Persönlichkeitsentwicklung durch Ausdrucksmalen von Peter Denker

 

Äußerer Rahmen und innere Bilder
einer besonderen Art zu malen

 

Eine Ausstellung im Rathaus von Ober-Ramstadt
präsentierte im September 2013 dreißig großformatige Bilder,
die drei "Laienmalerinnen" während vieler Malstunden
im Atelier an der Malwand stehend mit Pinseln, Schwämmen
oder bloßen Händen mit ‹A› Gouache-Künstlerfarben
auf großen Papierbögen frei gemalt haben.

Einen Eindruck vom Ausstellungsgebäude gibt Abb. 1.

Abb. 1 - Rathaus Ober-Ramstadt, Blick auf Ausstellungsräume

Eines der Exponate zeigt Abb. 2 vor der "Malwand"
umgeben von Malspuren anderer Bilder.

Abb. 2 - Exponat (auf Malwand) von Dietlinde Zitelmann

Ein weiteres Exponat findet sich am Schluss (Abb. 5).

Bei der Vernissage am 27.08.13 galt es zu erläutern,
was diese Art zu malen kennzeichnet.
Der dort vom Autor gehaltene Vortrag
wird hier wiedergegeben.

Laurence Fotheringham

Die Internetseite ‹B› www.ausdrucksmalen.com
stellt das Ausdrucksmalen
in der Konzeption von Laurence Fotheringham dar,
einem 1936 in Schottland geborenen Mal- und Gestalt-Therapeuten
und Ausbilder für Ausdrucksmalen in Deutschland und der Schweiz.

Abb. 3 - Laurence Fotheringham, Foto von Dietlinde Zitelmann (2006)

 

 
Abb. 4 - "Farbtupfen", Grafik auf der Home-Seite von ausdrucksmalen.com

In der abgebildeten Wolke von Farbtupfen (Abb. 4)
verstecken sich folgende kurzgefasste Aspekte des Ausdrucksmalens:

  • Sinnlich und macht Spaß,
  • Mit Farbe reden,
  • Begegnung mit sich selbst,
  • Sich selbst authentisch erleben,
  • Vielerlei Gefühle zulassen,
  • Verantwortung für sich zu übernehmen,
  • Lernen, sich selbst zu vertrauen,
  • Etwas in sich ins Reine zu bringen,
  • Dem Teufel auf den Schwanz treten,
  • Wunden in Perlen verwandeln,
  • Überraschende Wendungen und Lösungen finden,
  • Ein Glücksgefühl, wen ein Bild abgeschlossen ist.

Fotheringham sieht das Ausdrucksmalen als einen Prozess an,
der die Persönlichkeitsentwicklung der Malenden befördert
und in den Malbegleitern
wichtige pädagogische Kompetenzen veranlagt.
Sein Konzept beruht
auf den gleichen bewusstseinsbildenden Methoden,
von denen auch das Buch des Autors
‹C› "Schule des Bewusstseins" handelt.

Fotheringhams "Trust the process"
beschreibt sehr detailliert und konkret
die Anforderungen an den Umgang
des Malbegleiters und der Malenden
mit sich selbst und untereinander.
Werten und Deuten sollen dabei unterbleiben.
Die Kommunikation soll symmetrisch
und wertschätzend erfolgen,
um Konflikten vorzubeugen oder sie auch zu lösen.

Der Malbegleiter unterstützt die Malenden unaufdringlich
auf ihrem "Entdeckungsweg zu sich selbst".
Der Prozess des Ausdrucksmalens soll dem Malenden helfen,
sich seiner Situation und seiner Möglichkeiten bewusst zu werden.
Das dient seinem Selbstvertrauen und seinem Wohlbefinden.

Durch nachfolgende Merkmale
des "Äußeren Rahmens" und des "Inneren Bildes"
unterscheidet sich das Ausdrucksmalen nach Fotheringham
von anderen künstlerischen und therapeutischen Malformen.

 

A. Äußerer Rahmen

Das Atelier als "Malort"
Ausdrucksmalen findet
in einem nach außen abgeschirmten Raum statt.
Dadurch finden die Malenden
einen leichteren Zugang zu ihren inneren Bildern.
Sie werden nicht abgelenkt von äußeren Einflüssen,
Tages- und Jahreszeiten, Wetter usw.
Der gleichbleibende Rahmen vermittelt den Malenden,
unabhängig von ihrer inneren Befindlichkeit,
ein Gefühl der Sicherheit und Geborgenheit.

Material:
Eine reichhaltige Auswahl von leuchtenden [3] Gouache-Farben
steht am Malort zur Verfügung.
Gemalt wird mit Pinseln, Spachteln, Schwämmen, Händen und Fingern.
Große Bogen Papier werden an der Wand befestigt,
sodass die Malenden stehend arbeiten können.
Die vielen Farben laden zu spielerischem Umgang ein.
Die stehende Haltung erlaubt den Malenden,
Bewegungsimpulse ungehindert aufs Blatt fließen zu lassen
und ermöglicht ihnen die stete Gegenüberstellung mit ihrem Bild.

Thema:
Es wird nicht vorgegeben,
sondern ergibt sich für jeden Malenden ganz individuell
je nach dem persönlichen Befinden
und nach der augenblicklichen Stimmung.

Technik:
Der Malbegleiter erteilt keinen Unterricht
und gibt keine Vorlagen.
Maltechnische Probleme meistern die Malenden
durch Ausprobieren und Üben.
Sie sind herausgefordert,
die Dinge nach ihrer Erinnerung zu malen,
so gut, wie sie es im Augenblick können.
Daraus folgt,
dass absolut keine Vorkenntnisse im Malen nötig sind.
Wichtig aber ist Neugier
und eine gehörige Portion Risikobereitschaft.

Arbeitsweise:
Übermalen ist ein Kernpunkt im Ausdrucksmalen:
Wenn ein Bild nicht gefällt,
kann es übermalt und immer wieder abgeändert werden,
bis der Malende von der Aussagekraft des Bildes
ganz befriedigt ist.
Die Entwicklung, der Weg,
die ständigen Veränderungen eines Bildes
sind von zentraler Bedeutung.
Sie führen den Malenden hin zu neuen Erkenntnissen.

Bewertung:
Die Bilder werden weder vom Malbegleiter,
noch von der Gruppe beurteilt.
Sie werden nicht interpretiert, nicht psychologisiert
und weder negativ noch positiv bewertet.

Auf diese Weise entsteht ein geschützter Raum,
in dem die Malenden frei experimentieren
und zu ihren Stärken und Schwächen stehen können.

 

B. Inneres Bild

Persönlichkeitsentwicklung:
Persönlichkeitsentwicklung umfasst
die Entwicklung und das Wachstum zu einem selbständigen,
kreativen handlungs- und beziehungsfähigen Menschen.
Solche Entwicklung setzt nach Fotheringham voraus,
die ursprüngliche, kindliche Art zu lernen
wieder zu entdecken.
Dieses ganzheitliche Lernen führt uns Schritt um Schritt
zurück zu unserem Urvertrauen, und damit zu der Erfahrung,
dass wir sowohl menschlich als auch göttlich sind.

Prozess:
Die Arbeit der Malbegleiter ist prozessorientiert.
Das heißt,
der Malende tritt in einen schöpferischen Prozess ein,
ohne genau definiertes Ziel.
Das Endergebnis ist ebenso ungewiss wie die Zeit,
die dafür benötigt wird.
Wie ein Kind ist er getrieben
von kreativer Neugier und Entdeckungslust.
Die Erfahrungen und Erlebnisse auf dem Weg
führen zu neuen Erkenntnissen.
Sie sind ebenso wichtig wie das fertige Bild,
welches das sichtbare Ergebnis des durchkämpften Weges ist,
das in Einklang mit dem Malenden steht
und diesen oft tief beglückt und mit Stolz erfüllt.

Wertsystem:
Für die Arbeit der Malbegleiter gilt ein offenes Wertsystem.
Sie beurteilen die Malenden und ihre Bilder
weder positiv noch negativ,
bewerten nicht als richtig oder falsch,
schön oder hässlich, gut oder schlecht.
Oft realisiert der Malende erst dadurch,
wie stark er im Leistungssystem verhaftet ist.
Er ist ständig konfrontiert
mit seinen übertriebenen Ansprüchen an sich selber,
mit seinem harten inneren Kritiker und der Grundangst,
nicht gut genug zu sein.
Er ist herausgefordert,
sich mit seinen hohen Ansprüchen auseinanderzusetzen,
sich sein Idealbild abzuschminken
und seine nüchterne Realität zu erleben.
Ein schmerzhafter Prozess!
Wenn diese Phase durchgestanden ist,
kann er wieder die Freude und Faszination
des freien und spontanen Tuns erleben.
Er entwickelt ein immer feineres Gespür
für seine eigene Wahrheit
und macht sich unabhängig von der Meinung anderer.

Verantwortung:
Der Malbegleiter gibt kein Urteil ab,
erteilt weder Ratschläge noch Empfehlungen.
Mit seinen Impulsen und Vorschlägen
ermutigt er den Malenden,
auf seinem Bild zu experimentieren,
Risiken einzugehen und Erfahrungen zu sammeln.
Die Entscheidung liegt jedoch immer beim Malenden.
Er übernimmt die volle Verantwortung für sein Handeln
und trägt auch die Konsequenzen,
die sich daraus ergeben.

Fehler, Probleme, Krisen:
In unserem Leben haben wir ständig erfahren,
dass Fehler zu vermeiden,
Probleme lästig und Krisen unerwünscht sind.
Fehler werden bestraft,
Probleme sind frustrierend und Krisen eine Schande.

Alle drei versuchen wir darum krampfhaft zu vermeiden.
Wir verwenden unsere gesamte Energie,
sie zu verstecken, zu kaschieren, zu verheimlichen.
Dadurch fehlt uns die Kraft, Lösungen anzustreben.
Wir bleiben stecken.
Entwicklung ist nicht mehr möglich.
Am liebsten möchten wir aufgeben, fliehen.

Beim wertfreien System im Atelier
ist der Malende herausgefordert,
sich den Problemen zu stellen.
Dadurch werden Lösungen möglich.
Gefühle von Enttäuschung, Hilflosigkeit,
Ratlosigkeit, Hoffnungslosigkeit und Lähmung
sind entscheidende Wegweiser auf dem Weg zur Lösung.
Die Spannung ist unangenehm und oft kaum zu ertragen.
Doch gerade in dem Moment,
da die Probleme unüberwindbar
und die Krisen abgrundtief scheinen,
wachsen sehr oft erstaunliche Kräfte.

Gestaute Gefühle wie Wut und Trauer brechen durch
und führen zu ungeahnten Lösungen.
Lösungen sind Erfolgserlebnisse.
Erfolgserlebnisse erzeugen Selbstvertrauen,
das Gefühl, fähig zu sein, schwierige Situationen zu meistern.
Selbstvertrauen gibt Mut, neue Risiken einzugehen.
Schließlich kommt der Malende zur Überzeugung,
dass nicht die Niederlagen, sondern die Konflikte,
denen er sich nicht gestellt hat,
ihn zu einem Versager machen.

Zeit:
Lernen braucht seine Zeit.
Wachstum braucht seine Zeit.
Entwicklung braucht ihre Zeit
- und wir sind so schnell ungeduldig und entmutigt!
Lernen wir vom kleinen Kind:
Es braucht Monate
bis es auf seinen Füssen stehen und gehen kann.
Immer wieder fällt es hin und so oft tut es sich weh.
Aber - es gibt nicht auf!
Und eines Tages läuft es!

Leiter:
Genau wie für die Malenden
gilt auch für den Malbegleiter das offene Wertsystem.
Er muss jederzeit bereit sein, Fehler zu machen,
Risiken einzugehen und sich Konflikten zu stellen.
Auch er ist verletzbar,
steht zu seinen Stärken und Schwächen,
teilt Gefühle und Empfindungen,
zeigt Betroffenheit und Freude.

… Und wenn es etwas gibt,
was er gern mit seiner Arbeit vermitteln möchte,
dann dies:

TRUST THE PROCESS.

 

Betrachter

Nach diesen Ausführungen sollte deutlich sein,
dass sich Exponate vom Ausdrucksmalen
der Bewertung und Interpretation entziehen,
dass sie Einblick geben
in die zeitweilige Verfasstheit einer malenden Person am Malort,
dass sie zwar mit Form und Farbe
künstlerische Ausdruckmittel verwenden,
aber ihre Aussagen sich im Kern
nur den Malenden selbst erschließen.

Die Ausstellung soll demnach Gelegenheit geben,
selbst anhand von Ausdrucksmalergebnissen
einen Eindruck davon zu gewinnen,
was es mit dem Ausdrucksmalen für eine Bewandtnis hat.

Dazu abschließend noch ein Malergebnis-Beispiel (Abb. 4)
von der Malbegleiterin Dietlinde Zitelmann:

Abb. 5 - Exponat von Dietlinde Zitelmann

 

Hinweise:

‹A› Gouache-Farben erklärt Wikipedia wie folgt:

Gouache (von italienisch guazzo ‚Lache')
ist ein wasserlösliches Farbmittel,
das aus gröber vermahlenen Pigmenten
unter Zusatz von Kreide besteht.
Als Bindemittel wird Gummi arabicum verwendet.

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‹B› Die Internetseite ausdrucksmalen.com ist
eine von Angela Gambke für Laurence Fotheringham
im Leuehuus in CH-8586 Kümmertshausen
und dort stattfindende Kurse gestaltete Homepage.
Die Website gliedert sich in die folgenden Bereiche:

  • Trust the process
  • Theoretische Gedanken
  • Kursangebote
  • Lehr- und Wanderjahre
  • I am what i am
  • Galerie
  • Wir stellen uns vor

Die in "Theoretische Gedanken" vorfindlichen Ausführungen
sind die hauptsächliche Quelle für diesen Beitrag.
Für den Vortrag wurden sie aus der Ich-Form des Kursleiters
in neutrale Beschreibungen umgeformt.

Die Veröffentlichung in dieser Form hat
Laurence Fotheringham ausdrücklich gebilligt
und darauf aufmerksam gemacht,
dass die hier wiedergegebenen Inhalte der erwähnten Quelle
sein eigenes geistiges Eigentum bleiben.

Mit dem Copyright dieser Webseite
werden seine Rechte nicht eingeschränkt,
sondern nur ergänzend wahrgenommen und verstärkt.

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‹C› Das erwähnte Buch "Schule des Bewusstseins"
ist auf www.publicationes.de ausführlich dokumentiert.
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‹D› Weitergehende Informationen über das Ausdrucksmalen
nach L. Fotheringham hält die Buchhandlung des Odenwald-Instituts bereit;
so z.B.

  • Laurence Fotheringham, "Trust the Process"
  • Handreichung "Reflektionen zum Ausdrucksmalen nach Laurence Fotheringham"
  • Michael Podszun "Zwölf Aspekte des Audrucksmalens"
    (Vortrag vom 4.5.2013 im Odenwald-Institut)

 


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