mit großer Freude des Beifalls, den er den ersten Skizzen dieser Werke (Die Nachtigall und Reinecke Fuchs) spendete. Wie habe ich es bedauert, dass es ihm nicht vergönnt war, sie zu hören, nachdem sie vollendet waren, ich glaube er hätte sie geliebt." (‹5› S. 22)

Nach dem ersten Akt unterbrach er die Arbeit, komponierte unter anderem Feuervogel und Sacre, die ihn berühmt gemacht haben und vollendete fünf Jahre später die Nachtigall. Zu dieser unterbrochenen Fortsetzung sagt er:

"Von der Oper existierte nur das erste Bild, der Prolog, und den hatte ich vor vier Jahren geschrieben. Meine musikalische Sprache hatte sich seitdem erheblich gewandelt, und ich fürchtete, dass die Musik der folgenden Bilder durch den neuen Geist sich zu sehr von der des Prologs unterscheiden würde…doch dann…sagte ich mir, dass es nicht unlogisch sei, wenn die Musik des Prologs einen anderen Charakter zeige als die der folgenden Bilder. In der Tat: Der Wald mit der Nachtigall…diese ganze zarte Poesie von Andersen kann nicht in der gleichen Weise behandelt werden wie der chinesische Hof mit seiner bizarren Etikette, den Palastfesten…der brummenden, scheußlichen japanischen Nachtigall, kurz, der ganzen exotischen Phantasie, die natürlich einen andere musikalische Ausdrucksweise verlangt". (‹5›, S. 47 f.)

Die Figuren der Handlung

Köchin, Nachtigall und Fischer Kaiser von China
Abb. 1 Abb. 2
Köchin (Sopran)
Nachtigall(Koleratursopran)
Fischer (Tenor)
Kaiser von China
(Bariton)
   
Bonze, Hofmarschall u. Oberkammerherr Japanische Gesandte mit künstlicher Nachtigall
Abb. 3 Abb. 4
Bonze, Hofmarschall und
Oberkammerherr (Bass)
Japanische Gesandte (Tenor, Bass)
mit künstlicher Nachtigall

Hofleute

Nach den vorliegenden Figurinen von Schlemmer und im Hinblick auf die Partitur Stravinskys treten noch Musikanten (→ Abb. 5) und Hofdamen (→ Abb. 6) hinzu, die zusammen mit den Kammerherrren (→ Abb. 7) den Chor bilden:

Hofmusik Hofdamen
Abb. 5 Abb. 6
Hofmusik Hofdamen
   
Kammerherren Bogenschützen als Leibgarde
Abb. 7 Abb. 8
Kammerherren Bogenschützen, Leibgarde

Die Figurine im karierten Gewand trägt bei Schlemmer ein Tragegestell für die Nachtigall. Die danach gedrechselte Figur (→ Abb. 5) hat davon abweichend die Funktion eines Schellenbaumträgers angenommen. Ob die Leibgarde (→ Abb. 8) mit zum Chor gehören sollte oder nur eine Statistenrolle zu spielen hatte, lässt sich aus den Quellen, die dem Autor zugänglich sind, nicht ermitteln.

Das Bühnenbild und die Kostüme

Die Biografie Schlemmers verzeichnet im Jahr 1929 eine Berufung an die "Staatliche Akademie für Kunst und Kunstgewerbe" in Breslau. Dort bietet sich ihm die Möglichkeit zu einer Mitarbeit am Stadttheater Breslau. Er wird beauftragt mit der Aussstattung von "Reinecke Fuchs" und "Die Nachtigall", zwei Opern von Igor Stravinsky. Als Ausstatter der Oper ist er zugleich Bühnen- und Kostümbildner. Für den Bühnenraum benutzt Schlemmer einfache geometrische Grundformen, zum Beispiel verschieden große Rechtecke in kontrastierenden Farben. Der Thron des Kaisers wird als sehr farbiges Lattengerüst entworfen.

Thronsaal Kaiserthron
Abb. 9 Abb. 10
Thronsaal Kaiserthron

Für die Kostüme wählt er Gewänder, die lang herabfallen, die kräftig gefärbt sind und in denen die Farben der geometrischen Anordnung einer Längs- und Querstreifung folgen. Kopfbedeckungen und Gewandschnitte akzentuieren das chinesische Kolorit. Einzig die Krone des Kaisers folgt ebenfalls dem Prinzip des geometrisch Konstruierten. Das verdeutlicht auch die unten abgebildete Werkskizze.

Die Kulis Kaiser - Werkskizze
Abb. 11 Abb. 12
Kulis Kaiser (Werkskizze)

Die theatralische Phantasie und das der Musik innewohnende Gesetz

Was die Musik zu leisten habe, formuliert Stravinsky so:

"Das Phänomen der Musik ist uns zu dem einzigen Zweck gegeben, eine Ordnung zwischen den Dingen herzustellen und hierbei vor allem eine Ordnung zu setzen zwischen dem Menschen und der Zeit. Um realisiert zu werden, erfordert diese Ordnung einzig und allein und mit gebieterischer Notwendigkeit eine Konstruktion. Wenn die Konstruktion vorhanden und die Ordnung erreicht ist, ist alles gesagt. Es wäre vergebens dann noch etwas anderes zu suchen, etwas anderes zu erwarten. Und eben diese Konstruktion, diese erreichte Ordnung ist es, die uns auf eine ganz besondere Weise bewegt, auf eine Weise, die nichts gemein hat mit unseren üblichen Empfindungen, mit den Reaktionen, die die Eindrücke des täglichen Lebens hervorrufen. Man könnte die Empfindung, die die Musik weckt, am besten umschreiben, wenn man sie mit jener gleichsetzt, die in uns entsteht, wenn wir das Spiel architektonischer Formen betrachten. Goethe wusste das, als er die Architektur eine verstummte Tonkunst nannte." (‹5›, S. 50 f.)

Und Schlemmer ?

"Bühne! Musik? Meine Leidenschaft!... Die Gesetzmäßigkeit, die ich in der Malerei suchte…wende ich, ausgehend von der Musik … bei der Schaffung der Kostüme an." (‹6a› Ausstellungskatalog 1977, S. 11)
Die menschliche Gestalt soll nicht mehr Ausdrucksträger, nicht mehr Spiegel seelischer Erregungen sein, sondern hinein genommen sein in den Raum und dessen perspektivische Gliederung, soll hinein gestellt werden in die wechselseitigen Beziehungen von Mensch, Gruppe und Raum. Schlemmer spricht mit Blick auf die Bühne vom "Nimbus des Magischen, der den Menschen in ein raumbehextes Wesen verwandelt". (‹6b› Ausstellungskatalog 1977, S. 197.)

Welch ein Glücksfall, wie hier die Vorstellungen des Musikers mit den Ordnungsvorstellungen des Bildenden Bühnengestalters miteinander korrespondieren!

Handwerkliche Details

Die Bühne für das Tableau hat die Maße 570 x 248 x 200mm (B x T x H über alles). Das Material ist Sperrholz, ebenfalls farbig mit Acrylfarben gefasst.

Die Figuren haben eine Höhe von 80 und 100 mm. Sie sind aus Ahornholz gedrechselt. Die fertigen Rohlinge werden weiß grundiert und mit Acrylfarben farbig gefasst. Die Endbehandlung erfolgt mit einem Mattlack.

Eine Arbeit mit so zahlreichen Einzelfiguren lässt sich nur mit Hilfe von Werkskizzen ausführen. Für die Entwürfe dieser Zeichnungen dienten als Ausgangspunkt die Figurinen von Oskar Schlemmer aus dem Ausstellungskatalog ‹3›, die in Plakatgröße zahlreiche Wände in öffentlichen Gebäuden zieren (→ Abb. 13). Im Original hat diese Abbildung die Größe 634 x 447mm,
im Katalog jedoch nur 135 x 95mm. Eine Einzelfigur ist darin nur noch ca. 45 mm hoch. Für die Werkskizze müssen die Maße demgegenüber also ungefähr verdoppelt werden.

Figurinen von O. Schlemmer Figuren-Werkskizze
Abb. 13 Abb. 14
Nachtigall-Figurinen (O. Schlemmer) Figuren-Werkskizze

Für die maßhaltige Fertigung der Figuren ist eine Werkskizze im Maßstab 1:1 erforderlich. Um die Figuren zu skizzieren, bietet sich dementsprechend ein Linienraster aus 9 äquidistanten Linien an, wie es in Abb. 14 zu erkennen ist.
Für Figuren mit menschlicher Gestalt gelten dabei folgende Regeln:

  • Die Länge des gesamten Körpers ist das 8-fache der Länge des Kopfes (vom Kinn bis zum Scheitel),
  • Kopfbedeckung und Fußscheibe (bzw. Fußkegel) liegen in der Regel außerhalb dieses Rasters,
  • Der Beinansatz liegt in der Mitte des Körpers.
Zunächst werden die Umrisse mit Bleistift gezeichnet, dann Details wie z.B. die Bekleidung. Nach allfälliger Korrektur werden dann die Konturen mit Tusche nachgezogen und das Ganze mit Buntstiften koloriert.

 

Gestaltungsabsicht und Motivation für den Drechsler

 

    1. Die "Grand Opera" ist ein Operntypus, der in der Epoche der Julimonarchie (1830 - 1848) vorherrschte und sich durch riesige Ensembles und Chorszenen auszeichnet. Eine solche Szene, in der die Handlung wie zu einem "Bild" erstarrt ist, wird in der Musikwissenschaft "Tableau" genannt. Das im Tableau dargestellte Bild ist als szenische Konfiguration auch ohne Worte verständlich, zumal der Text durch den vielstimmigen Tonsatz ohnehin vom Sinnträger zur reinen Klangfarbe wird.

       

      Die Leitidee zur drechslerischen Gestaltung der Schlemmerschen Figurinen zu Stravinskys Oper "Die Nachtigall" besteht darin, sie als ein solches erstarrtes Bild zu inszenieren, eben ein Tableau. Dabei bietet es sich an, die Einzelfiguren mit den von Schlemmer so bevorzugten geometrischen Elementen Kreis, Dreieck und Quadrat zu realisieren.

      Tableau 'Die chinesische Nachtigall'
      Abb. 15
      Das Tableau "Die chinesische Nachtigall"

 

  1. Es ist eine Art Spielzeug, was in diesem Tableau als Ergebnis vorgestellt wird, Erwachsenenspielzeug, vergleichbar Elastolinfiguren, mit denen man früher Heerlager, Indianerdörfer oder Bauernhöfe aufstellen konnte. Als Kind hat der Autor hingebungsvoll mit solchen Figuren gespielt.

     

    homo ludens
    Abb. 16
    "Homo ludens"

 

In dieser Arbeit wird drechslerisches Tun und das daraus resultierende Ergebnis als Spielzeug im Sinne Schillers aufgefasst:

Der Mensch ist nur da ganz Mensch ist, wo er spielt.

Schiller hat als einer der ersten in seinen Briefen über die Ästhetische Erziehung des Menschen auf die Wichtigkeit des Spiels hingewiesen und sich gegen die Spezialisierung und Mechanisierung der menschlichen Lebensführung ausgesprochen. Er hat formuliert:

Spiel ist die menschliche Leistung, die allein in der Lage ist,
die Ganzheitlichkeit der menschlichen Fähigkeiten hervor zu bringen.

Aus diesem Blickwinkel ist schöpferisches Tun nicht nur Kreativität, sondern vor allem Rückbesinnung auf das Ästhetische. Die Unterstützung des homo ludens (Huizinga 1938) in uns kann der Vorherrschaft der instrumentellen Vernunft (Marcuse 1967) entgegenwirken. Sie kann den Freiraum schaffen für eine menschliche Betätigung nach selbst gewählten Regeln und Ergebnisse um ihrer selbst willen zu schaffen.

In den Meistersingern von Nürnberg (Richard Wagner) fragt der Ritter Walther von Stolzing den Schuster Hans Sachs:

"Wie fang ich nach der Regel an?"

Der antwortet:

"Ihr stellt sie selbst, und folgt ihr dann."

 

 

 


QUELLEN und LINKS:
‹1› K. Rüdiger, " Oskar Schlemmer und das ‚Triadische Ballett'": www.publicationes.de/verschiedenes/holzwelten/139-triadisches-ballett.html - zurück zu ‹1› -
‹2› K. Rüdiger, " Oskar Schlemmer und die ‚Bauhausfeste'": www.publicationes.de/verschiedenes/holzwelten/140-schlemmer-hommage.html - zurück zu ‹2› -
‹3› Kunstsammlung NRW, Katalog zur Ausstellung "OSKAR SCHLEMMER; TANZ - THEATER - BÜHNE" ; 30.07. - 16.10.1994, Düsseldorf - zurück zu ‹3› -
‹4› K. Rüdiger, " Oskar Schlemmer und sein 'Varieté'": www.publicationes.de/verschiedenes/holzwelten/143-schlemmer-variete.html - zurück zu ‹4› -
‹5› I. Strawinsky, "Mein Leben": List Bücher 117, 1958 - zurück zu ‹5› -
‹6› Ausstellungskatalog: "Oskar Schlemmer, Ausstellung der Staatsgalerie Stuttgart im Württembergischen Kunstverein, Stuttgart 11.08.- 18.09.1977 -
‹6a› K. von Maur, "Oskar Schlemmer - Perspektiven des Menschenbildes" in ‹6› - zurück zu ‹6a› -
‹6b› K. von Maur, "Malerei und Bühne" in ‹6› - zurück zu ‹6b›

 

 


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