Ärger mit Klausuren oder Klassenarbeiten von Peter Denker

Möglichkeiten der Vorbeugung und Abhilfe aus Schülersicht

Fragt man Lehrer*), was das Schlimmste an ihrem Beruf sei, antworten viele "die Klausuren"*). Fragt man Schüler*), geben viele dieselbe Antwort. Im folgenden Aufsatz wird auf die Frage eingegangen, wie man aus Schülersicht Benachteiligungen vorbeugen, sie überprüfen und ihnen abhelfen kann.

Vermutete Irrtümer zu Beginn der Klausur durch Fragen klären

In aller Regel ist der Lehrer, der die Klausur erstellt hat und schreiben lässt, wenigstens zu Anfang anwesend. Ihn sollte der Schüler möglichst frühzeitig um Rat fragen, wenn eine Aufgabe unverständlich, ein Bezug zum Material unklar oder wenn zweifelhaft ist, auf welchen Unterrichtsgegenstand eine Aufgabe sich bezieht. Es könnte ja sein, dass der Lehrer dabei einen eigenen Fehler erkennt und korrigiert oder einen hilfreichen Tipp gibt.

Nach Rückgabe der Klausur das Gespräch mit dem Lehrer suchen

Empörung ist kein guter Ratgeber. übereilte äußerungen verbessern die Lage nicht. Erst einmal schlafen, dann notieren, welche Standard-Gesichtspunkte genau bei der Klausur anscheinend verletzt wurden. Was genau macht dem Schüler Kummer? Nach dieser Vorbereitung den Lehrer um einen Gesprächstermin bitten: "Meine Klausur macht mir Kummer. Dazu möchte ich mir ein Beratungsgespräch wünschen. Wann haben Sie dafür Zeit?" - Wenn der Lehrer einen ihm genehmen Zeitpunkt bestimmen kann, ist das besser als ihn ungeduldig zu bedrängen. Im Gespräch ist wichtig: Ich-Botschaften oder Fragen kommen besser an als Vorwürfe. Rückfragen wie "Habe ich richtig verstanden, dass ..." helfen Missverständnisse zu vermeiden. Die Absichtsbekundung "Ich möchte mit Ihrer Hilfe aus meinen Fehlern lernen und wünsche mir dazu auch Ihre Unterstützung" hat etwas Gewinnendes. "Können Sie mir bitte erklären, was an ... falsch ist?" ist dem Vorwurf "Wie können Sie mir ... anstreichen?!" allemal vorzuziehen. Wenn das Gespräch bewirkt, dass der Lehrer seine Korrektur an einigen Stellen relativiert oder geändert hat, überlasse man ihm die Klausur mit dem Wunsch, die Notengebung doch noch einmal wohlwollend zu überprüfen. Zeigt sich der Lehrer aber unnachgiebig, bedanke man sich für die Zeit, die er sich genommen hat und verabschiede sich ohne Unmutsäußerungen. Denn eine vergiftete Atmosphäre nützt niemandem.

Dem Lehrer die eigene und eine Vergleichsarbeit zur Revision geben

Kein Lehrer kann über viele Arbeiten hinweg jede einzelne wie ein Roboter exakt gleich korrigieren, kommentieren und bewerten. Er kann Fehler übersehen oder aus Versehen als solche markieren. Er hat wie jeder Mensch das Recht auf Irrtum. Aber jeder Lehrer sollte auch bereit sein und es als seine Pflicht ansehen, Irrtümer zu bereinigen. Hat ein Schüler aufgrund übersehener Fehler eine zu gute Note erhalten, sollte dieser ihn begünstigende Irrtum aus Gründen des Vertrauensschutzes unverändert bleiben. Allerdings können sich andere Schüler darauf nicht berufen; denn es gibt nur eine Gleichheit im Recht, nicht im Unrecht. Insofern braucht auch ein Schüler keine Scheu zu haben, seine Klausur einem Mitschüler*) als Vergleichsexemplar zu überlassen, wenn damit ein Bewertungsunterschied bewiesen werden soll. Dem Lehrer beide Arbeiten mit der Bitte um überprüfung der Benotung zu geben, ist eine gute Möglichkeit, der Gerechtigkeit zum Sieg zu verhelfen.

Vor förmlicher Beschwerde kompetente externe Begutachtung einholen

Eine Beschwerde gegen einen Lehrer, der nicht ein Gespräch über den Gegenstand der Beschwerde vorausgegangen ist, ist unfair. Allerdings sind nicht alle Menschen einsichtsfähig. Weder alle Lehrer, noch alle Schüler, noch alle Eltern. Emotionale Betroffenheit raubt manchen die Objektivität. Darum ist es ratsam, vor einer förmlichen Beschwerde und nach einem erfolglosen Gespräch mit dem Lehrer spätestens jetzt den Sachverhalt von fachlich kompetenter Seite prüfen zu lassen, beispielsweise einem Nachhilfelehrer oder dem Lehrer einer anderen Schule. Gesichtspunkte der Überprüfung enthält der Essay "[1] Klassenarbeiten und Klausuren".

Anforderungen an eine Beschwerde

Eine Beschwerde bedarf einer Begründung (was genau ist nicht in Ordnung) und eines Antrags (was genau soll bitte geschehen, was hilfsweise, wenn die Hauptforderung nicht erfüllt wird). Bei deren Abfassung ist die vor dem Lehrergespräch erstellte Liste der Ausgangspunkt, Notizen über das Gespräch mit dem Lehrer und Gesichtspunkte, die der externe Gutachter beisteuert. Adressat der Beschwerde ist der Schulleiter*). Er veranlasst die schulinterne überpüfung, um zu klären, ob dem Antrag stattgegeben werden kann oder nicht. Kann die Schule dem Antrag nicht entsprechen, legt der Schulleiter die Beschwerde der Schulaufsichtsbehörde mit allen Unterlagen und Protokollen zur endgültigen Entscheidung vor. Eine dort unmittelbar eingelegte Beschwerde führt nur erst zur Einschaltung der Schule und damit zu einer zeitlichen Verzögerung. Zudem könnte der Schulleiter den Versuch, ihn zu übergehen, als ähnlich unfair empfinden wie der Lehrer die Beschwerde ohne ein voraufgehendes Gespräch mit ihm. Es ist also weder praktisch noch ratsam, jemanden zu übergehen.

 

Kriterien für eine Beschwerde

Die meisten Eltern und Schüler scheuen sich, eine der Sache nach begründete Beschwerde an den Lehrer oder den Schulleiter heranzutragen, weil sie fürchten, der Lehrer könne aufgrund seiner Position als Beurteiler des Schülers diesen sublim benachteiligen, wenn der oder dessen Eltern sich über ihn beschwerten. Leider ist es nicht immer die Stärke der Argumente, die manche Eltern antreibt, sich zu beschweren. Wer sich beschweren will, sollte seine Beschwerde durch die drei Siebe des Sokrates filtern, indem er prüft, ob sie wahr, gut und nötig ist. Zu diesem Zweck sollten Gespräche mit dem Lehrer, dem Gutachter und dem Schulleiter einer schriftlichen Beschwerde unbedingt voraufgehen. Wenn dann gar der Schulleiter zu verstehen gibt, dass er eine förmliche Beschwerde für angebracht hält, beispielsweise um tätig werden zu können, sollten Eltern sich nicht scheuen, die Mühe auf sich zu nehmen, damit Klarheit entsteht, dem Schüler und seiner Klausur Gerechtigkeit widerfährt und sich die Qualität der Schule insgesamt ein Stückchen verbessert. Wahrt man dabei die Formen und bemüht sich um sachliche und höfliche Formulierungen, verringert sich die Gefahr, eine Verstimmung der Betroffenen auszulösen, ganz beträchtlich.

Hinweis

Im Essay "[1] Klassenarbeiten und Klausuren" ist dargelegt, welchen Zweck Klausuren haben und welche Anforderungen sich daraus hinsichtlich Aufgabenstellung, Korrektur und Besprechung ergeben. Ein anderer Aufsatz behandelt den tröstenden Umgangs mit einem mit [2] Schulfrust heimkehrenden Schüler, ein dritter Möglichkeiten, auf schulische Minderleistungen zu reagieren, um den [3] Schulerfolg zu sichern.


*) Zur sprachlichen Vereinfachung wird in diesem Essay "Lehrer" anstelle von "Lehrerin oder Lehrer", "Schüler" anstelle von "Schülerin oder Schüler", "Schulleiter" anstelle von "Schulleiterin oder Schulleiter" sowie "Klausur" anstelle von "Klassenarbeit oder Klausur" verwendet.- Zurück zum Anfang -


LINKS:
[1] Essay Klassenarbeiten und Klausuren: www.publicationes.de/klausuren.html -
[2] Essay Schulfrust: www.publicationes.de/bildung/schultipps/66-schulfrust.html -
[3] Essay Schulerfolg sichern: www.publicationes.de/bildung/schultipps/67-schulerfolg-sichern.html -


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