Über den Mund, die Zunge und das Schmecken von Peter Denker

 

Die Sinne - Teil 3-

Nach den Essays ‹1› "Über das Riechen" und ‹2› "Über das Sehen"ist dieses die dritte Abhandlung der entstehenden Reihe über die Sinne als "Tore zur Außenwelt". Die unmittelbaren Sinneseindrücke bestimmen das Empfinden, das Verhalten und die Ausdrucksweise des Menschen. Das Miteinander vielfältiger Wahrnehmungen und Äußerungen wird wie bei den Augen auch beim Mund sehr deutlich.

Das Wortfeld

um Schmecken, Geschmack und den Mundraum

 

  • "Schmecken" bezeichnet die sinnliche Wahrnehmung des Geschmacks von etwas oder die nähere Beschreibung oder Beurteilung des Geschmacks; z.B. "Ich schmecke darin Vanille", "Das schmeckt sauer", "Es schmeckt mir gut".
  • "Schmecken" wird häufig auch im Sinne von "gefallen" gebraucht; z.B. "Dessen Meinung schmeckt mir gar nicht."
  • "Geschmack" ordnet man nicht nur Nahrungsmitteln zu, sondern auch Personen, die sich "geschmackvoll" einrichten, kleiden oder verhalten; z.B. "Sie zeigt einen guten Geschmack", "Was er sagt, ist einfach geschmacklos".
  • Ein "Geschmäckle" sagt man - nicht nur in Schwaben - einer Regelung nach, die den Anschein erweckt, demjenigen ungebührlich zu nützen, der diese Regelung erwirkt hat.
  • Indem der Mund nicht nur zum Essen und Trinken da ist, sondern auch als "Sprachrohr" dient, sind manche Formulierungen doppeldeutig; z.B. wenn jemand den "Mund sehr voll nimmt" findet man das weder beim Essen oder Trinken noch bei der Art sich zu äußern gut. Äußert sich jemand "vollmundig", tadelt man nicht, dass er mit vollem Mund redet, sondern dass übertrieben wirkt, was er sagt. Dass jemand "auf den Mund gefallen" ist, beschreibt in den seltensten Fällen die Folgen eines Sturzes, sondern meist im übertragenen Sinn, dass jener sich sprachlich nicht klar auszudrücken versteht. Wird etwas "von Mund zu Mund" verbreitet, meint das meist nicht das mütterlich vorgekaute Säuglingsessen, sondern eine Art der vertraulichen Mitteilung von Information, die nicht dokumentiert sein will und die deswegen bisweilen als nicht wahrhaftig gilt.
  • Mit den Zähnen verhält es sich ähnlich: Wer "Haare auf den Zähnen hat", ist übertrieben mitteilsam und zwar meist im Sinne übler Nachrede. Von Kritik oder Spott sagt man bisweilen, sie seien "beißend", also verletzend. Und "klappert" jemand mit den Zähnen, so mag es ein Zeichen dafür sein, dass er friert oder aber, dass er Angst hat.
  • Heißt es von der Zunge, sie sei "spitz" meint das in den seltensten Fällen deren Gestalt, sondern dass sich jemand "spitzfindig" oder gar verletzend äußert. Wenn jemand etwas "auf der Zunge liegt", hat er Schwierigkeiten, das, was er gerade meint, richtig zu benennen.
  • Die Lippen sind besonders stark durchblutet und daher auch sehr empfindlich und verletzlich. Die Stellung der Lippen gibt deutliche Hinweise auf die Stimmung des Menschen. Mit Berührung ihrer Lippen tauschen Verliebte Zärtlichkeit mit einander aus. Die Formulierung "das kommt mir nicht über die Lippen" ist eine Metapher dafür, eine Meinung so stark abzulehnen, dass man sie selbst nicht aussprechen mag.
Mund, Zunge und Geschmack haben es keineswegs nur mit seiner Nahrungsaufnahme, sondern mit dem ganzen Menschen zu tun. Über den Geschmack sagt Baltasar Morales (1601 - 1658), ein spanischer Jesuit, er lasse sich "genauso kultivieren wie der Geist". Ein schlesisches Sprichwort aus dem 18. Jahrhundert weiß: "Die Gewohnheit nimmt auch der besten Speise den Geschmack weg." Und in China ist ein Sprichwort verbreitet, dass den Einfluss der Essensmenge auf den Geschmack beschreibt: "Je mehr du isst, desto weniger Geschmack; je weniger du isst, desto mehr Geschmack."

 

Die sinnliche Wahrnehmung

"Schmecken" als Wahrnehmung der geschmacklichen Eigenschaften einer mit Lippen, Zunge, Gaumen, Rachenraum und Speiseröhre in Berührung kommenden Substanz ist ein Vorgang, an dem besondere Sinneszellen (Geschmacksknospen) und komplizierte Verarbeitungsprozesse im Gehirn zusammenwirken. Von Menschen mit Störung oder Ausfall der Geschmackswahrnehmung abgesehen, sind folgende Geschmackqualitäten in unterschiedlicher Stärke und Mischung wahrnehmbar: Süß, bitter, salzig, sauer, würzig und mineralisch. Zudem besitzt der Mundraum von den Lippen an Sensoren für unterschiedliche Temperaturen und für die jeweilige Härte der im Mund befindlichen Substanz. All dies, um uns zu warnen, anzuregen und Empfindungen unterschiedlichen Wohlbefindens auszulösen.

Wie angenehm oder unangenehm Speise oder Trank empfunden werden, wird darüber hinaus sehr stark von der Geruchswahrnehmung mitbestimmt, indem ja Mund und Nase über den Rachenraum verbunden sind, in den die Luft- und die Speiseröhre einmünden. Fehlender Geruch lässt manche Nahrung fade schmecken. Gegenüber starker Kälte wie z.B. von Speiseeis sind die Zahnwurzel-Nerven besonders empfindlich, aber auch Nerven in der Nase.

Vor zu heißem Essen warnen uns schon die Lippen. Die Wahrnehmung unterschiedlicher Festigkeit von flüssig, sämig, schleimig, breiig, fest bis hart kommt zu den Geruchs- und den eigentlichen Geschmackswahrnehmungen noch hinzu. Was wir also mit dem Mund wahrnehmen, ist äußerst vielfältig und spannend.

Abhängigkeit vom Wahrnehmenden selbst und seiner Umgebung

Die Komplexität wird noch dadurch vergrößert, dass wir in unserem Urteil über den Geschmack sehr stark beeinflussbar sind. Werbung macht sich das zunutze. Die Erwartung, von der man sich beim Essen oder Trinken leiten lässt, hat erheblichen Einfluss darauf, was wir dem Geschmack nach als angenehm oder unangenehm beurteilen. Schließlich können sich alle mit diesen Wahrnehmungen einhergehenden Urteile von Mensch zu Mensch sehr stark unterscheiden, so schon die Intensität der Wahrnehmung der sechs Geschmackqualitäten. Erst recht unterscheiden sich die Vorlieben der Menschen für Essen und Trinken: Was einem angenehm ist, kann einem andern zuwider sein, einem Dritten weder noch. Schließlich spielt dabei auch eine Rolle, was man in welcher Kombination oder Reihenfolge zu sich nimmt. Viele schätzen Rotwein zu dunklem Fleisch, Weißwein zu hellem Fleisch oder Fisch, Bier zu rustikalem Essen. Andere lehnen alkoholische Getränke strikt ab. Auch Gewohnheiten können also das Geschmacksurteil beeinflussen.

Sie kennen das: Was Ihnen am Urlaubsort besonders mundete, schmeckt mitgenommen oder nach gleichem Rezept daheim zubereitet nicht ebenso gut. Es liegt gewiss nicht an der Speise oder dem Getränk. Die Urlaubsatmosphäre und alles, was dazu gehört, haftet der Wahrnehmung als Erinnerung an, die sich daheim nicht wieder in gleicher Weise einstellt. Man ist geneigt, den mitgebrachten Wein oder das Rezept für abweichend zu erklären. Tatsächlich bleiben nur die Unterschiede des Ortes und der Stimmung. Der Autor erzählt, er habe (noch) nirgendwo sonst einen so köstlichen Kaiserstühler Gewürztraminer getrunken wie am Kaiserstuhl selbst.

Apropos Wein: Der Bericht im Johannis-Evangelium über die Hochzeit zu Kana (Joh. 2, 1-11) nennt es ein Wunder. Wer bezweifelt, dass Jesus Christus es tatsächlich geschafft hat, Wasser in Wein zu verwandeln, könnte den Bericht wenigstens als eindrucksvolles Beispiel für die Beeinflussbarkeit der Geschmackswahrnehmung durch besondere Umstände begreifen. Erkennbar ist nämlich die Wirkung der Gegenwart und Anweisungen Jesu Christi auf die gesamte Hochzeitsgesellschaft: Alle waren überzeugt, nun aus den Krügen, die mit Wasser gefüllt waren, köstlichsten Wein kredenzt zu bekommen. Selbst der Chefkoch, der zuerst davon kostete, war sich dessen gewiss.

Die meisten Menschen wissen, dass die räumliche und menschliche Umgebung, die Temperatur und die Stimmung ihr Befinden mehr oder weniger angenehm beeinflussen. Auch Gefäße, Bestecke und der gedeckte Tisch tragen dazu bei. Wer kultiviert und mit Freude isst und trinkt, dem schmeckt und bekommt es gut. Anders manchem Einsamen, dem sein Essen nicht recht schmeckt, obwohl er es sich selbst so ausgesucht oder zubereitet hat. Allerdings isst und trinkt man in geselliger Runde oftmals mehr, als zur Sättigung und zum Durststillen nötig wäre. Das Gleichgewicht kann durch gesellige Kumpane leicht ins Wanken geraten. Im Extremfall kann sich nach übersteigertem "Genuss" Freude in Abscheu wandeln.

Damit zusammen hängt die Frage, welche Speisen und Getränke der Gesundheit des Menschen zuträglich und welche eher abträglich sind und jeweils in welcher Menge. Damit beschäftigt sich im Vorfeld die Ernährungswissenschaft, im Nachhinein die Medizin. - Eine einfache Regel lässt erkennen, was bekömmlich ist:

Was dir schmeckt, bekommt dir auch, wenn du Obacht gibst, wann du genug davon hast.

Kultivierung des eigenen Geschmacks und Auftretens

Das, was uns an andern stört, sollten wir uns selbst bewusstmachen, um es zu vermeiden. Die Frage im Matthäus-Evangelium (Math. 7,3) nach dem Wahrnehmen des Splitters im Auge des Nächsten und dem Verkennen des Balkens im eigenen Auge richtet sich an jeden von uns. Die "Goldene Regel", die Lukas "Was ihr von andern erwartet, das tut ebenso auch ihnen" (Lk. 7,31) ist eine tragfähige Richtschnur, um selbst nicht "mit spitzer Zunge zu reden", "den Mund nicht zu voll zu nehmen" und anderer Fehler nicht "bissig" zu brandmarken. Mit etwas mehr Nächstenliebe fühlen sich alle wohler, schmeckt es allen besser. Indem es heißt, den "Nächsten zu lieben wie sich selbst" (Mk. 12, 31), sind wir gehalten, auch uns selbst etwas Gutes zu tun, z.B. auch, indem wir unser Essen und Trinken kultivieren. Bekanntlich "halten Essen und Trinken Leib und Seele zusammen" (Heinrich Hinsch, um 1690). Miteinander an einem gedeckten Tisch zu sitzen, tut der Seele gut, da schmeckt es uns einfach besser.

In diesem Sinne: Guten Appetit!

 


 

LINKS:

‹1› "Über das Riechen": Die Sinne - Teil 1 - www.publicationes.de/bildung/kompetenzentwicklung/193-riechen.html - zurück zu ‹1› -

‹2› "Über das Sehen": Die Sinne - Teil 2 - www.publicationes.de/wissen/christliche-oekumene/195-sehen.html - zurück zu ‹2› -

 


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