Das Floriansprinzip von Peter Denker

Was Zukunftsprojekte behindert

In Darmstadt bildeten im Februar 2008 Anwohner einer angedachten ICE-Trasse eine Laternen-Lichterkette, um gegen die Trassenführung entlang ihrer Grundstücke zu protestieren.

Lichterketten-Demo, Foto von C. Völker

Lichterketten-Demo, Foto von C. Völker

Es war ein anrührendes Bild, das C. Völker für das Darmstädter Echo fotografiert hat. Die so posierend protestierenden Anwohner hatten nur eins im Sinn, nämlich ihr Anwesen vor Störung und Wertminderung zu schützen. - Verständlich!

Dialog mit einem Demonstranten

"Sind Sie gegen den ICE-Anschluss in Darmstadt?"
- "Wieso? Nein, nur dagegen, dass der ICE hier lang fahren soll."
"Halten Sie den ICE-Halt in Darmstadt für nützlich?"
- "Vermutlich für viele Reisende."
"Welches wäre denn die beste Trassenführung?"
- "Das ist mir egal, solange sie nur mein Anwesen nicht tangiert."
"Können Sie sich eine Trasse vorstellen, die überhaupt kein Anwesen berührt?
- "Das ist doch nicht meine Sache; darum müssen sich die kümmern, die dafür zuständig sind!"
"Können Sie sich den überhaupt eine Trasse zum Hauptbahnhof vorstellen, an der niemand wohnt?"
- "Wir hier sind ja nur gegen die Trasse hier."
"Und was wäre mit den Anrainern einer anderen Trasse?"
- "Wir wären dann jedenfalls zufrieden."
"Und die?"
- "Das wäre deren Problem."

Deutung

Die Motive solcher Haltung ähneln einander. Es können sein:

  • Der Egoismus: "Jeder ist sich selbst der Nächste" oder
  • das Floriansprinzip: "Heiliger Sankt Florian, schütz unser Haus, zünd' and're an" oder
  • der Bärenwunsch: "Wasch mir den Pelz, aber mach mich nicht nass!"
Solche Einstellungen sind weit verbreitet. Viele finden sie "normal". Aber sind sie nicht auch Symptome einer "Zeitkrankheit" ?

Verborgenere Abwehr-Einstellungen

  • Die Umgehungsstraßen-Mentalität ähnelt dem obigen Beispiel aufs Haar:
    Jeder ist für die Umleitung des Schwerverkehrs - aber nur so lange die Straße nicht am eigenen Haus entlang führt.
  • Das Distanzierungsgebaren ist eine sublime Verwandte:
    Ein legitimes Gremium fasst einen Mehrheitsbeschluss. Etliche bei der Abstimmung unterlegenen Mitglieder aber äußern ohne Unrechtsbewusstsein, sie fühlten sich an den Beschluss, den sie ja nicht mit getragen hätten, "nicht gebunden". Oder sie verkünden populistisch: "Sollen die doch die Regeln beachten, die sie beschließen."
  • Weit verbreitet ist die Nichtakzeptanz des guten Rates :
    "Wenn Sie gesund werden wollen, müssen Sie Ihre liebgewordenen Lebensgewohnheiten aufgeben." Oder:
    "Wenn Sie zufriedener leben möchten, müssen Sie nur Ihre Einstellungen und Sichtweisen ändern."
    Bei solchen Beispielen hört man oftmals:
    "Ja, wohin kämen wir denn damit? Da könnte doch jeder kommen! Und überhaupt!"
Offenbar ist es in unserer Zeit sehr schwierig, Entscheidungen zum Konsens und zur Akzeptanz zu bringen, wenn es darum geht, etwas zu verändern: Trägheit und Egoismus behindern alle Veränderungen.

Abhilfe verlangt Umdenken

Wie ist Veränderung trotzdem möglich? Entweder durch Macht oder Einsicht. Weil Macht mit Verlust an Freiheit einhergeht, bleibt nur die Einsicht. Wie also ist Einsicht zu gewinnen? Durch überzeugungsarbeit von vertrauenswürdigen Menschen oder durch Nachdenken. Um welche Einsicht geht es? Nachteile für Einzelne sind dann und nur dann hinzunehmen, wenn ein höherwertiger Vorteil für das Gemeinwohl erkennbar ist und wenn für Nachteile angemessene Entschädigungen vorgesehen werden. Wie aber kann man solche Einsicht gewinnen?

Die "drei Siebe"

Von Sokrates wird erzählt, dass er einem Mann, der ihm aufgeregt eine Neuigkeit erzählen wollte, Einhalt gebot, indem er ihn aufforderte, seine beabsichtigte Aussage durch drei Siebe zu sieben:

  • "Überprüfe zuerst, ob das, was du mir sagen willst, wahr ist.
  • Dann prüfe, ob es denn gut ist, worüber du sprechen willst.
  • Und schließlich prüfe, ob es nötig ist, darüber zu reden."
Ob es wohl ein Politiker war, den Sokrates so belehren wollte?
Mit dieser Anekdote werden auch drei wichtige Schritte für sachgerechte Entscheidungsprozesse deutlich, nämlich Tatsachen-Stimmigkeit, Absichts-Analyse und Güterabwägung.

Kenntnis der Tatsachen

Um zu Einsicht und ausgewogenem Urteil zu gelangen, ist die wichtigste Voraussetzung, klar zu erkennen, worum genau es dabei für die Gesellschaft und worum für den Einzelnen geht. Welche "Wahrheit" verkünden Politiker, Medien, Unternehmer, Betroffene? Was davon betrifft uns alle voraussichtlich wirklich? Nicht die am lautesten schreien, haben Recht. Von wem vermag man zu erkennen, dass sein Eintreten für die Sache eine Dienstleistung für die Allgemeinheit ist? Wer ist glaubwürdig? Und wodurch genau erwirbt er sich seine Glaubwürdigkeit?

Bewertung der Absichten

Um zu beurteilen, ob das Vorhaben gut ist, sollte man die Absichten der Beteiligten kritisch prüfen. Differenzierung tut not: Gut für wen? - Gut für was? - Gut für mich? Was genau empfinde ich als gut oder ungut, was genau stellen andere als gut bzw. ungut dar? Was dient vielen Menschen in Zukunft voraussichtlich mehr als es einigen an Nachteilen zumutet? Könnte ich als Abgeordneter oder Berater befürworten, was mir als Betroffener hinzunehmen schwer fällt?
Und umgekehrt: Womit könnte ich als Betroffener zur Zustimmung dazu gewonnen werden, was ich als Projektplaner oder als Polititker erreichen möchte? - Der gedankliche [1] Wechsel der Perspektive ist eine sehr nützliche Methode, um Bewertungsalternativen zu erkennen. Sie beschert häufig sogar überraschende Einsichten.

Güter-Abwägung

Die Frage nach der Notwendigkeit beantwortet das betroffene Individuum oft anders als der Projektplaner. "Meine Ruhe ist mir wichtig, mein Eigentum ist mir heilig." Natürlich!
Es gilt abzuwägen: Welches hohe Rechtsgut oder welcher zukunftweisende Plan rechtfertigt sogar Nachteile für das Individuum? Lässt sich einen Ausgleich der Interessen beschreiben, der es auch für mich gut sein ließe? Wer ließe sich dafür gewinnen - und wie?
Nichts ist umsonst zu haben, schon gar nicht der Fortschritt. Forschung und Entwicklung gelten der Menschheit als unverzichtbar. Sie kosten nicht nur Geld, sie verlangen nicht nur Ideenreichtum, Begeisterung, Fleiß und Engagement.
Sie verlangen auch die kritische Prüfung der Bedingungen ihrer Möglichkeit. Und sie verlangen Überzeugungsarbeit und die Bereitschaft, angemessenen Interessenausgleich herbeizuführen, - und dann auch: einsichtsvolle Duldung.

Bedingungen für Proteste

Es ist verständlich, nützlich und legitim, wenn Menschen durch eine öffentlichkeitswirksame Aktion auf ihre Betroffenheit von einem Projekt aufmerksam machen wollen. Ungut ist allerdings, wenn sie dabei von Interessengruppen demagogisch manipuliert werden. Und es ist nicht hinnehmbar, wenn sie ein zukunftsträchtiges, dem Gemeinwohl dienliches Projekt verhindern. Denn mit der Verlagerung des Feuers auf das Haus des Nachbarn, mit Egoismus und Trägheit ist keine Einigung, ist kein Fortschritt möglich und ist dem Gemeinwohl nicht gedient.


LINK:
[1] Essay Bewusstsein schulen: www.publicationes.de/bildung/kompetenzentwicklung/53-bewusstsein-schulen.html - zurück zu [1] -


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