Oskar Schlemmer und die 'Bauhausfeste' von Karl Rüdiger

 

Eine Hommage an den Künstler in zwei Fassungen

 

Über den Künstler Oskar Schlemmer, das Bauhaus und seine Figurinen zum ‹1› "Triadischen Ballett" informiert der erste Aufsatz in der diesem Künstler gewidmeten Tetralogie. Weitere Arbeiten dieser Reihe beziehen sich auf die ‹2› "Chinesischen Nachtigall" und auf das ‹3› "Varieté".
Nachfolgend beschreibt der zweite Aufsatz in diesem Zyklus gedrechselte Figuren, die von Schlemmers Kostümbildern zu 'Bauhausfesten' inspiriert sind. Die diesen Figuren zugrundeliegenden Bilder seiner Kostümentwürfe finden sich z.B. im ‹4› Ausstellungskatalog von 1994 (auf S. 114, S. 166 f. und S. 238 - 242).

Oskar Schlemmer als Festgestalter

Oskar Schlemmer hat sich Zeit seines Lebens in seinem künstlerischen Schaffen mit "dem Fest" beschäftigt, einer Veranstaltungsart, die gemeinhin wegen ihrer Vergänglichkeit gering geschätzt wurde. Am Bauhaus in Weimar und in Dessau war er der ‹5a› Festgestalter der legendären Bauhausfeste. Er sah es auch als seine Aufgabe an, der Kostüm- und Raumgestaltung jeweils ein Motto zu geben. Weiter gehörten dazu die Aufführung von Tänzen und Bühnenstücken sowie eigene Auftritte, die den Charakter einer Performance hatten, wie man heute sagen würde. Das Feiern von Festen war am Bauhaus nicht nur Ausdruck von Lebensfreude, sondern zugleich ein Spiel mit Farben, Formen und Materialien bei den Dekorationen und Kostümgestaltungen.

Die im Folgenden vorgestellten Drechsel-Arbeiten greifen Kostümzeichnungen auf, die Schlemmer in den Jahren 1916 bis 1926 für Tanzaufführungen und Tanzveranstaltungen des Bauhauses entworfen hat. Gedrechselt gibt es sie in zwei Fassungen: Die eine ist farbig gefasst, die andere naturbelassen. Versammelt man letztere zu einem festlichen Miteinander, dann entsteht ein Tableau, das etwas vom Gesamteindruck vermitteln mag, der die Bauhausfeste so unverwechselbar machte. Zur Hommage wird das Figuren-Tableau aber erst, wenn es durch eine ‹A› Hoheitsformel hervorgehoben wird.

Treppenhaus im Bauhaus Dessau

Angeregt durch Schlemmers Bild von der Bauhaustreppe - dargestellt als Abb. 2 im Aufsatz ‹1› - liegt es nahe, die Treppe als Hoheitsformel anzusehen, indem sie auch als Symbol einer gradweisen Steigerung oder Entwicklung gelten kann. Diese Vorstellung inspiriert zu der Idee, die kostümierten Akteure in einen Raum (→ Abb. 2) zu stellen, der dem Treppenhaus des Bauhauses in Dessau (→ Abb. 1) nachempfunden ist. Dazu passt, dass seinerzeit die Akteure in den von Schlemmer entworfenen Kostümen auch das Treppenhaus zum Spielplatz für ihr festliches Treiben wählten.

Abb. 1: ‹B› Treppenhaus im Bauhaus Dessau

Oskar Schlemmers Figuren sind - wie er in ‹5b› "Mensch und Kunstfigur" beschreibt - "als Plastik unbeweglich; sie sind eine in einen Moment gebannte Bewegung. Ihr Wesen ist die Unveränderlichkeit eines nicht zufälligen, sondern typischen Zustandes, das Gleichgewicht der Kräfte im Bestand." Dies mit drechslerischen Mitteln darzustellen, ist das Anliegen der "Hommage" an Oskar Schlemmer in ihrer ersten Fassung.

Abb. 2: Hommage 1 an Oskar Schlemmer
Abb. 2: Hommage 1 an Oskar Schlemmer

Im Laufe des Jahres 1926 beschäftigte sich Schlemmer mit der Typenbühne.
"Ich will ‹6› Menschentypen schaffen und keine Portraits und ich will das Wesen des Raumes und keine Interieurs."

Drechselt man die Kostümentwürfe Schlemmers mit naturbelassener Oberfläche noch einmal nach, dann entstehen - Menschentypen entsprechende - Figurentypen. Obwohl mehr Typus als Individuum, sind die entstehenden Figuren jedoch keineswegs leblos oder seelenlos. Sie besitzen durchaus bemerkenswerte Eigenschaften des Lebendigen: Ihre Stellung, ihre Haltung und ihre Gestik. Die Figuren dieser "Hommage 2" (→ Abb. 3) berühren geistig-seelische Bereiche und werden so zum Ausdruck menschlicher Grundhaltungen.

Abb. 3: Hommage 2 an Oskar Schlemmer
Abb. 3: Hommage 2 an Oskar Schlemmer

Zur Präsentation dieser zwölf Figuren, die ihre Farbigkeit nur aus der Naturholzfärbung unterschiedlicher Hölzer beziehen, dient eine Drehspinne mit einem aufgelegten breiten Ring als Hoheitsformel, deren zentrales Element eine Kugel (→ Abb. 5) darstellt, die von den Spinnenarmen getragen ist, auf deren äußeren Enden der Kreisring ruht. Die Kreisform symbolisiert die den Raum umschließende Zeit, stellt aber auch Vollendung beziehungsweise Erfüllung dar. Diese Symbolbedeutungen finden sich so z.B. im ‹7› Symbollexikon von J.C. Cooper. Im Kosmos der Schlemmerschen Figurenwelt steht die Kugel im Mittelpunkt, weil sie die Urform ist, mit der alle anderen gedrechselten Formen verwandt sind und aus der alle Figuren hervorgegangen oder zusammengefügt sind.

Im Unterschied zur "Hommage 1" enthält das Tableau der "Hommage 2" nur 12 statt 15 Figuren. Das hat seinen Grund im Kreisumfang der Drehspinne, die nur für 12 Figuren Raum bietet. Bei einem größeren Umfang wäre ein Objekt mit nicht gut proportionierten Dimensionen entstanden. Die drei Figurinen (1b - 3b), die nicht in der Hommage 2 vorkommen, werden den eigenen Werkzeichnungen (1a - 3a) gegenüber gestellt:

Figurine, 1916:  
Werkzeichnung zu Figurine, 1916 Figurine, 1916 - gedrechselt und farbig angelegt
Fig. 1a Fig. 1b
   
Figurine mit quergestreiftem Kostüm, 1926:  
Werkzeichnung zur Figurine mit quergestreiftem Kostüm, 1926 Figurine mit quergestreiftem Kostüm, 1926 - gedrechselt und farbig angelegt
Fig. 2a Fig. 2b
   
Figurine türkisch, 1926:  
Werkzeichnung zu Figurine türkisch, 1926 Figurine mit quergestreiftem Kostüm, 1926 - gedrechselt und farbig angelegt
Fig. 3a Fig. 3b

Beobachtung als Grundlage der Lebenserfahrung

Die Maxime Goethes
"Sage mir, mit wem Du umgehst, und ich sage Dir, wer Du bist"
ist im deutschen Sprachgebrauch vielfältig variiert worden.
So war noch im Januar 2011 im KÖLNER STADTANZEIGER zu lesen:
"Du bist, was Du hörst! - zeige mir Deine Playlist, und ich sage Dir, wer Du bist!"

Graphologen wandeln Goethes Maxime folgendermaßen ab:
"Zeige mir, wie Du schreibst, und ich sage Dir, wer Du bist!"
Die gleiche Formulierung passt auch zu Pädagogen, wenn sie das Schriftbild eines Schülers beurteilen, um zu prüfen, ob in einer fehlerhaften Schreibprobe Lerndefizite oder Hinweise auf eine Schreib-Lese-Schwäche vorliegen.

Für die Bauhausfeste hat Oskar Schlemmer den Satz folgendermaßen variiert:
"Sage mir wie Du Feste feierst, und ich sage Dir, wer Du bist."

Den Bezug zu den Bauhausfesten hat Oskar Schlemmer in seinem ‹5c› Tagebuch im Februar 1929 folgendermaßen erläutert:
"Die früheren Feste in Weimar…bezeichnen die heiteren, festlichen Stationen auf dem sonst keineswegs leidlosen Weg dieses Instituts. Sage mir, wie du Feste feierst, und ich werde dir sagen, wer du bist, oder: Jede Gesellschaftsschicht hat das Fest, das sie verdient. Wenn junge Menschen ein Fest inszenieren, so kann man wohl seine Rückschlüsse ziehen auf die Beschaffenheit dieser Jugend, und das Bauhaus repräsentiert eine, auf die es hoffentlich einmal ankommt."

Im Folgenden werden die einander entsprechenden Figuren der beiden Fassungen einander gegenüber gestellt. Die Gegenüberstellung verdeutlicht, wie in der naturbelassenen Form die Figur auf ihr eigentliches Wesen zurückgeführt wird: Das Allgemeine, das Wesentliche und die Figur werden typisch. Alles Nebensächliche fehlt.

Figurine, 1916:  
Figurine, 1916 - farbig angelegt Figurine, 1916 - naturbelassen
Fig. 4.1 Fig. 4.2
   
3 Figurinen, 1919:  
Erste von 3 Figurinen, 1919 - farbig angelegt Erste von 3 Figurinen, 1919 - naturbelassen
Fig. 5.1 Fig. 5.2
   
Zweite von 3 Figurinen, 1919 - farbig angelegt Zweite von 3 Figurinen, 1919 - naturbelassen
Fig. 6.1 Fig. 6.2
   
Dritte von 3 Figurinen, 1919 - farbig angelegt Dritte von 3 Figurinen, 1919 - naturbelassen
Fig. 7.1 Fig. 7.2
   
Figurine, 1920:  
Figurine, 1920 - farbig angelegt Figurine, 1920 - naturbelassen
Fig. 8.1 Fig. 8.2

Festkultur

Das von Schlemmer jeweils gewählte Motto gab den Festen ihren Namen: Laternenfest, Drachenfest, Schlagwörterfest, Metallisches Fest, Bart-Nasen-Herzensfest oder Glocken-Schellen-Klingelfest. Sie waren ein öffentliches Kulturereignis. In einem Brief vom 5. Februar 1926 an seine Frau Tut, schreibt Oskar Schlemmer:
"Das Faschingsfest, das im Februar oder März sein soll, habe ich in Regie und nenne es Das weiße Fest. 4/5 weiß und 1/5 in Farbe. Diese gedippelt, gewerfelt und gestreift." (Vgl. ‹5a›, S. 33)
An anderer Stelle heißt es:
"Neben weiß waren erlaubt: rot, blau und gelb."

Drei Figurinen für "Das Weiße Fest", 1929:  
Erste von drei Figurinen für 'Das Weiße Fest', 1929 - farbig angelegt Erste von drei Figurinen für 'Das Weiße Fest', 1929 - naturbelassen
Fig. 9.1 Fig. 9.2
   
Zweite von drei Figurinen für 'Das Weiße Fest', 1929 - farbig angelegt Zweite von drei Figurinen für 'Das Weiße Fest', 1929 - naturbelassen
Fig. 10.1 Fig. 10.2
   
Dritte von drei Figurinen für 'Das Weiße Fest, 1929' - farbig angelegt Dritte von drei Figurinen für 'Das Weiße Fest', 1929 - naturbelassen
Fig. 11.1 Fig. 11.2

Wesenszüge des Kostümentwurfs

Das Kostüm (vgl. ‹5b›, S. 148) dient als Verkleidung des menschlichen Körpers, die ihn verwandelt. Kostüme unterstützen das Erscheinungsbild ihrer Träger oder verändern es, sie bringen das Wesen zum Ausdruck, verstärken seine körperlichen Merkmale oder heben sie auf. Die Figurinen fangen etwas vom Charakter der Wesen ein, in die sich ihre Träger durch ihre Kostüme verwandeln. Bei der Entwurfszeichnung geht es also nicht um das zufällige Erscheinungsbild des Trägers, sondern um den Charakter des ‹8› Bekleidungsstückes. Beim Kostümentwurf steht dementsprechend die Darstellung des Bekleidungsstückes im Vordergrund, während die Zeichnung der Figur selbst nur Mittel zum Zweck ist.

Figurine, 1916:  
Figurine, 1916 - farblich angelegt Figurine, 1916 - naturbelassen
Fig. 12.1 Fig. 12.2
   
Figurine mir asymmetrischem Kostüm, 1926:  
Figurine mir asymmetrischem Kostüm, 1926 - farblich angelegt Figurine mir asymmetrischem Kostüm, 1926 - naturbelassen
Fig. 13.1 Fig. 13.2
   
Figurine maurisch, 1926:  
Figurine maurisch, 1926 - farblich angelegt Figurine maurisch, 1926 - naturbelassen
Fig. 14.1 Fig. 14.2
   
Figurine, 1926:  
Figurine, 1926 - farblich angelegt Figurine, 1926 - naturbelassen
Fig. 15.1 Fig. 15.2

Handwerkliche Details

Bezeichnung Hommage 1 Hommage 2
Form "Treppenhaus" Drehspinne
Material Latten- und Sperrholz Kirschholz
Abmessungen B 400 mm, T 300 mm,
H 220 mm (über alles)
Ø 380mm
Figurenzahl 15 12
Figurenmaterial Ahornholz mit
Papiervlies oder Leinen
verschiedene Hölzer
Figuren-Oberfläche Acrylfarben
auf weißer Grundierung
naturbelassen, Danish Oil
Figuren-Größe 100 - 130 mm  
Dekoration Fruchtstände von Eukalyptus caesia, farbig gefasst Kugel als Dekoration
Abb. 4 Abb. 5
Farbig gefasste Fruchtstände
von Eukalyptus caesia
Kugel

Schluss

Wie dargelegt führt die Entwicklung der Figurinen Oskar Schlemmers von der Skizze zur Typenbühne und zum Kostüm. Dieses hebt Typisches und Wesentliches seines Trägers hervor. Bei dieser Entwicklung mag man sich an die Aufforderung von Angelus Silesius erinnert fühlen:
"Mensch werde wesentlich, denn wenn die Welt vergeht, so fällt der Anschein fort, das Wesen, das besteht."
Nichts anderes möchte die hier präsentierte Hommage in ihren beiden Fassungen zum Ausdruck bringen und damit dem einzigartigen Künstler Oskar Schlemmer eine verdiente Referenz erweisen.

 

 


 

ANMERKUNGEN:

‹A› Unter einer "Hoheitsformel" versteht man in der Kunstgeschichte bei der Interpretation von Kunstwerken Bildelemente, die dazu dienen, einen Bildgegenstand oder Darstellungsinhalt aus dem übrigen Bildkontext hervor beziehungsweise heraus zu heben, um seine Bedeutung zu betonen. Hoheitsformeln können beispielsweise die Farbe, die Architektur oder eine besondere Form - etwa ein Rundbild - sein. - zurück zu ‹A› -
‹B› Bis auf die ‹9› Abb. 1 sind alle übrigen Abbildungen Fotos von K. Rüdiger und P. Denker. Die Kostümentwürfe von Oskar Schlemmer zu den Figuren 1 bis 15 finden sich im ‹4› Ausstellungskatalog 1994 gemäß folgender Übersicht:

Figur Titel der Kostümentwürfe Seite
Fig. 7, 12 2 Figurinen, 1916 114
Fig. 3, 8 Figurinen, 1916 u. Figurine, 1920 166
Fig. 5, 6, 7 3 Figurinen, 1919 167
Fig. 13, 15 Figurine mit asymmetrischem Kostüm, 1926 u. Figurine, 1926 228
Fig. 9, 10, 11 Drei Figurinen für "Das Weiße Fest", 1929 229
Fig. 14, 1 Figurine m. quergestreiftem Kostüm u. Figurine maurisch, 1926 230
Fig. 2 Figurine türkisch, 1926 231

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QUELLEN und LINKS:
‹1› K. Rüdiger, ""Oskar Schlemmer und das 'Triadische Ballett' " : www.publicationes.de/verschiedenes/holzwelten/139-triadisches-ballett.html - zurück zu ‹1› -
‹2› K. Rüdiger, " O. Schlemmer und 'Die Nachtigall' von I. Stravinsky" : www.publicationes.de/verschiedenes/holzwelten/142-nachtigall.html - zurück zu ‹2› -
‹3› K. Rüdiger, "Oskar Schlemmer und sein 'Varieté' " : www.publicationes.de/verschiedenes/holzwelten/143-schlemmer-variete.html - zurück zu ‹3› -
‹4› Kunstsammlung NRW, Katalog zur Ausstellung "OSKAR SCHLEMMER; TANZ - THEATER - BÜHNE"; 30.07. - 16.10.1994, Düsseldorf - zurück zu ‹4› -
‹5› A. Hüneke (Herausg.)"Oskar Schlemmer, Idealist der Form, Briefe - Tagebücher - Schriften 1912 - 1943", Reclam Leipzig 1990
‹5a› A. Rasche, "Freiheit ist nur in dem Reich der Träume" (in ‹3›, S. 31, 33) - zurück zu ‹5a› -
‹5b› O. Schlemmer, "Mensch und Kunstfigur" (in ‹3›, S. 145, 148) - zurück zu ‹5b› -
‹5c› O. Schlemmer, "Mensch und Kunstfigur" (in ‹3›, S. 203)- zurück zu ‹5c› -
‹6› K. von Maur, "Oskar Schlemmer - Perspektiven des Menschenbildes" in
Katalog Oskar Schlemmer, Ausstellung der Staatsgalerie Stuttgart im Württembergischen Kunstverein Stuttgart, 11. August bis 18. September 1977, S. 9 - zurück zu ‹6› -
‹7› J.C. Cooper, Illustriertes Lexikon der traditionellen Symbole, VEB E.A. Seemann Verlag, Leipzig 1986 - zurück zu ‹7› -
‹8› Fernakademie Karlsruhe, "Arbeitsheft Modezeichnen" , S. 88 f. - zurück zu ‹8› -
‹9› Bildnachweis: Foto des Treppenhauses im Bauhaus Dessau : http://www.cultuurnetwerk.nl/producten_en_diensten/bronnenbundels/2001/2001_70.htm - zurück zu ‹9› -

 

 


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