Über das Sehen von Peter Denker

Die Sinne - Teil 2 -

Nach dem Essay ‹1› "Über das Riechen" ist dieses die zweite Abhandlung der entstehenden Reihe über die Sinne als "Tore zur Außenwelt". Deren Nutzen, Beschränktheit und Subjektivität wie auch deren Beziehung zur inneren Befindlichkeit des Wahrnehmenden und zu dessen Äußerungen werden nachfolgend für das Sehen beschrieben und erläutert.

Gesunde Augen - selbstverständlich?

Die Augen sind das wichtigste und wunderbarste Sinnesorgan des Menschen. Es heißt, dass vier Fünftel aller menschlichen Sinneswahrnehmungen von den Augen vermittelt werden. Dabei unterliegt die optische Wahrnehmung vielfältigen Einschränkungen. Rein physikalisch umfasst sie vom Spektrums elektromagnetischer Strahlung nur den sichtbaren Teil, der von Objekten im jeweiligen Blickfeld ausgeht oder reflektiert wird. Manche Menschen können statt Farben nur Hell-Dunkel-Unterschiede wahrnehmen, sie sind farbenblind. Etliche können ebene Darstellungen dreidimensionaler Gebilde nicht als räumlich erkennen. Andere können wegen Fehlsichtigkeit Objekte ohne Brille nicht scharf sehen, manche sind durch Unfall, Krankheit oder gar von Geburt an sehbehindert oder gar blind. Gesunde Augen sind also keine Selbstverständlichkeit.

Ist alles Sichtbare erkennbar?

Auch wer ganz gesunde Augen hat, erkennt nicht alle sichtbaren Objekte und Vorgänge in seinem Sichtfeld "richtig". Optische Täuschungen sind dafür ein bekanntes Beispiel. Was man sieht, kann außer vom Gegenstand der Wahrnehmung auch vom Blickwinkel, von der Beleuchtung, von der Umgebung, vom Beobachtungsauftrag, von der eigenen emotionalen Verfassung und davon abhängen, was man sehen will oder erwartet. "Wir alle sehen ja nur, was wir sehen wollen", hat Kurt Tucholsky (1890 - 1935) formuliert. Und Johann Wolfgang Goethe (1749 -1832) wusste schon: "Man erblickt nur, was man schon weiß und versteht."

Sogenannte "Kippbilder" sind dafür eindrucksvolle Beispiele. Ein solches zeigt die nachfolgende Abbildung, bei der es dem Betrachter leicht fällt, einen Saxophonspieler zu erkennen. Um das ebenfalls darin angelegte Frauengesicht erkennen zu können, mag der Hinweis dienen, dass der Fleck rechts neben dem Mund des Saxophonisten das linke Auge und sein Kinn das linke Auge des überwiegend weiß dargestellten Gesichts markieren.


Abb. "Kippbild": Saxophonspieler oder Frauengesicht
(Quelle: www.onlinewahn.de)

Bekanntlich hat auch die innere Befindlichkeit des Menschen Einfluss darauf was er sieht. Offenbar kann nicht scharf sehen, wer weint. Sogar Kummer allein kann den Blick trüben. Ein anrührendes Beispiel dafür beschreibt der Evangelist Lukas: Die ‹2› Emmaus-Jünger erkennen den Herrn vor lauter Kummer nicht, ihre Augen "wurden gehalten" (Lk 24, 16). Sie erkannten ihn erst, als sie mit ihm zu Tisch saßen an der Art, wie er das Brot dankend brach und ihnen gab (Lk, 24, 30).

Sind Traumbilder "sichtbar"?

Schlafforscher haben nachgewiesen, dass sich die geschlossenen Augen in Schlafphasen rege bewegen, in denen man lebhaft träumt. Soweit Träume uns erinnerlich sind, stellen sie uns unwirkliche Ereignisse mit einer Deutlichkeit "vor Augen", die sich von Beobachtungen im Wachzustand kaum unterscheidet. Obgleich das Traumerlebnis im Gehirn selbst entsteht, sind die geschlossenen Augen daran genau so lebhaft beteiligt, als ob sie ein wirkliches Geschehen wahrnehmen würden. Wegen der mit Träumen einhergehenden Gefühle sind deren Inhalte oftmals von besonderer Eindringlichkeit, sei es "traumhaft schön" oder "alptraumhaft". Mit der Feststellung "Je weniger wir sehen, um so mehr phantasieren wir" hat schon Jean-Jacques Rousseau (1712 - 1778) die Übermacht der inneren Bilder im Vergleich zu den optisch sichtbaren verdeutlicht.

Wie wird Sichtbares verständlich?

Beim Betrachten von Texten wird uns deren Sinn nur verständlich, wenn wir zu lesen gelernt haben. Darüber hinaus müssen wir schon mit dem Vokabular des Gegenstandsbereichs vertraut sein, von dem der Text handelt. Für das sinnerschließende ‹3› Lesen ist also das Erkennen der sichtbaren Zeichenfolgen nur ein erster Schritt, die nötigste Voraussetzung. Erst das ‹4› geschulte Bewusstsein macht verständlich, was wir lesen. Entsprechendes gilt schon für das Benennen von Objekten mit Begriffen. Das Wiedererkennen von Objekten auch in veränderter Gestalt ist eine Fähigkeit des Gehirns, ohne die unser Auge Sinnzusammenhänge nicht erkennen könnte. "Anschauungen ohne Begriffe sind blind", formuliert es Immanuel Kant (1724-1804).

Den eigenen Augen trauen?

Was wir mit eigenen Augen gesehen haben, halten wir für wahr. Darum heißt sehen ja auch "wahr-nehmen". Was uns gezeigt wird, halten wir für überzeugender als was wir durch Hörensagen erfahren. Wer berichtet, was er gesehen hat, gilt als glaubwürdiger Zeuge. Mancher reagiert auf einen unglaublichen Bericht mit der Aussage: "Das glaube ich erst, wenn ich es gesehen habe." So z.B. der Jünger Thomas zu den Berichten der anderen Jünger über die Erscheinung des Auferstandenen (Joh. 20, 25). Erst als er den Herrn selbst zu sehen bekommt, glaubt er. Und daran schließt sich eine Seligpreisung an, die uns allen gilt: "Selig sind, die nicht sehen und doch glauben" (Joh. 20,29).

Was aber kann uns außer Zweifel noch alles den "Blick verstellen"? Es sind dies mit unguten Gefühlen behaftete (Vor-)Urteile oder Unterstellungen wie z.B. Fremdem gegenüber. Antipathie, Missgunst, Neid, Hass, Abscheu sind üble Scheuklappen, die eine noch so deutliche optische Wahrnehmung einschränken und verfremden können.

Wie verlässlich sind optische Eindrücke?

Indem unsere Augen, solange sie offen sind, beständig neue Eindrücke aufnehmen, ist deren Fülle zu groß, als dass man sie detailgenau und längerfristig erinnern könnte. Das Gehirn trifft eine Auswahl, was es für erinnernswert hält bzw. einfach ausblendet, und zwar durchweg unbewusst. "Es kann ein Glück sein, etwas nicht zu sehen", sagte dazu August Strindberg (1849-1912). - Wie wahr!

Mit jeder nicht ausgeblendeten Wahrnehmung geht auch eine Deutung einher. So werden z.B. gefährliche Situationen spontan als solche erkannt. Zur Abwehr kennen alle Lebewesen drei Arten der Sofortreaktion, nämlich Flucht, Totstellen oder (Gegen-)Angriff. Menschen haben die Fähigkeit, sich die Deutung von Beobachtungen bewusst zu machen und willentlich zu beeinflussen.

Auch unbewusst kommt es je nach der persönlichen, emotionalen Betroffenheit zu ganz unterschiedlichen Interpretationen desselben optisch wahrnehmbaren Geschehens. "Ändere den Rahmen und du siehst ein anderes Bild" weiß Michael Marie Jung (*1940).

Was ist verlässlicher als die Augen?

Antoine de Saint-Exupéry (1900-1944) lässt den schlauen Fuchs, den der kleine Prinz "sich vertraut gemacht" hat, sein "großes Geheimnis" preisgeben: "Man sieht nur mit dem Herzen gut; das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar."

Die meisten Menschen können dieser Aussage zustimmen. Und die andern? Vielleicht hilft ihnen die Erklärung, dass es bei der Deutung und Bewertung von optischen Wahrnehmungen eben auf die innere Verfassung des Beobachters ankommt, die sich durch Nachdenken, Selbststeuerung und ‹5› Perspektivwechsel beeinflussen lässt. Das geschulte Bewusstsein destilliert aus der optischen Wahrnehmung deren Bedeutung, eben das "Wesentliche" heraus. Und wer in seinen Beobachtungen nach dem Guten suchend fündig wird, dem spricht man "Herzensbildung" zu, der "sieht mit dem Herzen gut". Das genau ist die Sichtweise, die dem Gebot der Nächstenliebe entspricht. Sie öffnet Türen, überwindet Schranken und berührt Herzen. Man erkennt sie an einem wohlwollenden Lächeln.

Sprechen Augen?

"Du siehst die Weste, nicht das Herz", meint Wilhelm Busch (1832-1908). Ganz anders sieht es der Volksmund, der das Auge einen "Spiegel der Seele" nennt. Noch weitreichender hat das Ali Ibn Al Andalusi Hazm (993-1064) formuliert: "Das Auge ist der ehrliche Vorläufer der Seele, ihr recht-leitender Führer und ihr glänzender Spiegel, mittels dessen sie die Wesenheit der Dinge klar erfasst". Er war sich offenbar schon darüber im Klaren, was Verhaltensforscher der Neuzeit herausgefunden haben: Wie uns ein Mensch anschaut, ist bestimmend für das Empfinden von Zu- oder Abneigung. Blicke können z.B. als offen, freundlich, wohlwollend, besorgt, liebevoll empfunden werden - oder aber als verschlossen, unfreundlich, skeptisch, argwöhnisch, feindlich oder gar bösartig. Die Augenstellung, die Öffnung der Lider, die Gesichtsmuskeln formen die Mimik, die wir erkennen und zusammen mit Gesten und Worten als Gesamteindruck interpretieren. Man beurteilt instinktiv, ob man die Signale als angenehm oder unangenehm empfindet. Und darauf reagieren wir meist unwillkürlich spiegelbildlich mit ähnlicher Mimik, Gestik und Körpersprache. Wir verstehen einander sogar ohne Worte. So kommt es, dass ähnliche Empfindungen sich gegenseitig verstärken, und zwar im Guten wie leider auch im Unguten. Mit seiner Aussage "Wer beobachten will, darf nicht mitspielen" beschreibt Wilhelm Busch nicht nur die eingeschränkte Wahrnehmung von Spielern, sondern jedes Akteurs. Wer also Verhaltensweisen beobachten will und Selbststeuerung anstrebt, muss sich nichtverbale Äußerungen bewusstmachen. Dazu ist ein innerer Abstand vom Geschehen nötig. Den erreicht man, indem man sich die Perspektive eines unbeteiligten Beobachters zu eigen macht, sich selbst und dem Gegenüber sozusagen von der Seite her zuschaut. Aus diesem Blickwinkel kann die Situation objektiver erkannt und klüger aufgelöst werden, indem man die Analyse zur Selbststeuerung der eigenen Äußerungen nutzt. Das Bewusstmachen unbewusster Vorgänge gibt uns die Freiheit zurück, uns so zu verhalten, dass wir uns hernach nicht zu schämen brauchen. Anleitung dazu gibt das Buch ‹6› "Schulen brauchen gute Lehrer".

 


 
‹2› "Auf dem Weg nach Emmaus": Dem Auferstandenen begegnen

- www.publicationes.de/wissen/christliche-oekumene/97-emmaus.html - zurück zu ‹2› -

‹3› "Lesen und Vorlesen": Wie Lesen zum Erlebnis wird
- www.publicationes.de/bildung/kompetenzentwicklung/108-text-erleben.html - zurück zu ‹3› -

‹4› "Bewusstsein schulen": Erweiterte Wahrnehmung als Bewusstseinskompetenz
- www.publicationes.de/bildung/kompetenzentwicklung/53-bewusstsein-schulen.html - zurück zu ‹4› -

‹5› Perspektivwechsel: Video-Präsentation auf dem YouTube-Kanal "Praktische Pädagogik" - www.youtube.com/watch?v=kIidyJQlykk - zurück zu ‹5› -

‹6› "Schulen brauchen gute Lehrer": Buch-Dokumentation - www.publicationes.de/allgemeines/nachrichten/192-sbgl-dokumentation.html - zurück zu ‹6› -

 


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