Über das Riechen von Peter Denker

Die Sinne - Teil 1 -

Die unmittelbaren Sinneseindrücke bestimmen das Empfinden, das Verhalten und die Ausdrucksweise des Menschen. Dem gehen die geplanten fünf Aufsätze nach, deren erster vom Riechen handelt und der zweite vom ‹1› Sehen.

Semantik

Das Verb "riechen" hat dreierlei Bedeutung:

  • Einen Geruch absondern (duften),
  • einen Geruch wahrnehmen (schnuppern) und
  • - in bildhafter Sprache - etwas vermuten oder bewerten.

Gerüche absondern

Stoffe und Lebewesen geben charakteristische Duftmoleküle an die sie umgebende Luft ab: Blumen duften, Fäkalien stinken. Geruchlose Brenngase werden künstlich mit Duftstoffen versehen (odoriert), um sie wahrnehmbar zu machen. Viele Körperpflegemittel sind parfümiert, um einen Geruch zu verbreiten, der als angenehm empfunden werden kann.

Von ätherischen Ölen, die aus Pflanzenteilen gewonnen werden, strömen für die betreffende Pflanze charakteristische Düfte aus, welche die Befindlichkeit des Menschen in je unterschiedlicher Weise spürbar beeinflussen, indem sie über die Nase und Lunge auch in den Blutkreislauf gelangen. Um solche Wirkungen wusste man schon im frühen Persien, wo überliefert ist: "Pflanzendüfte sind wie Musik für unsere Sinne."

Gerüche wahrnehmen

Träger der Gerüche sind Gase. Beim Einatmen durch die Nase lösen die in der Atemluft enthaltenen Duftmoleküle in der Riechschleimhaut chemische Reaktionen und zugehörige Elektroimpulse aus. Die Riechschleimhaut ihrerseits besteht beim Menschen aus über 10 Millionen Riechzellen, die sich alle ein bis zwei Monate erneuern. Zum Vergleich: Bei Hunden sind es 250 Millionen und bei Aalen gar 1 Milliarde.

Die von den Riechzellen ausgehenden Signale werden von Nervenfasern zusammengefasst und zum Riechhirn weitergeleitet und von dort zu den "Wächtern der Wahrnehmung" Amygdala - dem Zentrum für Emotionen und Spontanreaktionen - und zu dem Hypothalamus, der die unwillkürlichen Körperfunktionen steuert. Das Riechhirn ist so unmittelbar mit dem Stammhirn verbunden, während die übrigen Sinnessignale über den Thalamus - das "Tor zum Bewusstsein" - auf die Großhirnrinde gelangen und damit dem Bewusstsein leichter zugänglich sind.

Diese Zusammenhänge hat Martin G. Reisenberg zu der Sentenz veranlasst: "Eine gute Nase verfügt vor allem über eines: Einen guten Draht zum Hirn!"

Gerüche erkennen und bewerten

Der Mensch kann von etwa 5000 unterscheidbaren Gerüchen gewöhnlich nur etwa 16 identifizieren, bei Übung allerdings - z.B. als Parfümeur - 1000 oder noch mehr. Etwa 2 Prozent der Menschen haben einen nur sehr schwachen oder gar keinen Geruchssinn. Mit zunehmendem Alter lässt die Geruchsempfindlichkeit meist deutlich nach.

Für die Geruchswahrnehmung kommt es je nach Substanz auf deren Konzentration in der Atemluft an; Moschus beispielsweise wird in sehr geringer Konzentration schon wahrgenommen, in stärkerer Konzentration bald als unangenehm. Eine etwa fünfhunderttausendfach stärkere Verdichtung seiner Duftmoleküle ist hingegen z.B. nötig, um Bananen-Öl überhaupt zu riechen.

Sehr sensibel reagiert der Mensch auf Geruchswahrnehmungen an Menschen in seiner Nähe. Schweiß, Fuß- und Mundgeruch wirken oftmals abstoßend, der Geruch der Haut oder des Haares können aber auch als angenehm empfunden werden. Menschen, denen ihr Geruch wechselseitig angenehm ist, finden einander sympathisch - und unsympathisch bei unangenehmer Geruchswahrnehmung. Dabei ist diese Art der gegenseitigen "Beschnupperns" oftmals gar nicht bewusst.

Anders verhält es sich mit Gerüchen, die eine Gefahr signalisieren, wie z.B. Gas, Abgas, Rauch oder verdorbene Lebensmittel. Der Geruchssinn kann seine Schutzfunktion aber nur erfüllen, wenn und solange der Mensch wach ist. Rauch- und Gasmelder sind deshalb so wichtig, weil ihre akustischen Warnsignale Schlafende wecken können, Gerüche aber leider nicht.

Besonders wirkungsvoll ist die Wahrnehmung von Gerüchen beim Essen und Trinken. Wer z.B. wegen Schnupfen nicht gut riechen kann, der empfindet das Essen als fade. Wenn der Kaffeeduft nicht zu riechen ist, scheint dem Kaffee sein typisches Merkmal zu fehlen.

Gerüche erinnern

Das Beispiel mit dem Kaffee verdeutlicht: Die meisten Erwachsenen verbinden mit Kaffee eine klare Vorstellung, wie er normalerweise riecht, selbst wenn gerade gar kein Kaffee aufgetischt ist. Gleiches gilt für viele andere Gerüche, an die man sich erinnern und die man sich auch bei Abwesenheit der duftenden Substanz deutlich vorstellen kann. Jeder kennt Situationen oder Örtlichkeiten, an die er sich zugleich mit einem bestimmten, ganz typischen Geruchserlebnis erinnern kann. Die Erinnerung an den Geruch kann der Situation oder dem Ort sogar eine lang anhaltende Unvergesslichkeit verleihen. Diese Fähigkeit lässt sich durch systematische Riechübungen sogar wirkungsvoll steigern.

Dazu sagt Kurt Tucholsky: "Die Nase hat das beste Gedächtnis von allen! Sie bewahrt Tage auf und ganze Lebenszeiten. Personen, Strandbilder, Lieder, Verse, an die du nie mehr gedacht hast, sind auf einmal da."

Und Hans-Christian Andersen schwelgt: "Den Duft der Wirklichkeit, der dem Betrachter auf ewig in die Sinne dringt und darin bleibt, können weder Maler noch Dichter wiedergeben."

Metaphern mit Geruchsbegriffen

Weil Duftstoffe meist schon in geringer Konzentration wahrgenommen werden können, sagt man von jemandem, der aus wenigen Anzeichen eine weitreichende Prognose zustande bringt, er habe "einen guten Riecher", oder wem das besonders schnell gelingt, er habe "die Nase vorn" oder er sei andern "eine Nasenlänge voraus". Wer mit unbekümmerter Zuversicht etwas anfängt oder sich ohne Vorfestlegung auf einen Weg begibt, der geht einfach "der Nase nach". Wer allerdings mit seiner Vermutung oder Handlung Pech hatte, von dem heißt es, er sei damit "auf die Nase gefallen".

Wer sich über die Meinung anderer stur hinwegsetzt, wird "hochnäsig" genannt. Und wer anderen etwas vortäuscht, dem sagt man nach, er führe sie "an der Nase herum". Das Unbehagen an einer Entscheidung äußert ein davon Betroffener, indem er sagt sie "stinke ihm" oder er sei deswegen "stinkig". Wer sich besonders neugierig für etwas interessiert, dem sag man nach, er "stecke seine Nase darein", er "schnüffle" und sei also ein "Schnüffler".

Wer sich altklug oder wichtigtuerisch über etwas äußert, von dem er wenig Ahnung hat, den nennt man einen "Naseweis". Von Menschen, die sich treffen, um einander kennen zu lernen, heißt es, sie wollten sich "beschnuppern", obgleich dabei die eigentliche Geruchswahrnehmung keineswegs im Vordergrund steht. Jemand, der Menschen mit Ansichten oder Verhaltensweisen begegnet ist, die ihm sehr unangenehm sind, sagt von ihnen, er "könne sie nicht riechen".

Zu alledem stellt Horst Rehmann treffend fest: "Der Mensch benötigt keine besondere Nase, um im richtigen Moment den richtigen Riecher zu haben."

 


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