Quotismus von Peter Denker

Wenn Zahlen Argumente verdrängen

Wie finden Sie das:

  • Gute Fernsehreihen werden wegen rückläufiger Einschaltquoten abgesetzt.
  • Frauenförderquoten benachteiligen tüchtige Familienväter.
  • Prozentuale Vorgaben für Bestnoten benachteiligen als hervorragend zu Beurteilende, wenn sie nach Ausschöpfung der Quote beurteilt werden.
  • Klickquoten bestimmen die Tantiemen für Artikel von Internet-Autoren.
  • Der Wert eines Bildungssystems wird an der von ihm produzierten Abiturientenquote gemessen.

 

Na?

Quantität ist kein Maß für Qualität

Der kulturelle Wert einer Produktion oder Leistung lässt sich anhand von Interessebekundungen, Leserzahlen, Ausstellungsbesuchern, Einschaltquoten oder Mausklicks auf Internetangebote nicht bemessen. Und durch Quotierung von Bewertungen wird man den Bewerteten so wenig gerecht wie durch Budgetierung der Lösung unvorhergesehener Probleme oder der Behandlung von übererwarten vielen Kranken. Auch das Bildungssystem ist nicht allein daran zu messen, wieviel Abiturienten es hervorbringt, sondern mindestens so entscheidend sollte deren Qualität sein. Der Blick auf Quoten engt also nicht nur die Wahrnehmung ein, sondern stiftet Unrecht.

"Quotismus" ist Symptom einer Zeitkrankheit

Kultur ist wie ein Nahrungsmittel, das nicht jedermann auf Anhieb schmeckt. Gäbe man allen Kindern immer das zu essen, wonach sie verlangen, würden sie krank. Krank ist unsere Gesellschaft auch deswegen, weil sie sich damit abgefunden hat, dass ihr geboten wird, wonach die breite Masse verlangt. Eine der gesellschaftlichen Krankheiten ist nämlich ihr Konsumverhalten. Und einer der Begleitumstände dieser Krankheit ist das, was mit der Wortschöpfung "Quotismus" umrissen wird: Die Entwertung von Wertvollem durch quantitative statt qualitative Maßstäbe.

Betroffene sind machtlos

Zwar reicht im Rechtsleben ein Kläger, um Unrecht vor Gericht zu bringen. In der Kultur aber reicht die unter den Einschaltquotenfolgen leidende Zahl von Zuschauern nicht, um ein anspruchsvolleres Programmangebot durchzusetzen. Der sich ungerecht minderbeurteilt Fühlende weiß sich nicht schadlos zu wehren. Die Minderheit der Kulturschaffenden fühlt sich verkannt und ungerecht beurteilt. Die Zählquotenfetischisten aber gebärden sich demokratisch: Wer sich mit der Mehrheit auf seiner Seite brüstet, sieht sich als gerechtfertigt an, egal welchen Unfug er damit auch vertreten mag. Und die Vorgabequotisten verweisen auf die Gerechtigkeit, der sie durch wie sie sagen "transparente Vorgaben" vermeintlich die Bahn ebnen. Masse und Klasse aber bleiben trotz solcher Beteuerungen allzu häufig inkompatibel.

Wohlstand lähmt

Gewohnheit, Bequemlichkeit und Trägheit bestimmen verbreitet das menschliche Verhalten. Im Wohlstand ist niemand motiviert, Änderungen zu wünschen; denn sie sind Zumutungen. Erst unter Leidensdruck lebt der Wunsch nach Veränderungen auf. Not lehrt beten, heißt es. Solange man den Quoten ihre Macht lässt, ist der Leidensdruck offenbar nicht verbreitet und nicht heftig genug. Welche Verfallsfolgen muss der Wohlstand erst nach sich ziehen, damit der Ruf nach Erhalt und Neubesinnung auf kulturelle Werte wirksam wird?

Utopie wünscht Verwirklichung

Wenn sich Platon mit seiner Forderung endlich durchsetzen könnte, dass nur Weise (er sagt Philosophen) Politiker sein dürften, wäre das Problem aus der Welt. Denn es wäre sehr weise, die Gefahren des Quotismus für unsern Alltag zu erkennen und zu vermeiden. Und wenn wir als an Demokratie gewöhnte Bürger uns regelmäßig die Frage erlaubten, wo das Abzählen von Stimmen sinnvoll ist und wo nicht, wären wir vielleicht auch ein Stück davor gefeit, dass Demokratie zu Demokratismus entartet. Die große Mehrzahl von Politikern vermittelt den Eindruck, dass ihnen Weisheit und Verantwortung weniger bedeuten als Wählerstimmen. Die Gesellschaft braucht aber in Führungspositionen Verantwortungsträger, die aus Einsicht und mit Weisheit auch unpopuläre Entscheidungen treffen. Zu viele Menschen in Machtpositionen verfolgen und bewahren aber anscheinend vorwiegend ihre eigenen Interessen, wirken machtbesessen. Sie dienen dem Gemeinwohl nicht, selbst wenn sie Minister heißen. Mitleidheischend verweisen sie auf Zwänge und den unausweichlichen Einfluss der politischen Verhältnisse, der Parteien und Interessenverbände und des vorgeblichen Wählerwillens. Sie machen sich verächtlich - und das Volk wahlmüde. Die [1] Hessenwahl 2009 ist dafür ein trauriges Beispiel.

Idee braucht Freiheit

Nicht aufhören zu fragen, was trotzdem geht, ist eine sehr effektive Grundhaltung. Die Bedingungen der Möglichkeit sind flink aufgezählt: Bildung, [2] Bewusstmachung und Erziehung, Legitimation durch Kompetenz und Freistellung von Einflussnahme durch Parteien, Interessenverbände oder Finanzmächtige. Das Amt des Bundespräsidenten gibt uns ein gutes Beispiel: Weise haben die Väter unserer Verfassung ihm geboten, dass seine Parteizugehörigkeit während seiner Amtszeit ruht. Würden alle Regierungsmitglieder und alle Beamten derselben Regel unterworfen, stünde es besser um deren Unabhängigkeit, Sachbezogenheit und Verantwortlichkeit.

Hoffnung auf Einsicht bleibt

Solange Parteimitglieder das zu entscheiden haben, wird den Regierenden und den Beamten diese Freiheit wohl nicht gegeben. Was bleibt, ist die Hoffnung: Möge sich die Einsicht in die Problematik verbreiten und die Bereitschaft möglichst vieler Verantwortungsträger zu uneigennütziger Dienstleistung und zu weisheitsvollen, freien und auch unbequemen Entscheidungen reifen, damit unsere Werte nicht länger dem Wohlstand geopfert werden. Die Einsicht in das Erfordernis ist die notwendige Voraussetzung zu jeglicher Verbesserung. Alle Schulen und alle Bürger sollten es als ihre Aufgabe ansehen, dazu nach Kräften beizutragen.


LINKS:
[1] Essay Die Nichtwähler bei der Hessenwahl 2009: www.publicationes.de/gesellschaft/politik/85-hessenwahl-2009.html - zurück zu [1] -
[2] Essay Bewusstsein schulen: www.publicationes.de/bildung/kompetenzentwicklung/53-bewusstsein-schulen.html - zurück zu [2] -


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