Thomas Schütte und die 'Endstation Sehnsucht' von Karl Rüdiger

 

Drechseln als Medium der Wahrnehmung und Verarbeitung von Fremdheit

Zeitungsmeldungen

In den letzten Jahren verstärkt sich der Zustrom afrikanischer Flüchtlinge, die versuchen, von Tunesien oder Libyen aus über Lampedusa und Sizilien den europäischen Kontinent zu erreichen. Immer wieder kommt es dabei zu Schiffsunglücken mit Todesopfern. Alle diese Flüchtlinge, die vor Krieg und Verfolgung fliehen, setzen ihre Hoffnung auf eine bessere Zukunft, sie alle versuchen trotz der lebensgefährlichen Seereise in die Länder ihrer Hoffnung zu gelangen.

Flüchtlinge vor der Küste von Lampedusa
Foto: [1] ACADEMIC Deutsche WIKIPEDIA: Lampedusa

 

Migration aus der Sicht eines Künstlers

"Kunst ist eine Haltung, die hervorgeht aus dem Widerstand gegen jede Art autoritärer Ambitionen"
(Jan Hoet)

Thomas Schüttes spektakuläres Exponat ‹DIE ANKUNFT DER FREMDEN›,
eine Gruppe von Keramik-Tonskulpturen auf der documenta IX in Kassel 1992

 

Auf dem Söller des Fridericianums in Kassel steht eine Menschengruppe. Die Menschen haben die Augen geschlossen, den Kopf gesenkt, lassen die Arme hängen. Sie stehen am Rande, sie stehen am Abgrund. Sie stehen vor dem Nichts. Gefäße, Kisten und Säcke stehen zwischen ihnen. Woher kommen sie? Sind sie angekommen? Wo wollen sie hin? "FREMDE" nennt Schütte die Gruppe. Was ist gemeint: das Fremde, die Fremde, die Fremden? Mit dieser Unbestimmtheit wird das Problem des Unbekannten, des Unvertrauten, des Irritierenden berührt. Die Figuren stehen heute zum Teil auf dem Dach der Musik- und Kongresshalle in Lübeck und symbolisieren dort die Bedeutung des Lübecker Hafens für die Migration insbesondere zwischen Ost und West in Nordeuropa. Damit wird das Anliegen dieser Skulpturengruppe erkennbar und spricht die ganze, gerade heute aktuelle Problematik des Flüchtlingselends der Afrikaflüchtlinge an, für die Lampedusa die Endstation ihrer Sehnsucht und Hoffnungen ist.

Die Figuren von der documenta IX
heute auf der Musik- und Kongresshalle in Lübeck.

 

Eine frühere Arbeit von Thomas Schütte, ‹Kleiner Respekt› aus dem Jahr 1994, zeigt eine Gruppe aus drei mit den Rücken zueinander angeordneten, gefesselten Personen, die von ihrem Ausdruck als "Unfreie" zu den "Fremden" korrespondiert.

Kleiner Respekt - Skulptur von Thomas Schütte
Der ‹kleine Respekt› von Thomas Schütte;
Foto von [3] Ausstellung München 2009

 

Thomas Schütte - Künstlerbiografie

International zählt der in Düsseldorf lebende Künstler [2] Thomas Schütte zu den wichtigsten Künstlern aus Deutschland. Er ist 1954 in Oldenburg geboren und studierte von 1973 - 1981 an der Kunstakademie in Düsseldorf unter anderen bei Gerhard Richter.
Dreimal nahm er an der "documenta" in Kassel teil; 2005 gewann er für seinen Beitrag den "Goldenen Löwen" der Biennale Venedig. In seinen Werken zeigt sich eine große Vielseitigkeit und Originalität, auch hinsichtlich der verwendeten Techniken und der Formgebung. Alle seine Arbeiten lassen viele verschiedene Interpretationen zu. Von Juni bis September 2009 war ihm im HAUS DER KUNST in München eine eigene [3] Ausstellung gewidmet.

 

Eine Hommage an Thomas Schütte
Migration als Gestaltungsvorhaben einer Drechselarbeit

Die oben gezeigten Werke von Thomas Schütte sind als beeindruckende, ja erschütternde Zeugnisse der Unfreiheit und Suche nach Freiheit anzuschauen. Mit einer dadurch inspirierten Drechselarbeit mit dem Titel "Endstation Sehnsucht" ist die Absicht verbunden, deren wahrgenommene und empfundene Ausdrucksstärke mit eigenen Mitteln und "im Kleinen" nachzubilden.

Während meine früheren figürlichen Drechselarbeiten meistens [4] Lebenswelten vergangener Zeiten entnommen sind, nimmt das Thema Migration in "Endstation Sehnsucht" auf ganz aktuelles Zeitgeschehen Bezug. Dabei fordert das Sujet "Fremde" eine Weiterentwicklung drechslerischer Möglichkeiten, indem es das Drechseln in den Dienst skulpturalen Gestaltens stellt.

Kleine Figuren ohne Gesichter, aus gedrechselten Elementen zusammengefügt, kommen in Posen der Fremdheit und umgeben von Behältnissen, die ihre Situation verdeutlichen, auf dem breit ausgezogenen Rand einer gedrechselten Schale und den Stufenabsätzen ihrer Innenwand zu stehen. Sie sind den ‹Fremden› der documenta-Gruppe nachempfunden, der Schalenrand versinnbildlicht den Söller des Gebäudes in Kassel bzw. des Flachdachs in Lübeck. Im Zentrum, auf dem Grund der Schale kommt eine Skulptur hinzu, die sich als ‚Keres-Gruppe' an den ‚Kleien Respekt' anlehnt. Mit der Einbeziehung charakteristischer Zitate aus der ‚documenta IX - Gruppe' und dem ‚Kleinen Respekt' soll diese Drechselarbeit dem Künstler Thomas Schütte die Reverenz erweisen und ihm als Hommage gewidmet sein.

Das gesamte Tableau "Endstation Sehnsucht"
Hommage an Thomas Schütte

 

Von der Gestaltungsidee zur drechslerischen Verwirklichung

Die Schale

Eine Schale dient der Inszenierung der vorgestellten Migrationssituation als eine Art "baulicher Hintergrund".

Schale aus Redwood -
Rotholz vom Mammutbaum
Unterseite der Schale

Die Form der Schale ähnelt einem etwas gedrungenen Becken. Sie hat einen überstehenden Rand und ruht auf einem andersfarbigen, ausgeprägten Fuß.

Arbeitsskizze zur Formung der Schalenwand Innenansicht der Schale

Die Schale hat innen einen treppenförmigen Querschnitt. Die Stufen sind unterschiedlich hoch und tief. Räumlich bilden sie ringförmige Treppenabsätze unterschiedlicher Breite und Höhe. Diese Treppen symbolisieren mit ihrer Unregelmäßigkeit und Steilheit die Schwierigkeiten und Hindernisse, die sich auf dem Weg von "Unten" nach "Oben", von "Innen" nach "Außen" und auf der Flucht aus Not und Elend den Flüchtenden in den Weg stellen.

Der Boden und der Schalensockel sind aus Nussmaserholz gedrechselt, die Schale selbst aus Redwood, dem Rotholz vom Mammutbaum (sequoia sempervirens). Die starke und lebhafte, ja unruhige Maserung des dunklen Bodens und Sockels kontrastiert zur intensiven Rotfärbung der Schale, die so den bedrohlichen Charakter des Szenarios versinnbildlicht.

 

Posen der Freiheit

Die Ankunft der Fremden

Auf dem Schalenrand stehen Figuren in Gruppen am Abgrund: Jung und Alt stehen zusammen. Mit gesenktem Kopf und hängenden Armen geben sie ihrer Verlorenheit, ihrer Niedergeschlagenheit, Enttäuschung und Hoffnungslosigkeit Ausdruck. Hoffnungslos stehen sie buchstäblich am Rand vor dem Nichts. Sie stehen zwischen Gefäßen und Behältnissen. Die Gefäße sind zumeist leer. Sie spiegeln die Leere der Menschen um sie herum wieder, die alles verloren haben, offenbar auch die Hoffnung und ihre Identität, denn alle Figuren haben keine Gesichter.

Vor dem Nichts Mit Sack und Pack, aber wohin?
Am Abgrund Nach der Flucht
   
Blick zurück: Zwei Männer mit rückwärts gewandtem Blick und einer verschlossenen Urne zwischen einander. Darin könnten Erinnerungen eingeschlossen sein.
Die Abwartende: Eine Frau auf dem Weg nach oben steht zwischen verschlossenen Säcken. Noch hat sie Hoffnung. Ihr gesenkter Kopf ist zum Aufstieg hin gerichtet. Ihre auf dem Rücken verschränkten Arme deuten auf Ausruhen hin: Sie weiß noch nicht, was sie in der Fremde erwartet.
Figuren auf dem Treppenabsatz - unterwegs nach oben: Die zurückblicken und die Abwartende.
Auch leere Vasen stehen auf dem Absatz, ohne Bezug zu einer Figur: Nicht alle, die Freiheit suchen, erreichen das Ziel.
Kein Weg führt zurück

Die Keres-Gruppe

Der dunkle Boden und Sockel aus Nussmaserholz symbolisieren das "Unten". Die in diesen Boden eingestellte Dreiergruppe ist aus Banksiazapfen (Banksia grandis) gedrechselt und bei voller Figurenbestückung der Schale erst auf den zweiten Blick zu entdecken. Diese Gruppe erinnert an die Todesdämonen aus der griechischen Mythologie. Sie verkörpern Gewalt (Ker), Verhängnis und Untergang (Moros) sowie den Tod (Thanatos). Sie stellen die dar, benannt nach Ker, der Göttin des gewaltsamen Todes und des Verderbens.

Keres-Gruppe (ohne Fesseln) Keres-Gruppe (Endfassung mit Fesseln)

Mit der Übernahme der Fesseln wie in Schüttes "Kleinem Respekt" wird die Ähnlichkeit dieser Gruppe zu seiner Plastik noch deutlicher.
Als Bedeutungsträger für Macht und Machtmissbrauch zeigt die Fesselung, dass auch die Machthaber nicht frei sind, sondern Gefangene ihrer eigenen Ideologie. Die Charaktere dieser Dämonen treten in Einzelaufnahmen noch deutlicher in Erscheinung:

Ker übt üble Gewalt aus. Moros schickt Verhängnis.
und Untergang
Thanatos bringt den Tod.

Sowenig Thomas Schütte die Betrachter seiner Werke auf eine Interpretation festlegt, so wenig soll es hier geschehen, indem wenigstens eine Alternative angedeutet sei:
Die Fesselung der Keres-Gruppe nimmt den Todesgewalten ihre Macht. Das erinnert an 1. Kor. 15, 55: "Tod, wo ist dein Stachel, Hölle, wo ist dein Sieg?" Der Glaube kann den Tod entmachten wie seine Frucht, die Nächstenliebe, die einer zur Flucht verleitenden Heimat ihre Schrecken nehmen könnte. Wie unendlich traurig, wenn Menschen dem einen wie dem andern den Rücken kehren.

 

Galerie der Stimmungen

Im Folgenden werden die Figuren des Tableaus - unabhängig von ihrer Positionierung und Gruppierung auf dem Schalenrand bzw. in der Schale - einzeln oder gruppenweise vorgestellt. Die ihnen auf der Schale zugeordneten Behältnisse haben sie auch hier bei sich. Dabei nehmen sie eine Pose ein, die ihre gefährdete Situation und ihre emotionale Verfassung ausdrückt.

War es richtig, diesen Weg zu gehen?
Verunsicherung
Wofür bin ich unterwegs?
Enttäuschung
Worauf könnten wir noch hoffen?
Depression
Was denn noch?
Einsamkeit und Unsicherheit
Am Ziel, wirklich am Ziel?
Ungewissheit
War nicht alles vergeblich?
Hoffnungslosigkeit
Was nun?
Ratlosigkeit

 

Handwerkliche Details

Der Kopf

Die Figuren senken alle den Kopf. Für das Drechseln bedeutet das, die Figuren können nicht in einem Arbeitsgang gedrechselt werden. Der Kopfteil wird gesondert hergestellt und erhält 1. einen eigenen schmaleren Halsdurchmesser als das Halsloch und 2. wird der Halsstumpf unten leicht abgeschrägt. Das so gewonnene "Spiel" ermöglicht den Einsatz eines geneigten Kopfes.

Getrennte Herstellung von Kopf und Korpus Körper mit geneigtem Kopf verbunden

 

Die Arme

Um die hängenden Arme stabil anzubringen werden sie mit Silberdraht 0,8 mm angedübelt. Die nötigen Löcher sind mit einer schnell rotierenden Feinbohrmaschine hergestellt. Vor dem Anleimen sind sowohl die Arme als auch die Fläche am Körper, an der sie anliegen, plan angeschliffen, um beide möglichst großflächig miteinander zu verleimen.

Kopf und Arme fertig zum Zusammenfügen mit dem Korpus

Auch um die Figurenteile mit Holzbeizen unterschiedlich einfärben zu können, bietet sich deren "Zerlegung" in solche Abschnitte an.

Einzelteile vor dem Zusammensetzen

 

Holzeigenheiten

Das Rotholz des Mammutbaumes entwickelt beim Drechseln viel feinen Staub. Überdies erschwert seine inhomogene Dichte die Herstellung einer gleichmäßigen Oberfläche trotz eifrigen Schärfens und Schleifens. Auch der Einsatz eines Meißels gelingt bei der beabsichtigten Form nicht gut. Kleinere Unvollkommenheiten und Bearbeitungsspuren verdecken zu einem Teil die aufgestellten Figuren, zu einem andern verbirgt sie auch die Fotografie.

 

Maße

Objekt Merkmal Maß
Schale Außendurchmesser 310 mm
  Oberer Innendurchmesser 260 mm
  Randbreite 48 mm
  Durchmesser der inneren Bodenfläche 90 mm
  Höhe (ohne Figuren) 120 mm
Figuren   70 - 90 mm
Gefäße   30-60 mm

 

Materialien

Für die Figuren sind überwiegend ausdrucksstarke Hölzer (Ahorn und Birke gestockt, Eibe, Florida Zeder, Nussbaum, Paduk und Wenge) gewählt, um mit Farbbeizen ausdrucksvolle Farbeffekte und Farbnuancen zu erzeugen.

Zur Oberflächenbearbeitung sind folgende Materialien verwendet worden:
Finishing Oil, WoodWax clear, Bienenwachs, Acrylfarben, Holzspritzwachs, Lackspray, Rustikalbeize und Spiritusbeize.

Als Hilfsmittel sind darüber hinaus Modelliermehl, Bindfaden, Silberdraht und Holzleim zum Einsatz gekommen.

 

Schluss

Mögen sich Kunstwerke in ihrer Größe und ihrem öffentlichen Ansehen noch so sehr unterscheiden:
Wer sie mit den Augen seines Herzens anschaut, kann in der Nähe zum Kleinen entdecken, was dem weiter entfernten Großen womöglich neue Deutungsmöglichkeiten schenkt.
Wie schön, wenn das gelingt.

 


LINKS:
[1] Quelle: Lampedusa : http://de.academic.ru/dic.nsf/dewiki/822990 - zurück zu [1] -
[2] Thomas Schütte Künstlerhomepage : www.thomas-schuette.de - zurück zu [2] -
[3] Ausstellungshinweis Thomas-Schütte-Ausstellung Berlin 2009: www.monopol-magazin.de - zurück zu [3] -
[4] Karl Rüdiger "Kleine Welten in Holz" : www.kleine-welten-in-holz.de - zurück zu [4] -


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