Beruf und Familie von Peter Denker

Freude am Familienleben trotz beruflichem Stress

Ist es etwa an jedem Feierabend das gleiche Ritual? Erschöpft und abgespannt kehrt der Berufstätige heim. "Lass mich (lass Papa / lass Mama) jetzt erst mal in Ruhe", lautet die Botschaft. Wo bleibt die Freude auf die Heimkehr des berufstätigen Elternteils oder Partners?

Perspektive des Kindes

Der Beruf des Elternteils trennt es von der Familie, jeden Werktag von morgens bis abends. Beruf ist angeblich nötig, aber gewiss ein Übel. Beruf macht oft schlechte Laune und gereizt. Beruf macht müde und unansprechbar. Je mehr die Last des Tages z.B. bei Tisch oder im Gespräch thematisiert wird, desto feindlicher schaut das Kind auf den elterlichen Beruf als "Störenfried". Beruf wird vom Kind erlebt als Entschuldigung für seine unerfüllten Erwartungen und Wünsche.

Perspektive des Partners

Der Beruf des Partners ist eine Zumutung. Den lieben langen Tag lang bleibt alles an der übrigen Familie hängen. Abends nicht etwa Erlösung, sondern neuerliche Zumutung: Verständnis, Trost, in Ruhe lassen. Partnerschaft? Dauernd verstehen und ständig ermutigen zehrt an den Kräften. Es reicht nicht, wenn der Berufstätige die wirtschaftliche Existenz sichert. Der Partner erlebt den Beruf des Erwerbstätigen als starke zusätzliche und nervliche Belastung für sich selbst.

Ausweg: Wechsel der Perspektiven

In den seltensten Fällen kommt ein Wechsel der Arbeitsstelle oder gar des Berufs als Problemlösung in Betracht. Sowohl das erwerbstätige Elternteil als auch der Partner und das Kind können über eine Änderung ihrer eigenen Perspektive dazu beitragen, dass der Beruf positiv angeschaut wird und das familiäre Miteinander nicht mehr so sehr beeinträchtigt. Wie geht das?

Ein anderer Blick auf die Arbeit

Was wissen eigentlich Kind und Partner genau über diesen Beruf, die Tätigkeit, die Verantwortung, die Möglichkeiten und die Gründe, ihn auszuüben? Ist das Kind oder der Partner schon einmal mit am Arbeitsplatz gewesen? Haben sie konkrete Vorstellungen von der dort zu verrichtenden Arbeit? Was macht deren Reiz, was ihre Bedeutung aus? Was davon ist für das Kind lernenswert? In welchen als ungut empfundenen Situationen könnte der andere Blickwinkel des Partners womöglich hilfreich sein? Welche konkreten Erfolge der Arbeit sind berichtenswert, welche Begegnungen, Gespräche, Einsichten? Was ist heute gelungen, was war erfreulich? Worauf kann man sich morgen oder bald freuen?

Ein anderer Blick auf die Familie

Partnerschaft und Familie sollen weder das Ruhesofa nach dem Tagesstress noch die Fortsetzung von Stress in der Freizeit sein. Vielmehr ist eine freudige Einstellung zur gemeinsam gestaltbaren Freizeit möglich und unerlässlich. Was wünschen sich Kind und Partner? Wie schön, wenn sie womöglich schon vor dem Aufbruch zur Arbeit, spätestens aber bei der Heimkehr danach gefragt werden! Im ersten Fall ist sogar Vorfreude die wahrscheinliche Belohnung, und eine Gestaltungs-Idee über Tag leicht gefunden. Gemeinsames Tun und Erleben macht das Familienleben aus und macht es schön. Das stimmt froh und macht auch die Last der Arbeit erträglicher.

Ein anderer Blick des Kindes

Kinder sind klüger als viele Erwachsene glauben, und im sozialen Umgang von bemerkenswertem Feingefühl und Geschick. Sie können das gestresste Elternteil sehr wirkungsvoll auf andere Gedanken bringen: Sie laden es ein, ihm etwas zu zeigen, etwas mit ihm zu tun, ihm etwas zu erzählen, ihm etwas zu erklären. Mit ihrem natürlichen Charme schaffen sie es leicht, den Vater bzw. die Mutter auf andere Gedanken zu bringen und beiden Seiten damit einen Gefallen zu tun. Der Partner kann das Kind anleiten und darin unterstützen, ein solches Verhalten zu entwickeln.

Partnerschaft

Natürlich können alle Verführungskünste, die von Herzen kommen, auch stresslindernd und heilsam wirken. Aber es gilt dafür wie für jede Medizin: Gelegentliche Anwendung mag vortrefflich nützen, zu häufiger Gebrauch und Gewöhnung bewirken nichts Gutes mehr. Und doch gibt es eine Möglichkeit der Hilfe, die immer wirksam bleiben kann, nämlich das verständnisvolle Eingehen (z.B. mit der Methode des aktiven Zuhörens) und das Brückenbauen zwischen den Wünschen der Familie und den Möglichkeiten des erwerbstätigen Partners. Wenn er - vielleicht nach einer Phase des Ausruhens - eingeladen wird, etwas mitzumachen, wovon man weiß, dass es ihm auch Freude macht ohne ihn zu überfordern, dann sollte es dem Partner und dem Kind mit vereinten Kräften auch gelingen. Und der Lohn dieser Mühe ist eine gemeinsame Unternehmung und das davon getragene Wohlbefinden.

Auf den Inhalt kommt es an

Gemeinsam nichts tun, ist keine gute Idee. Es mag allenfalls vereinzelt positiv wirken, aber keinesfalls wiederholt oder gar auf Dauer. Jeder macht, was er möchte (ggf. eben auch nichts), kann gelegentlich entspannend sein, trägt aber zum familiären Miteinander nichts bei. Gleiches gilt für die Schonung des Gestressten durch Zubilligung der Ausnahme von dem, was die übrigen tun möchten. Auch Vergnügungen unter dem Motto "Ablenkung" oder "Zeitverbtreib" - man beachte, was hier der Wortbedeutung nach mit dem Geschenk der Zeit getan wird! -, führen nicht zu anhaltender Zufriedenheit. Gemeinsames aktives Tun hingegen verbindet und stiftet Wohlbefinden. Hier gilt es, Phantasie zu entwickeln und den Müden einzuladen, sich aufs Mitmachen einzulassen.

Ständige Übung

Was man nur selten tut, fällt immer wieder schwer. Was immer wieder als schön erlebt wird, mag man gern wiederholen. Also gilt es, anzufangen und nicht aufzuhören, familiäre Gemeinsamkeit abwechslungsreich zu gestalten. Dazu gehört auch, sich in den anderen hineinzuversetzen, sich seine [1] Sichtweisen verständnisvoll zu vergegenwärtigen und ihn wenn nötig auch zu [2] trösten.


LINKS:
[1] Essay Bewusstsein schulen: www.publicationes.de/bildung/kompetenzentwicklung/53-bewusstsein-schulen.html -
[2] Essay Trost spenden: www.publicationes.de/wissen/psychologie/65-trost-spenden.html -


© Copyright 2009 by PUBLICATIONES - details: www.publicationes.de/allgemeines/copyright.html