Uneffektive Lehrerversorgung in NRW von Peter Denker

Das Einstellungsverfahren verschlimmert den Lehrermangel

Überall fehlen Lehrer. Der Lehrermangel ist schon schlimm. Noch schlimmer aber ist es um die Lehrerversorgung bestellt: Vorhandene Lehrer finden wegen Mängeln der Verfahrensvorschriften zu "schulscharf" ausgeschriebenen Stellen - in NRW jedenfalls - keine Stelle. Unglaublich?

Schulscharfe Ausschreibungen

Die Schulen in NRW dürfen seit einigen Jahren die ihnen zugebilligten Stellen selbst - daher "schulscharf" - im Internet ausschreiben, auf die sich Lehrkräfte online und schriftlich bewerben können. Die Ausschreibung erfolgt mit Angabe der Fächer, mit denen die Schule unterversorgt ist. Die Schule kann mehrere Fächer und Kriterien dabei festlegen, um genügend viele Bewerbungen zu erzielen. Bewerbern steht es frei, sich an mehreren Schulen zu bewerben.

Die Vorauswahl

Die Schule richtet eine Auswahlkommission entsprechend den behördlichen Vorgaben ein. Sie hat die zulässigen Bewerbungen zur Kenntnis zu nehmen und kann bei einer Vielzahl von Bewerbern eine Vorauswahl treffen, die sich nach der behördlich vorgegebenen Rangfolge ("Ordnungsgruppe") richten muss. Dementsprechend werden die aufgrund dieser Rangfolge qualifiziertesten Bewerber an allen Schulen, für die sie sich beworben haben, zum Auswahlgespräch eingeladen, die übrigen nirgends. Letztere können erst zum Zuge kommen, wenn es keine qualifizierteren mehr gibt oder die Bewerberzahl entsprechend gering ist.

Das Auswahlverfahren

Vor der Bewerberauswahl legt die Auswahlkommission Kriterien für die Auswahlgespräche mit den einzuladenden Bewerbern fest. Beim Auswahlgespräch wird für jeden Bewerber dokumentiert, inwieweit seine Selbstdarstellung diesen Kriterien genügt. Fiele die Wahl dabei auf einen Bewerber, der nicht der besten Ordnungsgruppe angehört, müsste dies besonders eingehend begründet werden. Der von der Auswahlkommission gewählte Bewerber bekommt das Stellenangebot möglichst nach Abschluss der Auswahlgespräche ausgehändigt, sonst zugesandt. Danach hat der Bewerber bis zu 14 Tagen Zeit zu entscheiden, ob er die ihm angebotene Stelle annehmen möchte oder nicht.

Mehrfachbewerbungen und lange Bedenkzeit haben Folgen

Bestqualifizierte Mehrfachbewerber "sammeln" Zusagen von Auswahlkommissionen, ehe sie sich für eine dieser Schulen (oder gar keine) entscheiden. Dazu ermutigt das [1] Versprechen des Schulministeriums : "Die Ablehnung eines Einstellungsangebotes führt zu keiner Sperre." - Auch darüber hinaus ist des Bewerbers individuelles Recht üppig: Seine Bewerbung und seine Teilnahme am Auswahlgespräch gelten als unverbindlich, und 14 Tage Bedenkzeit dazu sind reichlich bemessen. Was für den Bewerber ohne Konsequenzen bleibt, trifft die Schulen, die er ablehnt, hart: Sie haben nur dann die Chance, dem nächstplatzierten Bewerber ein Ersatzangebot zu unterbreiten, wenn der zuvor gewählte sofort absagt. Sonst muss neu ausgeschrieben werden.

Das Besetzungsverfahren ist eine Zumutung

Nicht nur im Hinblick auf die hohe Wahrscheinlichkeit der Vergeblichkeit ist das Besetzungsverfahren eine Zumutung für alle Beteiligten: Viele Bewerber bleiben auf der Strecke, viele Stellen unbesetzt.

Stellenbesetzungsverfahren in NRW lässt Stellen unbesetzt, Grafik von Peter Denker

Stellenbesetzungsverfahren in NRW lässt Stellen unbesetzt - Grafik: Peter Denker

Der Aufwand der meist 5-köpfigen Auswahlkommission ist immens. Nicht nur, dass die Sitzungen zusammen fast einen Tag beanspruchen. Vorher muss jedes Mitglied eine 24-seitige Broschüre über beachtliche Bestimmungen, die Schulleitung zusätzlich ein 27-seitiges Handbuch lesen. Während des Verfahrens ist deren Beachtung und die gerichtsfeste Protokollierung jedes Auswahlgesprächs und aller Entscheidungen gefordert. Darüberhinaus ist bei Fehlerhaftigkeit das Scheitern des Auswahlverfahrens angedroht. Endet das Verfahren erfolglos, war nicht nur die auf das Auswahlverfahren verwendete Mühe nutzlos, sondern die freie Stelle bleibt vakant und der Unterricht fällt weiterhin aus, [2] Schulleiter verzweifeln. Man benötigt nicht viel Phantasie, um sich vorzustellen, was einem Unternehmen der freien Wirtschaft bevor stünde, wenn es seine Personalbewirtschaftung ähnlich organisierte.

Deutungsversuch des bürokratischen Verfahrens

Mittelbehörden unterliegen keiner wirksamen demokratischen Kontrolle. Schon im Namen "Bezirksregierung" drückt sich aus, dass hier nicht eine Verwaltungsdienstleistung erbracht, sondern geherrscht wird. Wirklichkeitsfern und selbstherrlich gibt man den Auswahlkommissionen kleinstschrittige Anweisungen ohne Rücksicht auf die Inanspruchnahme ihrer Zeitressourcen vor, als ob der Kompetenz der zugehörigen Schulleitung nicht zu trauen sei. Wer vor Gericht klagen könnte, dem sollen die Gründe dafür entzogen werden. Schulen als nicht rechtsfähige Anstalten können nicht klagen, unterlegene Bewerber schon. Demnach wird das öffentliche Interesse an der Lehrerversorgung der Schulen dem individuellen Bewerberinteresse nachgeordnet. So jedenfalls scheint es.
Außerdem ist die Erfolgsarmut des bisher praktizierten Verfahrens fiskalisch sehr vorteilhaft: Unbesetzte Stellen kosten nichts. "Wenn alle ausgeschriebenen Stellen besetzt wären, gäbe es für den Vertretungsunterricht gar nicht genügend Mittel", sagte ein bei einer Bezirksregierung für die Lehrerversorgung zuständiger Dezernent lakonisch.

Verbesserungsmöglichkeiten

Es darf nicht angehen, dass die Verfahrensregeln einer Behörde, deren Aufgabe es ist, die Schulen mit Lehrern zu versorgen, das Gegenteil bewirken. Wenn die Absichtserklärungen "selbständige Schule" oder "eigenverantwortliche Schule" und "Verwaltungsvereinfachung" nicht nur Wahlkampfparolen oder Populismus sein sollen, muss die Schule rechtsfähig werden und ihr die legitime Entscheidungsfreiheit über Stellenbesetzungen frei von überzogenen Verfahrenspflichten gegeben werden. Und den Bewerbern, die mit Abgabe ihrer Bewerbung eigentlich schon Ja zu der betreffenden Schule gesagt haben, muss nach Erfolg derselben nicht noch eine mehrtägige Bedenkzeit eingeräumt werden, ob sie wirklich daran festhalten wollen. Die Lehrerversorgung der Schulen ist gegenüber dem individuellen Interesse des einzelnen Bewerbers doch wohl zweifellos das höherwertige Rechtsgut.


LINKS:
[1] extern Allgemeine Hinweise zum Einstellungsverfahren in den Schuldienst des Landes NRW: www.schulministerium.nrw.de/BP/LEOTexte/Hinweise/Allgem__Informationen_LEV.html#A_10 - zurück zu [1] -
[2] Essay Der Schulleiterberuf - immer unattraktiver: www.publicationes.de/gesellschaft/schulpolitik/80-schulleiter-beruf.html - zurück zu [2] -


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