Rad der Fortuna von Karl Rüdiger

Drechselkunst erweckt ein uraltes Bild für die Unsicherheit und Wechselhaftigkeit der menschlichen Existenz zu neuem Leben

 

Im mittelalterlichen [1] Codex Buranus, der auch die allbekannten Carmina Burana enthält, findet sich die Abbildung , die die Glücks- beziehungsweise Schicksalsgöttin Fortuna darstellt.
Rad der Fortuna schwarz/weiß
Fortuna wird durch die Größe Ihrer Gestalt als Imperatrix mundi (Gebieterin der Welt) dargestellt. Sie thront in einer quasi als Aura Platz greifenden Nabe in der Radmitte. Auf dem Radkranz sind der Aufstieg, die Inthronisierung und der Fall eines Königs dargestellt. Diesen einzelnen Schicksalsstationen sind Beischriften beigefügt: regnabo = ich werde König sein; regno = ich herrsche, ich regiere; regnávi = ich habe die Krone verloren; sum sine regno = ich habe keine Macht mehr. (lat. regnare = König sein; für das Regieren von Königen gebräuchliches Verb) Mit diesem Herrscherschicksal wird Fortuna als eine Göttin charakterisiert, die die Gaben ihres Füllhorns, gutes wie schlechtes Schicksal, Glück und Unglück, ohne Ansehender Person verteilt.

 

 

 

Carl Orff und die CARMINA BURANA

Die Miniatur des Codex Buranus illustriert gleichsam jene Lieder, die Orff an den Anfang seiner Carmina Burana gesetzt hat.
‹Auf Fortunas Herrscherstuhl saß ich, hoch erhoben. Jetzt stürzte ich vom Gipfel ab, beraubt der Herrlichkeit.›
‹Fortunas Rad es dreht sich um: Ich sinke, werde weniger, den anderen trägt es hinauf: gar zu hoch erhoben sitzt der König auf dem Grat. Er hüte sich vor dem Falle!›

Wo das Glücksrad kreist

So dreht sich das Rad der Fortuna.
Wen es nach oben trägt, dem liegt die Welt zu Füßen - und wer schon oben sitzt, der wird im nächsten Augenblick vom Rad überrollt. Aber das Schicksalsrad dient auch anderen Lebenskreisläufen als Metapher. So zum Beispiel dem Wechsel der Jahreszeiten, dem ewigen "Stirb und Werde" in der Natur und im menschlichen Leben. Dem Erringen der Macht, die Herrschaft selbst und der Fall der Mächtigen im Bereich der Politik. Oder in der Liebe - deren Entstehen und Sterben wir nicht erklären können.

All diese Kreisläufe sind zwar unausweichlich - doch ebenso hoffnungsvoll, denn auf jeden Tod folgt neues Leben; nichts währt ewig, nicht die Macht, nicht der Reichtum, nicht das Glück - aber auch das Leiden nicht. Und dennoch tun die Menschen so, als wüssten sie nichts von dem ständigen Wandel um sich herum.
Das Glücksrad ist aber auch in der Sakralarchitektur gebräuchlich. So kreist es beispielsweise am Münster in Basel.

Begeisterung regt zur drechslerischem Schaffen an

Eine Schallplatte

Orffs Carmina Burana habe ich 1952, dem Jahr meiner Reifeprüfung - so hieß das Abitur damals - zum ersten Mal gehört. Ich fand die Musik so hinreißend, dass ich die entsprechende Schallplatte gekauft habe. Auf dem Cover befand sich die Abbildung der Miniatur aus dem Codex Buranus - das Rad der Fortuna.

Faszinosum

Bis heute hat mich diese Darstellung menschlicher Lebensverläufe nicht mehr losgelassen. Als in einem Drechsler-Forum, an dem ich mich damals beteiligte, eine Hausaufgabe gestellt wurde, etwas mit einer Kugel zu gestalten, sprach mich dieses Unternehmen sehr an und ich fasste den Entschluss, das Rad der Fortuna in Angriff zu nehmen. Diese Arbeit erwies sich als umfangreicher und schwieriger als zunächst angenommen. Hatte ich bisher nur Figuren gedrechselt, die eine Docke zur Grundlage der Gestaltung hatten (Docke= Zylinderform), eine Form, die sich besonders gut für stehende Objekte eignet, so waren bei dem Rad der Fortuna aber vor allem liegende Figuren und Körper mit Verrenkungen gefragt.

 

Variation und Geschenk der Natur

Im mittelalterlichen Original steht die Göttin Fortuna im Mittelpunkt des Rades. Ich wollte jedoch bei der Gestaltung der Aufgabe mehr nach der biblischen Weisheit verfahren: dass alles seine Zeit hat, als der Göttin Fortuna die Ehre zu geben. Stattdessen steht bei mir eine Kugel in der Radmitte. Wie es der Zufall will, zeigt das Maserbild der Kugel den Anschnitt zweier Astverzweigungen, die die Zeiger einer Uhr assoziieren lassen.

 

Und damit ist die Göttin ersetzt durch die "Zeit". Da in der Sakralarchitektur ebenso wie das Rad der Fortuna, auch Uhren in den Kirchenschiffen zu finden sind, die uns an unsere Vergänglichkeit erinnern sollen, so ist gut auf die Göttin zu verzichten, die Aussage selbst, ‹alles hat seine Zeit›, wird dadurch unterstrichen.

Handwerkliche Details

Holzarten

  • Kugel und Speichen: Eibe
  • Radkranz: Rüster
  • Fuß: Robinie
  • Figuren: Birne, Pflaume, Buche und Modelliermasse (Haare)

Größe

  • Aussendurchmesser Radkranz: 320 mm
  • Innendurchmesser Radkranz: 280 mm
  • Breite Radkranz: 50 mm
  • Durchmesser Kugel: 160 mm
  • Speichendurchmesser: 20 mm
  • Höhe Fuß: 66 mm
  • Durchmesser Fuß: Standfläche 110 mm;
    Breiteste Ausladung: 119mm
  • Durchmesser Aushöhlung für das Rad: 90 mm
  • Figuren Höhe/Länge: 80 mm

Oberfläche

  • Wachs

Befestigung der Figuren

  • Leim
  • Drahtdübel Stärke 1,5 mm

 

Stationen der ‹ CONDITIO HUMANA ›

REGNABO - ich werde regieren, ich werde die Macht erlangen, ich werde Einfluss nehmen, ich werde denThron besteigen, ich werde herrschen!
Die drechslerische Herausforderung liegt in der Gestaltung der Bewegung der Figuren. Bisher habe ich immer stehende Figuren gefertigt, die immer aus der Grundform der Docke heraus geformt wurden. Die Figuren hier aber mussten zwei Beine haben, mussten sich krümmen, mussten klettern können. Zu erreichen war das durch Teilung von Körper und Gliedmassen und das
Wieder-Zusammenfügen der Teile in umgekehrter Lage: vorn wird hinten, hinten wird vorn.

REGNO - Ich habe die Macht bekommen, ich regiere, ich habe Einfluss. Oder im übertragenen Sinn: ich habe das Ziel, erreicht. Jetzt bin ich wer. Ich kann mir nun alles leisten! Ich bin ausgestattet mit den Insignien der Macht. Heute heißt das: ich bin gewählt, ich bin bestätigt, jetzt bestimme ich, wo es lang geht!
Ein besonderes gestalterische Problem stellt sich durch den Kreisbogen des Rades beim Stehen und Gehen der Figuren: unterschiedliche Beinlängen und gewölbte Sohlen sind zu bedenken!

 

REGNAVI - ich habe regiert, ich habe Krone und Macht verloren, mein Einfluss ist dahin! Keine Mehrheit- keine Macht. Es ist das ewige ‹ stirb und werde ‹ in der Natur und im menschlichen Leben. Es ist das Erringen der Macht, das Herrschen der Mächtigen und ihr Untergang, dem wir in der Politik begegnen. Es ist aber auch die Bestätigung dafür, dass alles auf dieser Welt seine Zeit hat.

SUM SINE REGNO - alles ist verloren, die Macht, der Einfluss, unters Rad gekommen! So dreht sich das Rad der Fortuna.

"Wer auf das leichte Rad des blinden Glückes traut,
auf seiner Tugend Grund nicht schlechte Türme baut,
die Fürsten dieser Welt der Erde Götter nennet,
wer viel weiß außer sich , sich in sich selbst nicht kennet,
wer sich aufs Zepters Glas, des Thrones Grund-Eis stützt;
der komm und lern allhier, wie der so schwankend sitzt
der auf dem Gipfel steht."

(Casper von Lohenstein, Cleopatra V 1ff.)

 


LINKS:
[1] Erklärung Codex Buranus und Carmina Burana: http://de.wikipedia.org/wiki/Carmina_Burana - zurück zu [1] -


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