Über das Hören von Peter Denker

Die Sinne - Teil 4-

Nach den Essays ‹1› "Über das Riechen" , ‹2› "Über das Sehen" sowie ‹3› "Über den Mund, die Zunge und das Schmecken" ist dieses die vierte Abhandlung der entstehenden Reihe über die Sinne als "Tore zur Außenwelt". Die unmittelbaren Sinneseindrücke bestimmen das Empfinden, das Verhalten und die Ausdrucksweise des Menschen. Stellen Sie sich einmal vor, was uns alles fehlen würde, wenn wir nicht hören könnten. Dann wird sehr schnell klar, wie wichtig dieser Wahrnehmungskanal für jeden von uns und für unser Miteinander ist. Den Nutzen des (Radio-)Hörens beschreibt der Sender "hr-info" mit seinem eingängigen Werbeslogan: "Wer's hört, hat mehr zu sagen." - Wie bei den übrigen Sinnen ist also auch beim Hören das Miteinander vielfältiger Wahrnehmungen und Deutungen eingehender Betrachtung wert.

Hören, Gehör und das Ohr

Begriffsbestimmung

  • "Hören" bezeichnet die sinnliche Wahrnehmung von Schall und die nähere Bestimmung der Schallquelle bzw. des Ereignisses, von dem Schall ausgeht. Meistens geht das Hören mit einer - teils gar nicht ganz bewussten - Bewertung des Gehörten einher, z.B.: "Das höre ich gern oder ungern, deutlich oder undeutlich, … ".
  • Unter "Gehör" versteht man einerseits die Fähigkeit zu hören, aber auch die Gelegenheit, von andern angehört zu werden oder ihnen die Gelegenheit zu bieten, sich zu äußern.
  • "Ohren" sind nicht nur die paarig angeordneten Organe des Hörens, sondern auch des Gleichgewichts. Auf Letzteres wird im Folgenden nicht weiter eingegangen.

Physiologische und neuronale Grundlagen

Das Gehör und die Verarbeitung der akustischen Signale im Gehirn beschreiben zahlreiche im Internet abrufbare Artikel, so z.B. bei ‹4› Wikipedia und auf der sehr anschaulich-instruktiven Webseite ‹5› dasGehirn.info.

Akustische Wahrnehmungen

Hörerlebnisse von Menschen lassen sich in drei Klassen einteilen, nämlich solche, die auf messbaren Luftdruckschwankungen beruhen, solche, bei denen Training zu besonderer Hörfähigkeit verhilft, und schließlich solche, die nicht auf messbarem Schall beruhen, sondern die von Gehirnaktivitäten ausgehen. Erstere umfassen:

  • Geräusche in unserer Umgebung (z.B. Bäume rauschen im Wind, Türen schlagen zu, Bremsen quietschen, Maschinen rattern, Glocken läuten),
  • Laute von Tieren (z.B. Katzen miauen, Ziegen meckern, Kühe muhen, Pferde wiehern, Hunde bellen, Frösche quaken, Vögel zwitschern),
  • Sprache und Gesang,
  • Musik, Rhythmus, Melodie, (Dis-)Harmonie, erzeugt mit Instrumenten,
    ggf. auch übermittelt von Tonträgern über Lautsprecher oder Ähnliches.

Zur zweiten Kategorie gehören das "angeleitete Hören" und das "absolute Gehör":

  • "Angeleitetes Hören", wie es beispielsweise Musikunterricht vermitteln kann, ermöglicht differenzierteres Hören von Musik und Geräuschen.
  • Eine angeborene, aber auch erlernbare Sonderbegabung von Menschen - besonders von manchen Musikern - ist das "absolute Gehör", auch "Tongedächtnis" genannt: Es bezeichnet die Fähigkeit, jedem einzeln gehörten Ton den Notennamen zuzuordnen, ohne einen definierten Bezugston vorgespielt zu bekommen.

Zur dritten Kategorie der vom Gehirn selbst ausgehenden Hörerlebnisse zählen:

  • Musiker "hören" den Klang von Musik beim Lesen der Noten in einer Partitur.
  • Die meisten Menschen können sich nach einem Traum nicht nur an Bilder und Bewegungen erinnern, sondern auch an Geräusche und Stimmen, die sie träumend "gehört" haben.
  • Unter dem Einfluss optischer Erscheinungen - wie z.B. den Nordlichtern - "hören" manche Menschen Phonismen. Vom "Tönen" der Gestirne wie z.B. "Die Sonne tönt nach alter Weise" ist - wie schon bei den Pythagoräern - auch im "Prolog im Himmel" in Goethes Faust I die Rede.
  • Menschen mit Gehirnerkrankungen (z.B. Schizophrenie) "hören" Stimmen (akustische Halluzinationen), so auch Menschen mit erlebten Traumata oder nach Drogenkonsum.

Zweck des Hörens

Bei allen Säugetieren hat das Gehör vorrangig Gefahren oder Laute anderer Lebewesen wahrzu-nehmen. Wie andere Kreaturen kann auch der Mensch auf Gefahrensignale schreckhaft und spontan reagieren, indem solche Signale nicht erst bewusst analysiert und bewertet werden, sondern zusammen mit zugehörigen Wahrnehmungen anderer Sinnesorgane binnen Millisekunden Bewegungs- und Verhaltensimpulse im Gehirn auslösen, um der möglichen Gefahr zu entgehen.

Beim Menschen ist das Hören darüber hinaus ein Vorgang, der zur vielfältigen, akustischen Wahrnehmungen und deren Deutung befähigt, sogar noch bei ‹6› Komapatienten. Gesunde Menschen können ihr Gehör kultivieren und sich darüber mit anderen austauschen, also kommunizieren. Neben körpersprachlichen Signalen - Mimik und Gestik - können sie dazu ein ganzes Spektrum akustischer Signalformen einsetzen.

Solche Signale sind z.B. emotionale Laute, Sprache, Gesang und Musik sowie in bestimmter Absicht erzeugte Geräusche, wie z.B. das heftige Zuschlagen einer Tür oder das Beifallklatschen. All diese akustischen Signale lösen beim Hörer gewollt oder unbeabsichtigt Wirkungen aus, die mit den Absichten ihrer Erzeugung übereinstimmen können aber keineswegs müssen. Damit einher geht die Erkenntnis: Äußerungen sind die Quelle aller Missverständnisse und Konflikte.

Dennoch ist ihr Nutzen ungleich größer als ihre Konfliktträchtigkeit. Denn in der bewussten Analyse der Hörwahrnehmung im Vergleich zu der vom Sprechenden beabsichtigten Wirkung, liegt ein Schlüssel zu Konfliktvermeidung und Konfliktbewältigung. Dazu verhelfen Kommunikations-Techniken, die man erlernen, üben und erfolgreich anwenden kann.

Über die Kommunikation

Methoden, mit denen sich Missverständnisse und deren Folgen vorbeugen und abhelfen lässt, sind Aktives Zuhören, Perspektivwechsel und einfühlsame Sprache.

Aktives Zuhören nennt man die Methode, sich durch vorwurfsfreies Rückfragen des tatsächlich Gemeinten zu vergewissern und zugleich den Gesprächspartner die eigene, wohlwollende Aufmerksamkeit spüren zu lassen.

Perspektivwechsel nennt man die Methode, sich selbst und einander mögliche Alternativen zur spontanen Deutung eines Geschehens oder einer Äußerung erkennbar zu machen, indem man sie aus verschiedenen Blickwinkeln anschaut. Eine andere Sichtweise einzunehmen, setzt Einfühlungsvermögen voraus und erschließt mit einer Umdeutung auch andere Handlungsmöglichkeiten. Den Sachverhalt veranschaulicht ein ‹7› YouTube-Video.

Einfühlsame Sprache ist durch das Bemühen gekennzeichnet, dem Gesprächspartner Verständnis und Achtung entgegenzubringen, ihn also nicht durch Vorhaltungen, Vorwürfe, Anschuldigungen oder Beleidigungen zu kränken oder zu verärgern. Sie erschließt sich mittels vorausschauendem Perspektivwechsel: "Wie würde ich mich fühlen, wenn mir jemand sagt, was ich spontan sagen möchte?" Diese Frage ist ein Prüfstein für die Einfühlsamkeit der angedachten Äußerung und womöglich ein Impuls, nach einer einfühlsameren Formulierung zu suchen. Das Bemühen um einfühlsame Sprache ist eine Art, das Gebot der Nächstenliebe zu praktizieren.

Ein Kommunikationsmodell hat der Kommunikationswissenschaftler Friedemann Schulz von Thun ersonnen, das vier verschiedenen Perspektiven auf eine Äußerung (oder "Nachricht") für den Sender und für den Empfänger deutlich macht: Jede Nachricht kann demnach aus einer Sachbotschaft, einer Selbstkundgabe, einer Beziehungsbotschaft und einem Appell bestehen. Hierfür ein Beispiel:

Jemand sagt: "Es schneit". Das ist eine "Nachricht". Sie erlaubt vier Deutungen:

  1. Sachbotschaft: "Die Wege sind glatt."
  2. Selbstkundgabe-Botschaft: "Ich finde Kälte unangenehm."
  3. Beziehungsbotschaft: "Ich möchte nicht, dass du dich erkältest."
  4. Appell: "Kehre den Gehweg vor dem Haus!"

 

Bildhaft gesprochen - so Schulz von Thun - hat der Sprecher der Nachricht "vier Zungen" zur Verfügung. Der Empfänger der Nachricht hat dieselbe Zahl von Deutungsmöglichkeiten, im Bilde Schulz von Thuns also "vier Ohren". Das skizziert folgende ‹8› Abbildung:

vier Zungen und vier Ohren

Zwischen Sender und Empfänger ist die Zahl der möglichen Missverständnisse dreimal so groß wie die Zahl der möglichen Übereinstimmungen in der Deutung der Nachricht. Darum ist es wichtig, Missverständnissen auf der Empfängerseite zu vermeiden. Dazu verhilft, die "Zunge", mit der man spricht, - also die Art der "Botschaft" - durch eindeutige Formulierung klar erkennbar zu machen. Das Hören wird also umso unmissverständlicher, je deutlicher der Sprecher sich vor seinen Äußerungen bewusst macht, was genau er damit bezweckt, und wie sein Gegenüber sie vermutlich interpretiert.

Das Wortumfeld

Während "hören" den Vorgang der akustischen Wahrnehmung im Allgemeinen beschreibt, bringen damit verwandte Verben auch etwas über Intensität, Richtung oder Absicht des Hörens zum Ausdruck:

  • "Horchen", "lauschen", "hinhören", "die Ohren spitzen", "ganz Ohr sein", jemandem "Gehör schenken" oder "sein Ohr leihen" beschreiben Hörvorgänge, auf die der Hörende sich konzentriert und die ihm wichtig sind. Bei etwas "aufhorchen", etwas "zu Ohren bekommen", etwas "aufschnappen" oder "mitbekommen" drückt aus, dass etwas ohne Anstrengung eher zufällig gehört worden ist.
  • Einiges Interesse an dem Gehörten zeigt "von etwas Wind bekommen", "etwas erfahren", "etwas anhören" oder "etwas vernehmen". Bedenkliches Interesse verraten "ein Gespräch mithören" oder gar "abhören", demonstratives Desinteresse das willentliche "Weghören" oder "Überhören".
  • Das Gegenüber steht überall dort im Fokus, wo von "jemandem" die Rede ist, so auch bei "jemanden anhören", "jemandem zuhören" oder gar jemandem "aktiv zuhören".
  • "Sich etwas sagen lassen" oder gar "jemandem gehorchen" geben zu erkennen, dass das Gehörte auf das Verhalten des Hörers unmittelbaren Einfluss hat.
  • Einige Verben des Wortfeldes "Hören" sind auch mehrdeutig, so z.B.
    • "jemanden vernehmen" im Sinne von "akustisch verstehen" oder "um Erklärung oder Rechtfertigung ersuchen", und
    • "aufhören" kann bei etwas oder jemandem "aufhorchen" oder "etwas beenden" bedeuten.

Die Bibel und das Ohr

Eindrucksvolle und bedenkenswerte Aussagen über das Hören finden sich schon im Alten Testament:

  • Im Buch der Weisheit heißt es: "Des Eifrigen Ohr hört alles" (Weish. 1.10). Interesse weckt Aufmerksamkeit. Immer schon!
  • Nach Inhalt und Sprecher unterscheidet der Satz: "Es ist besser, das Schelten der Weisen als den Gesang der Narren zu hören" (Prediger 7.5). Nicht, ob eine Botschaft gefällig ist, bestimmt ihre Bedeutsamkeit, sondern ob sie aus weisem oder törichtem Munde zu Gehör kommt.
  • Die Frage Hiobs "Muss, wer lange redet, nicht auch hören?" (Hiob 11.2) richtet sich in unserer Zeit an alle, die gern viel reden, z.B. Politiker, Lehrer, Verkäufer. Und seine Aussage "Das Ohr prüft die Rede" (Hiob 34.3) mag z.B. jedem Wähler, Schüler und Käufer als Aufforderung zum Selbstschutz dienen.

Auch im Neuen Testament ist einige Male vom Hören die Rede.

  • Lukas weist darauf hin, wie wichtig ist, Gottes Worte nicht nur zu hören, sondern auch zu bewahren (Lk 11.28), sich also dem entsprechend zu verhalten.
  • Jesus selbst wird bei Markus (Mk 4.9), Matthäus (Mt 11.15, 13.9 und 13.43) sowie bei Lukas (Lk 14.35) wiederholt mit der Aussage zitiert "Wer Ohren hat zu hören, der höre!". Damit wird die Wichtigkeit der jeweils vorangehenden Äußerungen unterstrichen; das sind zwei Prophezeiungen bei Matthäus und die Gleichnisse vom Sämann (bei Markus und Matthäus) und vom verdorbenen Salz (bei Lukas). Es genügt offenbar nicht, Ohren zu haben - man muss sie auch nutzen! Leichter gesagt als getan, nicht wahr?

Aphorismen

In der ‹8› Literatur finden sich unzählige Aussagen über das Hören und das Ohr. Nachfolgend eine kleine, kommentierte Auswahl:

  • Der Theologe, Psychologe und Humorforscher Thomas Holtbernd (* 1959) ergänzte das allbekannte Sprichwort "Wer nicht hören will, muss fühlen" um den Zusatz "und wer nicht fühlen will, kriegt etwas zu hören".
  • Die lapidare Feststellung "Im Alter lässt das Gehör nach" hat der Werbefachmann KarlHeinz Karius (* 1935) mit einem tröstlichen Zusatz entschärft: "Erfreulicherweise hört man zum Ausgleich manchmal wenigstens die innere Stimme etwas deutlicher."
  • Nachdenklich mach der Satz des österreichischen Autors Ernst Ferstl (* 1955), dem viele Aphorismen zu verdanken sind: "Jeder Mensch vermag uns viel mehr zu sagen, als wir zu hören imstande sind". Seine Feststellung mag auch als Aufforderung gelten, den Mitmenschen liebevoll soviel Gehör zu schenken, dass wir auch immer besser verstehen können, was sie nur andeuten.

Beim Verfassen dieses Artikels ist dem Autor selbst deutlich geworden:

  • Zuhören ist eine Kunst, deren schönstes Resultat sich in einer gelingenden zwischenmenschlichen Beziehung zeigt.

Mögen auch Sie, liebe Leser, diese Erfahrung machen!



 

LINKS:

‹ 1› "Über das Riechen": www.publicationes.de/bildung/kompetenzentwicklung/193-riechen.html
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‹ 2› "Über das Sehen": www.publicationes.de/bildung/kompetenzentwicklung/195-sehen.html
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‹ 3› "Über den Mund, die Zunge und das Schmecken": www.publicationes.de/bildung/kompetenzentwicklung/196-schmecken.html
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‹ 4› Wikipedia, "Auditive Wahrnehmung": https://de.wikipedia.org/wiki/Auditive_Wahrnehmung
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‹ 5› dasGehirn.info, "Hören": www.dasgehirn.info/wahrnehmen/hoeren/
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‹ 6› "Ansprechbarkeit im Koma": www.publicationes.de/wissen/psychologie/117-ansprechbarkeit-im-koma.html
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‹ 7› YouTube, "Perspektivwechsel": https://youtu.be/kIidyJQlykk
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‹ 8› "Schulen brauchen gute Lehrer", Kap. 1.8 "Über die Kommunikation": www.publicationes.de/allgemeines/nachrichten/192-sbgl-dokumentation.html
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‹ 9› Aphorismen, "Hören": www.aphorismen.de/suche?thema=Hören
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