Erziehung zur Pünktlichkeit von Peter Denker

 

Ein Beitrag zur Veranlagung von Zuverlässigkeit durch Bewusstseinsbildung

 

Unpünktlichkeit ist ärgerlich. Bei Verabredungen erzeugt sie ungute Gefühle, sorgenvolle Gedanken, Verunsicherung und Enttäuschung. Umso mehr, je länger sie andauert. Oft wird sie als Mangel an Rücksichtnahme oder als Störung empfunden. So beispielsweise bei Veranstaltungen, Vorträgen und im Schulunterricht. Besonders wiederholte Unpünktlichkeit hat etwas Geringschätzendes, Kränkendes an sich. In unserer Wohlstandsgesellschaft sind Nachlässigkeit, Gleichgültigkeit, Bequemlichkeit, Unverbindlichkeit und Egozentrik die eigentlichen Feinde der Pünktlichkeit, bisweilen sogar Bosheit. Warum ist Erziehung zur Pünktlichkeit wichtig und wie lässt sie sich bewerkstelligen?

Einwände und Gründe

"Ist denn Pünktlichkeit überhaupt ein zeitgemäßer Wert?" könnte ein Zeitgenosse fragen, um der Forderung nach Pünktlichkeitserziehung zu widersprechen. Er könnte auf die ständige Unpünktlichkeit von öffentlichen Verkehrsmitteln verweisen oder auf häufig unzuverlässige Liefertermine. Und damit könnte er provokant den Umgang mit Unzeitigkeit für ein vorrangiges Thema erzieherischer Anstrengungen erklären.
Ja, Strategien für solche Problemfälle zu entwickeln, soll in der Schule gewiss auch ein Thema sein. Grundlagen für ein gutes Zeitmanagement zu vermitteln, ist Gelegenheit schon in den ersten Lektionen unter dem Titel "Das Lernen lernen" gegeben. Auch sind genau dabei Pünktlichkeit, Selbstdisziplin und Zuverlässigkeit zu thematisieren.

Überall, wo Termine den Ablauf steuern, ist Pünktlichkeit unverzichtbar. Der Stundenplan in der Schule, der Vorlesungsplan der Uni, die Veranstaltungszeiten der VHS-Kurse, der Beginn von kulturellen und Fortbildungsveranstaltungen, Termine für Gruppengespräche und Arbeitssitzungen und die Terminvergabe an Nutzer von Service-Einrichtungen sind Beispiele dafür. Ohne Einhaltung der Zeitvorgaben entstünde Chaos. Verlässliches Timing ist als Grundvoraussetzung für Zusammenkünfte und Prozessabläufe unabdingbar. Erfolgten beispielsweise Zulieferungen nicht "just in time", kämen manche Wirtschaftsunternehmen in große Schwierigkeiten.

Im Sinne der Persönlichkeitsbildung ist die Erziehung zur Pünktlichkeit ein Teilaspekt der Erziehung zur Zuverlässigkeit. Menschen, auf die man sich verlassen kann, schätzt man, während man mit unzuverlässigen lieber nichts zu tun hat. Die Erziehung zur Pünktlichkeit leistet von selbst einen wichtigen Beitrag zur Ausprägung von Zuverlässigkeit als Persönlichkeitsmerkmal, trägt also zur Akzeptanz und mithin zum Erfolg des Menschen bei. Selbst Menschen in herausgehobener Position erwarten nicht nur Pünktlichkeit, sondern praktizieren sie als Teil ihrer Unternehmensverantwortung. "Pünktlichkeit ist die Höflichkeit der Könige", sagte man früher. In unserer Zeit bleibt Pünktlichkeitserziehung immer noch auch ein Beitrag zur Stärkung von
Höflichkeit und gegenseitiger Wertschätzung.

Gegenüber dem Training anderer Verhaltensweisen hat die Erziehung zur Pünktlichkeit den Vorzug, dass ihr Gelingen präzise messbar ist. Infolgedessen liegt es nahe, dieser Komponente der Erziehungsarbeit sogar exemplarische Bedeutung zuzumessen.

Elternhaus und Schule

Dass Pünktlichkeit wichtig und wertvoll ist, muss der Heranwachsende nicht nur gesagt bekommen, sondern er muss es erleben. Wenn Eltern oder Lehrern die Pünktlichkeit unwichtig ist oder wenn sie gar den Heranwachsenden gegenüber hinsichtlich der Einhaltung zeitlicher Verabredungen unzuverlässig sind, dann ist die erste Chance, Pünktlichkeit durch Vorbilder zu veranlagen, leider vertan. Die pädagogischen Entwicklungshelfer müssen wissen, dass sie weder vermitteln noch einfordern können, was sie nicht selbst praktizieren. Wer nämlich Pünktlichkeit predigt und fordert, sie aber nicht praktiziert, wird wegen Unglaubwürdigkeit nicht ernst genommen und bleibt deswegen erfolglos.

Weil Eltern in ihrem erzieherischen Verhalten unmittelbar kaum zu beeinflussen sind, bleibt es unabdingbar eine Aufgabe der Schule, auch zur Pünktlichkeit zu erziehen. Indem alle Eltern zuvor schulpflichtig waren, kann man annehmen, dass sie ihrerseits die Erziehungsarbeit umso kompetenter unterstützen werden, je wirksamer die ihnen selbst in der Schulzeit zuteilgewordene Erziehung ihre Persönlichkeit geformt hat. Darauf hinzuwirken ist Absicht der vorliegenden Überlegungen.

Wenn in Schulen Unpünktlichkeit nicht beanstandet wird oder wenn gar Eltern das Verlangen der Schule nach Pünktlichkeit ablehnen, dann fehlen wesentliche Grundbedingungen für die Möglichkeit schulischer Erziehung überhaupt. Es bedarf in dieser Hinsicht eines belastbaren Grundkonsenses innerhalb des Lehrerkollegiums wie auch darüber hinaus mit der Elternschaft und mit den Schülern. Ein solcher Grundkonsens könnte in einem Schulvertrag niedergelegt werden, wie er weiter unten vorgeschlagen wird.

Glaubwürdigkeit

Nur wer sich selbst ständig erkennbar um Pünktlichkeit bemüht, ist ein glaubwürdiges Vorbild. Viele sind meistens pünktlich, kaum einer immer. Die Verkehrsverhältnisse oder Hilfeleistung in einem Notfall sind Beispiele für objektive Hinderungsgründe. Mit einem kurzen Hinweis darauf kann der sich deswegen zu spät Kommende entschuldigen. Und er sollte es nicht versäumen. Und er sollte hinsichtlich Zeitpunkt, Umfang und Tonfall seiner Entschuldigung einfühlsam darauf achten, dass die Entschuldigung nicht ihrerseits von den andern Anwesenden als Störung empfunden werden kann.

Ausreden sind keine Entschuldigungen. Wenn eine Lehrkraft sich mit dem Hinweis auf Gegenwind oder ein Schüler sich mit der Begründung, den Wecker überhört zu haben, entschuldigen wollen, erzeugt das allenfalls Heiterkeit. Denn die deswegen Verspäteten hätten mit geeigneten Vorkehrungen doch pünktlich sein können. Ausreden verstärken die Unglaubwürdigkeit der Menschen, die ja nur den Anschein erwecken wollen, ihnen sei Pünktlichkeit wichtig, die dazu erforderlichen Vorbereitungen aber nicht treffen. Pünktlichkeit verlangt also Selbstdisziplin. Nur wer die aufbringt, kann sie auch vermitteln.

Klare Signale gegen die Unpünktlichkeit

Ein Lehrer, der das Zuspätkommen einfach nur übergeht, vermindert zwar die Beeinträchtigung seines Unterrichts, vergibt aber die Chance erzieherischen Handelns, um künftigen Verspätungen entgegenzuwirken. "Ich möchte nach der Stunde mit dir über die Verspätung reden" ist eine passende Botschaft an den betreffenden wie auch an alle übrigen Schüler. Sie kostet nur wenige Sekunden der Unterrichtszeit, bringt aber viel. Vorausgesetzt, dass der Lehrer seine Ankündigung am Stundenende auch verwirklicht. Erfolg stellt sich nämlich nur bei konsequentem Handeln ein, während Ankündigungen ohne Konsequenzen kontraproduktiv wirken. Ohne Verlässlichkeit und Konsequenz gibt es keine wirksame Erziehung. Das ist mühsam, gehört aber so selbstverständlich dazu wie die Anstrengung zu jedem Erfolg. Alle Lehrer und Eltern sollten das wissen und beherzigen.

Unpünktlichkeitsfolgen bewusst machen

Das Gespräch nach dem Unterricht kostet natürlich Zeit und Kraft. Womöglich muss dafür ein späterer Termin vereinbart werden. Das hat den Nachteil, dass sein Zustandekommen gesonderte Aufmerksamkeit erfordert und vielleicht sogar Erinnerungen nötig macht. Es hat aber auch den Vorteil, dass sich beide Seiten darauf vorbereiten können.

Im Schüler-Lehrer-Gespräch wird sich der Lehrer nach den Umständen erkundigen, die zur Verspätung geführt haben, und er wird den Schüler fragen, ob er sich vorstellen könne, warum dem Lehrer sein pünktliches Erscheinen so wichtig sei, dass er sich jetzt die Zeit für ein Gespräch darüber nimmt. Die Frage gibt ihm absichtlich auf, die Perspektive zu wechseln. Ein gutwilliger Schüler wird eine Reihe von Gründen nennen können, so dass der Lehrer nach kurzer Ergänzung das Gespräch mit der Bitte um die Zusicherung beenden kann, in den nächsten Stunden und Wochen pünktlich zu sein.

Ein weniger einsichtiger Schüler könnte fragen, was denn schon dabei sei. Er habe ja an der Verspätung selbst gar keine Schuld. Und außerdem habe er nicht gestört, sondern sei einfach auf seinen Platz gegangen. Das Buhei darum habe der Lehrer angefangen. Und dass die Mitschüler laut geworden sind, müsste ja denen vorgehalten werden.
Hier ist erst einmal angezeigt, dass der Lehrer gegenüber dem aufkommenden Unbehagen einen ‹A› "Unterbrecher setzt", indem er etwa sieben Sekunden innehält und dabei indifferent lächelt. Und dann könnte er ganz sachlich fragen: "Warum glaubst du wohl ist mir deine Pünktlichkeit wichtig?".

Sollte es dazu kommen, dass der Schüler das mit einer Gegenfrage abzutun versucht wie "Was geht mich das an?", ist es wohl besser, dem Renitenten genau die gestellte Frage mit einer Anleitung zur schriftlichen ‹B› Bearbeitung unter Aufsicht aufzugeben.

Gliederungspunkte könnten beispielsweise sein:

  • Benenne Folgen, die unpünktliches Erscheinen im Unterricht a) für dich selbst, b) für die Mitschüler und c) für den Lehrer hat.
  • Stell dir vor, du musst sehr lange auf einen dir wichtigen Menschen warten.
    a) Welche Gedanken machst du dir währenddessen?
    b) Welche Wirkungen hat die Warterei auf dich?
    c) Was sagst du ihm, wenn er schließlich kommt?
  • Wie würdest du mit einem Mitschüler umgehen, der eine Verabredung nicht einhält?
  • Erläutere am Beispiel eines Gemeinschaftsprojekts wie z.B. der Vorbereitung eines Schulfestes, welche Folgen es hätte, wenn Unpünktlichkeit aller zu jedem Treffen einfach hingenommen würde?
  • Welche absehbaren Folgen wird wiederholt unpünktliches Erscheinen im Betrieb für einen Arbeitnehmer haben?
    Warum ist er auf Dauer nicht tragbar?
  • Erläutere an wenigstens 3 weiteren Beispielen, welche Folgen Unpünktlichkeit im Alltag hat.
  • Ziehe Schlussfolgerungen für dich selbst aus den angestellten Überlegungen.

Den geschriebenen Aufsatz sollte der betreffende Lehrer korrigieren und dann auch vor der Lerngruppe besprechen, in der sich der gravierende Pünktlichkeitsverstoß zugetragen hat.

Verhält sich der Schüler zwar nicht renitent, aber teilweise uneinsichtig, bieten sich Elemente aus dieser Gliederung für ein Gespräch an, das der Lehrer mit ihm führen sollte. Ziel ist wiederum, von ihm die Zusicherung zu erlangen, in den nächsten Stunden und Wochen pünktlich zu sein. Es kann angebracht sein, dies durch eine ausdrückliche ‹C› Kontrollvereinbarung zu bekräftigen, die es beiderseits einzuhalten gilt. Sonst wäre sie nämlich nicht nur als solche wirkungslos, sondern auch als Instrument für andere Fälle beschädigt.

Unter Umständen ist es angebracht, nicht nur mit einzelnen Schülern diskret ihr Unpünktlichkeitsverhalten zu besprechen, sondern mit der ganzen Klasse bzw. Lerngruppe. Auch dazu könnten Elemente der obigen Gliederung dienlich sein. Wichtig ist auch bei einer solchen Besprechung den Anlass, den Zweck und das Ziel klar zu benennen und zu einer Kontrollvereinbarung zu kommen, deren fortlaufende Überwachung für einen begrenzten Zeitraum den Schülern selbst aufgegeben werden kann, ehe sie Gegenstand einer kurzen gemeinsamen Besprechung wird.

Abwehr extremer Unpünktlichkeit

Keinem Lehrer ist zuzumuten, Appelle und Gespräche gegenüber der gleichen Klientel ständig fruchtlos zu wiederholen. Sind auch die Eltern nicht dafür zu gewinnen, eine Besserung herbeizuführen, dann bleibt nur übrig, deutliche Konsequenzen zum Selbstschutz nicht nur anzukündigen sondern bei gegebener Voraussetzung auch tatsächlich eintreten zu lassen. Der Hinweis auf Schilder im Theater mit der Aufschrift "Nach Beginn der Vorstellung Zutritt erst in der nächsten Pause" mag dafür als Ideengeber taugen. Man braucht nur das Wort Vorstellung durch Unterricht zu ersetzen.
Reicht das Schild außen an der Tür nicht, kann man sie notfalls noch ‹D› von innen verschließen. Wer jetzt zu spät kommt versäumt die ganze Stunde und trägt dafür die Verantwortung und die Folgen. Das sitzt. Aussperrung heißt diese Methode des "Arbeitskampfes" in der Berufswelt. Daran schließen sich bekanntlich erneute Verhandlungen oder eine Schlichtung an, die schließlich zu einer leidlich akzeptablen Vereinbarung führen. In Sachen Pünktlichkeit ist aber nichts zu verhandeln. Hier ist die "Aussperrung" das deutlichste Signal für die Überschreitung der im Schulvertrag bestimmten Pflichten.

Allerdings muss sich, wer zu dieser "kämpferischen" Maßnahme greift, bewusst sein, dass sich womöglich kritische Eltern dagegen wehren. Sie vorher von der Absicht in Kenntnis zu setzen und die Notwendigkeit zu begründen, ist einfacher als die Maßnahme im Nachhinein zu verteidigen. In jedem Fall sollte der Lehrer hinsichtlich seiner eigenen Pünktlichkeit unangreifbar sein und sich darüber hinaus zutrauen, den von ihm ausgelösten Konflikt zum Vorteil für seine Erziehungsarbeit souverän diskutieren zu können. Der folgende Abschnitt mag dafür eine Argumentationshilfe hergeben.

Schulen brauchen Pünktlichkeit

Schulunterricht ist kein Jahrmarkt. Kommen und Gehen sind planvoll organisiert. Der Stundenplan ist selbstverständlich für alle verbindlich. Selbst Oberstufenschülern kann der Unterrichtsbesuch nicht wie Studenten der Vorlesungsbesuch anheimgestellt werden. Denn auch ihre Mitarbeit im Unterricht ist und bleibt integraler Bestandteil ihrer zu erbringenden und zu bewertenden Leistungen. Das bestimmt das geltende Schulgesetz.

Die Stunden nach Belieben beginnen und enden zu lassen wäre chaotisch und betrügerisch. Ersteres liegt auf der Hand, letzteres hat mit den Dienstpflichten der Lehrer zu tun. Denn deren Bezahlung erfolgt für die Erteilung des Unterrichts im vollen Stundenumfang. Diesen nur teilweise zu erteilen, enthält den Schülern vor, worauf sie einen Anspruch haben, und übervorteilt den Dienstherrn, indem er mehr bezahlt als geleistet wird. Das sind keine Kavaliersdelikte. Der Vorwurf lässt sich auch nicht durch die erkennbare Duldung seitens der Schüler entkräften.

Unpünktlichkeit von Lehrern

Schulleiter leiden darunter, Eltern entsetzen sich darüber und Schüler arrangieren sich problemlos damit, wenn Lehrer zur Unpünktlichkeit neigen. Es gibt ja gerade auf Lehrerseite auch so viele vermeintlich unwiderlegliche Gründe, sein Zuspätkommen für entschuldigt zu halten. Die kollegiale Begegnung und das Gespräch vor Unterrichtsbeginn oder in der Pause sind ja unbestritten wertvoll. Oftmals geht es dabei ja gerade um wichtige pädagogische Fragen, wie etwa um Probleme, die ein Schüler hat. Aber gewiss nicht nur. Auch manche Lehrer neigen unter der Belastung durch ihre Arbeit dazu, Pausen ein bisschen zu verlängern. Und dann die langen Wege im Schulgebäude oder gar über das Schulgelände! Pünktlichkeit ist keine leichte Übung, gewiss. Der doppelte Gong zu Ende der Pause und zum Anfang des anschließenden Unterrichts hilft zwar, aber nicht durchgreifend. Manche Schülereigenschaft ist so menschlich, dass sie auch bei Lehrern anzutreffen ist, zum Beispiel die Trägheit im Festhalten an Gewohnheiten. Ja, Unpünktlichkeit kann sich als Gewohnheit über ein Lehrerkollegium soweit ausbreiten, dass die Schulqualität dadurch ernsthaft gemindert wird. Wie ist dem entgegenzuwirken?

Hindernisse

Belehrungen und Bekehrungen gelingen umso weniger, je älter der ist, der sich ändern müsste. Natürlich sind Lehrer von Berufs wegen lernbereit. Aber ihre Lernbereitschaft kann durchaus selektiv sein. Und es fällt manchen von ihnen unsäglich schwer, "kleine Freiheiten" aufzugeben, die sie sich als Lehrer vor ihren Schülern herausnehmen und dabei verschmitzt "quod licet Jovi non licet bovi" zitieren. Nein, die Bereitschaft insbesondere älterer Lehrer, die Schüler-Lehrer-Beziehung als symmetrisch zu akzeptieren, ist bei etlichen defizitär. Es hilft nicht, Ihnen vorzuhalten, dass ein Kaufmann, der seine Kunden beschimpft, bald keine mehr hat, und dass ein Laden, der verspätet öffnet, weniger Kunden hat. Das wird abgewiegelt, denn man ist ja kein Kaufmann und hat keinen Laden. Und überhaupt: Der Schulleiter hat ja von den Belastungen eines Lehrers gar keine Ahnung mehr. Abgehoben von der Realität soll er sich nicht als Oberlehrer aufspielen, nicht wahr?

Einwirkungsgrenzen

Gewohnheiten sitzen tief und fest. Schlechte Gewohnheiten sollte man daher nicht erst entstehen lassen. Das ist aber weder durch die Einstellung noch durch die Zuweisung neuer Lehrer an die bestehende Schule zu erreichen. Manche Qualitätsverbesserung wird eher durch Versetzung oder durch Eintritt in den Ruhestand erreicht.

Bislang fehlt es sowohl den Behörden wie auch den Schulträgern und den Schulleitern an wirksamen Handhaben, dienstliche Anforderungen effektiv durchzusetzen. Die rechtlichen Vorschriften für das dienstliche Verhalten von beamteten oder angestellten Lehrkräften gleichen im Schulalltag einem stumpfen Schwert. Dass ‹E› "Weisungen" aus der Mode gekommen sind, ist gut zu heißen. Dass Unverbindlichkeit stattdessen wie ein Recht in Anspruch genommen wird, ist schlimm. Die Arbeit am Bewusstsein mancher Lehrer ist weitaus schwieriger als bei Schülern. An manchen ihrer Einstellungen oder Verhaltensweisen erkennt man die Schülermentalität wieder. Wie jene lassen sie sich zu Äußerungen hinreißen wie beispielsweise: "Wieso denn ich, wenn der (oder die) doch auch nicht …?".

Für angehende Schulleiter ist es gut zu wissen, dass unwillige Lehrer problematischer sind als schwer erziehbare Schüler. Und sie sollten sich klarmachen, dass es weder ihre Aufgabe ist noch gelingen kann, Lehrer zu erziehen.

Wachsamkeit ist die vorrangige Aufgabe jedes Betriebsverantwortlichen, um den Betrieb bei Wahrung von Sicherheit und Qualität aufrecht zu erhalten. Dazu sind Kontrollen nötig. Je größer das Kollegium und das Schulgelände sind, umso schwieriger ist es für die Schulleitung, die erforderlichen Beobachtungen und Zielgespräche durchzuführen. In keinem dem Autor bekannten Wirtschaftsunternehmen übersteigt die Gruppenstärke eines Abteilungsleiters zwanzig. Das Kollegium eines Gymnasiums übersteigt diese Größe um ein Mehrfaches. Also beschränkt dessen Leitung sich auf Stichproben und auf Gespräche bei wichtigen Anlässen. Das reicht aber nicht wirklich.

Einfluss der Schulleitung

Kurzum: Zu glauben, die Schulleitung könne intensiv auf die Pünktlichkeit des Kollegiums hinwirken, ist weltfremd. Allerdings kann sie die Lage drastisch verschlimmern, wenn sie selbst Pünktlichkeit nicht beispielhaft praktiziert. Als erster zu kommen und als letzter zu gehen, ist eine überzeugende Maxime. Kontrollen vor der ersten Stunde und nach der für die meisten letzten Stunde wirken immerhin zeitweilig, zumal es wenig Gründe für den verspäteten Beginn und keine für das vorzeitige Ende des Unterrichtsmorgens gibt. Es mag angebracht erscheinen, bei solcher Gelegenheit den Unpünktlichen um ein Gespräch zu bitten. Man kann allerdings vorhersehen, dass ein Lehrer mit der Aussicht auf ein solches Gespräch den Unterrichtsmorgen nicht unbekümmert gestaltet und auf unangepasstes Schülerverhalten womöglich heftiger reagiert als sonst. So wird mancher Schulleiter es bei einem verhalten freundlichen Wunsch der Tageszeit bewenden lassen, sodass implizit erkennbar wird, dass er die Unpünktlichkeit bemerkt hat. Um doch ein Gespräch aus diesem Anlass zu erwirken, ohne gleich Nebenwirkungen auf den Schulmorgen zu entfalten, mag ein Zettel mit entsprechender Bitte im Postfach des Lehrers dienen. Wozu sich auch der Chef entschließt, es steigert nicht seine Beliebtheit, dient aber der Wahrnehmung, dass ihm Pünktlichkeit wichtig ist.

Schulvertrag

Eine Verbesserung des zur Unpünktlichkeit neigenden Lehrerverhaltens erreichen die Lehrer nur aus eigenem Antrieb. Hierzu Gelegenheiten - also Bedingungen der Möglichkeit - zu schaffen, ist die lohnendste Leitungsaufgabe in diesem Zusammenhang. Dazu taugt insbesondere die Erarbeitung eines ‹F› Schulvertrags, der Rechte und Pflichten der Schüler, Eltern und Lehrer so kurz wie möglich und so umfassend wie nötig beschreibt, und der von einer dafür gebildeten ‹G› Arbeitsgruppe erarbeitet, in den Mitwirkungsgremien beraten und verabschiedet und von der Schulkonferenz beschlossen wird. Wenn festgelegt wird, dass er von jedem Schüler, von jedem Erziehungsberechtigten und von jeder Lehrkraft durch ‹H› Unterschrift anerkannt werden soll, mag das zwar formal unerheblich sein, aber hinsichtlich der Verankerung seiner Verbindlichkeit im Bewusstsein ist das durchaus relevant. Die persönliche Aussage "Sie haben / du hast … anerkannt" geht nämlich gewiss eine größere Überzeugungskraft aus als von der neutralen Feststellung "Die Schulkonferenz hat … beschlossen".

Im Schulvertrag wird gewiss auch die Verpflichtung jedes Lehrers zum pünktlichen Beginn und Ende seines Unterrichts Bestandteil der Leistungsversprechen der Schule sein. Darüber zu wachen ist dann nicht mehr nur Aufgabe des Schulleiters, sondern aller Vertragspartner.

Selbst mit der Verabschiedung eines solchen Dokuments, in dem Ziele und Pflichten verbindlich festgelegt sind, ist nur ein erster Schritt getan. Hinzukommen müssen viele Anstrengungen, dessen Inhalte immer wieder im Bewusstsein der Beteiligten zu vergegenwärtigen. Dazu mehr im Abschnitt "Bewusstseinserhaltung".

Zuständigkeiten

Um denkbarer Denunziation und reaktiver Vergeltung entgegenzuwirken, müssten Zuständigkeiten für die Entgegennahme, Untersuchung und Verfolgung von Vorhaltungen vermeintlicher Vertragsverletzungen zusammen mit dem Vertrag bestimmt werden. Das wird den Schulleiter entlasten und ihn aus der Rolle des Einzelkämpfers für Ordnung, Disziplin und Schulqualität befreien. Der Schulvertrag als solcher wird durch seine Existenz und Akzeptanz die Schulqualität in vielerlei Hinsicht effektiv steigern, auch und gerade im Bereich der Pünktlichkeit und Zuverlässigkeit.

Die Aufgabe des Gesetzgebers könnte sich hinsichtlich der Schulverträge inhaltlich auf die Festlegung von Gesichtspunkten und formal auf die Bestimmung ihrer Rechtsverbindlichkeit beschränken. Dann bliebe den Schulen die wünschenswerte Freiheit, den vorbestimmten rechtlichen Rahmen inhaltlich nach den spezifischen Gegebenheiten, Möglichkeiten und Zielen der konkreten Schule auszugestalten. Die Genehmigung durch die Schulbehörde dürfte getrost vorbehalten bleiben. Eine Ablehnung dürfte sich allerdings nur auf die Nichtbeachtung der gesetzlichen Rahmenvorgaben stützen.

Bewusstseinserhaltung

Keine noch so gute Verfassung kann ihre Wirkung entfalten, wenn sie nicht im Bewusstsein der Bürger lebt. Gleiches gilt für den Schulvertrag.

Wenn auf Konferenzen nicht mehr darüber gesprochen wird, wenn hingenommen wird, dass einzelne Lehrer, Eltern oder Schüler für sich das Recht einer abweichenden Haltung gegenüber dem verbindlichen Grundkonsens stillschweigend in Anspruch nehmen, dann kann ein noch so taugliches Konzept keine guten Wirkungen entfalten. "Wasch mir den Pelz, aber mach mich nicht nass" geht nicht. Für das Gelingen des Gemeinschaftsvorhabens Erziehung sind alle Beteiligten mitverantwortlich. Und jeder hat die Aufgabe, darüber zu wachen, dass die verbindlichen Bedingungen eingehalten werden. Und die Leitung der Schule hat die Aufgabe, darauf hinzuwirken.

Um allen möglichst lebendig im Bewusstsein zu bleiben, ist erstens vorzusehen, dass jeder, für den er gilt, den Schulvertrag - wie oben ausgeführt - eigenhändig unterschreibt. Zweitens muss er immer wieder - und nicht nur bei Verstößen dagegen - angeschaut, besprochen und von Zeit zu Zeit aktualisiert werden. Wenigstens in einer Stunde zu Beginn jeden Schuljahres beim Klassenlehrer bzw. beim Jahrgangsstufen-Koordinator sollte dies geschehen. Entsprechendes gilt für einen Elternabend im Jahr und für je eine Konferenz aller Mitwirkungsorgane.

Um ritueller Ermüdung vorzubeugen, könnte die Fragestellung dieser Beratungen lauten: "Welche Ziele des Schulvertrags haben wir im zurückliegenden Jahr gut bzw. welche nur unbefriedigend erreicht und wie können wir die Schulqualität weiter verbessern?". Diese Fragestellung ist auch dazu angetan, die Schulgemeinschaft über alle Mitwirkungsgremien hinweg zu verbinden und zu stärken. Damit verringern diese die Gefahr, wegen der Nähe der Mitwirkungsgesetze zu betrieblichen Mitbestimmungsvorschriften als Interessenvertretungen gegeneinander Position zu beziehen.

Der Schulvertrag und seine regelmäßige Diskussion stiften so ein lebendiges Bewusstsein für die gemeinsame Verantwortung aller für die Qualität der Schule. Damit bekommt der Schulvertrag die Bedeutung einer tragfähigen Säule für die "Schule des Bewusstseins" zur umfassenden Erfüllung ihres Bildungs- und Erziehungsauftrags, auch - aber nicht nur - hinsichtlich der Erziehung zur Pünktlichkeit.


Anmerkungen:

‹A› "Unterbrecher setzen":
Die Pause dient der inneren Sammlung. Sie gibt Gelegenheit, Zeit zu gewinnen für eine überlegte Reaktion über das innerlich empfundene Unbehagen, statt unüberlegt und unmittelbar durch den Affekt gesteuert das Gespräch zu führen. Das indifferente Lächeln "maskiert" die eigenen Empfindungen und sorgt zugleich für eine Irritation dessen, der das Unbehagen verursacht hat und das Lächeln nicht deuten kann.
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‹B› Arbeit unter Aufsicht:
Dabei sind die im Schulvertrag zu bestimmenden Zuständigkeiten und Verfahrensweisen einzuhalten. Dazu gehört neben dem Beschluss die Verständigung der Eltern, die Bestimmung eines Termins, die Regelung der Aufsicht und die Übergabe des Aufsatzes an den betreffenden Lehrer.
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‹C› Kontrollvereinbarung:
Gemeint ist damit eine (in der Regel schriftliche) Vereinbarung, wie sie zwischen Konfliktpartnern am Ende eines
Konfliktlösungsgesprächs getroffen wird. In ihr werden Ziele, Zeitangaben sowie die Art und Weise ihrer Kontrolle formuliert.
Sie wird von den Konfliktpartnern unterschrieben bzw. bei Nichtschriftlichkeit durch Handschlag bekräftigt. Nichtschriftlichkeit
erschwert allerdings die Kontrolle. Wenigstens den Zieltermin sollten beide Seiten sofort notieren.
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‹D› "Aussperrung":
Aus Sicherheitsgründen darf allerdings der Schlüssel nicht abgezogen werden. Und es müsste sicher sein, dass sich das Schloss im Gefahrenfall auch bei innen steckendem Schlüssel von außen mit einem andern Schlüssel öffnen lässt.
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‹E› Weisungen:
In rechtlicher Hinsicht sind Weisungen ein zulässiges Mittel, das Weisungsbefugte anwenden dürfen, um Untergebene zu einem pflichtgemäßen Verhalten anzuhalten. Erkenntnisse z.B. der Transaktionsanalyse (TA) verdeutlichen, dass eine Weisung mangels Symmetrie der Kommunikation von dem Angewiesenen nicht wirklich akzeptiert wird, indem er sich in die Rolle eines Verlierers gedrängt fühlt.
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‹F› Schulvertrag:
Über Sinn, Zweck und Ausgestaltungsmöglichkeiten eines Schulvertrags handelt ein gesonderter Aufsatz. Hier sei nur soviel festzuhalten:
In den meisten Bundesländern ist ein Schulvertrag bislang nur an Privatschulen üblich. Die öffentlichen Schulen unterliegen dem Schulgesetz, das leider keine Konkretisierung des Erziehungsauftrags enthält. Auch Curricula enthalten dazu keine präzisen Hinweise. Allerdings dürfen oder sollen Schulen sich ein Schulprogramm geben. In diesem Rechtsrahmen sollte die Möglichkeit, das Schulprogramm durch einen Vertrag zwischen Schule und den Erziehungsberechtigten bzw. den Schülern zu ergänzen, ausdrücklich vorgesehen werden. Denn ein "Vertrag" hat zwischen den Vertragsparteien ein - wenigstens in der subjektiven Wahrnehmung und Einschätzung - höheres Maß an Verbindlichkeit als jedes noch so verheißungsvolle "Programm".
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‹G› Arbeitsgruppe:
Eine solche Gruppe könnte beispielsweise mit der übereinstimmen, die für die Formulierung eines Entwurfs zum Schulprogramm zuständig war oder ist.
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‹H› Unterschrift:
Für Schüler, Eltern und Lehrer lässt sich die Anerkennung als Abschluss des Prozesses der Schulvertragsentwicklung organisieren. Neue Schüler und Eltern können die Unterschrift bei der Anmeldung leisten, neue Lehrer vor ihrer Vereidigung an der Schule.
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