Kant-Biografie von Peter Denker

"Nur dass ich ein Mensch sei" von Arnulf Zitelmann

Bucheinband 1996 Bucheinband 2009
Bucheinband 1996 Bucheinband 2009

Als sich in der gymnasialen Oberstufe Ende des vergangenen Jahrzehnts das Fach Philosophie etabliert hatte und zunehmend Interesse fand, fehlte es an für Schüler verständlichem Schrifttum über Kant. Diesen Mangel hat [1] Arnulf Zitelmann mit seiner Erzählung über Kants Leben und philosophisches Schaffen mit dem Taschenbuch behoben, das bei Beltz & Gelberg 1996 erschienen ist. Im Jahr 2009 hat der Verlag das Buch - ein wenig gekürzt und überarbeitet - in ansprechender Aufmachung erneut herausgebracht.

Arnulf Zitelmann und andere Biografen Kants

Mit seiner Biografie schließt der Autor eine Lücke, die beispielsweise Steffen Dietzsch (2003) und andere Biografen gelassen haben, die über Kant erst von dessen Studien an berichten. Wie Ernst Cassirer (1917) betrachtet Zitelmann Kants "Leben und Werk" im Zusammenhang. Zitelmann teilt nicht Heinrich Heines und Friedrich Nietzsches Ablehnung von Kant als Person und er widerlegt die Auffassung Gernot Böhmes (1986), Kant sei ein Autist gewesen. Redlichkeit ist Zitelmann Verpflichtung. Dafür recherchiert er gründlich und kritisch.

Kants Jugend

Zitelmann hat ein deutliches Bild über der Einflüsse einfühlsam nachgezeichnet, die auf den jungen Kant einwirkten. Dazu gehört vor allem die pietistisch fromme Erziehung des Elternhauses. Seiner jung verstorbenen Mutter Anna Regina verdankt Kant auch Impulse zum begrifflichen Denken. Seine Grundeinstellungen wurden darüber hinaus durch die Schule und die geistigen Strömungen seiner Zeit geprägt. Vom Elternhaus und von seinen Geschwistern hat sich Kant schon in jungen Jahren distanziert, die Schule hat er als Freiheitsberaubung ("Jungendsklaverei") durch nicht begeisterungsfähige, inkompetente Lehrer erlebt und durchlitten. Danach musste für Kant Freiheit das höchste Gut werden. Selbständiges Denken ("Mündigkeit") ist dazu unabdingbar, "Aufklärung" also angesagt.

Kant, als Kind seiner Zeit - und seiner Zeit voraus

Kant war aber nicht nur Idealist und Denker, er war auch ein Kind seiner Zeit, modebewusst und eitel, ein geselliger Genießer, Kartenspieler und Tabakfreund. Bevor er als Dozent an der Universität Albertina Anstellung fand, verdiente er als Hauslehrer, Hilfsbibliothekar und Journalist seinen Lebensunterhalt. Schon in einer seiner frühen Veröffentlichungen ("Allgemeine Naturgeschichte und Theorie des Himmels", 1755) entwickelt er Vorstellungen über Raum und Zeit (Kant-Laplace-Kosmogonie), deren Weitsicht die moderne Naturwissenschaft rückblickend belegt. Und glücklich wäre Kant gewesen, seine später dargestellten Vorstellungen über die Evolution (in der "Kritik der reinen Vernunft", 1781/87) von Darwin konkretisiert zu finden.

"Nur dass ich ein Mensch sei" informiert über Kants geistige Heimat

Er entfernte sich aus dem Umkreis von Königsberg nie weit, pflegte wenige aber intensive Freundschaften z.B. mit dem Politiker und Aufklärer Theodor Gottlieb Hippel und dem übertrieben auf Pünktlichkeit bedachten Engländer Josef Green. Er bewunderte Newton und korrespondierte mit bedeutenden Zeitgenossen wie z.B. Moses Mendelssohn. Kant begeisterte sich für Rousseau, die französische Revolution, die Erklärung der Freiheitsrechte und die Unabhängigkeit der USA. Die Professoren an der Universität Albertina neideten Kant die Begeisterung seiner Studenten und später seinen Ruhm.

Kants Lebensführung

Wie viele seiner Zeitgenossen blieb Kant unverheiratet. Er merkte dazu an: "Da ich eine Frau brauchen konnte, konnt' ich keine ernähren - und da ich eine ernähren konnte, konnt' ich keine mehr brauchen." Nachdem Kant sich ein eigenes Haus leisten konnte, stellte er auch einen Diener ein. Der durfte in seinem Hause wohnen, ohne aber in den Genuss der von seinem Herrn gepriesenen Freiheitsrechte zu gelangen; denn Kant interessierte sich für ihn als Menschen nur wenig.

Kants Werke schülerverständlich in "Nur dass ich ein Mensch sei"

Kant hat seine umfangreichen Werke über Erkenntnistheorie ("Was kann ich wissen?"), Ethik ("Was kann ich tun?"), Religionsphilosophie ("Was kann ich hoffen?") und Anthropologie ("Was ist der Mensch?") erst mit 57 Jahren zu schreiben begonnen. Die Genialität des Philosophen verdeutlicht Zitelmann, indem er es schafft, die wesentlichen Aussagen der grundlegenden und bahnbrechenden philosophischen Werke Kants schülergerecht verständlich zu machen. Beispielsweise vergleicht Zitelmann die Erkenntniskategorien (in der "Kritik der reinen Vernunft") mit "Operatoren, die auf virtuelle Datenströme wirken". Und er informiert den Leser über manche Einzelheiten in Kants Philosophie sehr detailliert, so durch Erläuterung der 3 Formen des "Kategorischen Imperativs": Aspekte der allgemeinen Gesetzgebung, des allgemeinen Naturgesetzes und der persönlichen Wertschätzung. Immer wieder regt er den Leser zum Nachdenken an. Als Beleg dafür mag gelten, dass er die Frage nach der Maxime des Handelns von Janusz Korczak aufwirft, der mit seinen Zöglingen ohne Not gemeinsam in den Tod ging.

Zitelmanns Intentionen

Zitelmanns Kantbiografie überzeugt sowohl durch die eingängige Schilderung von Kants Leben und Philosophie als auch deren Bezug zu Denk- und Verhaltensweisen, Kultur und Politik seiner Zeit. Deren die Zeiten überdauernde Bedeutung verdeutlicht er, indem er auch Bezüge zur Gegenwart herstellt. Sein Buch zeichnet auch seinen Autor als kompetenten Philosophen und Lehrer des Philosophierens und als einen Schriftsteller aus, dessen Anliegen es ist, den Menschen Anregungen zum Nachdenken in möglichst einfacher, einprägsamer Sprache zu vermitteln. Es ist ansprechend und anspruchsvoll geschrieben. Es gehört in jede Schulbibliothek. Nicht nur Oberstufenschülern, sondern jedem an Philosophie interessierten Leser empfiehlt sich die Lektüre: Es ist unbedingt lesenswert, sogar mehrfach!


Bibliografie:
Arnulf Zitelmann: "Nur dass ich ein Mensch sei" Die Lebensgeschichte des Immanuel Kant.
Verlag Beltz & Gelberg, überarbeitete Auflage, Weinheim 2009, ISBN 9783407810519, Gebunden, 255 Seiten. Euro 18,00.


LINK:
[1] Portrait Armulf Zitelmann: www.publicationes.de/sprache/portraits/57-arnulf-zitelmann.html - zurück zu [1] -


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