Nachtstromkunden - wehrlose Opfer der Energieunternehmen von Peter Denker

Weil sie den Stromversorger nicht wechseln können, sind sie dessen willkürlichem Preisdiktat ausgeliefert.
- 2. überarbeitete Fassung.

 

Doppeltarifzähler für Drehstrom Zeitungen berichten über den Preiswucher der Stromversorger. Aktuell wird ihnen vorgeworfen, dass sie die Strompreise für 2011 ohne Begründung erhöhen und das sogar gegenläufig zu ihren gesunkenen Beschaffungskosten. Kartellbehörden schweigen, die Politik freut sich über die mit den Strompreisen wachsenden Steuereinnahmen, die Anteilseigner gieren nach wachsenden Dividenden und steigenden Kursen, dem alledem ausgesetzten Verbraucher wird geraten, einfach den Anbieter zu wechseln, wenn er sparen will. Wer aber Nachtstrom bezieht, also einen Zähler wie den abgebildeten hat, ist und bleibt an seinen örtlichen Stromlieferanten gebunden. Die Folgen für davon Betroffene werden im Folgenden dargestellt.
Gegenüber der ersten Fassung dieses Artikels sind Informationen hinzugekommen über den

  • Preisvergleich mit einem andern Nachtstromanbieter,
  • die Einbeziehung einer Auskunft des BMELV und
  • eine Erklärung der ENTEGA zur Preisbildung.
In einer neuerlichen Überarbeitung ist der Bericht des Bundeskartellamts vom Oktober 2010 berücksichtigt. Einschätzungen sind unter Berücksichtigung dieser Ergänzungen noch deutlicher formuliert.

 

Strompreise für Tag- und Nachtstrom im Vergleich der letzten 10 Jahre

ENTEGA zum Beispiel, [1] Stromlieferant für Südhessen, hat seine Preise für Tagstrom (HT) und Nachtstrom (NT) von 2002 bis 2011 gemäß folgender Tabelle und Grafik ständig erhöht:

Auf einen Blick ist zu erkennen, dass der Anstieg der Preise im NT-Tarif deutlich steiler ist als der im HT-Tarif.

Betrachtet man die Differenzen gegenüber dem Bezugsjahr 2002 wird der Unterschied noch deutlicher:

Die absolute Preiserhöhung für Nachstrom liegt um mit 11,57 Ct/kWh um 2,33 Ct/kWh über der von HT mit 9,24 Ct/kWh, ist also relativ um 25,2% höher als die Preissteigerung für Tagstrom.

Betrachtet man die relative Preissteigerung im Verhältnis zu den Bezugspreisen von 2002, wird die Benachteiligung der Nachtstromkunden noch drastischer sichtbar:

Während der Preis für Tagstrom sich um 53,23 % ungefähr auf das 1,5-fache verteuert hat, ist der Preis für Nachtstrom im gleichen Zeitraum um 185,11% auf das 2,85-fache also beinahe doppelt so stark angehoben worden.

 

Strompreisentwicklung verschiedener Nachtstrom-Anbieter im Vergleich

Bei Preisrecherchen im Internet fällt auf, dass es Stomversorger gibt, die auch Nachtstrom deutlich günstiger anbieten als die Firma ENTEGA. Dafür sind die Stadtwerke Düsseldorf ein gutes Beispiel. Deren aktueller Nachtstrompreis ist mit brutto 14,43 Ct/kWh um 3,5 Ct/kWh günstiger als der von Entega. Auf Anfrage teilten die Stadtwerke Düsseldorf entgegenkommend auch ihre Preise seit dem 1.1.2005 mit:

1.01.2005 1.11.2005 1.01.2008 1.04.2009 1.01.2011
9,23 10,13 11,36 12,67 14,43

In der graphischen Gegenüberstellung dieser HT-Preise zu denen von ENTEGA ergibt sich folgendes Bild:

Es verdeutlicht, dass die Preise von ENTEGA seit November 2005 ständig und mit steigender Tendenz über denen der Düsseldorfer Stadtwerke liegen.

Die absolute Preissteigerung gegenüber dem Vergleichsjahr 2005 stellt die folgende Grafik dar:

Diese Graphik verdeutlicht, dass ENTEGA in den letzten vier Jahren (seit 2008) die HT-Preise beinahe doppelt so stark erhöht hat wie die Düsseldorfer Stadtwerke.

Betrachtet man schließlich noch die relativen Preissteigerungsraten im gleichen Zeitraum gegenüber den Preisen von 2005, so verdeutlicht die zugehörige Grafik, dass die Preissteigerungsraten von ENTEGA seit 2008 ebenfalls ständig erheblich höher als die der Stadtwerke Düsseldorf waren und zwar ebenfalls jeweils beinahe doppelt so hoch, zur Zeit bei rund 94% gegenüber 56% in Düsseldorf:

Schlussfolgern muss man aus dieser Gegenüberstellung, dass ENTEGA seit 2008 seinen Kunden Preise für Nachtstrom in Rechnung stellt, die absolut und relativ ständig und erheblich über denen der Düsseldorfer Stadtwerke liegen, die leider nur in ihrer Region Strom anbieten. Da beide Anbieter ihre Stromlieferungen an der gleichen Strombörse (EEX) erwerben, bleibt nur die Feststellung übrig, dass ENTEGA seine Kunden ungerechtfertigt und maßlos übervorteilt.

Mangel an Konkurrenz und Kontrolle

Als der Gesetzgeber mit dem [2] EnWG 2005 den Strom-Markt öffnete, so dass alle Bezieher von Haushaltsstrom den Anbieter wechseln könnten, sollte der damit entstehende Wettbewerb Preise senken. Anscheinend hat die Politik offenkundig die Bezieher von Nachtstrom dabei ganz einfach vergessen. Denn kein z.B. bei [3] Verivox gelisteter Günstiganbieter von Haushaltsstrom bietet einen gesonderten Nachtstromtarif. Zwar fragt der [4] "Stromrechner" nach dem prozentualen Anteil der benötigten Strommenge im NT-Tarif, aber die Vergleichstabelle der konkurrierenden Anbieter weist bei keinem das Merkmal aus, ob er eine Versorgung mit Doppelzähler überhaupt anbietet. Der daraufhin bei Verivox eingeholte telefonische Rat führte zu dem Ergebnis, dass unter den 4 preisgünstigsten Versorgern keiner einen Doppelzählertarif anbietet. Auch die [5] Verbraucherzentrale Hessen räumt ein, keinen zum Grundversorger konkurrierenden Anbieter zu kennen. Eigene Recherchen haben [6] enQu als vermutlich einzigen Anbieter für einen Doppeltarif HT/NT entdeckt. Das Unternehmen bietet (in seinem Tarif "Duett") zwar einen relativ günstigen Tagstrompreis (21,1 Ct/kWh), verlangt aber einen mit 20,1 Ct/kWh extrem teuren Nachtstrompreis. Offenbar werden enQu vom Netzbetreiber für Nachtstrom aber Konditionen aufgezwungen, die kein wirklich konkurrenzfähiges Angebot ermöglichen. Der günstigere Tagstrom wiegt nämlich die Mehrkosten für Nachtstrom erst auf, wenn der Verbrauch von Nachtstrom bei rund 70% oder weniger liegt; dementsprechend akzeptiert der [7] "Tarifrechner" auch nur NT-Anteile von bis zu 60%. In einem von 2 Personen bewohnten Einfamilienhaus entfallen aber mehr als 85% auf Nachtstrom. Zudem wird die Versorgungsmenge auf 20 Tausend kWh pro Jahr begrenzt. Für ein Einfamilienhaus mit 2 Personen reicht diese Strommenge aber nicht aus. Kurzum: ENTEGA weiß sich tatsächlich konkurrenzlos. Beteuerungen eines Kundenberaters, seinem Unternehmen lägen aber Kündigungen von Nachstromkunden vor, die mithin belegten, dass ein Anbieterwechsel möglich sei, wirken vor dem Hintergrund dieser Recherche nicht überzeugend; sie lassen allenfalls den Schluss zu, dass Nachtstromkunden dem Unternehmen gekündigt haben, nachdem sie auf eine andere Form der Heizenergieversorgung umgestellt haben. Und die Vermutung liegt nahe, dass sie sich mit diesem Kraftakt aus der Umklammerung des Stromlieferanten befreien wollten.

So erhöhen die Energieversorger wie Entega ihre Preise entgegen dem Trend sinkender Einkaufspreise munter weiter und sogar unverhältnismäßig zum Nachteil der Nachstromkunden. Es kommt dem Verbraucher vor wie die schamlose Ausnutzung eines Defacto-Monopols.

Millionen Stromkunden haben sich vor Jahren von den Vorteilsversprechen der Stromversorger dazu verleiten lassen, in eine Nachtstromheizanlage zu investieren, die den Unternehmen hilft, nachts überschüssige Energie zu speichern und tagsüber zu nutzen. Sogar jetzt noch werben Unternehmen wie z.B. EVO für umweltschonendes Heizen mit Strom. Aus den umworbenen Investoren in Nachtstromspeicher sind aber inzwischen wehrlose Opfer der monopolistischen Nachtstromanbieter geworden.

Die [8] Bundesnetzagentur sieht dem bislang anscheinend tatenlos zu, obwohl sie gesetzlich zur Preisüberwachung verpflichtet ist.

Das [9] Bundeskartellamt hat im September 2010 einen [10] Bericht "Heizstrom - Marktüberblick und Verfahren" herausgegeben. Darin werden Ergebnisse der Untersuchung von 25 Unternehmen wegen des Verdachts des Missbrauchs einer marktbeherrschenden Stellung dargestellt. Die Untersuchung erstreckte sich auf die Heizstrompreise der Jahre 2007 bis 2009, allerdings nicht auf Preiserhöhungen, sondern nur auf die jeweiligen Erlöse (je kWh) bei den mit einander verglichenen Unternehmen. Die Untersuchung ergab u.a. folgende beachtlichen Tatsachen:

  • "Die Anbieter von Heizstrom sind in ihren Versorgungsgebieten praktisch ohne Wettbewerber und weisen in der Regel Marktanteile zwischen 99 und 100% auf."
  • "Die marktbeherrschende Stellung der Heizstromversorger wird durch die bestehenden hohen Marktzutrittsschranken untermauert."
  • Diese beruhen auf "intransparenten Lastprofilen", mangelnder Attraktivität des Heizstrommarktes, undurchsichtigen Tarifstrukturen und "uneinheitlich erhobenen Konzessionsabgaben".
Die geringe Attraktivität des Heizstrommarktes beruht vor allem darauf, dass
  • einige Anbieter Heizstrom zu nicht kostendeckenden Preisen anbieten,
  • intransparente Tarifstrukturen Mitbewerber abschrecken und
  • der Absatzmarkt wegen der "sukzessiven Außerbetriebnahme von elektrischen Nachtspeicherheizungen ... tendenziell schrumpft".

Trotz dieser Feststellungen hat das Bundeskartellamt gegen 24 Unternehmen die Verfahren eingestellt, nachdem 4 den Verdacht widerlegen konnten oder sich 20 wenigstens verpflichtet haben "marktöffnende strukturelle Maßnahmen umzusetzen", davon 13 sogar zu finanzieller Entlastung ihrer 530.000 Heizstromkunden um 27,2 Millionen Euro, im Mittel also um 51,30 Euro je Kunde. Bezogen auf etwa 3.000 Euro Heizstromkosten pro Haushalt und Jahr ist das allerdings ein sehr kleiner Tropfen auf den heißen Stein - und für die zu diesem Zugeständnis bereiten Unternehmen sowenig belastend wie von geringer Abschreckungskraft für die ganze Branche.

Gegen das 25. Unternehmen, nämlich die ENTEGA Vertrieb GmbH & Co. KG, ist die Untersuchung des Bundeskartellamts noch nicht abgeschlossen. Interessant der Grund: Dieses Unternehmen hat sich nicht nur gegenüber den eigenen Kunden der Verpflichtung zur Offenlegung seiner Kalkulation verweigert, sondern sogar gegen die nämliche Forderung des Bundeskartellamts geklagt - und im Mai 2010 verloren. Erst danach hat das Kartellamt die geforderten Unterlagen - wiederum zögerlich - erhalten. So steht dessen Entscheidung in diesem Fall noch aus. Ob allerdings die von Entega belieferten Heizstrombezieher davon etwas haben werden?

Mangel an Transparenz und Beratung

Während bei ENTEGA in - bemerkenswert unübersichtlichen - Rechnungen bis zum Jahr 2006 wenigstens die Zusammensetzung des Strompreises nach seinen Bestandteilen (Erstehungskosten, Steuern und Sonderabgaben) nachvollziehbar war, wurden die Beschwerden über deren Unübersichtlichkeit nicht nur zum Anlass genommen, die Rechnungen davon zu befreien, sondern auch zum Vorwand, die Kunden über die Zusammensetzung der Preise von sich aus gar nicht mehr zu informieren. In der jüngsten Mitteilung der Preise für das Jahr 2011 werden nur noch die Bruttopreise je kWh für die jeweilige Verbrauchsart und die Grundgebühren mitgeteilt. Als "Begründung" wird auf die Kosten nach dem [11] EEG verwiesen. Eine quantitative Aufschlüsselung fehlt ebenso wie eine Gegenüberstellung zu den bekanntlich gesunkenen Erzeugerpreisen. Die Nachforderung solcher Informationen durch den Einzelkunden wurde von ENTEGA bisher mehrfach ignorant zurückgewiesen. Das Verlangen nach einer Rechtsbehelfsbelehrung bei Ablehnung eines Widerspruchs gegen die Tarifmitteilung bzw. Rechnung wird mit dem Hinweis abgelehnt, der Stromversorger sei ja "keine Behörde". Unter Hinweis auf die Offenbarungspflicht, wie sie z.B. im nachfolgenden Schreiben des BMLEV ausdrücklich erwähnt ist, findet sich Entega bereit, seine aktuellen Preise in den Tarifen für HT und NT wie folgt aufzuschlüsseln, die bezeichnenderweise ohne Mehrwertsteuer angegeben werden:

Anteile HT-Preis NT-Preis
Netto-Arbeitspreis 15,36 9,17
Konzessionsabgabe 1,32 0,11
Ökosteuer 2,05 2,05
KWK-Abgabe 0,13 0,13
EEG-Abgabe 2,04 2,04
Netto gesamt 20,90 13,50

Ergänzend heißt es bei Entega: "Wir weisen jedoch darauf hin, dass ein Anspruch auf eine weitergehende Offenlegung der Kalkulation unserer Preise nicht besteht. Diesbezüglich hat der Bundesgerichtshof ... klargestellt, dass die Energieversorgungsunternehmen ein schützenswertes lnteresse an der Geheimhaltung lhrer Geschäftsgeheimnisse haben. Dazu zählen insbesondere auch die Kalkulation der Preise und die Bezugssituation hinsichtlich der Vorlieferanten."

Für die Preisanteile, für die Entega ganz allein verantwortlich ist, die Arbeitspreise also, bleibt ENTEGA dem Verbraucher dennoch weiterhin jegliche Erklärung schuldig. Das soll rechtens sein?

Kurzum: Wer als einzelner vom Energieversorger auch nur Auskunft verlangt, beißt sich die Zähne aus und fühlt sich nicht ernst genommen. Wenn es rechtmäßig sein sollte, dass Energieversorger ihre Arbeitspreise ohne detaillierte Begründung festsetzen, müsste das schleunigst gesetzlich geändert werden. Wenn der vom Preisdiktat betroffene Bürger beim Energieversorger gegen die Wand läuft, sollte ihm Rat und Hilfe zuteilwerden. Das kann wohl auch nur der Zusammenschluss der Betroffenen bewirken, wenn schon die zuständige Verbraucherschutzzentrale entsprechende Anfragen unbeantwortet lässt und eigene Unkenntnis unumwunden zugibt. Jedenfalls reicht es keinesfalls, dass die Medien raten, den Anbieter zu wechseln, und eine Zeitung titelt [12] "Versorger-Wechsel ist nicht schwer" (Darmstädter Echo am 30.12.10).

 

Ministerieller Verbraucherschutz schützt den Verbraucher nicht

Das Referat Verbraucherpolitik im BMELV äußert sich zu dem Sachverhalt wie folgt:
"Das Bundesministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz (BMELV) ist für den Schutz der wirtschaftlichen Interessen der Verbraucher zuständig. Es erfüllt diese Aufgabe in erster Linie durch Vorschläge gesetzlicher Regelungen zum Schutz der Verbraucherinnen und Verbraucher sowie die Vorbereitung politischer Entscheidungen. Es ist uns aber nicht möglich, eigene Maßnahmen gegen Unternehmen, wie etwa die Anordnung oder Untersagung bestimmter Geschäftspraktiken, zu ergreifen.
Die Tarife der Energieversorger werden nicht behördlich genehmigt, sie unterliegen aber - soweit es sich um die Grundversorgung handelt - der kommunalen Aufsicht und sie können gerichtlich überprüft werden. Darüber hinaus prüfen Bundesnetzagentur und Bundeskartellamt regelmäßig die Kosten der Durchleitung von Strom in den Netzen bzw. die Marktposition der Versorger auf Märkten mit einer geringenZahl von Anbietern.
Nach $ 29 des Gesetzes gegen Wettbewerbsbeschränkungen ist einem Unternehmen u. a. verboten, als Anbieter von Elektrizität auf einem Markt, auf dem es allein oder zusammen mit anderen Versorgungsunternehmen eine marktbeherrschende Stellung hat, diese Stellung missbräuchlich auszunutzen, indem es Entgelte fordert, die die Kosten in unangemessener Weise überschreiten. Zuständig für die Verfolgung von Verstößen gegen diese Vorgabe sind das Bundeskartellamt bzw. die Landeskartellämter. Diese Behörden können missbräuchliche Verhaltensweisen untersagen, Aufl agen erteilen und Geldbußen verhängen.
Das Bundeskartellamt hat im vergangenen Jahr insgesamt 18 Heizstromversorger und sieben preisgünstige Vergleichsunternehmen hinsichtlich der Erlös- und Kostensituation untersucht und somit mehr als 70 %o des an Privatkunden gelieferten Heizstroms erfasst. Das Verfahren wurde im September 2010 abgeschlossen mit dem Ergebnis, dass im Bereich der Heizstromversorgung insgesamt vergleichsweise moderate Gewinne erwirtschaftet werden und dass sich einige Unternehmen sogar in der Kostenunterdeckung befinden. Alle Heizstromversorger haben sich gegenüber dem Bundeskartellamt zu weiteren marktöffnenden Maßnahmen verpflichtet, von den sich das Bundeskartellamt eine Belebung des Wettbewerbs auf dem Heizstrommarkt verspricht. Die Versorger, die sich als vergleichsweise teuer erwiesen hatten, wurden zu Rückerstattungen an die Kunden im Volumen von 27,2Mio. € verpflichtet. Bei anderen Versorgern wurde das Verfahren eingestellt, da die Erlöse des Unternehmens 2007 bis 2009 sich als sehr niedrig erwiesen haben.
Dabei waren die gestiegenen Kosten für die Einspeisung emeuerbarer Energien noch nicht berücksichtigt. Viele Versorger haben unter Hinweis darauf ihre Tarife inzwischen erhöht, oft jedoch deutlich mehr als es durch die Erhöhung der Umlage gerechtfertigt wäre. Nach Berechnungen der Bundesnetzagentur ergäbe sich sogar ein Preissenkungsspielraum, da die Beschaffungskosten für Strom im Durchschnitt seit dem Höchststand 2008 inzwischen wieder deutlich gesunken sind.
Ob die Anhebung durch den Versorger Entega gerechtfertigt ist, kann ich Ihnen aber leider nicht mitteilen.
Sie können von Ihrem Versorger eine präzise Begründung der Preiserhöhung verlangen und ggfls. dagegen klagen. Dazu sollten Sie aber den Rat z. B. der Verbraucherzentralen oder eines Anwalts suchen. ..."

Also beispielweise ENTEGA verklagen, wenn man sich gegen deren Preise wehren will? Die hier zusammengetragenen Tatsachen sollten dafür eine gute Basis bilden. Aber jeder Händler weiß, dass Kunden sich ungern auf eine Klage einlassen. Denn vor Gericht und auf hoher See ist der Ausgang, wie man weiß, stets ungewiss. Und dem Finanzriesen gegenüber, der für einen Kampf durch alle Instanzen mit besten Anwälten aus dem Vollen schöpfen kann, ist schon ein beängstigender Prozessgegner. Das weiß er auch. Dann also weiter so?

Die betroffenen Bürger in beinahe zwei Millionen Haushalten kommen sich von Politik und Behörden im Stich gelassen vor. Es wird Zeit, dass sie sich organisieren und gemeinsam publizistische, politische und juristische Möglichkeiten ausschöpfen, um sich gegen ihre zunehmende Benachteiligung zu wehren. Und es wird Zeit, dass sich Politiker, die gewählt werden wollen, dieser Sache annehmen. Denn in den rund zwei Millionen Haushalten, die auf Nachtstrom angewiesen sind, leben vermutlich gut und gerne vier Millionen Menschen, darunter schätzungsweise drei Millionen, also etwa 5% aller Wahlberechtigten.

Die Politik muss sich auch die Frage gefallen lassen, ob und wie sie die Höhe des Steueranteils von über 40% an den Stromkosten rechtfertigen kann. Denn die damit einhergehende, erhebliche Benachteiligung eines Teils der Bevölkerung wirft auch die Frage nach ihrer Verfassungsverträglichkeit auf.

Grundsätzliche Aspekte

Nicht nur in Italien gilt: Die das Geld haben, haben auch die Macht und kaufen sich ihr Recht. Dem Goliath ist es nur recht, wenn David ihn fürchtet und weiter wuchern lässt. Es nützt Goliath, wenn der Normalbürger David sich hilf- und wehrlos vorkommt, unterlegen, allein und ohne Lobby und Ressourcen und auf vermutlich aussichtslosem Posten. Wenn die Politiker den Lobbyisten mehr Gehör schenken als den Bürgern, gerät der Staat auf die Dauer ins Wanken, nicht nur in Tunesien. Hier geht es erst einmal friedlicher zu: Die nicht mehr wissen, welche Politiker ihnen helfen, werden auch keinen mehr wählen. Da aber Demokratie vom Wählen lebt, ist sie in Gefahr. Wer nur den errungenen Anteil der abgegebenen Stimmen anschaut, verkennt die Gefährlichkeit der Situation. Was muss sich ändern? Die Politik muss sich auf allen Ebenen mehr um das Wohlergehen der Bürger als um die Interessen der Lobbyisten kümmern!

Wenn der Staat immer mehr von seinen Aufgaben der Daseinsgrundvorsorge für seine Bürger an private Unternehmen überträgt, tritt ein Zustand ein, der die Bürger mehr belastet als unterstützt und in dem der Bürger den unmittelbaren Schutz staatlicher Einrichtungen entbehrt. Bund, Land und Kommunen, die hier zur Entlastung ihrer Haushalte Eigenbetriebe veräußert und Rechte versteigert haben, dürfen die Bürger bei der Bewältigung der Folgen dieser bedenklichen Praxis nicht allein lassen. Wenn die Absicht, Monopolmacht zu brechen, in Teilbereichen zu neuen Monopolstrukturen führt, wie es außer bei Energieversorgern z.B. bei zentralen Entsorgungsunternehmen der Fall ist, muss wenigstens durch bürgerfreundliche Vorschriften, wirksame Kontrollen und jedem bekannte Beschwerdeinstanzen die Möglichkeit geschaffen werden, sich gegen ungerechte Forderungen zu wehren. Wo die öffentliche Hand diese Bedingungen nicht schafft, müssen die betroffenen Bürger sich leider selbst organisieren, um das notfalls gerichtlich zu erreichen, was ihnen eigentlich der Staat schuldet.

 


LINKS:
[ 1] Entega Elektroheizungstarife: www.entega.de - zurück zu [1] -
[ 2] EnWG 2005 Energiewirtschaftsgesetz: www.gesetze-im-internet.de/bundesrecht/enwg_2005/gesamt.pdf - zurück zu [2] -
[ 3] Verivox Verbraucherportal für Energie und Telekommunikation: www.verivox.de/strom/ - zurück zu [3] -
[ 4] Verivox-Stromrechner Tarifvergleiche: www.verivox.de/power/calculator.aspx - zurück zu [4] -
[ 5] Verbraucherzentrale Hessen Energieberatung: www.verbraucher.de/energie/index.html - zurück zu [5] -
[ 6] enQu Stromanbieter mit Doppeltarif: www.enqu.de - zurück zu [6] -
[ 7] enQu-Tarifrechner Tarif "Duett" : www.enqu.de/t/rechner.php?new - zurück zu [7] -
[ 8] Bundesnetzagentur Sachgebiet Elekrtrizität/Gas: www.bundesnetzagentur.de - zurück zu [8] -
[ 9] Bundeskartellamt Aufgaben: www.bundeskartellamt.de - zurück zu [9] -
[10] Bundeskartellamt Bericht "Heizstrom - Marktübersicht und Verfahren" Sept. 2010 : www.bundeskartellamt.de/wDeutsch/download/pdf/Stellungnahmen/100929_Bericht_Heizstrom.pdf : - zurück zu [10] -
[11] EEG Erneuerbare Energien Gesetz : www.erneuerbare-energien.de/inhalt/40508/ - zurück zu [11] -
[12] Darmstädter Echo "Versorger-Wechsel ...": www.echo-online.de/nachrichten/wirtschaft/wirtschaftsuedhessen - zurück zu [12] -

 


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