"Das ist ja der Hammer" - Zunfthämmer als Symbole von Karl Rüdiger

Drechselkunst gibt alten Symbolen neue Ausdruckskraft

 

Zunftbrauch in Cancun

Mexikos außenministerin Espinoza verkündet den Beschluss von Cancun

Von den Fernsehanstalten aus aller Welt wurde es am 11.12.2010 übertragen: Patricia Espinoza, die Außenministerin aus Mexiko, Vorsitzende des Weltklimagipfels in Cancun, besiegelte mit einem Hammerschlag einen auf der Abschlusskonferenz gefassten Beschluss des Konferenzplenums! Sie tat dies zum wiederholten Male bei jeder aufgerufenen Vereinbarung. Ein schlichter Holzhammer wurde bei dieser Handlung zum Sinnbild Ihrer Befugnis und Position als Sitzungspräsidentin eines Plenums, dessen Mitglieder aus aller Herren Länder zusammengesetzt war. Der Schlag mit einem Hammer auf einen Schlagblock sagt: Es gilt!

Zunftzeichen als Symbole, gestern und heute

Der Hammer in der Hand der Vorsitzenden geht zurück auf einen Zunftbrauch in den Zünften der Handwerker des Mittelalters. Die Zünfte sind längst vergangen, aber ihre symbolhaften Hämmer gibt es immer noch: Sie sind meist phantasievoll, originell und symbolträchtig gestaltet. Verwendungsbeispiele sind

  • bei Gericht der Richterhammer in der Hand des Richters, der mit dem Hammerschlag sein Urteil besiegelt,
  • auf Baustellen der Maurerhammer in der Hand des Poliers, der damit eine Grundsteinlegung vollzieht oder
  • bei Versteigerungen der Auktionshammer in der Hand eines Auktionators, der mit dem Schlag auf den Schlagblock einem Bieter den Zuschlag erteilt.
  • bei Vereinsversammlungen in der Hand des Sitzungspräsidenten zur Eröffnung, bei der Feststellung von Beschlüssen und bei Beendigung ihrer Sitzungen.

Seinem Verwendungszweck entsprechend sollte man den Zunfthammer heute vielleicht besser Vereinshammer, Amtshammer oder Geschäftshammer nennen. Aus dem ehemaligen Zunfthammer ist in unserer Zeit ein Symbol für Recht, Hoheit und Ordnung geworden. Sein Schlag bedeutet immer, heute wie früher: Es gilt!

Neben den Zunfthämmern gibt es weitere Zunftzeichen wie zum Beispiel Zunftzepter, Zunftstab und Zunftlade. Über deren Gebrauch in der Zunft der Drechsler kann man in [1] Spannagels "Drechslerwerk" nachlesen (S.194ff, Reprintausgabe 1981).

"Das ist ja der Hammer": auch für Drechsler

Die Umgangssprache drückt mit dem Ausdruck "Das ist ja der Hammer" die Überraschung über eine angenehme oder unangenehme Begebenheit aus. Hier ist etwas anderes damit gemeint. In dem englischen Drechselmagazin "Woodturning" findet sich in Heft 90 vom August 2000 ein Bericht in der Rubrik "Your turn" von Henk Wolf aus Vaassen (Niederlande) ein Bericht über Zunfthämmer mit den Abbildungen von Hämmern aus verschiedenen Vereinen, Clubs, Institutionen und dergleichen mehr. Es ist reizvoll und aus drechslerischer Sicht lohnend, diese Hämmer nachzudrechseln und sich dadurch auch zu eigenen Hammerformen inspirieren zu lassen. Der besondere Reiz besteht auch darin, dem insbesondere unter Hobby-Drechslern bevorzugten Einerlei des Schalendrechselns eine sinnvolle Alternative entgegen zu setzen.

Galerie der Hämmer

Kurzbeschreibung

Obere Reihe (von links nach rechts):
Hammer für einen Imker-Verein, für einen Schachclub, für eine Investment Gesellschaft, für einen Rasentennis Club, einen Logenhammer für Meister, einen Auktionshammer und den von Fritz Spannagel im Drechslerwerk abgebildeten Hammer der Drechslerzunft.
Untere Reihe (auch von links nach rechts):
Hammer für einen Motorrad Club, den "Victory-" oder "Lord-Nelson-Hammer"(Genaueres dazu bei der Einzeldarstellung), den Hammer für eine Billard -Gesellschaft, die erste Fassung eines Hammers für das Deutsche Drechslerforum, den Hammer für einen Geschichts-Verein, den Hammer für das Deutsche Drechsler-Forum, 2. Fassung.

Einzeldarstellungen

Der Hammerkopf dieses Hammers für einen Imker-Verein ist einem Honiglöffel nachgebildet. Wegen der Ähnlichkeit zur Farbe von Honig bietet sich dazu Birnenholz als geeignet an. Oberflächenfinish bei allen Hämmern: Danish Oil.

 

Dieser Hammer für einen Schach-Club, wird auch ‹Sieben Bauern-Hammer› genannt. Dreht man den Hammer mit dem Kopf nach unten,so erkennt man, dass der Hammerstiel aus sieben übereinander gesetzten Bauernfiguren eines Schachspiels zusammengesetzt ist.

 

Gedrechselt wurde er aus einem Stück Rüster, das als edles Holz die Einzigartigkeit des ‹Königlichen Spiels› unterstreicht.

 

Dieser Hammer für einen Investment-Club trägt als Kopf das Euro Symbol. Ein Investment Club ist eine Vereinigung von privaten Anlegern mit dem Ziel der gemeinsamen Geldanlage. Das Euro Zeichen als Hammerkopf symbolisiert die Zielsetzung dieses Clubs: einen bestimmten Umgang mit Geld. Die Wahl von Schlangenholz für den Hammerkopf erfolgte mit Bedacht im Hinblick auf die Symbolik der Schlange in Bezug auf den Umgang mit Geld. Die Schlange steht für: "Weisheit; Macht; List; Heimtücke; Verschlagenheit; Finsternis; das Böse; die Verdorbenheit und der Versucher!" (zit. aus [2] "illustriertes Lexikon der traditionellen Symbole" )
Der Stiel ist aus Pflaumenholz. Auch die Pflaume ist symbolträchtig: ihre Frucht bedeutet Unabhängigkeit bzw. hinreichendes Auskommen; gewiss wünschenswerte Ziele für einen Investment-Club!

 

Hammer für einen Rasentennis-Verein. Das Holz des Stiels im oberen Abschnitt ist Coyote. Dieser Abschnitt des Hammers zeigt eine Seitenansicht des Rahmens der Schlagfläche mit zwei Bällen aus Birkenholz. Der untere Abschnitt ist ebenfalls aus Birke und stellt den Schlägergriff dar. Stielspitze und Griffende sind Ebenholz. Die Länge des Hammers entspricht allerdings nicht der Originallänge eines Tennisschlägers zwischen 68,6 und 71,7 cm.

 

Dieser Logenhammer für Meister wird in dieser Form von der Fa. Wenderoth GmbH, Berlin, Couleurartikel, Gravuren, Freimaurerartikel angeboten. Die hier vorgestellte Ausfertigung ist mit eigener Holzauswahl und Holzgestaltung ausgeführt. Bahnen, Stielhäubchen und untere Griffhälfte sind aus Amarant. Das Zierfeld im Haus, die Kugeln am Stielende und die Zierstreifen im Stiel sind aus Paduk. Die restlichen Teile sind aus Pflaumenholz. Die Holzauswahl wurde unter dem Gesichtspunkt getroffen, dem Gesamtausdruck des Hammers als Gebrauchsgegenstand in einer Loge ein festlich-geheimnisvolles Gepräge zu geben.

 

Als Formvorlage für diesen Richter- oder Auktionshammer diente der Sitzungshammer der ‹Oberalten› in Hamburg. Das Kollegium der Oberalten besteht aus den jeweils drei ältesten Gemeindemitgliedern der 5 Hamburger Hauptkirchen. Dieser Sitzungshammer von 1843 ist aus Silber und kommt auch heute noch während der Sitzungen zum Einsatz. Wegen der unterschiedlichen Stabilität von Holz und Metall bei geringen Durchmessern, fällt der Holzhammer hier derber aus als das grazilere Original. Als Holz ist Eibe mit einer Schellackpolitur gewählt. Das verleiht dem Hammer einen edlen Charakter.

 

Das ist der nachgearbeitete Hammer für eine Drechslerzunft, wie ihn Spannagel im "Drechselwerk" auf Seite 196 dargestellt hat. Das Holz ist Esche. Auffällig ist die Schlichtheit des Hammers.

 

 

Der Hammer für einen Motorrad-Club zeigt ein Rad als Hammerkopf. Der Hammerstiel wirkt wie eine Radachse. Der Hammer ist robust aus Zebranoholz im Stiel und Birke im Hammerkopf gedrechselt. Er deutet an, dass den Motorsport Kraft und unbändiges Mobilitätsstreben kennzeichnen.

 

 

"Lord-Nelson-Hammer" oder "Victory-Hammer".

Im englischen Drechslermagazin ‚Woodturning' No.15, Sept. 2002 findet sich ein Bericht von einem Projekt, das englische Handwerker dafür interessieren sollte, anlässlich der 200-Jahrfeier der Schlacht von Trafalgar, Gegenstände aus Hölzern der ‚Victory', dem Flaggschiff von Lord Nelson herzustellen. Der Drechsler Bill Care beteiligte sich an diesem Projekt und drechselte einen Eichenhammer mit Schlagklotz um, wie er berichtet "nachempfinden zu können, wie es sich möglicherweise in der Offiziersmesse auf der Victory abgespielt haben könnte." Hammer und Klotz sind in Woodturnung abgebildet. Meinen Nachbau zeigen die beiden obigen Fotos. Selbstverständlich ist er aus Eichenholz gedrechselt. Denn für Lord Nelson muss es ein Hammer sein, der Durchsetzungsvermögen und Schlagkraft ausdrückt.

Dieser Hammer für einen Billard-Club zeigt einen Queue, einen Billardstock mit drei Billardkugeln. Um die Farbigkeit der Billardkugel anzudeuten, wurden die Hölzer Nussbaum, Kirsche und Koyote gewählt. Der Hammerstiel besteht im oberen Abschnitt aus Buche, im unteren Abschnitt aus Ebenholz. Auch die Stielkuppe ist aus Ebenholz. Die weiße Stielspitze ist mit Weißlack betont. Insgesamt ist damit das Erscheinungsbild eines Queues dem Original nachgebildet. Nur die Länge eines Billardstockes lässt sich natürlich nicht maßstäblich auf den Hammer übertragen.

 

Formal nimmt der Hammer für einen Geschichtsverein die Form des Balusters auf. Der Baluster ist die niedrige Einzelsäule einer Balustrade. Baluster haben einen stark profilierten Schaft, dessen Mitte meistens bauchig (dicker) ausgeführt ist. In der Möbelkunst dienen Baluster seit der Antike als Tisch- und Stuhlbeine für Repräsentationsmöbel. In der Architektur fanden sie erst in der Renaissance als tragende Elemente von Geländern Verwendung. Der Baluster ist also eine historische Form und gibt in Verbindung mit dem Walnussholz diesem Hammer ein antikes Gepräge, einem Geschichtsverein angemessen.

Hammer für das Deutsche Drechslerforum:

Erste Fassung Zweite Fassung

In der eingangs erwähnten Hämmersammlung aus der englischen Drechslerzeitung Woodturning wird als letztes Exemplar ein Hammer der eigenen Drechslervereinigung des Autors vorgestellt. Das inspirierte mich, dem Administrator des [3] Deutschen Drechslerforums, an dem ich mich eine Weile beteiligt habe, auch einen Zunfthammer zu widmen. Der Hammer sollte repräsentativ sein, die Bedeutung einer solchen überwiegend von Laien, also Hobbydrechslern getragenen Veranstaltung im Internet unterstreichen und das Drechslerforum als solches kennzeichnen können.

Der Hammerkopf ist aus Amarant, der Stiel über und unter den Buchstaben: Birne. Die Buchstaben sind aus Sperrholz gesägt und weiß lackiert. Die Deckplättchen über und unter den Buchstaben sind aus Ebenholz gefertigt. Beim Hammerstiel besteht aus Paduk, Birne, Rosenholz und Rinderknochen. Mit Danish Oil und Schellackpolitur ist die Oberfläche behandelt.

Bei selbstkritischer Betrachtung der ersten Fassung empfand ich die Farbe der Buchstaben als unharmonisch zum ungefassten Holz, die Anordnung der Buchstaben als eine Art Kropf am Hammerstiel und auch den Kopf aus Amarant farblich nicht gut zum Stiel passend. In der zweiten Fassung besteht der Kopf nunmehr aus Birne und Bein. Anstelle der ausgesägten Buchstaben ist eine Art Wappenschild aus Birne getreten, dessen Umriss dem des Buchstabens D gleicht und auf das die aus Furnierholz geschnittenen Buchstaben D, D und F ineinandergeschachtelt aufgeleimt sind. Dieses Schild fügt sich nun gerade und harmonisch in den Stiel ein.

 

Dem geneigten Leser mag sich die Frage aufdrängen, weshalb ich dem Drechslerforum nur "eine Weile" angehört habe. Das ist der Selbstachtung geschuldet. Denn dort wie in vielen Foren werden leider oftmals Meinungen so stillos und aggressiv publiziert, dass sich die Einschätzung "das ist der Hammer" aufdrängt und der Wunsch, eigene Gedanken lieber anderswo frei von Anfeindungen zu veröffentlichen. Für die Möglichkeit dazu ist mir diese Nische in publicationes.de eingeräumt, die ich dankbar nutze.

 

 


LINKS:
[1] Fritz Spannagel " Das Drechslerwerk": per Google-Suche "Spannagel Drechslerwerk" - zurück zu [1] -
[2] J.C. Cooper Das große Lexikon traditioneller Symbole: Goldmann Verlag 2004 - zurück zu [2] -
[3] Internetforum Drechsler-Forum: www.drechsler-forum.de/phpbb/ - zurück zu [3] -


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