Tobits Pilgerreise von Peter Denker

"Ich, Tobit, erzähle diese Geschichte" von Arnulf Zitelmann - Rezension

 

Einband

Einband des Buches, Bild von Peter Knorr, Repro von Peter Denker

Die meisten Christen haben von der Jeus-Zeit nur Vorstellungen, wie sie die Evangelien vermitteln. Deren Fokus liegt natürlich auf der Person und dem Wirken von Jesus Christus. Über das Denken und Leben der Menschen seiner Zeit aber findet man darin nur Spuren. Um zu begreifen, wie revolutionär das Auftreten von Jesus damals gewirkt hat, bedarf es einer Zeitreise. Die lässt [1] Arnulf Zitelmann in seinem "Roman aus der Jesus-Zeit" den jungen Tobit aus Alexandria mit einer Pilgerreise nach Jerusalem unternehmen. Faszinierend, welche Sicht auf die damalige Zeit, die Juden in und außerhalb Israels, die Römer und die Griechen dessen Erzählung lebendig vergegenwärtigt.

Tobit

Er ist ein gebildeter, griechischer Jude aus wohlhabendem Elternhaus. Seine Eltern besaßen, in der Wirtschafts- und Wissenschaftsmetropole Alexandria ein Handelsgeschäft, dessen Führung sie Tobit schon in jungen Jahren anvertraut hatten. Tobits Weltanschauung ist durch seinen Lehrer Philon geprägt, einen Bibelwissenschaftler, der die jüdische Überlieferung aus dem Blickwinkel platonischer Philosophie anschaut: "Das Reich Gottes findet Philon nicht draußen, sondern inwendig drinnen." Wie er ist auch Tobit den "gemäßigten" Juden zuzurechnen, deren Mehrzahl außerhalb Israels leben. Diese Grundeinstellung motiviert Tobit einerseits, eine Pilgerreise in das religiöse Zentrum Jerusalem zu unternehmen, die er auch mit geschäftlichen Absichten verbindet. Andererseits betrachtet er Formen von Frömmigkeit der "strengen" Juden mit Verwunderung und kritischer Distanz. Diese Disposition ermöglicht es, dass die Begegnung mit Jesus sein Leben grundlegend verändert. Seine Pilgerreise ist von Anfang an spannend und erlebnisreich. Sie gibt einen authentischen Einblick in das jüdische Leben jener Zeit und nimmt ein unerwartetes Ende. Wer die Jesus-Zeit näher kennen lernen möchte, sollte sich dieser literarischen Pilgerreise anschließen!

Motiv und Route der Pilgerreise

Für seine Pilgerfahrt nach Jerusalem hat Tobit mehrere gute Gründe: Als Jude beweist damit dem Höchsten und sich die Ernsthaftigkeit seines Glaubens. Und er verspricht sich davon, Nahrung für seine Seele. Außerdem verbindet er mit der Reise handfeste Vorteile für sein Unternehmen, indem er bestehende Kontakte pflegen und neue Handelskontakte knüpfen möchte. Mit dem Autor kann der Leser ihn auf seiner Pilgerreise von Alexandria nach Caesarea, Nazareth, Sepphoris, Magdala, Genezareth, Kapernaum, Tiberias, Jericho, Jerusalem und zurück über den Hafen von Joppe nach Alexandria begleiten.

Israel ersehnt seine Befreiung

Tobit erlebt, dass die Juden die Vorherrschaft der Römer über Israel sehr unterschiedlich bewerten: Zum Teil sehen sie Rom als Schutzmacht an, die Ordnung und Fortschritt gewährleistet, zum andern Teil als Besatzung, die Israel beherrscht und unterdrückt, ja sich sogar daran vergeht. Skandalös kommt es ihm vor, dass auf dem Tempelberg in Jerusalem Tag für Tag ein Stier und zwei Lämmer zu Ehren und Wohl des römischen Kaiser geopfert werden, der sich in Rom bekanntlich als Gott verehren lässt. Überall bestimmen die Römer das Alltagsgeschehen, um daran zu verdienen. Wer sich mit ihnen arrangiert, hat davon Vorteile, wer nicht das Nachsehen. Einig ist man sich darin, sich Israel frei von Fremdbestimmung zu wünschen. Aber es gibt - damals wie heute - viele Gruppierungen mit ganz unterschiedlichen Interessen: Räuberisch-Kriminelle, Fortschrittliche und Erzkonservative. Manche hoffen auf einen durch die Propheten verheißenen Messias als Befreier. Und Tobit träumt angesichts einer verheißungsvollen Geschäftsidee mit "schwarzem Gold" eine Weile von unermesslichem Reichtum, mit dem er Israel den Römern abkaufen möchte.

Facetten jüdischer Frömmigkeit

Tobit muss erkennen, dass die Juden in Ägypten von "rechtgläubigen" Juden in Israel mitleidig belächelt werden, weil sie beispielsweise die Reinheitsgebote weniger strikt anerkennen und befolgen. Gleichwohl wird ihm als Mann gleichen Glaubens und als Sohn eines geachteten Vaters die liebenswürdigste Gastfreundschaft zuteil. Er wundert sich aber über viele, ihm fremde Ausprägungen dieses Glaubens wie z.B. über die Vielzahl der Gebetsanlässe und über manche rituellen Handlungen, deren Sinn sich ihm nicht erschließt. Beispielsweise trifft er auf Chaverim, besonders überzeugte Juden, die einander im Eifer dafür übertreffen möchten, alle nur erdenklichen Regeln zu ersinnen, die das "Reinsein vor dem Höchsten" gewährleisten müssten. So stellen sie zum Beispiel in Frage, ob ein durch Einschluss eines Insekts besonders kostbarer Bernstein nicht eben deswegen unrein und "ein Ekel" sei. Tobit ist fassungslos. Mit Abscheu und Entsetzen aber nimmt er die blutigen Opferhandlungen auf dem Tempelberg wahr, die mit seinen Vorstellungen von "Reinsein vor dem Höchsten" unvereinbar erscheinen. So deutlich lässt der Autor Tobit diese Eindrücke beschreiben, dass man seinen Mut dazu bewundern kann; denn mit Vorwürfen gegenüber kritischen Äußerungen gegenüber dem Judentum ist man ja hierzulande schnell bei der Hand.

Das Schlüsselerlebnis für Tobit

Tobit begibt sich mit einer als Beule sichtbaren Erkrankung an seinem Handgelenk auf die Reise, von deren Gutartigkeit er sich durch priesterliche Begutachtung in Jerusalem vergewissern möchte. Die bange Frage, ob es sich um Aussatz handelt, beunruhigt ihn selbst, aber auch seine strenggläubigen Gastgeber. Eine beinahe zufällige Begegnung am Bethaus in Kapernaum, eine Berührung und ein Augenblick markieren den Wendepunkt in Tobits Leben. So wie Jesus hat ihn noch nie jemand zuvor angeblickt. "Danach war nichts mehr wie vorher." Tobit "sieht sich in seinen Augen", erlebt sich ihm gegenüberstehend "in einer anderen Welt". Am nächsten Morgen merkt Tobit, dass seine Hand wieder gesund ist. Eine Last ist ihm von der Seele genommen. Sein Entschluss reift, Jesus wiederzusehen und ihn mit dessen Anhängern zu begleiten.

Tobit sucht und begleitet Jesus

Nach seinem Schlüsselerlebnis sucht Tobit die Nähe von Jesus und seiner ständigen Begleiter, erlebt, wie Jesus "die Herzen seiner Hörer erreicht, weil er selbst mit dem Herzen dabei" ist. Er wird Ohrenzeuge der Gleichnisse vom verlorenen Sohn und vom barmherzigen Samariter und Augenzeuge der Ereignisse vom Einzug in Jerusalem an. Besonders anrührend liest sich die Erzählung vom Abendmahl im Coenaculum mit Einsetzungsworten, deren Formulierung ihren Sinn neu entdecken lässt. Tobit begleitet Jesus und die Jünger bis zur Verleugnung des Petrus. Davon innerlich aufgewühlt reist Tobit am frühen Karfreitagmorgen Hals über Kopf aus Jerusalem ab und kehrt auf schnellstem Wege nach Alexandria zurück, wo er seine Erlebnisse aufschreibt. Seine Schilderung zeichnet die Seelenhaftigkeit und Überzeugungskraft, die Jesus ausstrahlt, einfühlsam und authentisch nach. Indem ihm schreibend bewusst wird, welche Empfehlung Jesus ihm ganz persönlich gegeben hat, gewinnt er auch die Kraft, sie anzunehmen und seinem Leben eine unerwartete Wendung zu geben.

Der Schriftsteller und sein Jesus-Roman

Das ansprechend aufgemachte Buch nimmt man gern in die Hand. Es ist ein Buch, das sich besonders in der Passionszeit und [2] Karwoche als Lektüre empfiehlt, weil es konkret miterlebbar macht, in welchem Land und mit welchen Menschen Jesus gelebt und gewirkt hat. Dem Anspruch, davon ein authentisches Bild nachzuzeichnen, wird Zitelmanns Roman aus der Jesus-Zeit überzeugend gerecht, indem er auf sorgfältigster Recherche beruht. Was man über das damalige Palästina, die Machthaber, den Handel und Wandel der konservativen und der weltoffenen Juden und über die Römer als Schutz- und Besatzungsmacht erfährt, ist lehrreich und spannend. Die Herzen seiner Leser erreicht dieser Roman durch die Identifikationsfigur des alexandrinischen Juden Tobit, der den "Reichen Jüngling" im Evangelium (z.B. Mk. 10,17-27) verkörpert. Dessen von Platon, Sokrates, Philon geprägtes Denken eröffnet eine ungewohnte und faszinierende Perspektive auf die Jesus-Zeit. Sein spannendes Buch ist eine gelungene "Mischung aus Sach- und Jugendbuch, von Roman und Geschichtsbuch, aus Exegese und Phantasie" - so der Theologe Walter Dietrich, der dem Buch wünscht, dass es auch im Religionsunterricht namentlich der Oberstufe als hilfreiches Unterrichtsmittel Verwendung finden möge.


Bibliografie:
Arnulf Zitelmann: "Ich, Tobit, erzähle diese Geschichte" - Ein Roman aus der Jesus-Zeit.
Verlag Sauerländer im Patmos-Verlag, Düsseldorf 2009, ISBN 978-3-7941-8093-3, Gebunden, 229 Seiten. Euro 14,90.


LINKS:
[1] Portrait des Schriftstellers Arnulf Zitelmann: www.publicationes.de/sprache/portraits/57-arnulf-zitelmann.html - zurück zu [1] -
[2] Kernessay einer Aufsatzserie zur Karwoche: www.publicationes.de/wissen/christliche-oekumene/89-karwoche.html - zurück zu [2] -


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