Aus Fehlern lernen von Peter Denker

Vom guten Umgang mit sich selbst und anderen

Goethe schreibt man folgenden Reimdialog zu:

    "Sie: Du toller Wicht, gesteh' nur offen: Man hat dich bei manchem Fehler getroffen.
    Ich: Jawohl, doch macht' ich ihn wieder gut.
    Sie: Ei wie denn?
    Ich: Ei, wie es ein jeder tut!
    Sie: Wie hast du das denn angefangen?
    Ich: Ich habe einen neuen Fehler begangen. Darauf waren die Leute so versessen, dass sie - den alten glatt vergessen." -

 

Sollte man diesem Rat folgen?

Fehler und ihre Folgen

Als Fehler bezeichnet man eine Handlung oder Unterlassung, deren unerwünschte Folgen die angestrebten Ziele beeinträchtigen. Jeder Mensch macht Fehler, weil seine Fähigkeit begrenzt ist, alle Folgen seines Tuns und Lassens im Vorhinein zu erkennen und abzuwägen. Die eigene Unvollkommenheit einräumen zu müssen, fällt den meisten Menschen unsagbar schwer. Denn sie fürchten, sich damit der Lächerlichkeit oder Missachtung anderer auszusetzen oder für die Fehlerfolgen haftbar gemacht zu werden. Umgekehrt sind Menschen begierig, eine Aktivität oder Inaktivität anderer als Fehler zu brandmarken. Journalisten leben davon, Politiker bekämpfen sich damit und Konfliktpartner machen sich mit Vorwürfen und Schuldzuweisungen gegenseitig das Leben schwer. Weniges trifft die Seele eines Menschen so schmerzhaft wie der unbarmherzige Zuruf "Das bist du selbst schuld!"

Furcht vor Fehlerfolgen

Die Scheu, sich zu einem Fehler zu bekennen, oder Versuche, ihn zu vertuschen, machen die Sache nicht besser. Das plagende Gewissen oder die Furcht, dass andere den Fehler doch entdecken oder gar ruinöse Haftungsforderungen erheben, beeinträchtigen das Wohlbefinden: Schuldzuweisungen und Selbstvorwürfe können sogar krank machen. Die Furcht vor solchen Folgen verunsichert den Betroffenen unter Umständen so sehr, dass daraus ein neuer Fehler entstehen kann. Fehler und Furcht können demnach sogar einen Teufelskreis bilden.

Fehler bekennen

Viel günstiger verläuft die Entwicklung, wenn man mit dem Fehler unbefangen umgeht, also mit dem oder den davon Betroffenen offen darüber spricht. Man kann darlegen, was einen zu der Handlung oder Unterlassung bewogen hat, die negativen Folgen bedauern und die Bereitschaft erklären, eventuellen Schaden wieder gut zu machen. Und lässt man sein Unwohlbefinden und Bedauern authentisch spüren, macht man meistens die überraschend positive Erfahrung, dass dies mit Verständnis und Hilfsbereitschaft beantwortet wird. Wer Fehler einräumt, wirkt sympathisch, wer sie vertuscht aber nicht. Von einem jungen Manager wird erzählt, er habe sich um einen Millionenbetrag verspekuliert und daraufhin kündigen wollen; sein Chef habe das mit den Worten zurückgewiesen: "Das kommt gar nicht infrage; denn ich habe ja soeben einige Millionen in Ihre Ausbildung investiert." Man kann nicht damit rechnen, dass Fehler immer so leicht hingenommen werden. Aber ein furchtlos eingestandener Fehler entfaltet offenbar weniger unangenehme Folgen als ein Fehler, der einem erst von andern nachgewiesen und vorgehalten wird

Umdenken als Ausweg

"Wer von Euch ohne Schuld ist, werfe den ersten Stein" heißt es in der Bibel (Joh. 8, 1-11). Diese Maxime ließ die zur Steinigung verurteilte Ehebrecherin überleben. Die Geschichte ermutigt nicht etwa zum Ehebruch, sondern verdeutlicht: Jeder Mensch macht Fehler, jeder kann schuldig werden. Schämen muss sich, wer andere überheblich verurteilt. Vorwürfe und Selbstvorwürfe verletzen und blockieren. Der Ausweg ist ganz einfach zu beschreiben und fällt doch schwer: Selbstvorwürfe und Vorwürfe unterlassen! Und dies sollte jeder beherzigen, sowohl der von Fehlern anderer Betroffene als auch der Verursacher von Fehlern wie auch der gern überhebliche Dritte, der meint, ihm könne dergleichen nicht passieren.

Konkretisierung

 

  • Analyse:
    a) Genese: Wie konnte es zu dem Fehler kommen? Wie hätte er sich vielleicht vermeiden lassen?
    b) Folgen: Welche Auswirkungen hat der Fehler für andere und für den Verursacher selbst? Wie lassen sich die unangenehmen Folgen womöglich lindern?
  • Verhalten als Betroffener:
    a) Wertschätzung statt überheblichkeit: In guter mitmenschlicher Atmosphäre fällt es einem Fehlerverursacher sehr viel leichter, einen Fehler zuzugeben.
    b) Verständnis statt Verurteilung: Eine Aussage wie "So etwas hätte mir vielleicht auch passieren können" spendet [1] Trost. Das Hilfsangebot "Kann ich dir aus der Patsche helfen?" kann eine gute Freundschaft begründen.
  • Verhalten als Verursacher:
    a) Bekennen ist besser als vertuschen (siehe oben).
    b) Erfahrungen aus Fehlern sollte man für sich dokumentieren, um sie nicht zu wiederholen.

 

Hat Goethe recht?

Die Behauptung, dass die Öffentlichkeit versessen darauf ist, Fehler anderer anzuprangern, trifft leider zu, die hoffnungsvoll-scherzhafte Aussage, sie werde um des neuen Fehlers willen alte vergessen, aber leider nicht. Ein kultivierter Umgang mit sich selbst und mit einander lässt Fehler aber anders anschauen:

Fehler sind meine Freunde; denn

  • ich kenne viele,
  • ich wechsle sie häufig,
  • ich lerne von ihnen.

 


LINK:
[1] Essay Trost spenden: www.publicationes.de/wissen/psychologie/65-trost-spenden.html - zurück zu [1] -


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