Bewusstsein schulen von Peter Denker

Erweiterte Wahrnehmung als Bewusstseinskompetenz

 

[1] Antoine de Saint-Exupery lässt in seiner liebenswerten Erzählung "Der kleine Prinz" den wirklich schlauen Fuchs weisheitsvoll erkennen:
"Man sieht nur mit dem Herzen gut. Das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar."
Er könnte damit gemeint haben: "Man sieht nur mit liebevoll wachem Bewusstsein gut". Was das menschliche Bewusstsein kann, darüber können Sie hier etwas erfahren.

Bewusstsein als menschliche Meta-Fähigkeit

Bewusstsein ist eine spezifische Fähigkeit des Menschen, die ihn von den übrigen Lebewesen unterscheidet. Sie reiht sich ein in die Fähigkeiten der sinnlichen Wahrnehmung, des Denkens, Fühlens und Wollens und übersteigt sie. Denn mit dem Bewusstsein ist es möglich, diese Fähigkeiten zum Gegenstand der gedanklichen und empfindungsmäßigen Betrachtung, d.h. sie sich "bewusst" zu machen.
Vom Denken, das auch das Nachdenken über sich selbst zum Inhalt haben kann, unterscheidet sich das Bewusstsein, indem es z.B. nicht den Regeln der Logik unterworfen werden kann. Es ist sowohl Mittel als auch Gegenstand von solchen Wahrnehmungen, die über die sinnlichen Wahrnehmungen hinaus gehen. Es ist intuitiv und ganzheitlich, kann widersprüchlich sein und Täuschungen unterliegen. Es hat unterschiedliche Grade von Aktivität und Intensität. So kann es zeitweilig oder ganz verloren gehen, zum Beispiel im Zustand der Bewusstlosigkeit. Und andererseits kann es in Hellsichtigkeit einmünden.

Sinnliches Wahrnehmen

Mittels der "fünf Sinne" gewinnen wir alle sinnlichen Wahrnehmungen:

  • Hören (z.B. ins Schloss fallende Tür)
  • Sehen (z.B. fahler Mondlichtschein)
  • Riechen (z.B. abgestandener Tabakrauch)
  • Schmecken (z.B. frisch gebackenes Brötchen)
  • Tasten (z.B. weiches Katzenfell)
Über die sinnliche Wahrnehmung "Sehen" hinaus erkennt man beim "Lesen" - z.B. dieser Aufzählung - mehr als man sieht:
Es werden sinnlich unmittelbar wahrnehmbare Objekte benannt, die hier und jetzt keineswegs real gegenwärtig sind. Dennoch hat jeder Leser klare Vorstellungen von diesen Objekten, womöglich begleitet von Assoziationen oder Erinnerungen an bestimmte, von ihm erlebte Situationen. Bei genügender Intensität können sich dabei sogar Empfindungen (z.B. unangenehm laut, gespenstisch-bedrohlich, übel riechend, genussvoll bzw. wohltuend) einstellen, die jetzt nicht erlebt, sondern im Bewusstsein vorgestellt werden. Auf der Meta-Ebene angeschaut, erhält man damit zugleich einen Schlüssel zum Verständnis der folgenden Aufzählung. Sie gibt Beispiele für 'erweitertes Wahrnehmen'.

Erweitertes Wahrnehmen

Das mit diesem Begriff Gemeinte verdeutlichen folgende Aktivitäten des Bewusstseins:

  • Empfinden (z.B. eine Stimmung / ein Gefühl)
  • Erinnern (z.B. eine Begebenheit)
  • Vorstellen (z.B. eine Möglichkeit)
  • Ersinnen (z.B. ein Projekt)
Diese Fähigkeiten auch dem Wahrnehmen zuzuordnen, beruht auf der Erfahrung, dass ihnen gemeinsam ist, dass sie uns wie Ideen unvermittelt und ebenso lebhaft ins Bewusstsein treten können wie ein sinnlicher Eindruck.
Um sowohl sinnliche als auch "erweiterte" Wahrnehmungen zusammenfassend zu beschreiben, kann man also definieren:

Wahrnehmen heißt: Sich etwas bewusst werden lassen.

Die Fähigkeit zum erweiterten Wahrnehmen ist rudimentär in jedem Menschen veranlagt, bedarf aber der Kultivierung durch Übung. Als Übungsbeispiele können das [2] Lesen und Vorlesen oder das [3] Balance Suchen gelten.

Folgen mangelnder Wahrnehmungsfähigkeit

Die meisten Übel, unter denen unsere Gesellschaft leidet, lassen sich als Folgen unzureichender "Kultivierung des Gemüts" begreifen. In Egozentrik und Konsumverhalten beispielsweise zeigt sich, dass die vom individuellen Tun und Lassen betroffenen Kreaturen und Ressourcen nicht bewusst wahrgenommen und wertgeschätzt werden. Das individuelle und gesellschaftliche Wohlbefinden kann in dem Maße zunehmen, in dem das erweiterte Wahrnehmen individuell und gemeinschaftlich geübt wird. Dazu sind betimmungsgemäß die Schulen prädestiniert.

Schulen als Orte der Bewusstseinsbildung

Den Schulen werden ihrem Erziehungsauftrag am besten gerecht, wenn sie die Erziehung als "bewusstseinsbildenden Prozess" anschauen und gestalten. Dabei hätten "bewusstseinsbildende Maßnahmen" z.B. Strafen zu ersetzen.

Als Beispiel dafür sei die "erweiterte Wiedergutmachung" genannt. Das ist - wie der Name sagt - eine aufgegebene Wiedergutmachung, die nicht nur angerichtete Folgen von Versagen oder Fehlverhalten ausgleicht, sondern darüber hinaus geht, um das Bewusstsein für dessen Intolerabilität zu stärken. Wer z.B. ein Pult beschmutzt, soll viele Pulte säubern, im Wiederholungsfall furchtbar viele.

Und zu den wichtigsten Wahrnehmungsübungen gehört der Wechsel der Perspektive; z.B. mit Fragen nach den Empfindungen des Gegenübers oder danach, was derjenige Wichtiges für sich getan hat, dessen Verhalten uns inakzeptabel erscheint.
Eine weitergehende Übung zur Kommunikation über Unterschiedliche Sichtweisen ist der [4] "Mitbetrachtung" genannte Austausch über gemeinsam betrachtete Bilder.

Nutzen von Wahrnehmungsübungen

Von Wahrnehmungsübungen zur Schulung des Bewusstseins darf man sich nach meiner Überzeugung und Erfahrung Verbesserungen der individuellen und sozialen Befindlichkeit erhoffen:

  • Kultivierung des Gemüts,
  • mehr innere (Er-)Lebensqualität,
  • Immunisierung gegen Zeitkrankheiten.
Sind diese Ziele nicht jeder Mühe wert?

 

 


LINKS:
[1] extern Antoine de Saint-Exupery:
www.zitate-online.de/autor/saint-exupery-antoine-de/ - zurück zu [1] -
[2] Essay Lesen und Vorlesen:
www.publicationes.de/bildung/kompetenzentwicklung/108-text-erleben.html - zurück zu [2] -
[3] Essay Balance suchen: www.publicationes.de/bildung/kompetenzentwicklung/54-balance-suchen.html - zurück zu [3] -
[4] Essay Sich über Bilder austauschen: www.publicationes.de/bildung/kompetenzentwicklung/131-mitbetrachtung.html - zurück zu [4]


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