Erfinder und Finderin von Peter Denker

Über einen sensationellen Eiszeit-Fund und einen frappierend wirklichkeitsnahen Eiszeit-Roman

 

Im September 2008 fand ein Archäologenteam unter Leitung von Professor Nicholas J. Conard von der Uni Tübingen die etwa 35 000 Jahre alte [1] Mammut-Elfenbein-Figur eines weiblichen Körpers, die danach als "Venus vom Hohle Fels" bekannt wurde. Seit kurzem ist diese Figur mit anderen Funden aus der Eiszeit in [2] Stuttgart ausgestellt. Fundort dieses wohl ältesten Zeugnisses figürlicher Darstellung des Menschen ist eine Höhle der schwäbischen Alb in der Nähe von Blaubeuren mit dem Namen [3] ‚Hohle Fels'.

Ahnungsvolle Lesung am Fundort

Arnulf Zitelmann (stehend) im 'Hohle Fels',
Dia von Otto Weber, Repro von Peter Denker

Fast genau zwanzig Jahre zuvor, im August 1988, fand in dieser Höhle eine Autorenlesung statt: In dem Eiszeit-Roman "Bis zum 13. Mond" findet Qila, die Hauptperson des Romans von [4] Arnulf Zitelmann, eine kleine Mutterfrau-Figur, die eine frappante Ähnlichkeit mit dem sensationellen Fund des Jahres 2008 aufweist.

Beziehungsreicher Eiszeit-Roman

Der Autor lässt Qila berichten, wo sie ihre Mutterfrau-Figur in der Nähe von Blaubeuren gefunden hat: Sie stammt "aus einer Höhle am Ausgang vom Tal. Diese Höhle unter dem breiten Felsdach ist besonders schön. Sie hat im Inneren runde weiche Formen und öffnet sich nach ein paar Schritten zu einem hohen, gewölbten Raum." Qilas Schilderung verweist auf den aktuellen Fundort der "Venus vom Hohle Fels" südlich von Blaubeuren.

Abb. <b>Qila</b> - Einband-Bild von <i>Peter Knorr</i> aus dem Besitz des Autors, Foto: <i>Peter Denker</i>

Abb. Qila - Einband-Bild von Peter Knorr aus dem Besitz des Autors,
Foto: Peter Denker

Einfühlsam lässt der Autor Qila ihren Fund beschreiben: "Ich grub nach scharfen Steinen im Boden, und da lag sie. Ich glaube sie hat darauf gewartet, dass jemand sie sieht, denn sie war schon fast bis an die Oberfläche gestiegen. .. Die kleine Figur ist ein Geschenk der Erdmutter an mich, und ich würde sie um nichts hergeben." - Mag es [5] Aleksandra Mistireki, der Archäologin aus Conards Team, die diese Figur im Jahr 2008 tatsächlich fand, ähnlich zumute gewesen sein?

Gemeinsamkeiten der Figuren

Frappierend sind die Eigenschaften der Figur, die Qila so beschreibt: "Die Erdmutter steht auf zwei Beinen .., sie ist schön in der Hand zu halten, denn ihre Haut ist glatt und ihre Gestalt überall rund und dick, am Gesäß wie am Bauch, und die Brüste hängen ihr fast bis an den Nabel. Ein richtiges Gesicht hat sie nicht .." - "Ich habe sie in der Erde gefunden, im vorigen Winter. Seitdem trage ich sie bei mir. Sie ist aus dunklem Elfenbein, und ich mag ihre glatte Haut. Wenn du sie anfasst, spürst du, wie schön rundlich sie überall ist."

Ein kleiner Unterschied

Bis auf den Kopf, von dem Qila sagt "ein richtiges Gesicht hat sie nicht, aber oben auf dem Kopf erkennt man schön gescheiteltes Haar" und an dessen Stelle sich bei der 2008 gefundenen Venus-Figur eine Öse befindet, stimmt die Beschreibung von Qilas Erdmutter-Figur mit den Eigenschaften der im Jahr 2008 gefundenen Figur erstaunlich überein.

Das Motiv des Autors

Im Nachwort zu seinem Eiszeit-Roman erklärt Arnulf Zitelmann das Motiv für die Abfassung seines Romans: Lange Zeit, bis in die Gegenwart hinein, hat sich das Vorurteil von Steinzeitmenschen im Adjektiv "steinzeitlich" als Scheltwort im Sinne von "primitiv" gehalten . Damit tut man den Menschen der Frühzeit als kulturlosen, keulenschwingenden Urahn des neuzeitlichen Menschen verächtlich ab. Solche Vorstellungen aber widerlegen die wissenschaftlichen Erkenntnisse über den Eiszeitjäger - den 'Cromagnon-Menschen' -, dessen Artgenossen auch auf der schwäbischen Alb gelebt haben, gründlich! Indem wissenschaftliche Erkenntnisse sich insbesondere jungen Menschen nicht ohne Weiteres erschließen, soll seine Romanhandlung die ferne Zeit authentisch vergegenwärtigen.

Hinweise auf die Eiszeitkultur

Auch ein beispielsweise kurz vor der Entstehung seines Romans im ‚Geißenklösterle' nahe Blaubeuren gefundenes, rechteckiges Elfenbeinplättchen namens [6] "Adorant" mit eingeschnitztem Miniaturbild eines Menschen, der seine Arme wie zum Gebet empor streckt, und mit schriftähnlichen Zeichen auf der Rückseite gibt Anlass, über die Fähigkeiten der Menschen jener Zeit zu staunen. Sie haben nicht nur kunstvolle Gestaltungs- und Fertigungstechniken beherrscht, sondern vermutlich schon einen Mondkalender zur Zeiteinteilung entwickelt und benutzt. Figuren fülliger Frauen können als Fruchtbarkeitssymbole verstanden werden und als Hinweis auf einen religiösen Fruchtbarkeitskult gelten. Auch Flöten, die man gefunden hat, belegen nicht nur das handwerkliche und gestalterische Geschick bei ihrer Herstellung. Sie lassen darüber hinaus den sicheren Rückschluss zu, dass die Menschen jener Zeit bereits [7] musiziert haben. Beides legt nahe, dass den Eiszeitmenschen schon eine hoch entwickelte Intelligenz und ein ausgeprägtes Gefühls- und Seelenleben eigen gewesen sein müssen. Sie waren unsere Vorfahren! Ihre bewundernswerte Kultur will Arnulf Zitelmann in seinem Qila-Buch "Bis zum 13. Mond" wirklichkeitsnah lebendig werden lassen.

Ein Kunstgriff zur Verlebendigung der Vergangenheit

Indem Zeitzeugnisse über die näheren Lebensumstände der Eiszeitmenschen fehlen, hat Arnulf Zitelmann in seinem Roman nicht nur den Fundstücken Bedeutung zugewiesen, sondern durch einen Kunstgriff auch Lebensumstände und Bräuche der Menschen jener Zeit verlebendigt. Dazu hat er sich über ein Naturvolk, das jetzt noch unter ähnlichen geologischen und klimatologischen Umständen lebt, kundig gemacht, nämlich die Eskimos. Ihrem Kulturkreis hat er die Namen und Gebräuche seines Romans entlehnt.

So ist ein Roman entstanden, der spannend und anmutig zu lesen ist. Er leistet darüber hinaus einen wichtigen Beitrag, die bewundernswerte Frühkultur der prähistorischen Eiszeitjäger ins rechte Licht zu rücken.

Frappierender Beziehungsreichtum

Der jüngste Fund des Archäologenteams um Professor Nicholas J. Conard fügt sich in den Absichtsrahmen dieses Romans präzise ein. Denn darin ist eine fast identische Figur beschrieben, deren angenommener Fundort sogar mit dem tatsächlichen Fundort der jetzt ausgestellten "Venus vom Hohle Fels" übereinstimmt. Frappierend, wenn nicht gar sensationell ist, dass Arnulf Zitelmann diesen Fund für genau jenen Ort schon 23 Jahre zuvor genau beschrieben hat. Wer so gut wie er recherchiert, erreicht ganz offenkundig eine Vorstellungskraft, die sich an der Realität selbst messen lässt. So können sich die Archäologin Aleksandra Mistireki als Finderin und der Autor Arnulf Zitelmann als Erfinder der kleinen Mutterfrau-Figur die Freude darüber teilen.

Arnulf Zitelmann vor der Eiszeit-Ausstellung in Stuttgart,
Foto: Peter Denker

Bibliographie:

Arnulf Zitelmann: "Bis zum 13. Mond" - Eine Geschichte aus der Eiszeit. Verlag Beltz & Gelberg, Weinheim 1986, 2003 ISBN 3-407-78557-7 (Gulliver Taschenbuch 557), Paperback, Euro 7,90.


LINKS:
[1] Die kulturhistorische Einordnung des Fundes durch Professor Nicholas J. Conard und eine Abbildung der Figur "Venus vom Hohle Fels" finden sich z.B. auf der Webseite der Stadt Blaubeuren: http://www.stadt-blaubeuren.de/ceasy/modules/cms/main.php5?cPageId=230&view=publish&item=article&id=47 . - zurück zu [1] -
[2] Die Ausstellung "Eiszeit - Kunst und Kultur" läuft bis zum 10. Januar 2010 im Kunstgebäude am Schlossplatz in Stuttgart. Nähere Informationen dazu auf der Webseite des Veranstalters: http://www.eiszeit-2009.de . - zurück zu [2] -
[3] Eine Beschreibung und ein Foto des Eingangs zur Höhle "Hohle Fels" findet sich z.B. auf der Webseite Eiszeitkunst: http://www.eiszeitkunst.de/anfaenge_der_kunst/fels.php - zurück zu [3] -
[4] Arbeitsweise und Schaffen des preisgekrönten Jugendbuchautors Arnulf Zitelmann beschreibt der Artikel von Peter Denker: www.publicationes.de/sprache/portraits/57-arnulf-zitelmann.html - zurück zu [4] -
[5] Über die Finderin Aleksandra Mistireki der "Venus vom Hohle Fels" berichtet z.B. Lorenz Honegger mit Fotos vom Fundort und von der Finderin auf der Webseite BLICK.ch: www.blick.ch/life/wissen/ich-fand-die-steinzeit-venus-119319 - zurück zu [5] -
[6] Über den "Adorant"-Fund informiert z.B. die Webseite Eiszeitkunst: www.eiszeitkunst.de/anfaenge_der_kunst/geissen/adorant.php - zurück zu [6] -
[7] Vom Fund mehrerer Flöten in der Höhle "Hohle Fels" und deren kulturhistorischer Bedeutung handelt der Artikel von Prof. Nicholas J. Conard auf einer Webseite der Universität Tübingen: www.uni-tuebingen.de/aktuell/newsfullview-aktuell/article/frueheste-musiktradition-in-suedwestdeutschland-nachgewiesen.html. - zurück zu [7] -


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